Säugling

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Säugling während des Stillens

Als Säugling oder Baby bezeichnet man ein Kind im ersten Lebensjahr.

Nach der Geburt wird ein junger Mensch naturgemäß mit Muttermilch ernährt, durch Stillen oder Säugen an der weiblichen Brust. Ähnlich dem Nachwuchs anderer Säugetiere ist der menschliche Säugling für diese Ernährungsform kompetent durch angeborene Reflexe wie den Such- und den Saugreflex. Sie ermöglichen auch die Aufnahme flüssiger Nahrung durch Saugen an einer Flasche und so eine Ernährung mit Muttermilchersatz, wenn der Säugling nicht gestillt wird.

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der ersten vier Wochen heißt ein Kind auch Neugeborenes.[1] Nach Vollendung des ersten Lebensjahres schließt sich das Kleinkindalter an.

Körperliche Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der menschliche Säugling ist wie der anderer Primaten ein Tragling. Im ersten Lebensjahr gibt es typische Entwicklungsphasen, deren zeitliche Streuung mit zunehmendem Alter größer wird. Vorübergehende Unterschiede in der Entwicklung sind häufig und können durchaus ausgeglichen werden. Auffällige oder langfristige Abweichungen der körperlichen Entwicklung sind Gegenstand der Pädiatrie. Um Entwicklungsverzögerungen frühzeitig zu erkennen, gibt es Kindervorsorgeuntersuchungen.

Neugeborenes auf einer Waage

Nach drei bis fünf[2] Monaten hat ein gesunder Säugling sein Geburtsgewicht verdoppelt und ist um etwa 15 Zentimeter gewachsen. Am Ende des ersten Lebensjahres wiegt das Kind etwa zehn Kilogramm, was rund dem dreifachen Geburtsgewicht entspricht,[2] und ist circa 75 Zentimeter groß. Je älter ein Kind ist, desto größer ist auch die Streubreite für das, was hinsichtlich Gewicht und Größe als normal gelten kann. Um dem Rechnung zu tragen, werden in der Medizin Vergleiche mit der nach Alter und Geschlecht üblichen Entwicklung von Größe und Gewicht nicht nach dem Durchschnittswert, sondern anhand sogenannter Perzentilen vorgenommen.

Auch die Beurteilung der Beziehung zwischen Körpergröße und Körpergewicht orientiert sich an solchen Relativwerten, berücksichtigt darüber hinaus aber noch weitere Faktoren. Von besonderer Bedeutung ist hier der Verlauf der individuellen Wachstumskurve.

Das Verhältnis von Kopf zu Rumpf beträgt beim Säugling etwa 1 zu 4, während beim Erwachsenen ein Verhältnis von 1 zu 8 vorliegt. Diese Art des Wachstums, das eine Proportionsänderung einschließt, nennt man allometrisches Wachstum.

Die Zeit zwischen der Empfängnis und dem zweiten Geburtstag sind für die Entwicklung über die gesamte Lebensdauer von besonderer Bedeutung, da in dieser Zeit zentrale Grundlagen für Gesundheit, Wachstum und die neuronale Entwicklung gelegt werden.[3]

Zahnentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ablauf des Zahndurchbruchs unterliegt einer breiten Streuung. Während einige Kinder schon früh zahnen, kann sich der Ablauf auch um mehrere Monate nach hinten verschieben. In der Regel brechen zuerst die unteren und dann die oberen Schneidezähne durch. Es folgen die seitlichen Schneidezähne, die Mahlzähne und schließlich die Eckzähne.

Sensomotorische Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter sensomotorischer Entwicklung wird die dynamische Wechselwirkung von Wahrnehmungen (über Sinnesreize) und reaktiver Bewegung (über das neuromuskuläre Zusammenspiel) verstanden. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass der Mensch in seinem ersten Lebensjahr auf ein angeborenes Lernprogramm zurückgreift, welches ihm ermöglicht, eine kontinuierliche Entwicklung von der Geburt bis zum aufrechten Stand zu vollziehen.

Schon Säuglinge sind – wie alle Menschen – Individuen. Sie sind verschieden und haben bereits Charaktereigenschaften. Es gibt eine sehr große Bandbreite an gesunden Entwicklungen und die Reihenfolge der erlernten Fähigkeiten kann verschieden sein.

Sprachentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den ersten Lebensmonaten beschränken sich die Lautäußerungen des Kindes auf gelegentliches Schreien als Unmutsäußerung. Mit etwa drei bis vier Monaten beginnt der Säugling langsam, zu lallen und zu brabbeln. Schon bald werden gezielte Lautäußerungen zur Kommunikation genutzt, indem der Säugling auf Ansprache mit einzelnen Vokalen antwortet. In dieser Zeit verbessert sich die Motorik des Stimmapparates, sodass am Ende der Säuglingsperiode in den meisten Fällen Doppelsilben wie „Mama“ oder „Papa“ gesprochen werden können.

Säuglingspflege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Säuglinge zeigen ein angeborenes Verhalten, Nähe zur Mutter zu suchen, um eine Bindung mit ihr zu fördern. Bei einer Trennung von der Mutter protestieren Säuglinge durch Schreien und durch Körperbewegungen. Tragen hat hingegen eine beruhigende Wirkung auf Säuglinge. Eine Studie fand 2013, dass in eine Wiege abgelegte Säuglinge öfter weinten und traten und eine erhöhte Herzfrequenz zeigten (die Säuglinge waren also gestresst). Während des Tragens (beim Umhergehen der Mutter) beruhigten sich die Kleinen jedoch deutlich. Der Effekt von unbewegtem Halten im Arm lag zwischen dem Tragen und dem Ablegen.[4]

Reflexe und Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reflexe sind unwillkürliche, regelhaft ablaufende Vorgänge als Antwort auf äußere Reize, aufgenommen hauptsächlich über Rezeptoren der Haut und Propriozeptoren sowie Organe des Gleichgewichtssinnes. Sie werden zentral über den Hirnstamm und das Zwischenhirn (Thalamus und Pallidum) vermittelt, die Antwort ist wenig variabel. Reaktionen sind komplexere Antworten auf äußere Reize, die in einem bestimmten Muster erfolgen. Die Muster können unterbrochen und verändert werden.

Alle frühkindlichen Reflexe und Reaktionen sind einem bestimmten Bereich und einem gewissen Integrationsniveau im Zentralnervensystem zugeordnet. Innerhalb eines bestimmten Zeitraumes gelten sie als physiologisch und werden erwartet. Sie begleiten die sensomotorische Entwicklung des Kindes in verschiedenen Phasen und werden später abgelöst. Im Folgenden werden nur einige für die Diagnose und Behandlung wichtige Reflexe und Reaktionen erläutert. Wenn nichts anderes vermerkt ist, wird die Rückenlage als Ausgangsstellung betrachtet.

Primitivreflexe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Palmarer Greifreflex

  • Bestreichen der Handinnenflächen mit dem Daumen ⇒ Greifen, Faustschluss
  • physiologisch: 0. bis 6. Lebensmonat., danach verhindert er den Handstütz und koordiniertes Greifen

Plantarer Greifreflex

  • Bestreichen der Zehenballen mit dem Daumen ⇒ Zehenkrallen
  • physiologisch: 0. bis 11. Lebensmonat., ab Laufbeginn stört bzw. verhindert er das Gehen

Moro

  • laute Geräusche oder Erschütterungen ⇒
  1. Abstreckphase (Anspannung der Streckmuskulatur und Kopfstreckung): Die Arme schnellen seitlich nach oben mit tiefem Luftholen und anschließendem Erstarren.
  2. Umklammerungsphase (Anspannung der Beugemuskulatur und Kopfbeugung): Die Arme werden wieder zum Rumpf geführt und das Kind beginnt sehr laut zu schreien.
  • physiologisch: ab 6. Woche nur noch Abstreckphase, baut ab mit der Fixierung des Kopfes

Galant

  • das Kind wird in Bauchlage in der Schwebe gehalten und man streicht fingerbreit seitlich längs der Wirbelsäule vom Schulterblatt bis zum Beckenkamm ⇒ Seitbeugung der Wirbelsäule und Kopfdrehung zur gleichen Seite
  • physiologisch: 0. bis 2. Lebensmonat., Abschwächung bis 5. Lebensmonat.

