Kinder- und Jugendparlament

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Kinder- und Jugendparlament Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf im Juni 2011
Jugendparlament

Ein Kinder- und Jugendparlament, -(stadt)rat oder -forum stellt eine konkrete Umsetzung von Jugendpartizipation dar.

Ein dem Jugendrat Remscheid gewidmetes Wandgemälde (Ausschnitt)

In Jugendparlamenten nehmen Vertreter Interessen für Kinder und Jugendliche gegenüber den jeweiligen Gemeinden wahr. Dabei werden Fragen zur Schulhofgestaltung, zu Radwegen oder Freizeitanlagen ebenso behandelt wie auch Probleme des Umweltschutzes. Mögliche Lösungsvorschläge werden in Form von Anträgen den Politikern vorgelegt. Es ist auch möglich, dass das Jugendparlament einen eigenen Etat zur Verfügung hat, über den es frei verfügen kann.

Dagegen ist ein Kinder- und Jugendforum eine niedrigschwellige partizipatorische Form eines Jugendparlamentes. Hierbei kann jeder Jugendliche sich in Projektgruppen beziehungsweise Arbeitsgruppen engagieren und selbst solche gründen.

Staaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1960er Jahren entstanden in vielen deutschen Städten Jugendparlamente, um Jugendliche in der Nachkriegszeit an die Demokratie heranzuführen und zugleich die aufkommende Jugendprotestbewegung zu kanalisieren. Zusammensetzung, Befugnisse und Tagungsweise dieser Parlamente unterschieden sich. Als besonders wegweisend gilt das Wolfsburger Jugendparlament, das 1962 unter anderem von Walter E. Lellek ins Leben gerufen wurde.[1]

Jugendräte oder Ähnliches sind seit den 1980er-Jahren in Deutschland und anderen europäischen Ländern verstärkt gefördert worden. Als geläufige Form der Jugendpartizipation haben sie sich aber noch nicht durchgesetzt.

Beispielsweise treffen sich seit 2004 die Jugendgremien aus Nordrhein-Westfalen in Herne. Im sogenannten „Workshop unter Palmen“ (WuP) 2006 wurden die fünf Sprecher des Kinder- und Jugendrates NRW gewählt. Diese leiteten die erste Sitzung im Januar 2007 im Familienministerium. Minister Armin Laschet eröffnete die rund dreistündige Sitzung, an der viele Jugendgremien mit je zwei Vertretern (ein Stimmberechtigter und ein Vertreter) teilnahmen.

2003 wurde in Berlin das Kinder- und Jugendparlament Charlottenburg-Wilmersdorf gegründet. Zwei Jahre später folgte das Kinder- und Jugendparlament Tempelhof-Schöneberg. Die Unabhängigkeit von Erwachsenen sowie die Arbeitsweise variiert stark.

In Bayern wurde bereits mehrfach versucht, einen überregionalen Dachverband zu finden. Hauptinitiatoren waren das Jugendparlament Pfaffenhofen sowie der Jugendrat Dachau. Seit März 2012 besteht der "Verband bayerischer Jugendbeteiligungsplattformen", nachdem eine erneute Initiative aus Pfaffenhofen, einen solchen Verband zu gründen, erfolgreich durchgeführt wurde.[2] Nachdem dieser Versuch jedoch an mangelnder Kommunikation scheiterte, löste sich der Verband auf. Wenige Jahre später unternahmen bayerische Jugendvertretungen einen neuen Versuch, der mit der Gründung des Dachverbandes der bayerischen Jugendvertretungen am 19. März 2022 einen Erfolg darstellte. Am Gründungstag waren bereits 44 delegierte Mitglieder aus allen bayerischen Himmelsrichtungen anwesend, die einen bunten Vorstand aus verschiedenen Städten wählten. Die Stellvertreterin der Akademie für Kinder- und Jugendparlamente zeigte sich im Angesicht der schnellen, erfolgreichen und kompetenten Planung beeindruckt. In der Anfangsphase erstellt der DVBJ einen Katalog aller bayerischen Jugendvertretungen, gründet Arbeitsgruppen und rekrutiert neue Mitglieder.[3]

Das Goethe-Institut hat in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern internationale Jugendparlamente organisiert, so in den Jahren 2007/2008 ein deutsch-russisches Jugendparlament[4] und 2010 das Jugendparlament Lateinamerika – Europa – Afrika: ein verbindender Dialog[5].

