Lilli Friedemann

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Lilli Friedemann (* 17. Juni 1906 in Kiel; † 20. Dezember 1991 in Mölln) war eine deutsche Geigerin, Bratscherin und Improvisatorin. Die Schülerin von Carl Flesch[1] und Paul Hindemith[2] entwickelte ab Mitte der 50er Jahre die „Musikalische Gruppenimprovisation“. 1964 gründete sie den „Ring für Gruppenimprovisation“ mit der darauf folgenden Schriftenreihe „Ringgespräch für Gruppenimprovisation“.[3] In dem von ihr kreierten Fach wurde Friedemann 1968 Hochschuldozentin in Hamburg. Ihre praktischen Erfahrungen und Schriften werden heute insbesondere in der Musiktherapie angewendet. Ihre Schrift „Ordnung ohne Herrschaft“, an der sie bis zuletzt arbeitete, blieb unvollendet. Diese und der Nachlass der Klang-Künstlerin Lilli Friedemann birgt Entdeckenswertes.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lilli Friedemann wurde 1906 in eine musische Familie geboren. Die Mutter malte, der Vater, Germanist und Studienrat am Gymnasium, dichtete und, wie sie in ihren Erinnerungen schreibt,[4] tat das, ohne veröffentlichen zu wollen.[5] Sie erlebte beide Weltkriege. Den ersten Violinunterricht gab ihr eine mit der Mutter befreundete Violinistin. Es machte bereits der Elfjährigen Freude, anderen Kindern auf der Violine etwas beizubringen.

Nach dem Abitur begann sie zunächst ein Kunststudium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, wechselte aber bald nach Berlin, um dort Musik zu studieren. Ihre Lehrer an der Musikhochschule waren der bekannte Geiger Carl Flesch, zu dem sie wechselte, nachdem sie mit dessen Vorgänger, einem „Nazi“, nicht harmonierte (er nannte sie eine „Intellektbestie“),[6] sowie der Komponist Paul Hindemith im Tonsatz. In „ökonomisch schwieriger Zeit der 20er Jahre“ unterbrach sie ihr Studium durch eine mehrjährige Anstellung als Violinlehrerin an einer Landschule, die ihr Hindemith vermittelte, „der mich gerne mochte“. Dabei wurde ihr ihre besondere pädagogische Ader bewusst, die sie von ihrem Vater erbte.[7]

Nach dem Abschlussexamen in Berlin – für die Fortsetzung ihres Studiums musste sie, wie sie in den Erinnerungen beschreibt, erneut eine Aufnahmeprüfung bestehen – begann für sie eine künstlerisch wichtige Zeit als Violinlehrerin in Danzig an der dortigen Musikhochschule.[8] Ab 1940 veröffentlichte sie musikpraktische und -theoretische Schriften. Diese und ihre verlegerische Arbeit in den Folgejahren zeugen von reger Zusammenarbeit mit bekannten Verlagen.[9] Am Ende des Zweiten Weltkriegs gelang Friedemann mit einem der letzten Züge die Flucht aus Danzig, bevor „die Russen kamen“. Alleine und „mit einem Handwagen“, den sie hinter sich herzog, schaffte sie „irgendwie“ den Weg nach Hameln zu ihrer Familie.[10]

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste Station Friedemanns nach dem Krieg war ein Lehrauftrag für Violine an der Musikhochschule Hannover. Sie konzertierte als Leiterin eines Ensembles mit neuer und alter Musik. Für die historische Tanzmusik kam ihr die Violine „zu feierlich“ vor,[11] deshalb ließ sie sich eigens eine historische Rebec (Tanzmeistergeige) bauen. Bei den Tonaufnahmen einer Violinsonate und Suite von Johann Jakob Walther (1650–1717), die sie zusammen mit dem Gambisten Johannes Koch und dem Lautenisten Walter Gerwig bei der Deutschen Grammophon einspielte, benutzte sie eine barocke Kurzhalsvioline. Friedemann gehört damit zu den damaligen deutschen Pionieren der Historischen Aufführungspraxis. Über ihr geigerisches Repertoire ist, wie Gesine Thomforde schreibt, aus ihren Erinnerungen von 1988[12] wenig zu erfahren. Nach diesen habe Lilli Friedemann eine Vorliebe für Johann Sebastian Bach gehabt und, wie Friedemann selbst schreibt, mit Bach besonderen Erfolg gehabt.

