KZ Klooga

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Das Konzentrationslager Klooga war während der deutschen Besetzung Estlands ein nationalsozialistisches Konzentrationslager in unmittelbarer Nähe des Dorfes Klooga im Kreis Harju im Norden Estlands rund 30 km westlich der Hauptstadt Tallinn. Das Lager wurde zur Tarnung offiziell mit O. T. Betriebe Klooga bezeichnet und damit der unverdächtigen Organisation Todt zugeordnet.[1]

Übersichtskarte zum Konzentrationslager Klooga mit der heutigen Gedenkstätte

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Lagergelände befand sich in Wäldern westlich des Dorfes Kloogas, im Bereich zwischen der Bahnstrecke Tallinn–Paldiski und einem nicht mehr bestehenden Abzweig nach Süden. Rund zwei Kilometer nördlich verläuft die heutige Schnellstraße E 265. Das Gelände befindet sich heute auf einem abgesperrten Truppenübungsplatz, von den Gebäuden sind nur wenige Spuren erhalten. Die Gedenkstätte wurde an einem Waldweg zwischen dem Bereich der heutigen Bahnhaltestelle Klooga-aedlinn und der Schnellstraße in nordwestlicher Richtung angelegt.

Geschichte des Lagers[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Einrichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Konzentrationslager Klooga wurde im September 1943 als eines von insgesamt über zwanzig Außenlagern des Konzentrationslagers Vaivara errichtet. Vorangegangen war der Befehl des Reichsführers SS Heinrich Himmler vom 21. Juni 1943, alle jüdischen Ghettos im Reichskommissariat Ostland, zu dem damals Estland, Lettland, Litauen und Teile Weißrusslands gehörten, aufzulösen und die Juden zu Arbeitseinsätzen heranzuziehen. Das Lager wurde unter dem Kommando des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt betrieben.[2]

Der Lagerbetrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Anzahl der Gefangenen im Lager betrug zwischen 1.800 und 2.100 Männern und Frauen, in der Gesamtzahl etwa 3.000.[2] Andere Quellen geben die Belegung wie folgt an:[3]

Belegung des Lagers
Zeitraum Anzahl der Gefangenen
Oktober 1943 1.453
November 1943 1.854
April 1944 2.080
Mai 1944 2.122

Die Mehrzahl der Insassen waren Juden. Die meisten waren im August und September 1943 aus den Ghettos von Kaunas und Vilnius verschleppt worden. Eine geringere Anzahl waren es lettische Juden aus dem Lager Salaspils, russische oder rumänische Juden. Daneben wurden im KZ Klooga einige politische Gefangene, Verbrecher, Homosexuelle und sowjetische Kriegsgefangene inhaftiert.

Das Lager war mit Stacheldraht umzäunt. Die gefangenen Männer und Frauen waren voneinander getrennt und in zweistöckigen Behausungen untergebracht, es gab fließendes Wasser und die notwendigen sanitären Einrichtungen.[3] Bewacht wurde das Lager von deutschen SS-Einheiten und Angehörigen der estnischen Schutzmannschaft Wachbataillon 287 (estnisch 287. Kaitse Vahipataljon), das ab Dezember 1943 als Estnisches Polizeibataillon 30 (30. Eesti Politseipataljon) geführt wurde.

Die Gefangenen mussten Zwangsarbeit bei Bau- und Transportarbeiten, in Handwerkerkommandos, in Putzeinheiten, in der Schneiderei, Schmiede und Schlosserei und in der Holzverarbeitung mit Tischlerei und Holzschuhfabrik verrichten. In der Betonverarbeitung (Kommando Beton)[4] wurden unter Aufsicht der Kriegsmarine betonummantelte Seeminen hergestellt.[3] Die Arbeitsbedingungen werden als extrem hart beschrieben. Gleichzeitig galt das Lager bei den nach Estland deportierten Juden als „gutes“ Lager, in das viele nach ihrer Ankunft wollten.[5]