2019 wurde in Nordrhein-Westfalen die Initiative Jugendparlament e.V. mit dem Ziel gegründet, deutschlandweit an Standorten ohne Jugendparlament, auf die Gründung eines solchen hinzuwirken.[6]

Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Graz werden seit etwa 2015 jährlich Kinderbürgermeisterin und -bürgermeister und je einE StellvertreterIn, also in Summe zwei Buben und zwei Mädchen gewählt. Das Mitbestimmungsprojekt wird vom Kinderbüro Graz im Auftrag des Gemeinderats / des Magistrats durchgeführt. Stimmberechtigt sind Kinder von 6 bis 14. Die Stimmen können 2022 vom 7.–13. März online (kinderbuero.at), per Wahlkarte und in Schulen sowie am 14. in Urnen vor dem Rathaus abgegeben werden. 6 Kandidaten (3 Mädchen, 3 Buben; 2 der amtierenden treten wieder an) werden auch in einem Artikel einer Regional-Gratiszeitung präsentiert.[7]

Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Schweiz entstehen Kinder- und Jugendräte mit Unterstützung der Kinder- und Jugendarbeit. Die Aufgabe liegt in der Kompetenz der einzelnen Gemeinde und kann nicht vom Kanton vorgegeben werden. Deshalb entstehen unterschiedliche Formen und Gefässe. Der Dachverband Schweizer Jugendparlamente unterstützt die einzelnen Mitglieder auf freiwilliger Basis.

Auf nationaler Ebene existiert in der Schweiz die Eidgenössische Jugendsession. Sie ist ein jährlich stattfindender Anlass, bei welchem 200 Jugendliche im Bundeshaus politische Forderungen erarbeiten und diese dem Präsidenten oder der Präsidentin des Nationalrates übergeben. Die Forderungen werden den Parlamentskommissionen in der Form von Petitionen weitergeleitet. Die Eidgenössische Jugendsession wird von der Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände organisiert.

Liechtenstein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Liechtenstein besteht die Jugendbeteiligung Liechtenstein (JUBEL) als Partizipationsmodell für junge Leute im Pflichtschulalter.[8] Um die Lücke zwischen dem Austritt aus der Pflichtschule und dem offiziellen Wahlalter zu schließen, wurde von Jugendlichen ein Jugendrat Liechtenstein gegründet.[9][10]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Alexander Buerstedde: Aufbruch aus der Retorte? Der bundesrepublikanische Jugendparlamentarismus der langen 1960er Jahre zwischen Reform und Revolte. Wallstein, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8353-3567-7.
  2. Pfaffenhofener zum Vorsitzenden der bayerischen Jugendparlamente gewählt Onlineartikel im Donaukurier vom 19. März 2012; abgerufen: 31. Oktober 2012
  3. Aufgaben und Ziele. In: DVBJ. Abgerufen am 21. Mai 2022 (deutsch).
  4. Deutsch-russisches Jugendparlament in Wiesbaden und St. Petersburg 2007/2008.
  5. Jugendparlament Lateinamerika – Europa – Afrika. vom 5. bis lernen die Jugendlichen an zwei Tagen verschiedenes zum Thema Jugendpolitik. 2005 ist der erste überregionale Jugendrat entstanden. zum 11. Juli 2010
  6. Startseite | Jugendparlament | Hamm. Abgerufen am 18. August 2020 (englisch).
  7. Marco Steurer: Kinder an die Macht: Diese Kinder stellen sich der Kinderbuergermeisterwahl meinbezirk.at, 9. März 2022, abgerufen am 9. März 2022.
  8. Über JUBEL (Memento des Originals vom 30. September 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/jubel.li abgerufen am 8. August 2013
  9. Geschichte - Jugendrat Liechtenstein abgerufen am 14. Januar 2015
  10. Weitere Jugendparlamente - dsj.ch (Memento des Originals vom 15. Juni 2015 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.jugendparlamente.ch abgerufen am 13. Januar 2015