Ihre Entwicklung zur „Musik ohne Noten“, Friedemanns musikalische Wandlung und Abkehr vom traditionellen Musikerberuf hin zur Gruppenimprovisation, ist in ihren Erinnerungen unspektakulär und nachvollziehbar beschrieben. Darin beschreibt sie zunächst Experimente mit Begleitmusik zum Theater. Ihren Lehrauftrag für Violine in Hannover beendete sie nach eigener Entscheidung. 1968 bekam Lilli Friedemann einen Lehrauftrag für das von ihr kreierte Fach Gruppenimprovisation an der Musikhochschule Hamburg. Sie unterrichtete diese Praxis deutschlandweit. Zu den Mitspielern der Schallplatte kollektivimprovisation als studium und gestaltung neuer musik 1969 gehörte die Hamburger Komponistin und Hindemith Schülerin Felicitas Kukuck (1914–2001).

1986 gründete Friedemann das Ensemble „Ex Tempore“, mit dem sie die Musikalische Gruppenimprovisation in den Konzertsaal brachte.

Musikalische Gruppenimprovisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Es gehört zum Erforschen eines neuen Gebietes, dass man es liebt, bevor man weiß, wohin es führt.“

LilliFriedemann: Erinnerungen 1988, S. 16[13]

Eine Teilnehmerin der Gruppenimprovisation:

„Nie zuvor war ich auf eigene gestalterische Fähigkeiten angesprochen worden, aber zu meinem Erstaunen waren sie da.[14]

Mit der Gründung des bis heute bestehenden Rings für Gruppenimprovistion in Hamburg 1964 und der bis heute florierenden Schriftenreihe Ringgespräch für Gruppenimprovisation – heute Zeitschrift für Theorie und Praxis improvisierter Musik – bekam diese Art zu musizieren ein internationales Fundament. Sie zog weitere Institutionen nach sich, wie das Exploratorium Berlin,[15] ein Zentrum für improvisierte Musik und kreative Musikpädagogik.[16]

„In der Gruppenimprovisation tun wir nicht, was wir sollen, sondern das, was wir im Augenblick für richtig halten. Und etwas für richtig zu halten und richtig zu reagieren, ist ja nicht leicht. Das ist ja keine absolute Freiheit, das ist Konzentration […]“

Lilli Friedemann: Erinnerungen[17]

Sowohl zeitlich parallel als auch später als Lilli Friedemann wirkten in Amerika innovative Musikerinnen, die, wie sie, entgegen der europäischen Musiktradition arbeiteten und neue Wege beschritten.[18][19] Lilli Friedemanns Beitrag und Bedeutung in diesem Umfeld ist noch weitgehend zu eruieren. Von kreativen Klangprozessen zeugen beispielsweise die beiden Live-Schallplatten von ihrer Improvisationsgruppe, die bei Universal Edition erschienen.

Auf musikpädagogischer Ebene hat Lilli Friedemann vielseitige Ideen kreiert und aufgeschrieben und während ihrer praktischen musikalischen Arbeit mit Kindern und Erwachsenen Konzepte und Spielregeln geschaffen, die in Musikpädagogik und Musiktherapie umgesetzt werden.

Tonträger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lilli Friedemann: UE 20 P 007, Schallplatte zu kollektivimprovisation als studium und gestaltung neuer musik. In: rote reihe, hrsg. von Franz Blasl und Otto Karl Mathé. Universal Edition 7, 1969.
  • Lilli Friedemann: Schallplatte zu einstiege in neue klangbereiche durch gruppenimprovisation. In: rote reihe, hrsg. von Franz Blasl. Universal Edition 50, 1973.
  • Alte Musik: (Deutsche) Grammophon: 2 Schallplatten (o. J.), enthaltend: Johann Jakob Walther Violinsonate mit Suite A-Dur, gespielt von Lilli Friedemann, barocke Kurzhalsgeige, Johannes Koch, Gambe und Walter Gerwig, Laute. Datum unbekannt.

