Jakob Littner

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Jakob Jenö Littner (* 17. April 1883 in Budapest; † 6. Mai 1950 in New York) war ein jüdischer Briefmarkenhändler und Holocaust-Überlebender, dessen autobiographischer Bericht Mein Weg durch die Nacht dem Schriftsteller Wolfgang Koeppen als Vorlage für seinen Roman Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch (1948, neu veröffentlicht 1992) diente.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jakob Littner, seit 1911 in München Inhaber einer Briefmarkengroßhandlung, wurde 1938 aufgrund einer von den Nazis erlassenen Verordnung bezüglich der Ausweisung polnischer Juden aus Deutschland verhaftet. Er sollte nach Polen deportiert werden. Hier verweigerte man jedoch die Einreise, sodass er nach München zurückkehren konnte.

Während der Novemberpogrome wurde sein Geschäft am 9. November 1938 verwüstet. Littner lebte fortan in einem Versteck, bevor er München am 1. März 1939 in Richtung Prag verließ. Die weitere Flucht vor den deutschen Truppen führte ihn schließlich nach Zbaraz, einer galizischen Kleinstadt im Bezirk Tarnopol nahe der rumänischen Grenze. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht und der SS im Juli 1941 wurden Littner, seine Lebensgefährtin Janina Korngold und deren Sohn Richard mit ca. 5000 weiteren Juden in einem Ghetto zusammengefasst, aus dem ihnen im Juni 1943, unmittelbar vor dessen Liquidierung, die Flucht gelang. Gegen Bezahlung kamen sie bei einem polnischen Landadeligen unter und lebten bis zur Eroberung des Gebietes durch die Rote Armee im März 1944 versteckt in dessen Keller.

Im August 1945 kehrte Littner zusammen mit Janina, die er zwei Monate zuvor in Krakau geheiratet hatte, nach München zurück. Sie wohnten dort bei Christine Hintermeier, der Mitinhaberin der Briefmarkenhandlung, die Littner auf dessen Flucht und selbst noch im Ghetto mit Lebensmitteln und Geld versorgt hatte. Zwischen August und November 1945 schrieb er seine Erlebnisse unter dem Titel Mein Weg durch die Nacht. Ein Dokument des Rassenhasses nieder.

Sein Manuskript übergab er dem Münchener Kurt-Desch-Verlag. Aufgrund eines Gutachtens des Schriftstellers Rudolf Schneider-Schelde, der später Programmdirektor des Bayerischen Rundfunks wurde, fiel jedoch die Entscheidung, das Werk müsse vor einer Herausgabe grundlegend überarbeitet werden, da es „literarisch ohne den geringsten Wert“ sei. Der für die Überarbeitung vorgesehene Schriftsteller Karl Lerbs starb jedoch in der Zwischenzeit.

Im April 1947 wurde Schneider-Schelde mit dem Münchner Neuverleger Herbert Kluger einig, das Buch zunächst einer redaktionellen Überarbeitung zu unterziehen und dann zu veröffentlichen. Die Überarbeitung übernahm auf Bitte Klugers der noch weitgehend unbekannte Wolfgang Koeppen, sodass das stark veränderte Werk 1948 unter dem Titel Aufzeichnungen aus einem Erdloch erscheinen konnte, teilfinanziert durch Littner. Es erwies sich jedoch als unverkäuflich.

Jakob Littner wanderte im Juni 1947 zusammen mit seiner Frau in die USA aus, wo er in Manhattan erneut ein Briefmarkengeschäft eröffnete. Er starb dort am 6. Mai 1950.

Zur Publikations- und Rezeptionsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1985 erschien im Berliner Kupfergraben-Verlag ein Reprint der Aufzeichnungen, dessen Vertrieb jedoch wenig später durch den Suhrkamp Verlag, dessen Hausautor Koeppen seit den 1950er Jahren war, untersagt wurde. 1992 wurde das Buch schließlich im Suhrkamp Verlag mit Koeppen als Autor unter dem leicht veränderten Titel Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch wiederveröffentlicht.

In seinem Vorwort dazu behauptete Koeppen, sein Roman basiere lediglich auf Notizen des Verlegers; eine schriftliche Vorlage Littners habe es nicht gegeben:

„Der Jude erzählte dem neuen Verleger, daß sein Gott die Hand über ihn gehalten habe. Der Verleger hörte zu, er notierte sich Orte und Daten. Der Entkommene suchte einen Schriftsteller. Der Verleger berichtete mir das Unglaubliche. Ich hatte es geträumt. Der Verleger fragte mich: „Willst du es schreiben?“
Der mißhandelte Mensch wollte weg, er wanderte aus nach Amerika. Er versprach mir ein Honorar, zwei Carepakete jeden Monat.
Ich aß amerikanische Konserven und schrieb die Leidensgeschichte eines deutschen Juden. Da wurde es meine Geschichte.“

1999 publizierte der Literaturwissenschaftler Reinhard Zachau in der Zeitschrift Colloquia Germanica erstmals Ausschnitte aus Jakob Littners Manuskript Mein Weg durch die Nacht, dessen Existenz bis dahin unbekannt gewesen, bestenfalls vage vermutet worden war. Zachau und vor allem Jörg Döring, der Verfasser einer Koeppen-Biographie über die Jahre 1933 bis 1948, wiesen anhand ausführlicher Vergleiche nach, dass Koeppen sich in seiner Bearbeitung des Stoffes eng an die Textvorlage Littners gehalten, gleichwohl aber einige bedeutende Änderungen (vor allem Simplifikationen und Dramatisierungen) vorgenommen hatte. Koeppen hat die Vorlage aber auch nach eigener Aussage dazu benutzt, seine eigene (persönliche) Geschichte zu schreiben. [1]

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kurt Nathan Grübler (Hrsg.): Journey Through the Night. Jakob Littner’s Holocaust Memoir. Mit einem Vorwort von Reinhard Zachau. New York, London 2000.
  • Koeppen, Wolfgang: Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1994.
  • Koeppen, Wolfgang: Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch. Roman. Mit einem Nachwort von Alfred Estermann. Frankfurt a.M.: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2002.
  • Littner, Jakob: Aufzeichnungen aus einem Erdloch. München: Kluger, 1948. (Reprint: Berlin: Kupfergraben Verlagsgesellschaft, 1985).
  • Littner, Jakob: Mein Weg durch die Nacht. Mit Anmerkungen zu Wolfgang Koeppens Textadaption. Herausgegeben von Roland Ulrich und Reinhard Zachau. Berlin: Metropol Verlag, 2002.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jörg Döring: „… ich stellte mich unter, ich machte mich klein …“. Wolfgang Koeppen 1933-1948. Frankfurt a.M., Basel 2001.
  • Alfred Estermann: Eine Art Blankoscheck zur freien literarischen Verwertung. In: Wolfgang Koeppen: Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch. Frankfurt a.M. 2002, S. 139–191.
  • Reinhard K. Zachau: Das Originalmanuskript zu Wolfgang Koeppens „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“. Colloquia Germanica 2/99.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stephan Braese: Deutsche Nachkriegsliteratur und der Holocaust. Campus Verlag, 1998, ISBN 978-3-593-36092-8, S. 175 (google.com [abgerufen am 27. Februar 2016]).