Neue Improvisationsmusik

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Tara Bouman im Castello del Buonconsiglio (Foto: Stefania Endrici)

Als Neue Improvisationsmusik werden Spielweisen und -formen einer die Musikavantgarde reflektierenden Improvisationsmusik bezeichnet, wie sie unter dem Einfluss von John Cage seit Mitte der 1960er Jahre vor allem in Europa und teilweise aus dem Jazz heraus entstanden sind.

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff hat sich, häufig auch unter der Bezeichnung Improvisierte Musik, für eine Vielzahl von Musikformen etabliert, in denen die Improvisation eine zentrale Rolle spielt: Free Jazz, Grenzbereiche der Neuen Musik, Noise Music und auch experimentelle Rockmusik. 1963 gründete Larry Austin als erste Improvisationsgruppe der Neuen Musik das New Music Ensemble, das an der University of California, Davis bis 1968 bestand. Als weitere Improvisationsensembles entstanden 1964 der Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza und AMM. Diese in den 1960er Jahren entstandenen Improvisationsgruppen haben, ebenso wie die Gruppe Musica Elettronica Viva, die britische People Band und die von Vinko Globokar mit Michel Portal gegründete New Phonic Art der Neuen Musik das Spontane zurückgegeben.

Mittlerweile hat sich die Neue Improvisationsmusik aufgrund der in der Folge entwickelten Spielpraktiken und ästhetischen Einflüsse der Elektronischen Musik der 1990er Jahre fast vollständig von der Ästhetik des Jazz entfernt. Die Musiker bedienen sich eines sehr weitreichenden Materialvorrates aus zeitgenössischen Spieltechniken, Geräuschen und sehr subjektiven, individuellen Behandlungen von Instrumenten. Auch selbsterfundene Instrumente (etwa durch Michel Waisvisz oder Hans Reichel) spielen eine gewisse Rolle. Viele zeitgenössische Komponisten der Neuen Musik suchen sich Inspiration bei den oft sehr eigenwilligen Spieltechniken und Klangerzeugungen, die Improvisatoren über Jahre hinweg selbst entwickeln. Besondere Formen der Neuen Improvisationsmusik sind Echtzeitmusik, freie Improvisationsmusik und Intuitive Musik; allerdings ist es z. T. sehr schwierig, diese Varianten klar voneinander zu trennen. Teilweise werden auch improvisatorische Spielhaltungen als „Self-Invention“ (Eddie Prévost), „instant composing“ (Misha Mengelberg) „Komprovisation“ (Markus Stockhausen, Burkhard Stangl, John Wolf Brennan, Richard Barrett u. a.) oder „Deep Listening“ (Pauline Oliveros) bezeichnet. Es kann des Weiteren grundsätzlich zwischen freier Improvisation und strukturierter Improvisation unterschieden werden; bei Letzterer gibt es allgemeine Absprachen zwischen den Musikern, während Erstere völlig offen entsteht.

Protagonisten (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige Labels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tonträger mit improvisierter Musik erscheinen bei Plattenlabels wie Altrisuoni, Between the lines, Charhizma, Clean Feed, Creative Works Records, FOR4EARS, Euphorium, Intakt, FMP, Emanem Records, 482 Music, HatHut Records, Instant Composers Pool, Matchless Recordings, NoBusiness, Not Two Records, NUR NICHTNUR, Re:konstruKt und TUM Records.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Philip Alperson: Eine Topographie der Improvisation. In: Philip Alperson / Andreas Dorschel: Vollkommenes hält sich fern. Ästhetische Näherungen. Universal Edition, Wien / London / New York 2012, ISBN 978-3-7024-7146-0, S. 57–74.
  • Derek Bailey: Improvisation – Kunst ohne Werk. Wolke Verlag, Hofheim 1987, ISBN 3-923997-02-7.
  • Burkhard Beins, Christian Kesten, Gisela Nauck, Andrea Neumann (Hrsg.): Echtzeitmusik Berlin. Selbstbestimmung einer Szene / Self-Defining A Scene. Wolke Verlag, Hofheim 2011, ISBN 978-3-936000-82-5.
  • Karlheinz Essl, Jack Hauser: Improvisation über ‚Improvisation‘. In: D. Schweiger, M. Staudinger, N. Urbanek (Hrsg.): Musik-Wissenschaft an ihren Grenzen. Manfred Angerer zum 50. Geburtstag. Lang, Frankfurt am Main / Wien u. a. 2004, S. 507–516. ISBN 3-631-51955-9.
  • Andreas Jacob: Der Gestus des Improvisatorischen und der Schein der Freiheit. In: Archiv für Musikwissenschaft. 66, 2009, S. 1–16.
  • Dieter A. Nanz (Hrsg.) Aspekte der Freien Improvisation in der Musik. Wolke Verlag, Hofheim 2011, ISBN 978-3-936000-88-7.
  • Bert Noglik: Improvisierte Musik in der Folge des Free Jazz: Kontinuum – Beliebigkeit – Stilpluralismus. In: Ekkehard Jost (Hrsg.): Darmstädter Jazzforum 89 (Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung, Band 1). Wolke, Hogheim 1990, S. 14–22.
  • Todd S. Jenkins: Free Jazz and Free Improvisation. An Encyclopedia. Westport (CT), London: Greenwood Press 2004; ISBN 0-313-33313-0 (Bd. 1, A-J), 0-313-33314-9 (Bd. 2, K-Z)
  • Giselher Smekal: Neue Improvisationsmusik in Österreich. In: Österreichische Musikzeitschrift 35(2), 1980, S. 88–91.
  • Peter Niklas Wilson: Hear and Now. Gedanken zur improvisierten Musik. Wolke Verlag, Hofheim 1999, ISBN 3-923997-88-4.
  • John Corbett: A Listener’s Guide to Free Improvisation. Chicago University Press, Chicago 2016, ISBN 978-0-226-35380-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]