Ilinden-Aufstand

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Der Ilinden-Aufstand (in Bulgarien auch als Ilinden-Preobraschenie-Aufstand bezeichnet) war eine Volksrevolte in den damals zum Osmanischen Reich gehörenden Regionen Makedonien und Thrakien im Jahr 1903. Er wurde von der Geheimen Makedonisch-Adrianopeler Revolutionären Organisation (TMORO) vorbereitet und organisiert, neben Bulgaren bzw. slawischen Mazedoniern nahmen aber auch christlich-orthodoxe Albaner und Aromunen daran teil.

Aus heutiger Sicht ist umstritten, ob es sich um einen Vorstoß des bulgarischen Irredentismus, um eine erste Manifestation eines sich entwickelnden slawisch-mazedonischen Nationalismus[1] oder um einen Aufstand für die Rechte der christlichen Bevölkerung im islamisch dominierten Osmanischen Reich handelte.[2]

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Aufstand trägt den Namen zweier kirchlicher Feiertage: Der Aufstand brach verfrüht im makedonischen Kampfgebiet am 20. Julijul./ 2. August 1903greg., dem Elias-Tag (bulgarisch/mazedonisch: Ilinden) in Kruševo im damaligen osmanischen Vilâyet Manastır bzw. im heutigen Südwesten der Republik Mazedonien aus. In der Region um Adrianopel (der sogenannten VII. revolutionären Region) in Ostthrakien – den Kazas Malko Tarnowo, Gümülcine, Mustafa Pascha und İğneada des damaligen Vilâyets Edirne (dem heutigen Grenzgebiet von Türkei, Bulgarien und Griechenland) – brach der Aufstand hingegen am 6. Augustjul./ 19. August 1903greg. aus, dem Tag der Verklärung des Herrn (bulgarisch: Preobraschenie).

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem sich im Jahr 1893 in Thessaloniki die Bulgarischen Makedonisch-Adrianopeler Revolutionären Komitees (bulg. Български Македоно-Одрински революционни комитети, kurz BMORK) im Untergrund gegründet hatten, nahmen die Aktionen gegen die osmanische Militärpräsenz auf dem Balkan zu. Als Basis und Rückzugsgebiet diente das 1878 gegründete Fürstentum Bulgarien. Von dort aus versuchten auch andere Gruppierungen, einige mit Unterstützung der bulgarischen Regierung, den Freiheitskampf in den noch unter osmanischer Herrschaft stehenden Gebieten zu intensivieren. Darunter waren der Kresna-Raslog-Aufstand (1878), der Gorna-Dschumaja-Aufstand von 1902, sowie die Sprengstoffattentate, auf die das Osmanische Reich mit blutiger Vergeltung reagierte. Im April 1903 erfolgten als Rache die Attentate von Thessaloniki auf das Gebäude der Ottomanischen Bank, am französischen Frachter „Guadalkivi“ und auf das Elektrizitätsnetz der Stadt. Daraufhin beschloss die BMORK – die sich 1902 in „Geheime Makedonisch-Adrianopeler Revolutionäre Organisation“, TMORO, umbenannt hatte – Anfang August einen groß angelegten Aufstand zu wagen, in der Hoffnung, durch ausländische, insbesondere russische Intervention unterstützt zu werden. Schließlich war auch der russisch-türkische Krieg von 1877/1878 durch Aufstände in Bulgarien ausgelöst worden.

Im Januar 1903 traf sich das Zentralkomitee der TMORO unter der Leitung von Iwan Garwanow auf dem „III-ten Thessaloniki-Kongress“ und nahm den Beschluss, ein großangelegter Aufstand vorzubereiten, der in den Landschaften Makedonien und Thrakien, bzw. die osmanischen Provinzen Makedonien und Edirne (Adrianopol) ausbrechen sollte.

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Leiter der TMORO in Ostthrakien, abgedruckt in der Iljustracija Ilinden, Zeitschrift der Organisation Ilinden (1927)

Die Aufständischen waren schlecht bewaffnet und in der Unterzahl: Den 26.000 Aufständischen schickte die osmanische Regierung eine Armee von 350.000 Soldaten sowie eine unbestimmte Zahl von Freischärlern[3] entgegen. Das erhoffte Eingreifen Russlands blieb aus, da Österreich-Ungarn nicht an der Stärkung des russischen Einflusses auf dem Balkan interessiert war. Angesichts dieser Umstände waren die Anfangserfolge der TMORO beachtlich: In mehreren Ortschaften erlangte sie die Oberhand, in Kruševo, westlich von Prilep konnte sie sogar die Republik Kruševo unter der Präsidentschaft des Schullehrers Nikola Karew ausrufen. In deren „Konstitutiver Parlamentsversammlung“ waren auch die Aromunen (in der damaligen Diktion „Vlachen“), die christlichen Albaner[2] und die „Gräkomanen“ (griechisch-orthodoxe Slawen, Albaner oder Vlachen, die sich kulturell als Griechen definierten) der Stadt vertreten.

