Jochen Böhler

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Jochen Böhler (* 1969 in Rheinfelden (Baden)) ist ein deutscher Historiker. Seine Spezialgebiete sind die Militärgeschichte des Zweiten Weltkriegs, die Deutsche Besetzung Polens 1939–1945 und die Täterforschung zum Holocaust.

Jochen Böhler

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Böhler studierte von 1993 bis 1999 Mittlere und Neuere Geschichte, Ethnologie und Volkswirtschaft an der Universität zu Köln mit Magisterabschluss. Er promovierte 2004 bei Jost Dülffer an der Universität zu Köln über das Thema Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939. 2006 erschien die Dissertation als Buchveröffentlichung und wurde in die Schriftenreihe der Bundeszentrale für Politische Bildung aufgenommen.

Von 2000 bis 2010 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut Warschau. Dort war Böhlers Schwerpunkt im Forschungsbereich IV (Gewalt und Fremdherrschaft im Zeitalter der Extreme) angesiedelt und hatte Untersuchungen zum Thema Wehrmacht und Besatzungsalltag zum Gegenstand. Weitere Arbeitsgebiete waren Drittes Reich, Zweiter Weltkrieg, Deutsche Besatzung in Polen 1939–1945, NS-Verbrechen und Täterforschung.

Böhler arbeitete zudem von 2006 bis 2009 als Historischer Sachverständiger des Landessozialgerichts Nordrhein-Westfalen zu das Ghettorentengesetz betreffenden Fällen und war Mitunterzeichner des Historikerappells[1], in dem vor "besorgniserregenden Fehlentwicklungen" hinsichtlich der Auslegung des Gesetzes durch deutsche Rentenversicherer gewarnt wurde[2]. Er war 2008/2009 beratender Historiker der ARD-Produktion Der Überfall [3] und 2009/2010 Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Unabhängigen Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des Auswärtigen Amts in der Zeit des Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik sowie Mitautor des entsprechenden Forschungsbandes Das Amt und die Vergangenheit.[4]

Seit Oktober 2010 ist Böhler Wissenschaftlicher Mitarbeiter am von Joachim von Puttkamer und Włodzimierz Borodziej geleiteten Imre Kertész Kolleg – Europas Osten im 20. Jahrhundert. Historische Erfahrungen im Vergleich an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Dort ist Böhler für den Forschungsbereich Krieg, Gewalt, Repression in Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert zuständig.[5] Seine eigenen Forschungen und Publikationen in diesem Bereich konzentrieren sich dabei auf gewaltsame Konflikte in der Region gegen Ende des Ersten Weltkriegs[6] sowie die Rekrutierung von nicht-Deutschen in die Waffen-SS.[7][8]

Er ist Mitglied im Deutschen Komitee für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, das in Verbindung zum Militärgeschichtlichen Forschungsamt steht und die Bundesrepublik Deutschland im Comité International d’Histoire de la Deuxième Guerre mondiale (Internationales Komitee für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs) bei dessen internationalen Kongressen vertritt.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • (Hrsg. mit Robert Gerwarth) The Waffen-SS. A European History, Oxford University Press, Oxford 2016, ISBN 978-0-198-79055-6
  • (Hrsg. mit Joachim von Puttkamer und Włodzimierz Borodziej) Legacies of Violence. Eastern Europe's First World War, Oldenbourg, München 2014, ISBN 978-3-486-85756-6
  • (Hrsg. mit Stephan Lehnstaedt) Die Berichte der Einsatzgruppen aus Polen 1939: Vollständige Edition. Metropol, Berlin 2013, ISBN 978-3-86331-138-4
  • (Hrsg. mit Stephan Lehnstaedt) Gewalt und Alltag im besetzten Polen 1939–1945 [= Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau; 26]. Fibre, Osnabrück 2012, ISBN 978-3-938400-70-8
  • (Hrsg. mit Jacek Andrzej Młynarczyk) Der Judenmord in den eingegliederten polnischen Gebieten 1939–1945, Fibre, Osnabrück 2010, ISBN 978-3-938400-51-7
  • Der Überfall. Deutschlands Krieg gegen Polen. Eichborn, Frankfurt 2009, ISBN 3-8218-5706-4
  • (mit Klaus-Michael Mallmann und Jürgen Matthäus) Einsatzgruppen in Polen. Darstellung und Dokumentation, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-534-21353-5
  • Intention oder Situation? Soldaten der Wehrmacht und die Anfänge des Vernichtungskrieges in Polen. In: Timm C. Richter: Krieg und Verbrechen. Situation und Intention: Fallbeispiele. Reihe: Villa ten Hompel aktuell, 9. München 2006
  • Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939, Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 550, Bonn 2006, ISBN 3-89331-679-5 & Fischer TB, Frankfurt 2006, ISBN 3-596-16307-2
  • "Größte Härte…" Verbrechen der Wehrmacht in Polen September–Oktober 1939. Ausstellungskatalog, Fibre, Hamburg 2005, ISBN 3-938400-07-2

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Historikerappell zu „Ghettorenten“: In: haGalil vom 1. Juni 2009.
  2. Entschädigungen für NS-Opfer. Verfangen in den Paragraphen. Von Robert Probst. In: Süddeutsche Zeitung vom 2. Juni 2009.
  3. http://knutweinrich.de/7.html
  4. Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. Blessing Verlag, München 2010, S. 3 u.720
  5. Mitarbeiterverzeichnis des Imre Kertész Kollegs
  6. HT 2016: „Woran glauben wir und gegen wen kämpfen wir?“ Gewalt im Osteuropäischen Bürgerkrieg, 1918-1921 (Tagungsbericht). In: H-Soz-Kult. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften. Abgerufen am 24. Oktober 2016.
  7. UCD Centre for War Studies - Non-Germans in the Waffen-SS: A Cultural History. In: www.ucd.ie. Abgerufen am 24. Oktober 2016.
  8. Imre Kertész Kolleg: Imre Kertész Kolleg - Weitere Ankündigungen. In: www.imre-kertesz-kolleg.uni-jena.de. Abgerufen am 24. Oktober 2016.