Texte zur Gruppenimprovisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beispiele und Beschreibungen von Friedemanns freier künstlerischer Gruppenimprovisation:[20]

  • kollektivimprovisation als studium und gestaltung neuer musik. In: rote reihe universal edition, hrsg. von Franz Blasl und Otto Karl Mathé. Universal Edition 7, Wien 1969
  • einstiege in neue klangbereiche durch gruppenimprovisation. In: rote reihe universal edition, hrsg. von Franz Blasl. Universal Edition 50, Wien 1973
  • Ordnung ohne Herrschaft (unveröffentlicht, unvollendet)[21]

Schriften von Lilli Friedemann zur und mit Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lilli Friedemann arbeitete ihr Leben lang als Pädagogin. Ihr Lehrmaterial hat sie sich selbst geschaffen:

  • Geigenschule für den Anfang. In: Volksmusikalische Werkreihe für den Musikunterricht, H. 1, Ragozky Berlin, 1940
  • Gruppenunterricht auf der Geige (6 Kleine Schriften zur Volksmusikerziehung, Nr. 3). In: Volksmusikalische Werkreihe für den Musikunterricht, 1941
  • Geigenschule für den Anfang. Schott Music, Mainz 1950
  • Studien Suite (Komposition). Edition Peters und Litolff, Frankfurt/Main 1955
  • Musizierfibeln I und II. Edition Peters, Frankfurt/Main 1956
  • Mogeln [und] Korb Kontratanz. Helmut Segler (Hrsg.) Gustav Bosse Verlag Regensburg 1960
  • Gemeinsame Improvisation auf Instrumenten. Bärenreiter-Verlag, Kassel 1964. Mit ausführlichem Schriftteil
  • Tanzduette als Geigenübung.Karl Heinrich Möseler Verlag Wolfenbüttel, 1968
  • Improvisieren zu Weihnachtsliedern. Bärenreiter Verlag Kassel, 1968
  • Kinder spielen mit Klängen und Tönen. Möseler Verlag Wolfenbüttel, 1971. Mit ausführlichem Schriftteil
  • Trommeln–Tanzen–Tönen: 33 Spiele für Große und Kleine. Universal Edition, Wien c. 1983

Literatur über Lilli Friedemann[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gesine Thomforde: Lilli Friedemann und ihre Bedeutung für die Musiktherapie. Ein Beitrag zur Geschichte der Musiktherapie nach 1945. PDF mit Erinnerungen Lilli Friedemanns, niedergeschrieben 1988 [3], Diplomarbeit am Institut für Musiktherapie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2005
  • MUGI Musik und Gender im Internet [4]
  • Siehe auch Weblinks

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frauen in der Musik

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Seit 1928 außerordentlicher Professor an der Berliner Musikhochschule
  2. Seit 1927 Professor für Komposition an der Berliner Musikhochschule
  3. Heute Zeitschrift für Theorie und Praxis improvisierter Musik, gefördert von der Lilli-Friedemann-Stiftung.
  4. Lilli Friedemann: Erinnerungen. Mölln 1988 als „Anhang“ an die Diplomarbeit von Gesine Thomforde Lilli Friedemann und ihre Bedeutung für die Musiktherapie Hamburg 2005 (PDF).
  5. Erinnerungen 1988, S. 52.
  6. Erinnerungen 1988, S. 54.
  7. Vergleiche Thomforde: Diplomarbeit 2005 Lilli Friedemann, S. 5 und Erinnerungen, S. 52.
  8. Heute heißt dieses 1947 neugegründete Institut Akademia Muzyczna im. Stanisława Moniuszki w Gdańsku.
  9. Siehe Titel in der Deutschen Nationalbibliothek.
  10. Erinnerungen 1988, S. 57.
  11. Erinnerungen 1988, S. 58.
  12. Siehe Literatur.
  13. Anhang Diplomarbeit Thomforde.
  14. Barbara Gabler: Pädagogischer Eros S. 1 (Siehe Weblinks).
  15. Startseite Exploratorium [1]
  16. Halbjahresprogramm [2]
  17. Lilli Friedemann Stiftung
  18. Eva Weissweiler in den Kapiteln Komponistinnen der Gegenwart insbesondere Auf der Suche nach einer eigenen Sprache in ihrem Buch Komponistinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart 1999.
  19. Eva Weissweiler: Komponistinnen 1999, S. 388 ff.
  20. Hörbeispiele dazu siehe Tonträger.
  21. Siehe Thomforde S. 8.