Die Republik Kruševo hatte nur 10 Tage Bestand. Rund 1000 Aufständische fielen im Kampf oder wurden hingerichtet, darunter bis heute populäre Figuren wie Goze Deltschew und Pito Guli. Andere Personen begingen Selbstmord, um nicht in die Hände der Feinde zu geraten.

Das Zentrum der Kampfhandlungen in der Strandscha-Region, das Teil des Thrakien-Kampfgebiets war, war das Gebiet um die Stadt Malko Tarnowo. Unweit von Malko Tarnowo in der Gegend Petrowa Niwa wurde am 19. August am Verklärung des Herrn-Tag (bulgarisch: Probraschenie-Tag) die Strandscha-Republik ausgerufen. Die Republik wählte Michail Gerdschikow, Stamat Ikonomow, Lazar Madscharow an ihre Spitze. Ziel des Aufstandes war es möglichst viele bulgarische Gebiete zu befreien, und sie zu einem späteren Zeitpunkt, mit dem Willen der Großmächte, mit Bulgarien zu vereinen, sowie den Aufständischen in Westthrakien und Makedonien zu helfen. In den ersten Tagen des Aufstandes gelang es den Aufständischen von der bulgarischen Grenze im Norden, bis nach Lozengrad im Süden vorzustoßen. Die erste befreiten Städte waren Ahtopol und Wasiliko. Die „Strandscha-Republik“ organisierte für fast einen Monat das gesamte öffentliche und wirtschaftliche Leben der Region.

Die weiteren revolutionären Regionen in Westthrakien und im Rhodopengebirge waren jedoch schlecht organisiert und wenn, dann nur sporadisch bewaffnet, was den Ausbruch eines Aufstandes erschwerte und mancherorts auch verhinderte. Die Bewaffnung und Verpflegung der Tschetas erschwerte sich in diesen Regionen durch die verstärkte Militärpräsenz nach dem verfrühten Ausbruch in Makedonien zusätzlich.[4] Durch kleinere Aktionen konnten sie jedoch mehrmals die Edirne-Thessaloniki-Bahn beschädigen und den Truppentransport auf dem Schienenweg stören.

Unter den Todesopfern waren auch 5.000 bis 15.000 Zivilisten, 200 Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, 12.440 Häuser verbrannt, 70.000 Menschen wurden obdachlos, 3.122 vergewaltigt[5][6] Zehntausende flohen in die benachbarten Länder, u. a. 30.000 nach Bulgarien. Größte Flüchtlingsstadt war Burgas am Schwarzen Meer. Auch die Emigration aus der Region in die USA stieg wegen der osmanischen Repressalien 1903 sprunghaft auf das Dreifache an.[7] Auch in den Folgejahren kam es immer wieder zu Guerilla-Aktionen.

Ein weiteres Attentat, das die Versenkung des ungarischen Schiffs Vaskapu im Hafen von Konstantinopel vorsah, misslang. Die Bombe zündete am 2. September frühzeitig und die Vaskapu brannte beim Einlaufen in der Bucht von Burgas aus.[8] In den letzten Tagen des Aufstandes griff die reguläre türkische Armee in der Gegend Petrowa Niwa mehr als 3000 bulgarische Flüchtlinge an, überwiegend Kinder, Frauen und Ältere. Das Massaker wird noch heute von der Türkei bestritten.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heute reklamieren sowohl Mazedonien als auch Bulgarien den Ilinden-Aufstand für sich. Die bulgarische Geschichtsschreibung reiht den Aufstand als Versuch der „Befreiung Makedoniens“ in die eigene Nationalgeschichte ein; die Verfassung der Republik Mazedonien von 1991 reklamiert die „staatsrechtlichen Traditionen der Republik von Kruševo“, die sie somit als Beginn der eigenen staatlichen Souveränität ansieht.[2] Ein 1923 veröffentlichtes Theaterstück des Dichters Nikola Kirov Majski über den Ilinden-Aufstand, an dem er selbst teilgenommen hatte, ist eines der ersten literarischen Werke, das in mazedonischem Dialekt verfasst wurde.[9] Von mazedonischer Seite wird zum Teil die Tatsache verschwiegen, dass der Kampf nicht nur in Makedonien stattfand, sondern auch in der Region Ostthrakien, besonders im Strandschagebirge. Dies leitet sich schon aus dem Namen der Organisation ab, die den Aufstand organisierte: die Geheime Makedonisch-Adrianopeler Revolutionäre Organisation (Adrianopel – heute unter dem türkischen Namen Edirne bekannt – war die Hauptstadt Ostthrakiens).

