Friedrich Niemann (Pfarrer)

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Johann Friedrich Niemann (* 15. Juli 1869 in Münster; † 13. Oktober 1945 in Osnabrück) war ein deutscher evangelischer Pfarrer, Superintendent des Kirchenkreises Herford und Mitglied der Bekennenden Kirche. Er war langjähriges Vorstandsmitglied im Syrischen Waisenhaus.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Studium und Beruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pfarrhaus in der Löhrstraße 9

Friedrich Niemann studierte ab 1889 an der Universität Halle-Wittenberg in Halle und ab 1890 an der Georg-August-Universität in Göttingen Theologie. Während seines Studiums wurde er Mitglied des Hallenser und des Göttinger Wingolf.[1] Ab 1896 war Niemann Pastor am Herforder Münster. Neben seiner Pfarrtätigkeit veröffentlichte er 1914 eine Biografie über den Pastor Gottreich Ehrenhold Hartog. Ab 1900 war er Pfarrer in St. Jakobi. 1930 wurde Niemann Superintendent im Kirchenkreis Herford. Das Amt führte er bis 1942 aus. Er wohnte und arbeitete im Pfarrhaus in der Löhrstraße 9.

Syrisches Waisenhaus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Niemann gehörte ab 1921 dem Vorstand des Syrischen Waisenhauses an und war eine einflussreiche Persönlichkeit in dem Verein. Niemann versuchte sogar seinen Neffen Hans Niemann (19021935) als Geschäftsleiter zu installieren. Hans Niemann starb jedoch im selben Jahr wie Johann Ludwig Schneller, sodass er dessen Arbeit nicht fortführen konnte.[2]

Widerstand gegen den Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Niemann war eine führende Persönlichkeit der Bekennenden Kirche und des Kirchenkampfes im Kirchenkreis Herford. Trotzdem beteiligte er sich noch an einer öffentlichen Propagandazeremonie: Der Führer der SA-Standarte 174, Hermann Pantföder, der Mitte März 1933 in die Herforder Stadtverordnetenversammlung gewählt worden war, starb am 31. März 1933 spät in der Nacht auf der Rückfahrt von Bielefeld nach Herford bei einem Autounfall. Er wurde zum regionalen Helden der NS-Bewegung stilisiert und Niemann hielt dessen Trauerrede. SA-Männer hielten am Sarg des im Herforder Rathaus aufgebahrten SA-Standartenführers Totenwache. An der Trauerfeier nahm auch Viktor Lutze teil. Nach der Trauerfeier kam der Sarg auf einem mit Hakenkreuzfahnen dekorierten Leichenwagen zum Krematorium in Bielefeld. Viele Menschen standen an den Straßen, SA bildete Spalier. An der Stadtgrenze wurden drei Ehrensalven abgegeben.

Ein Jahr nach der Machtergreifung, am 30. Januar 1934, hielt der Herforder Superintendent Niemann einen Festgottesdienst in der vollbesetzten Münsterkirche. In seiner Predigt stellte er als wichtig heraus, dass die Deutschen „wieder ein gottesfürchtiges Christenvolk“ würden. Er relativierte Hitler und stellte ihn nicht als von Gott gesandten „Führer“ dar, wie andere evangelische Geistliche es taten. Mit dem Beginn des Kirchenkampfes wurden diese Dankgottesdienste eingestellt. Die NSDAP-Ortsgruppen richteten nun in nationalsozialistischer Manier die Feiern aus. Niemann wurde als Querulant und Fanatiker denunziert und unter Bewachung gestellt. Sein mit ihm verbündeter Pastor Max Lackmann wurde verhaftet. In einem Lagebericht zur Evangelischen Kirche vom 25. September 1935 heißt es:

„Einer der größten Fanatiker in der Bekenntnisfront ist der Superintendent Friedrich Niemann aus Herford. Über ihn hat die Staatspolizeistelle Bielefeld die Postkontrolle verhängt.“

Lagebericht 24. 9. 1935[3]

Anfang 1936 war er im Zusammenhang der Befriedungsversuche im Kirchenkampf als Vorsitzender des Provinzialkirchenausschusses der Kirchenprovinz Westfalen vorgesehen, was aber am Widerstand der Deutschen Christen scheiterte. Nieman zog daraufhin und als Ergebnis der Bekenntnissynode in Bad Oeynhausen seine Zusage zur Mitarbeit zurück.[4]

Niemann übergab 1941 das Amt des Superintendenten an Hermann Kunst, der ebenfalls Mitglied der Bekennenden Kirche war. Bei seiner Verabschiedung am 8. Februar 1942 predigte Niemann über einen Vers aus der (Apostelgeschichte 20,30 LUT) „Auch aus euch selbst werden aufstehen Männer, die da verkehrte Lehren reden, die Jünger an sich zu ziehen.“ (Luther 1912) Der Kirchenkreis Herford blieb auch dank Niemann bis zum Kriegsende ein Ort des Widerstandes gegen die Nationalsozialisten. Niemann zog nach Osnabrück, wo er 1945 starb.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Pastor Gottreich Ehrenhold Hartog, ein Zeuge des Evangeliums in dürrer Zeit. Herford 1914

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gustav Schwerholz: Chronik der Stadt Herford, 1942, Herford 2015, S. 13.
  • Renée Claudine Bredt, Helga Diestelmeier, Christoph Laue: Herford gehört(e) dem Führer?, Begleitmaterialien zur Ausstellung, Herford 2013.
  • Frank Stückmann: Missliebige Quellen, Die Erweckungsprediger Minden-Ravenbergs in der aufklärerischen Publizistik, in: Udo Sträter: Pietismus und Neuzeit, Jahrbuch zur Geschichte des Neueren Protestantismus, Band 38, Göttingen 2012.
  • Roland Löffler: Protestanten in Palästina, 1917-1939, Kohlhammer, Stuttgart 2008, S. 280f., 283, 314, 335, 339, 344.
  • Edith Stallmann: Martin Stallmann. Ein westfälischer Pfarrer im Kirchenkampf (1934-1948), Bielefeld 1996.[5]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Hans Kleinschmidt: Geschichte des Göttinger Wingolf, in Waitz (Hrsg.): Geschichte der Wingolfsverbindungen, Darmstadt 1914, S. 370.
  2. Vgl. Roland Löffler: Protestanten in Palästina, 1917-1939, Kohlhammer, Stuttgart 2008, S. 280f.
  3. Renée Claudine Bredt, Helga Diestelmeier, Christoph Laue: Herford gehört(e) dem Führer? Begleitmaterialien zur Ausstellung, Herford 2013, S. 93 (Lageberichte: LA NRW Detmold, Bestand M4A Niemann)
  4. Kurt Meier: Der evangelische Kirchenkampf. Band 2: Gescheiterte Neuordnungsversuche im Zeichen staatlicher "Rechtshilfe". Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1976 ISBN 9783525555514, S. 221
  5. Rezension von Vicco von Bülow in der Theologischen Literaturzeitung, Leipzig 2001, Spalte 1067–1069; als Digitalisat Evangelische Verlagsanstalt Leipzig.