Ketogene Diät

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Tortendiagramme der Zusammensetzung verschiedener Ernährungskonzepte:
typische westliche Ernährung (entspricht der DGE Empfehlung mit ca. 50 % Kohlenhydratanteil); der Atkins-Diät in der Einführungsphase; Ketogene Diät mit 4:1 Verhältnis von Fett zu Kohlenhydraten/Proteinen; Medium-chain Triglyzeride (MCT) ketogene Diät[1]

Die ketogene Diät ist eine kohlenhydratlimitierte, protein- und energiebilanzierte und deshalb fettreiche Form der diätetischen Ernährung, die den Hungerstoffwechsel in bestimmten Aspekten imitiert. Bei dieser Ernährungsform bezieht der Körper seinen Energiebedarf nicht mehr aus Fett und Glukose, sondern nur noch aus Fett und aus den daraus im Körper aufgebauten namensgebenden Ketonkörpern, die als Ersatzstoffe für Glucose dienen. Eine ketogene Diät wird als Therapieverfahren vor allem bei Kindern mit pharmakoresistenter Epilepsie, Glukosetransporterstörung (beispielsweise GLUT1-Defizit-Syndrom) und Pyruvatdehydrogenasemangel eingesetzt. Neuere Forschungsergebnisse lassen auch eine Therapie bei Alzheimererkrankung möglich erscheinen.[2] In diesem Rahmen muss sie individuell berechnet und ärztlich überwacht werden. Ketogene Ernährungsformen werden inzwischen auch vermehrt von gesunden Menschen in nichtmedizinischer Form praktiziert, beispielsweise zum Abbau von Übergewicht, von Sportlern oder im Rahmen anderer Low-Carb-Diäten wie der Atkins-Diät.

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Proteine können im Stoffwechsel zu ca. 50 % und Fette wegen ihres geringen Glycerinanteils nur zu ca. 10 % zu Glucose umgebaut werden, um den Blutzuckerspiegel aufrechtzuerhalten und so vor allem das Gehirn mit Energie zu versorgen. Im Hungerzustand greift der Körper zunächst auf seine Glykogenvorräte (Speicherform der Kohlenhydrate in der Leber) zurück und stellt sich dann zunehmend auf einen Hungerstoffwechsel um. Diese Art des Stoffwechsels ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass die aus der Nahrung stammenden Fettsäuren in der Leber zu Ketonkörpern abgebaut werden, die dann an Stelle der Glucose den Energiebedarf, vor allem den Energiebedarf des Gehirns, auf alternative Weise effizient decken sollen. Dieser angestrebte Stoffwechsel-Zustand heißt Ketose.

Die Alzheimererkrankung wird in neueren Studien als mögliche Sonderform des Glucosemangels im Gehirn angesehen. Durch die starke Reduktion von Kohlenhydraten verbessert sich die Insulinsensitivität der Zellen, und zwar nicht nur peripher im Körper, sondern auch im zentralen Nervensystem. Dadurch wurde zumindest in Tierversuchen bei Mäusen eine positive Wirkung erzielt.

Indikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben Patienten mit einer Glukosetransporterstörung oder einem Pyruvatdehydrogenasemangel kann bei Patienten mit Epilepsie, bei denen bisher mehr als zwei antikonvulsive Medikamente nicht ausreichend gewirkt haben und bei denen ein epilepsiechirurgischer Eingriff nicht in Frage kommt, der Einsatz der ketogenen Diät überlegt werden. Sie kann bei unterschiedlichen Anfallsformen, Epilepsieursachen und Altersbereichen bis zum Jugendalter angewandt werden, scheint jedoch jenseits des etwa 8. bis 12. Lebensjahres an Wirksamkeit zu verlieren und schwieriger durchführbar zu sein. Bei Säuglingen unter einem Jahr ist sie ebenso anwendbar wie bei Kindern jenseits des ersten Lebensjahres. Gute Einzelfallerfahrungen gibt es bei der Behandlung des Rett-Syndroms, des Landau-Kleffner-Syndroms und des Ohtahara-Syndroms.

