Joachim Müller (Germanist)

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Hermann Gotthold Joachim Müller (* 12. Juli 1906 in Oberwiesenthal; † 7. März 1986 in Jena) war ein deutscher Germanist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der aus dem oberen Erzgebirge stammende Müller studierte an den Universitäten München, Heidelberg und Leipzig u. a. Germanistik. 1930 legte er die Staatsprüfung für das höhere Lehramt ab und promovierte an der Universität Leipzig. Danach wurde er Referendar an der Thomasschule Leipzig. Danach ging er an die Wirtschaftsoberschule in Leipzig, aus der er 1945 wegen Mitgliedschaft in der NSDAP, der er seit 1933 angehörte, entlassen wurde. Von 1937 bis 1945 war er Schriftleiter und Mitherausgeber der 'Zeitschrift für Deutschkunde'. In den Jahren 1944/45 nahm er am Zweiten Weltkrieg teil.

Nach seiner Entlassung aus dem Lehrdienst in Leipzig ging er nach Oberwiesenthal zurück, wo er als kaufmännischer Angestellter tätig wurde. 1949 übernahm er die Leitung des Kulturbundes im Landkreis Annaberg, die er bis 1951 innehatte. Von 1950 bis 1960 gehörte er der National-Demokratischen Partei Deutschlands (NDPD) an.

1951 wurde er als Professor für Neuere deutsche Literatur an die Friedrich-Schiller-Universität (FSU) nach Jena berufen. Seit 1952 war er dort Direktor des Germanistischen Instituts, an dem er bis 1968 wirkte. 1953 habilitierte er sich an der FSU mit einer Arbeit über Friedrich Hebbel.

Von 1969 bis 1971 war er noch Professor für Deutsche Literatur an genannter Universität, danach trat er mit 65 Jahren in den Ruhestand.

Seit 1959 war Joachim Müller Ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig.[1] Zu seinen akademischen Schülern zählen u. a.: Manfred Beyer, Edith Braemer, Helmut Brandt, Volker Ebersbach, Hans Jürgen Geerdts, Theodor Luthardt, Hans Heinrich Reuter, Hans Richter, Rainer Rosenberg, Klaus Schuhmann, Hans Günther Thalheim und Ursula Wertheim. Der Leipziger Schriftsteller Volker Ebersbach hat seine beiden frühen Förderer auf dem Gebiet Germanistik Karl Görner und Joachim Müller in sein Erinnerungswerk aufgenommen hat.[2]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Müller hat nahezu 100 Bücher verfasst und herausgegeben. Seine Broschüre Yvan Goll im deutschen Expressionismus (Akademie-Verlag, Berlin 1962) erregte damals unter den Germanisten viel Aufsehen und wurde an der Universität Jena vonseiten der SED und der FDJ scharf angegriffen, u. a. mit der unsachlichen Begründung, Müller hätte den Dichter Gottfried Benn, der sich 1933 für die Nazis aussprach, dann aber von ihnen verfolgt wurde, zu unkritisch erwähnt und zitiert.[3] Die schlechte Luft, die sich damals in der Jenaer Germanistik ausbreitete, ist dem ehemaligen Studenten Volker Ebersbach nachhaltig in übelster Erinnerung geblieben.

Weiterhin sind von Müller zahlreiche Beiträge in der Wissenschaftlichen Zeitschrift der Friedrich-Schiller-Universität Jena (gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe) erschienen:

  • Heinrich Heines Weg als lyrischer Dichter; 1(1951/52)1, 17–27.
  • Der Dichter und das Wirkliche; 2(1952/53)1, 63–72.
  • Das Tragische und die tragische Situation in Shakespeares Dramen; 2(1952/53)2, 73–100.
  • Zwei Schillerstudien; 2(1952/53)3, 93–109.
  • Revolution und Nation in Klopstocks Oden; 2(1952/53)4, 37–52.
  • Marx und Heine; 2(1952/53)5, 9–19.
  • Bild und Sinnbild der Hoffnung in Goethes Werk; 3(1953/54)1, 109–114.
  • Adalbert Stifters „Witiko“ und das Problem des historischen Romans; 3(1953/54)2/3, 275–285.
  • Prinzipien einer realistischen Ästhetik in Lessings Hamburgischer Dramaturgie; 3(1953/54)4/5, 451–454.
  • Ansprache zum Tag der Republik am 7. Oktober 1954; 4(1954/55)1/2, 73–76.
  • Vier Kapitel aus einem Hebbelbuch; 4(1954/55)1/2, 99–143.
  • Heilen und Wissen; 4(1954/55)3/4, 317–322.
  • Schillers lyrische Kunst; 4(1954/55)5/6, 485–500.
  • Die Tragik in Schillers „Braut von Messina“; 5(1955/56)1, 61–71.
  • Der Mensch in der Landschaft. Zu Adalbert Stifters dichterischer Naturdarstellung; 5(1955/56)6, 631–647.
  • Heines Nordseegedichte; 6(1956/57)1/2, 191–212.
  • Zur Entwicklung der deutschen Literatur im 20. Jahrhundert; 6(1956/57)3/4, 281–292.
  • Literaturgeschichte und Gesellschaftsproblematik; 7(1957/58)1, 173–179.
  • Romanze und Ballade. Die Frage ihrer Strukturen, an zwei Gedichten von Heinrich Heine dargelegt; 7(1957/58)2/3, 377–385.
  • Eduard Mörike, Erinna an Sappho. Eine Interpretation; 7(1957/58)4, 553–558.
  • Dramatisches und episches Theater. Zur ästhetischen Theorie und zum Bühnenwerk Bertolt Brechts; 8(1958/59)2/3, 365–382.
  • Schillers Jenaer Jahrzehnt; 8(1958/59)4/5, 407–412.
  • Der Held und seine Gegenspieler in Schillers Dramen; 8(1958/59)4/5, 451–469.
  • Tiecks Novelle „Der Alte vom Berge“; 8(1958/59)4/5, 475–481.
  • Goethes „Iphigenie“; 9(1959/60)3, 309–320.
  • Begrüßungsansprache (zur Eröffnung der Becher-Konferenz); 10(1960/61)3, 375–378.
  • Bechers Beiträge zur Menschheitsdämmerung; 10(1960/61)3, 379–391.
  • Diskussionsbeitrag; 10(1960/61)3, 476–477.
  • Diskussionsbeitrag; 10(1960/61)3, 480.
  • Diskussionsbeitrag; 10(1960/61)3, 486.
  • Schlußwort; 10(1960/61)3, 489–490.
  • Das humanistische Programm der deutschen Klassik; 11(1962)2, 167–171.
  • In memoriam Hermann Hesse; 12(1963)2/3, 159–162.
  • Gerhart Hauptmann – Menschengestaltung und Weltbild; 12(1963)2/3, 163–172.
  • Die Figur des Trinkers in der deutschen Literatur seit dem Naturalismus; 17(1968)2, 255–267.
  • Schillers Wallenstein als Beispiel eines historisch-literarischen Porträts; 18(1969)l, 165–168.
  • Hauptphasen und Grundtendenzen der deutschen Literaturgeschichte von 1748 bis 1848; 18(1969)2, 145–165.
  • Hegel und die Theorie des Romans; 19(1970)4, 637–644.
  • Heines Napoleondichtung; 21(1972)2, 235–243.
  • Zur Figur der Götter in Hölderlins Spätdichtung; 21(1972)3, 413–420.
  • Die kulturpolitische Position des Essayisten Heinrich Mann; 23(1974)1, 163–177.
  • Schiller, Goethe und Novalis in Jena; 23(1974)1, 179–200.
  • Goethe und Herder – die Problematik ihrer Freundschaft; 24(1975)5/6, 673–696.
  • Die Kulturtradition in Erfurt vom Humanismus bis zu Goethe; 24(1975)5/6, 697–712.
  • Zur Geschichte und Geschichtsbetrachtung konservativer Studentenkorporationen in der BRD; 31(1982)4/5, 617–621.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Eckardt: Gesamtbibliographie der „Wissenschaftlichen Zeitschrift“ der Friedrich-Schiller Universität Jena (GS-Reihe) 1951–1990. Jena 2006, ISBN 3-935850-39-5.
  • Günter Schmidt, Ulrich Kaufmann (Hrsg.): Ritt über den Bodensee – Studien und Dokumente zum Werk des Jenaer Germanisten Joachim Müller. Bussert und Stadeler, Jena; Quedlinburg 2006, ISBN 978-3-932906-71-8.
  • Günter Schmidt: "Es genügt nicht die halbe Wahrheit". Die Kontroversen mit Joachim Müller 1956/57 und 1962/63. In: R. Hahn, A. Pöthe (Hrsg.): "...und was hat es für Kämpfe gegeben." Studien zur Geschichte der Germanistik an der Universität Jena. Heidelberg 2010.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mitglieder der SAW: Joachim Müller. Sächsische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 18. November 2016.
  2. Volker Ebersbach: Die letzte Fahrt der Württemberg. Erzählungen, Erinnerungen. VentVerlag, Leipzig 2012, S. 150, ISBN 978-3-942560-05-4.
  3. Günter Schmidt: "Es genügt nicht die halbe Wahrheit". Die Kontroversen mit Joachim Müller 1956/57 und 1962/63. In: R. Hahn, A. Pöthe (Hrsg.): "...und was hat es für Kämpfe gegeben." Studien zur Geschichte der Germanistik an der Universität Jena. Heidelberg 2010, S. 229–248.