Schreitreflex (automatisches Gehen)

  • das Kind wird mit beiden Händen seitlich am Brustkorb getragen und man lässt die Füße wechselseitig geringes Gewicht übernehmen ⇒ das Kind schreitet voran.
  • physiologisch: 0. bis 3. Lebensmonat., die Beine müssen dabei gebeugt bleiben.

Extensorstoß

  • das Kind wird mit beiden Händen seitlich am Brustkorb getragen und man lässt die Füße gleichzeitig geringes Gewicht übernehmen ⇒ das Kind antwortet mit einer raschen Streckung der Beine und des Rumpfes.
  • physiologisch: 0. bis 3. Lebensmonat.

Tonische Reflexe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Säugling beim Babyschwimmkurs

Nach dem Abbau der Massenbewegungen und der Primitivreflexe entwickeln sich differenzierte Bewegungen, wobei der Muskeltonus von der Kopfstellung abhängt. Es entstehen tonische Reflexe, die bei einem gesunden Säugling aber nie so stark ausgeprägt sind, dass sie die Einnahme differenzierter Körperstellungen behindern. Wenn sie über den physiologischen Zeitraum hinaus andauern (persistieren), verhindern sie die Aufrichtung und die Entwicklung der Stell- und Gleichgewichtsreaktionen.

TLR (Tonischer Labyrinthreflex)

  • Vorbeugen des Kopfes ⇒ zunehmender Beugetonus
  • Rückstrecken des Kopfes ⇒ zunehmender Strecktonus
  • physiologisch: 0 bis 3. Lebensmonat.

STNR (Symmetrisch tonischer Nackenreflex)

  • Vorbeugen des Kopfes ⇒ Beugung der Arme und Streckung der Beine
  • Rückstrecken des Kopfes ⇒ Streckung der Arme und Beugung der Beine
  • physiologisch: 0. bis 3. Lebensmonat.

ATNR (Asymmetrisch tonischer Nackenreflex)

  • Seitwärtsdrehung des Kopfes ⇒ Gesichtseite: Arm gestreckt, Hand locker gefaustet, Bein gestreckt mit aufgesetztem Vorfuß, Hinterhauptseite: Arm gebeugt in lockerer U-Halte, Bein locker gebeugt mit Bodenkontakt. Diese Körperhaltung wird auch als Fechterstellung bezeichnet.
  • physiologisch: 4. bis 8. Woche

Stellreaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stellreaktionen dienen dazu, Kopf und Rumpf bei einer Lageveränderung im Raum einzustellen. Sie entwickeln sich nach dem Abbau der tonischen Reflexe, dienen der Antischwerkraftentwicklung und sind die Voraussetzung für die Stütz- und Gleichgewichtsreaktionen. Sie werden in die Willkürbewegungen integriert und bleiben in modifizierter Form ein Leben lang erhalten.

LSR (Labyrinthstellreaktion)

  • ab der 6. Woche beginnt das Kind, in Bauchlage den Kopf zu heben und ihn gegen die Schwerkraft einzustellen.
  • physiologisch: volle Entwicklung bis zum 5. Lebensmonat.

HSR (Halsstellreaktion)

  • Wird der Kopf in Rückenlage gedreht, folgt der Körper „en bloc“.
  • physiologisch: bis zum 3. Lebensmonat, danach sollte eine selektive Beweglichkeit möglich sein.

Körperstellreaktion auf den Körper

  • sie ermöglicht bei einer Drehung die Rotation zwischen Schulter- und Beckengürtel.
  • physiologisch: sie sollte bis zum 7. Lebensmonat voll entwickelt sein, wenn sich das Kind von Rückenlage in Bauchlage und wieder zurück drehen kann. Sie ist Voraussetzung für die Ausrichtung des Kopfes, des Rumpfes und der Extremitäten gegen die Schwerkraft.

Sprungbereitschaft

  • das Kind wird seitlich am Becken in Bauchlage getragen und zügig bodenwärts in Richtung einer Unterlage geführt ⇒ das Kind bringt die Arme zum Abstützen nach vorne.
  • physiologisch: ab dem 5. Lebensmonat auslösbar.