Die Auflösung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit dem Vorrücken der Roten Armee im Juli und August 1944 nach Estland begann die SS mit der Räumung von Außenlagern des schon evakuierten Stammlagers KZ Vaivara. Am 17. September 1944 stand der Abzug der Besatzer aus Estland kurz bevor. Dem Personal der Besatzungsverwaltung wurde fünf Tage gegeben, das Gebiet über die Häfen in Tallinn oder Paldiski zu verlassen. Die bewaffneten Einheiten sollten sich nach Riga oder die westlichen estnischen Inseln zurückziehen. Viele Gefangene anderer Lager wurden über die Ostsee in das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig gebracht, andere nach Freiburg in Schlesien. Die Häftlinge der verbliebenen Arbeitskommandos wurden ins Lager Klooga gebracht, das als letztes Lager in Estland existierte und wo sich auch die restlichen Wachmannschaften des Lagers Vaivara einfanden.[6]

Am 19. September 1944 wurden im Lager Klooga die Gefangenen wie üblich um 5 Uhr morgens außerhalb der Frauenbaracke versammelt. Verantwortlicher Lagerkommandant von Klooga war zu diesem Zeitpunkt Wilhelm Werle.[7] Er teilte den rund 2000 Gefangenen mit, dass sie nach Deutschland evakuiert würden. Tatsächlich waren die in Frage kommenden Schiffe schon zu diesem Zeitpunkt überfüllt und der Plan, die Gefangenen zu töten, bereits beschlossen. Es ist unklar, wer letztlich den Exekutionsbefehl erteilte.[8]

Um die Situation ruhig zu halten, wurde der Tagesablauf am 19. September wie üblich eingehalten. Einige Stunden nach dem Gefangenenappell am Morgen wurden dreihundert der körperlich stärksten männlichen Insassen gezwungen, Holzscheite aus dem Lager zu bringen und auf Lichtungen rund einen Kilometer vom Lager entfernt vier Scheiterhaufen in der Größe von rund 6 m × 6,50 m zu errichten. Währenddessen wurde die Bewachung des Lagers unter Mithilfe der 20. Waffen-SS-Division unter dem Befehl des Leiters der Ausbildungs- und Ersatzeinheiten Georg Ahlemann verschärft[6] und der Lagerausgang zusätzlich mit LKW versperrt. Nach der wie üblich ausgeteilten Suppe am Nachmittag mussten sechs männliche Gefangene zwei Benzintanks auf die LKW laden.

Um 5 Uhr nachmittags begann der Massenmord. Mit den Männern beginnend wurden Gruppen von 50 bis 100 Gefangene bewacht zum Platz mit den Scheiterhaufen gebracht. Die Gefangenen mussten sich auf die Scheite legen und wurde mit einem Genickschuss getötet. Flüchtende Gefangene wurden im Wald erschossen. Die erste Lage der Ermordeten wurde mit einer Schicht Holzscheite bedeckt, darauf wurden die nächsten Gefangenen getötet. Insgesamt ergaben sich so zwischen drei und vier Lagen Ermordeter.[8] Einer der Scheiterhaufen wurde nicht benutzt, die anderen nach Einbruch der Dunkelheit angezündet. Zwischen 30 und 50 Gefangene wurden nur wenige hundert Meter einzeln in einen Gang einer nicht fertig gestellte Holzbaracke gezerrt und durch Genickschuss ermordet. Die Baracke wurde angezündet und brannte vollständig nieder. Zuletzt wurden 79 Funktionshäftlinge, wie Friseure, Köche, Schuhmacher und ähnliche in einem Gang der Frauenbaracke erschossen.[8] Einige Dutzend Gefangene konnten sich vor allem auf dem Dachboden der Männerbaracke verstecken. Nach sowjetischen Quellen überlebten 108 Gefangene.[8]

Spät in der Nacht des 19. September 1944 verließ die Wachmannschaft das Lager Richtung des Hafen Paldiski, um nach Deutschland evakuiert zu werden.[8]

Die Täter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ermordung wurde vom leitenden deutschen SS-Personal organisiert und überwacht. Die Erschießungen führte ein Kommando deutschsprachiger Angehöriger der Sicherheitspolizei aus, dessen Herkunft widersprüchlich angegeben wird, für das Tallinn aber am glaubwürdigsten erscheint.[6] Als Lagerwache war die 3. Kompanie des 287. Polizeibataillon, das sich aus Esten formierte, an dem Massenmord beteiligt. Die Lagerbewachung wurde durch die 20. Waffen-Grenadier-Division der SS verstärkt, die in der Nähe stationiert war. Der Lagerkommandant des Stammlagers Vaivara, SS-Hauptsturmführer Hans Aumeier, der schon in den Konzentrationslagern Auschwitz, Dachau und Buchenwald Dienst getan hatte, konnte später verhaftet werden. Er wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Krakau hingerichtet.