Tatsächlich erscheint die Zuordnung der Ereignisse zu der einen oder der anderen Seite anachronistisch, da seinerzeit das Identitätsgefühl eher von der Religionszugehörigkeit (Millet) als von ethnisch-nationalen Kriterien abhängig war. Alle christlichen Balkanvölker (ob Slawen, Walachen oder Albaner) waren um eine Stärkung ihrer Rechte und ihres sozialen Status im islamisch dominierten Osmanischen Reich bestrebt.[2] Weiter sind die Aromunen zu erwähnen, da in deren Siedlungszentren die Aufstandsbewegung am heftigsten war und denen mit Pito Guli einer der prominentesten Anführer des Aufstandes angehörte (auch wenn propagandistische Darstellungen im Nachhinein versuchten, ihn als „Gulev“ zu slawisieren)[10].

Gerade die kontroverse Wertung des Aufstandes zeigt seine Bedeutung für die Identität und das Freiheitsgefühl der orthodoxen Völker der Region.

„Nach jahrzehntelangem Streit um die nationale Zugehörigkeit der Teilnehmer am Aufstand am Elias-Tag wurde das 100. Jubiläum zum ersten Mal gemeinsam von Bulgarien und Mazedonien begangen. Das ist der beste Ausdruck der Anerkennung gegenüber den Gefallenen um die Freiheit.“

Konstantin Sabtschew[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans-Joachim Härtel, Roland Schönfeld: Bulgarien. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Friedrich Pustet Verlag, Regensburg 1998, ISBN 3-7917-1540-2, S. 160.
  • Iwan Karajotow, Stojan Rajtschewski, Mitko Iwanow: История на Бургас. От древността до средата на ХХ век (zu dt. etwa Geschichte der Stadt Burgas. Von der Antike bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts), Verlag Tafprint OOD, Plowdiw, 2011, ISBN 978-954-92689-1-1, S. 190–200
  • Mehmet Hacisalihoglu: Die Jungtürken und die Mazedonische Frage (1890-1918). Oldenbourg Verlag, München 2003, ISBN 3-486-56745-4
  • Fikret Adanir: Die Makedonische Frage. Steiner, Wiesbaden 1979, ISBN 3-515-02914-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ilinden-Preobraschenie-Aufstand – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ioannis Zelepos: Die Ethnisierung griechischer Identität, 1870-1912. Staat und private Akteure vor dem Hintergrund der „Megali Idea“. R. Oldenbourg Verlag, München 2002, S. 199.
  2. a b c d Sabine Riedel: Die Erfindung der Balkanvölker. Identitätspolitik zwischen Konflikt und Integration. VS Verlag, Wiesbaden 2005, S. 117.
  3. Hüsein Mehmed: Die Pomaken und Torbeschen in Moesien, Thrakien und Makedonien. Sofia 2007.
  4. Christo Karamandschurow: Die Rhodopen während des Ilinden-Preobraschenie-Aufstandes. (aus dem bulg. Родопа през Илинденско-Преображенското въстание/Rodopa prez Ilindensko-Preobraschenskoto wastanie), Verlag OF, Sofia 1986, S. 69–73.
  5. Keith Brown: The past in question. Modern Macedonia and the uncertainties of nation. Princeton University Press, Princeton 2003, ISBN 0-691-09994-4, S. 66.
  6. Така завършва една славна епопея на борби, мечти и въжделения на българското население в Македония и Тракия – с 289 сражения на 26 000 въстаници срещу 350 хилядна турска войска; с 994 загинали въстаници, над 200 опожарени села; с 12 440 опепелени къщи, около 4 700 убити и заклани мъже, жени и деца от мирното население; 3 122 жени и моми изнасилени.; http://meridian27.com/trakia/tr2.htm (Memento vom 6. Februar 2009 im Internet Archive)Vorlage:Webarchiv/Wartung/Linktext_fehlt
  7. Elisabeth Kontogiorgi: Population exchange in Greek Macedonia. The rural settlement of refugees 1922–1930. Clarendon Press, Oxford 2006, ISBN 0-19-927896-2, S. 17f.
  8. Iwan Karajotow, Stojan Rajtschewski, Mitko Iwanow: История на Бургас. От древността до средата на ХХ век (zu deutsch etwa Geschichte der Stadt Burgas. Von der Antike bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts), Verlag Tafprint OOD, Plowdiw, 2011, ISBN 978-954-92689-1-1, S. 192–193
  9. Torsten Szobries: Sprachliche Aspekte des nation-building in Mazedonien. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1999, S. 56.
  10. Björn Opfer: Im Schatten des Krieges. Besatzung oder Anschluss – Befreiung oder Unterdrückung? Eine komparative Untersuchung über die bulgarische Herrschaft in Vardar-Makedonien 1915-1918 und 1941-1944. Lit Verlag, Münster 2005, S. 29.
  11. Konstantin Sabtschew: Der Aufstand am Elias-Tag 1903. In: BNR Radio Bulgarien. Archiviert vom Original, abgerufen am 8. August 2007.