Hypercholesterinämie

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Klassifikation nach ICD-10
E78.0 Reine Hypercholesterinämie
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Unter Hypercholesterinämie versteht man einen zu hohen Cholesterinspiegel im Blut. In der Literatur wird es auch in manchen Fällen gleichbedeutend mit Hyperlipoproteinämie verwendet.[1] Im Allgemeinen wird ab einem Gesamtcholesterin im Blut von 200 mg/dl, dem zurzeit empfohlenen Grenzwert, von einer Hypercholesterinämie gesprochen. Abhängig von der Bestimmungsmethode wird das Blut bei Nüchternheit (12 Stunden nach der letzten Mahlzeit) oder auch bei nicht nüchternen Patienten untersucht. Die Hypercholesterinämie wird als relevanter Risikofaktor insb. für Arteriosklerose betrachtet. Eine wesentliche Rolle für den Wert als eigenständiger Risikofaktor kommt dabei der ergänzenden Bestimmung der Unterkategorien HDL und LDL zu. Die Empfehlungen zu den Ober-, aber auch Untergrenzen der Messwerte im Hinblick auf die Risikokonstellation wurden in den vergangenen Jahrzehnten aufgrund neuer Studienergebnisse mehrmals angepasst. Sie sind zudem abhängig von ergänzend vorhandenen Risikofaktoren sowie dem Alter und Vorerkrankungen betroffener Patienten. In Europa gelten zum Beispiel die ESC/EAS Leitlinien zur Behandlung einer Dyslipidämie als Expertenkonsens. Diese beschreiben die Risikofaktoren, Risikoeinschätzung und Behandlungsmöglichkeiten einer Hypercholesterinämie.[2]


Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt vielerlei Ursachen eines erhöhten Cholesterinspiegels im Blut: erbliche Erkrankungen, aber auch Diabetes, Schilddrüsenunterfunktion, Bauchspeicheldrüsenentzündung, nephrotisches Syndrom, gewisse Lebererkrankungen, Übergewicht, Alkoholismus, Schwangerschaft, die Einnahme bestimmter Medikamente (zum Beispiel Verhütungsmittel, Kortikosteroide und antiretrovirale Wirkstoffe bei HIV-Therapie)[3] und Essstörungen.[4] Hohe Cholesterin Zunahme über die Nahrung können den LDL-C-Wert steigern, es ist aber umstritten, ob dieser Faktor eine große Rolle spielt, da die genetischen Faktoren viel bedeutender sind.

(→ Hauptartikel Hyperlipoproteinämie und Homozygote familiäre Hypercholesterinämie)

Bedeutung als Risikofaktor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hypercholesterinämie gilt als ein Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder periphere arterielle Verschlusskrankheit. Die anzustrebenden Zielwerte sind abhängig vom Vorhandensein weiterer Risikofaktoren und Vorerkrankungen. Allgemein sollte bei einem Gesamtcholesterinspiegel im Blut von über 200 mg/dl eine weitere Aufdifferenzierung in LDL- (Low Density Lipoprotein) und HDL- (High Density Lipoprotein) Cholesterin erfolgen, da das LDL-Cholesterin als Risikofaktor gilt (in der Laiensprache als "schlechtes Cholesterin" bekannt). HDL-Cholesterin wird manchmal als "gutes Cholesterin" bezeichnet.

Prävention kardiovaskulärer Ereignisse

Besondere Bedeutung kommt der Hypercholesterinämie als Risikofaktor für kardiovaskuläre Ereignisse (z. B. Herzinfarkt) sowohl bei jüngeren als auch älteren Erwachsenen.[5][6][2]

Primärprävention des Schlaganfalls

Eine medikamentöse Lipidsenkung ist von LDL-Wert und individuellem Risikoprofil abhängig zu machen. Bestehen keine zusätzlichen Risikoindikatoren sollte der LDL-Wert unter 130 mg/dl liegen (oder therapeutisch unter diesen Wert gebracht werden). Liegen ein Diabetes mellitus, ein erhöhtes vaskuläres Risiko oder eine KHK vor, sollte er unter 100 mg/dl liegen,[1], und bei Höchstrisikopatienten sogar unter 70 mg/dL[2]. Dieser Wert gilt auch als Risikofaktor für eine Subarachnoidalblutung.[7]

Sekundärprävention des Schlaganfalls

Eine Hypercholesterinämie wird hier zwar als ursächlich für das Voranschreiten einer Arteriosklerose betrachtet, welches zu einem Schlaganfall führen kann - oft in kombination mit Hypertonie und anderen Risikofaktoren. Als Sekundärprävention eines Schlaganfalls (d.h;nach erlittenem Schlaganfall) gilt ein LDL-Cholesterin Zielwert laut den 2016 ESC/EAS Leitlinien von unter 70 mg/dl.