Verhalten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sozialverhalten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lächelnder Säugling

Einen Ausdruck des Lächelns zeigen Säuglinge schon in den ersten Lebenswochen, meist im Schlaf. Mit etwa 2 Monaten wird diese Ausdrucksbewegung als soziales Lächeln zur Antwort auf einen Kontakt.

Mit der Fähigkeit, zwischen bekannten und fremden Personen zu unterscheiden, werden auch die Antworten differenzierter. So kommt es zwischen etwa vier und acht Monaten zum Fremdeln, das eine Distanz gegenüber unbekannten Personen zeigt. Häufig beginnen Kinder in diesem Alter zu weinen, wenn sie von jemand anderem als der Mutter auf den Arm genommen werden.

Mit etwa neun Monaten fängt das Kind an, von sich aus Kontakt zu einem noch unbekannten Gegenüber aufzunehmen, etwa durch Lächeln. Gegen Ende der Säuglingsperiode kann das Kind dann vertrauten Personen auf verschiedene Weise seine Zuneigung ausdrücken.

Spielverhalten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während mit drei bis vier Monaten noch das Spiel mit den eigenen Fingern eine häufige Beschäftigung des Säuglings ist, kann das Kind schon bald durch die fortschreitende motorische Entwicklung seine Umgebung erkunden.

Mit etwa fünf bis sieben Monaten greift der Säugling nach umherliegenden Gegenständen. Schon jetzt können diese zwischen den Händen gewechselt werden. Mit Händen, Augen und Mund beginnt der Mensch, die äußere Form eines gegriffenen Gegenstand zu erforschen. Am Ende der Säuglingsperiode spielt das Kind mit Gegenständen und untersucht auch deren inneren Zusammenhalt, indem es sie schüttelt, wirft, damit klopft oder sie wiederholt herab fallen lässt.

Galerie: Neugeborene[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wissenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den letzten Jahren hat sich die Wissenschaft in diesem Bereich sehr verstärkt. Insbesondere Psychologen[5][6], hierbei insbesondere Entwicklungspsychologen beschäftigen sich mit der Entwicklung von Säuglingen.[7]

Prähistoriker fanden heraus, dass es bereits vor 3.000 Jahren Fläschchen für Säuglinge gab.[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

WiktionaryWiktionary: Säugling – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Säuglinge – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
WikibooksWikibooks: Babybuch – Lern- und Lehrmaterialien
  • Das 1. Lebensjahr – kindergesundheit-info.de: unabhängiges Informationsangebot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Das neugeborene Kind - Wissen für Mediziner. Abgerufen am 9. Dezember 2019 (deutsch).
  2. a b Wilfried de Nève, Wolfgang Presber (Hrsg.): Ergotherapie: Grundlagen und Techniken. 4. Auflage. Elsevier, Urban&FischerVerlag, 2003, ISBN 3-437-47980-6. S. 384 (Scan bei Google Buchsuche)
  3. UNICEF Office of Research- Innocenti: The first 1,000 days of life: The brain’s window of opportunity. Abgerufen am 28. März 2019 (englisch).
  4. Gianluca Esposito, Sachine Yoshida, Ryuko Ohnishi, Yousuke Tsuneoka, Maria del Carmen Rostagno: Infant Calming Responses during Maternal Carrying in Humans and Mice. In: Current Biology. Band 23, Nr. 9, Mai 2013, S. 739–745, doi:10.1016/j.cub.2013.03.041.
  5. Nora Schultz: Anfänge der Intelligenz: Schau mir in die Augen, Kleines! In: Spiegel Online. 30. Oktober 2012 (spiegel.de [abgerufen am 30. September 2019]).
  6. Babys Augen lügen nicht - wissenschaft.de. Abgerufen am 30. September 2019.
  7. Säuglingsforschung - Wie Babys die Welt entdecken. Abgerufen am 30. September 2019 (deutsch).
  8. WELT: Kinderernährung: Fläschchen für Säuglinge gab es schon vor 3000 Jahren. 26. September 2019 (welt.de [abgerufen am 30. September 2019]).
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt nicht eine Diagnose durch einen Arzt. Bitte hierzu den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!