Kenosis

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Kenosis (κένωσις, griechisch für „Leerwerden“, „Entäußerung“), auch Kenose, ist das Substantiv zu dem von Paulus im Brief an die Philipper gebrauchten Verb ἐκένωσεν (ekenosen), „er entäußerte sich“ (Phil. 2, 7). Über Jesus Christus ausgesagt, bedeutet der Begriff den Verzicht auf göttliche Attribute bei der Menschwerdung. Darüber hinaus kann er das „Leerwerden“ des einzelnen Gläubigen für den Empfang der göttlichen Gnade bezeichnen. Der jüdische Philosoph Hans Jonas bezog die Kenosis-Vorstellung auf die „Selbstentäußerung des Schöpfergeistes im Anfang der Dinge“[1].

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paulus zitiert in Phil 2,5–11 LUT möglicherweise einen ihm schon vorliegenden Hymnus (hier nach der revidierten Luther-Übersetzung von 1964):

„(5) Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war: (6) welcher, ob er wohl in göttlicher Gestalt war, nahm er’s nicht als einen Raub, Gott gleich zu sein, (7) sondern entäußerte sich selbst [heauton ekenosen] und nahm Knechtsgestalt an, ward gleich wie ein andrer Mensch […]“

Diskussion im Protestantismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Frage, wie das Verhältnis der göttlichen und menschlichen Natur Jesu zueinander zu denken sei, wurde vor allem in der protestantischen Theologie des 16. und dann des 19. Jahrhunderts diskutiert und unterschiedlich beantwortet.

Im 16. Jahrhundert:

  • Martin Chemnitz vertrat die Auffassung, dass Jesus Christus bei der Menschwerdung großenteils auf seine göttlichen Eigenschaften verzichtet habe. Diese kenotische Christologie wurde dann vor allem an der Universität Gießen vertreten.
  • Dagegen stand die kryptische Christologie, die auf Johannes Brenz fußend vor allem an der Universität Tübingen vertreten wurde, nämlich „daß Jesus Christus nicht nur […] im Besitz der göttlichen Eigenschaften […] sei, sondern daß er sie tatsächlich auch […] gebraucht habe“.[2]

Im 19. Jahrhundert bildete sich eine eigene Schule von Kenotikern:

  • Wolfgang Friedrich Geß (oder Gess)[3] vertrat darüber hinaus, dass Jesus auch diese immanenten Eigenschaften nicht besessen, ja nicht einmal das Bewusstsein gehabt habe, von jeher Gott zu sein. „Man muß bei Geß fragen, ob von einer Gegenwart Gottes in dem Menschen Jesus überhaupt noch etwas bleibt.“ (Paul Althaus)

Katholische Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der katholischen Kirche wurde die Lehre der protestantischen „Kenotiker“ verurteilt. Pius XII. erklärte in der Enzyklika Sempiternus rex Christus 1951:

„Völlig unvereinbar mit dem Glaubensbekenntnis von Chalcedon ist auch eine unter Nichtkatholiken ziemlich weit verbreitete Ansicht, der eine leichtfertige und falsch ausgelegte Stelle aus dem Philipperbrief des heiligen Paulus (Phil 2, 7) eine Handhabe und einen Schein von Autorität bot – die Lehre von der sogenannten ‚Kenose‘ –, nach der man in Christus eine ‚Entäußerung‘ der Gottheit des Wortes annimmt. Diese wahrhaft gotteslästerliche Erdichtung ist, ebenso wie der gegenteilige Irrtum des Doketismus, zu verwerfen, da sie das ganze Geheimnis der Menschwerdung und Erlösung zu einem blutlosen und nichtigen Schatten entwertet. ‚In der unversehrten und vollkommenen Natur eines wahren Menschen‘, so lehrt eindrucksvoll Leo der Große, ‚wurde der wahre Gott geboren, vollständig seiner Eigenart nach, vollständig der unsern nach.‘“

Ep.〈Brief〉28, 3. PL 54, 763[4]