Aneurysmen

Die Hypercholesterinämie wird als "minor Risk factor" für die Entstehung von Bauchaorten- und Beckenarterienaneurysmen eingestuft.[8]

Weitere Bedeutung

Die Hypercholesterinämie gilt als relative Kontraindikation für den Einsatz von Ovulationshemmern.[9] Für die ketogene Diät (kohlenhydratarme, energie- und proteinbilanzierte sowie extrem fettreiche Diät - imitiert den metabolischen Zustand des Fastens)[10] gilt die Hypercholesterinämie als Kontraindikation.

Behandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorrangige Maßnahmen sind Gewichtsreduktion und sportliche Aktivität.[11] Hilfreich dafür können eine cholesterinarme, fettreduzierte, kalorienangepasste und ballaststoffreiche Diät sowie eine sportliche Betätigung. Reduziert sich der Cholesterinspiegel trotz dieser Maßnahmen nicht ausreichend, kann eine zusätzliche medikamentöse Behandlung mittels Statinen notwendig werden.[11] Wie stark der Cholesterinspiegel gesenkt werden soll, ist von den oben genannten individuellen Faktoren abhängig in den ESC/EAS Leitlinien genau erläutert.

Zur Senkung kommen sogenannte CSE-Hemmer (Cholesterin-Synthese-Enzym-Hemmer) vom Typ der HMG-CoA-Reduktase-Inhibitoren in Frage, die zur Verminderung des LDL-Cholesterins führen, indem sie unter anderem dessen Neubildung in der Leber hemmen. Diese Arzneistoffe sind als Statine bekannt. Weitere LDL-senkende Medikamente sind die Austauschharze (Colestyramin, Colesevelam). Des Weiteren gibt es die Wirkstoffgruppen der Fibrate und Nikotinsäurederivate die aber in der Praxis nach den neueren Studien an Bedeutung verloren haben. [ESC Leitlinie] Nikotinsäurederivate sind sogar in den meisten Ländern nicht mehr zugelassen.[2] Zudem gibt es auch Ezetimib, ein selektiver Cholesterinresorptionshemmer, der nach den ESC/EAS Leitlinien als Zweitlinien- oder Kombinationstherapie zur zusätzlichen LDL-Cholesterin-Senkung angewandt werden kann. Für therapieresistente Fälle mit hohem kardiovaskulärem Risiko oder bei einer erblich bedingten Störung des Fettstoffwechsels stehen seit Ende 2015 zwei vollhumane Antikörper gegen das Protein Proproteinkonvertase Subtilisin/Kexin Typ 9 zur Verfügung, die PCSK9-Hemmer Alirocumab und Evolocumab. Sie senken das LDL-Cholesterin um durchschnittlich 57 %.[12] Als Ultima Ratio kann bei progredienter kardiovaskulärer Erkrankung unter maximaler lipidsenkender Therapie auch die LDL-Apherese eingesetzt werden.

Prävention kardiovaskulärer Ereignisse

Eine Reduktion der Rate kardiovaskulärer Ereignisse durch Verminderung einer bestehenden Hypercholesterinämie konnte in verschiedenen Altersgruppen festgestellt werden und auch bei Patienten mit Typ II Diabetes mellitus.[2]

Primärprävention des Schlaganfalls

Der Nutzen von Statinen ist für Hochrisikopatienten insbesondere zur Vorbeugung gegen eine Atherothrombose statistisch belegt und wird daher auch für diese Gruppe von Patienten empfohlen.[1][13]

Sekundärprävention des Schlaganfalls

Nach einem ischämischen Schlaganfall wird eine Statintherapie auch bei normalem Cholesterinspiegel empfohlen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Leitlinie Primär- und Sekundärprävention der zerebralen Ischämie
  2. a b c d e Dyslipidaemias 2016 (Management of). ESC, abgerufen am 29. Januar 2017.
  3. S1-Leitlinie Empfehlungen zur antiretroviralen Therapie bei HIV-infizierten Kindern. In: AWMF online
  4. S1-Leitlinie Essstörungen. In: AWMF online
  5. Diagnostik und Therapie von Herzerkrankungen bei Diabetes mellitus
  6. Leitlinie Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Alter
  7. S1-Leitlinie Subarachnoidalblutung. In: AWMF online
  8. S2-Leitlinie Abdominelles Aortenaneurysma (AAA). In: AWMF online
  9. S1-Leitlinie Empfängnisverhütung. In: AWMF online
  10. S1-Leitlinie Ketogene Diät. In: AWMF online
  11. a b S1-Leitlinie Primär- und Sekundärprävention der zerebralen Ischämie. In: AWMF online
  12. M. J. Lipinski, U. Benedetto, R. O. Escarcega u. a.: The impact of proprotein convertase subtilisin-kexin type 9 serine protease inhibitors on lipid levels and outcomes in patients with primary hypercholesterolaemia: a network meta-analysis. In: Eur. Heart J.. 2015. doi:10.1093/eurheartj/ehv563. PMID 26578202.
  13. S3-Leitlinie Schlaganfall. In: AWMF online
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