Nach Kaliumbromid (1857) und Phenobarbital (1910) wurde die ketogene Diät erstmals 1921 gezielt als damals dritte antikonvulsive Therapieoption eingeführt. Man hatte beobachtet, dass Hungern bei vielen Epilepsiepatienten günstig auf die Anfallssituation wirkt, und versuchte, den Zustand des Kohlenhydratmangels beim Hungern mit genügender Fett- und Proteinzufuhr zu kombinieren.

Berechnung, Durchführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für eine ketogene Diät wird der Energiebedarf (ca. 80–320 kJ/kg = 20–80 kcal/kg je nach Alter und Energieumsatz) und der Proteinbedarf (0,7–2 g/kg je nach Alter) berechnet und dann die „ketogene Ratio“ (typischerweise 3–4,5 : 1) festgelegt. Die ketogene Ratio bestimmt das Massenverhältnis von Fett zu Kohlenhydraten + Proteinen. Eine ketogene Ratio von 4:1 beispielsweise bedeutet, dass die Masse der Nahrung zu 80 % aus Fetten bestehen muss. In den restlichen 20 % der Nahrungsmasse muss eine den Bedarf deckende Proteinmasse untergebracht werden. Dementsprechend dürfen Kohlenhydrate nur in minimalen Mengen aufgenommen werden, um eine wirksame Ketose aufrechtzuerhalten. Eine Ketose infolge eines willkürlich herbeigeführten Kohlenhydratmangels wird durch die Zufuhr geringer überzähliger Kohlenhydratmengen innerhalb kurzer Zeit durchbrochen, was wieder zu vermehrten Anfällen führen kann. Dieses strenge Diätregime erfordert eine sorgfältige Indikationsstellung, einige Detailkenntnisse und eine enge Zusammenarbeit zwischen Behandlungsteam und Patienten, ihren Bezugspersonen (z. B. Eltern) und ihrem sozialen Umfeld. Die Diätverschreibung muss vom Arzt wiederholt an den Verlauf und den daraus erkennbaren Bedarf angepasst werden. Die sachgerechte Durchführung der Diät muss über die Urin- und/oder Blutketose (ähnlich wie bei der Blutzuckerüberwachung bei Diabetikern) überwacht werden.

MCT-basierte ketogene Diät[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

A glass bottle of 250 ml of Liquigen, a white opaque liquid
Eine Emulsion mittelkettiger Triglyceride

In den 1960ern wurde entdeckt, dass mittelkettige Triglyceride (engl.: medium chain triglycerides (MCT)) mehr Ketonkörper und damit mehr Energie pro Masse-Einheit im Körper erzeugen als die überwiegend langkettigen Triglyceride normaler Essensfette.[1] MCTs werden auch effizienter absorbiert und schneller in die Leber über die (Leber-)Pfortader anstelle des lymphatischen Systems transportiert.[3] Vorteil für Patienten einer ketogenen Diät ist die Möglichkeit, den Massenanteil der Kohlenhydrate etwas zu erhöhen, um besser schmeckende und damit besser akzeptierte Gerichte verwenden zu können. Über Magen- und Darmprobleme wird teilweise jedoch berichtet. In einigen amerikanischen Kliniken ersetzt die MCT-Diät die klassische ketogene Diät, wobei manche auch eher eine Mischung aus beiden einsetzen.[4]

Risiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine ketogene Ernährung birgt verschiedene Risiken: Durch die verhältnismäßig hohen Eiweiß- und Fettanteile steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zudem kann eine ketogene Diät auch zu einem unausgewogenen Vitamin-Haushalt führen, da Obst und Gemüse aufgrund ihres oft hohen Anteils an Kohlenhydraten nur selten konsumiert werden.[5] Damit der Patient wegen einer ketogenen Diät keine bleibenden gesundheitlichen Schäden nimmt, sollte sie daher ausschließlich unter ärztlicher Beobachtung erfolgen.

Nebenwirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorübergehende Nebenwirkungen sind vor allem Verdauungs- bzw. Stuhlgangsprobleme. Ferner kommt manchmal vermehrt Müdigkeit vor allem in den ersten zwei Wochen der Stoffwechselumstellung vor, während danach häufig eine bessere Wachheit folgt. Zudem kommen vor: Nahrungsverweigerung oder Hunger und damit zusammenhängende psychische Probleme, Hypercholesterinämie (schlüssige Langzeitstudien zu dieser Nebenwirkung existieren nicht, eine ketogene Diät ist aber nicht mit einer „Fettmast“ gleichzusetzen, da die Energiezufuhr limitiert ist). Insgesamt ist das Nebenwirkungsprofil etwas günstiger als bei einer intensiven pharmakologischen antikonvulsiven Therapie.

Ketogene Diät zur Therapie von Epilepsie-Patienten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ketogene Diät ist eine anerkannte Therapieform für pharmakoresistente Epilepsien im Kindesalter und verschiedene seltene Stoffwechselstörungen, insbesondere Kohlenhydratstoffwechselstörungen.[6]

Laut einer Studie vom Johns Hopkins Children’s Center, an der 101 Epilepsie-Patienten im Alter von 2 bis 26 Jahren teilnahmen und sich ketogen ernährten, litten diese seltener oder nicht mehr an unkontrollierten Krampfanfällen. Nach einer 16-monatigen bis 8-jährigen ketogenen Diät konnten bei diesen Patienten keine durch diese Ernährungsweise induzierten gesundheitlichen Schäden nachgewiesen werden.[7] Ketonkörper sind energiehaltiger und brennen langsamer als Glukose aus Kohlenhydraten. Ist die Ursache des Epilepsieanfalls eine Unterzuckerung des Gehirns, so tritt diese bei Ketonkörpern langsamer ein, bevor sie natürlich kompensiert wird, wodurch der Anfall unterbleiben kann.[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • F. A. M. Baumeister: Ketogene Diät – Ernährung als Therapiestrategie. SPS-Verlagsgesellschaft, Heilbronn 2004, ISBN 3-936145-19-9.
  • Jhon M. Freeman, Jennifer B. Freeman, Millicent T. Kelly: The ketogenic diet. A treatment for epilepsy. 3. Aufl. Demos, New York 2000, ISBN 1-888799-39-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b PR Huttenlocher, AJ Wilbourn, JM Signore: Medium-chain triglycerides as a therapy for intractable childhood epilepsy. In: Neurology. Hagerstown Md 21.1971,11(Nov), 1097–1103. PMID 5166216 ISSN 0028-3878
  2. Suzanne M. de la Monte, Jack R. Wands: Alzheimer’s Disease Is Type 3 Diabetes–Evidence Reviewed. In: Journal of diabetes science and technology (Online). Band 2, Nr. 6, 3. Dezember 2016, S. 1101–1113, PMID 19885299, PMC 2769828 (freier Volltext).
  3. EG Neal, H Chaffe, RH Schwartz, MS Lawson, N Edwards u. a.: The ketogenic diet for the treatment of childhood epilepsy, a randomised controlled trial. In: The Lancet Neurology. 2008, 7: 500–506. doi:10.1016/S1474-4422(08)70092-9. PMID 18456557 ISSN 1474-4422
  4. JW. Wheless: History and origin of the ketogenic diet. (PDF; 3,7 MB) In: Carl Ernest Stafstrom, Jong M Rho: Epilepsy and the ketogenic diet. Humana Press, Totowa 2004, ISBN 1-58829-295-9.
  5. Ketogene Ernährung – Risiken. 9. Juni 2016, abgerufen am 20. Februar 2018.
  6. Ketogene Diät – eine Herausforderung für Patienten und Fachkräfte.” In: Ernährungs Umschau 8/17. UMSCHAU ZEITSCHRIFTENVERLAG GmbH: Ein Unternehmen der ACM Unternehmensgruppe, 15. August 2018, abgerufen am 31. März 2019.
  7. Despite its temporary side effects, we have always suspected that the ketogenic diet is relatively safe long term, and we now have proof.” In: High-Fat Ketogenic Diet to Control Seizures Is Safe Over Long Term, Study Suggests. In: SienceDaily.com. Johns Hopkins Medical Institutions, 17. Februar 2010, abgerufen am 4. März 2011 (englisch).
  8. Christian Floto, Michael Ristow: Low-Carb – Weniger Kohlenhydrate, bessere Gesundheit? Deutschlandfunk – „Sprechstunde“', 6. September 2016