Die Kenosis-Vermutung bei Hans Jonas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Im Anfang, aus unerkennbarer Wahl, entschied der göttliche Grund des Seins, sich dem Zufall, dem Wagnis und der endlosen Mannigfaltigkeit des Werdens anheimzugeben. Und zwar gänzlich: Da sie einging in das Abenteuer von Raum und Zeit, hielt die Gottheit nichts von sich zurück; kein unergriffener und immuner Teil von ihr blieb, um die umwegige Ausformung ihres Schicksals in der Schöpfung von jenseits her zu lenken, zu berichtigen und letztlich zu garantieren. Auf dieser bedingungslosen Immanenz besteht der moderne Geist. Es ist sein Mut oder seine Verzweiflung, in jedem Fall seine bittere Ehrlichkeit, unser In-der-Welt-Sein ernst zu nehmen: die Welt als sich selbst überlassen zu sehen, ihre Gesetze als keine Einmischung duldend, und die Strenge unserer Zugehörigkeit als durch keine außerweltliche Vorsehung gemildert. […] Damit Welt sei, und für sich selbst sei, entsagte Gott seinem eigenen Sein; er entkleidete sich seiner Gottheit, um sie zurück zu empfangen von der Odyssee der Zeit, beladen mit der Zufallsernte unvorhersehbarer zeitlicher Erfahrung, verklärt oder vielleicht auch entstellt durch sie. In solcher Selbstpreisgabe göttlicher Integrität um des vorbehaltlosen Werdens willen kann kein anderes Vorwissen zugestanden werden als das der Möglichkeiten, die kosmisches Sein durch seine eigenen Bedingungen gewährt: Eben diesen Bedingungen lieferte Gott seine Sache aus, da er sich entäußerte zugunsten der Welt.“[5]

Hans Jonas knüpfte damit an die im 16. Jahrhundert in der jüdischen Mystik entstandene Vorstellung vom Tzimtzum an.[6]

Moderne Wiederaufnahme der Kenosis-Vorstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Theologe Klaus Berger spricht im 21. Jahrhundert von einer doppelten Kenosis:

„Der Vater […] ist [so Paulus in Röm und 1 Kor] zweifach aus sich selbst heraus und in die menschliche Wüste hinabgestiegen. Man kann das auch eine zweifache Kenosis (Selbsterniedrigung) nennen. Gott scheut sich nicht, in einem palästinensischen Mädchen Mensch zu werden, und er scheut sich nicht, im Herzen jeder Christin und jedes Christen zu wohnen als Heiliger Geist. Bei dieser Kenose wird er jeweils neu als er selbst erkennbar. Er liefert sich zweifach aus. Warum er das tut? Paulus würde antworten: Weil er die Menschen liebt.“[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hans Jonas: Geist, Natur und Schöpfung. Kosmologischer Befund und kosmogonische Vermutung, in: Hans-Peter Dürr, Walther Christoph Zimmerli (Hrsg.): Geist und Natur. Über den Widerspruch zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und philosophischer Welterfahrung, Scherz, München 1989, S. 61–77, bes. S. 72.
  2. Wolfhart Pannenberg: Grundzüge der Christologie, 6. Auflage, Gütersloh 1982, S. 318.
  3. Friedrich Wilhelm Bautz: Gess, Wolfgang. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 2, Bautz, Hamm 1990, ISBN 3-88309-032-8, Sp. 235–236.
  4. Pius XII.: Enzyklika Sempiternus Rex Christus, Abs. 29.
  5. Hans Jonas: Der Mythos von Gottes In-der-Welt-Sein, in: ders., Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme (1984), Suhrkamp, 14. Auflage, Frankfurt/M. 2013 (1987), S. 15 ff.
  6. Christoph Schulte: Zimzum. Gott und Weltursprung, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, S. 405 ff.
  7. Klaus Berger: Ist Gott Person? Ein Weg zum Verstehen des christlichen Gottesbildes, Gütersloh 2004, S. 161.