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Denkmal zur Erinnerung an die Verbrechen im KZ Klooga. Eingeweiht am 1. September 1994.

In seiner Rede auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Klooga im Mai 2005 bat der estnische Ministerpräsident Andrus Ansip im Namen der estnischen Regierung um Verzeihung für die Teilnahme von Esten am Holocaust. Er versprach, dass Estland weiterhin alles zur Aufklärung dieser Verbrechen tun werde.

Am 24. Juli 2005 enthüllten der estnische Staatspräsident Arnold Rüütel und der israelische Botschafter in Estland, Schemi Zur, einen marmornen Gedenkstein an der Stelle des früheren Konzentrationslagers Klooga.

Zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers am 19. September 2014 organisierte eine estnische Delegation der International Holocaust Remembrance Alliance und die Estnische Jüdische Gemeinde eine Gedenkveranstaltung an der Gedenkstätte. Teilnehmer waren rund einhundert Personen, unter anderem der estnische Ministerpräsident Taavi Rõivas, der italienische Botschafter Marco Clemente als Vertreter des Präsidiums des Europarates und der Überlebende Dr. T. Balberyszski.[9]

Die Gedenkstätte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gedenkstätte ist als Weg angelegt, der im Zickzack einen bestehenden Waldweg kreuzt.[10] Er beinhaltet insgesamt neun Stationen. Von Südwesten, der heutigen Bahnhaltestelle Klooga-aedlinn kommend, werden mit diesem Weg die Gedenksteine und Infotafeln zu verschiedenen Aspekten des Lager Klooga und des Holocaust verbunden: Das Lager Klooga, Leben im Lager Klooga, Die Auflösung des Lagers am 19. September 1944, ein von dem Architekten Tiit Kaljundi gestalteter Gedenkstein, Die Entdeckung des Massenmords, die von dem Architekten Ants Mellik gestaltete Grabanlage aus dem Jahr 1952, der von dem Architekten Rein Luup und dem Künstler Heino Müller gestaltete Gedenkstein aus dem Jahr 1994, Der Holocaust in Estland und Der Holocaust.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Riho Västrik: "Klooga koonduslaager − Vaivara süsteemi koletu lõpp" In: Vikerkaar 8–9 (2001), S. 147–155.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gates of the Klooga concentration camp, Darstellung des Lagertores mit der offiziellen Bezeichnung (engl.), abgerufen am 31. Juli 2018
  2. a b Das KZ Klooga auf estonica.org, abgerufen am 31. Juli 2018
  3. a b c Wolfgang Benz: Der Ort des Terrors: Riga-Kaiserwald, Warschau, Vaivara, Kauen (Kaunas), Płaszów, Kulmhof. C.H.Beck, 2005, ISBN 978-3-406-57237-1, S. 162 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. The Makings of "Aunty Betty" Biographie der Insassin Basia Daiches, abgerufen am 31. Juli 2018
  5. Wolfgang Curilla: Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weissrussland : 1941–1944, Verlag Schöningh, München, 2006, S. 856, Digitalisat
  6. a b c Ruth Bettina Birn: Die Sicherheitspolizei in Estland : 1941 - 1944 ; eine Studie zur Kollaboration im Osten, Verlag Schöningh, Paderborn, München, S. 183/184, Digitalisat
  7. Ruth Bettina Birn: Klooga. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 8, München 2008, ISBN 978-3-406-57237-1, S. 162.
  8. a b c d e Infotafeln an der Gedenkstätte, Station 3
  9. Klooga Concentration Camp Commemoration in Estonia, Artikel auf den Seiten der IHRA vom 30. September 2014, abgerufen am 31. Juli 2018
  10. Lage der Gedenkstätte nördlich der Bahnlinie

Koordinaten: 59° 19′ 12,5″ N, 24° 12′ 48,1″ O