Klingelpütz

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Köln, Klingelpütz
(Gedenkstein für die während des Nationalsozialismus Hingerichteten)
Ehemaliges Klingelpützgelände

Klingelpütz war und ist weiterhin ein im Volksmund gebräuchlicher Name für das Gefängnis in Köln, ursprünglich die Anschrift des abgerissenen Gefängnisses am Gereonswall.

Entstehungsgeschichte und Name[Bearbeiten]

Eigentümer des Areals war im 13. Jahrhundert die Familie Clingelmann, auf deren Grundstücksfläche sich mehrere Brunnen befanden. Brunnen heißt in Kölsch Pütz (von lateinisch puteus oder französisch puits „Brunnen“, „Schacht“), siehe auch niederdeutsch/ruhrdeutsch Pütt. In der Kölner Umgangssprache war von „dä Klingelmannspöötz“ die Rede, in einer Aufzeichnung aus 1349 wird er als aput clingilmansputze erwähnt, später zu Klingelpütz umgeformt und offiziell als Straßenname eingeführt. Der offizielle Straßenname ist seit 1263 urkundlich belegt.

Vorherige Bebauung[Bearbeiten]

Im Jahre 1426 wurde hier das von großen Gärten umgebene Augustiner-Kloster Herrenleichnam begründet, bereits zuvor befand sich an gleicher Stelle eine Wallfahrtsstätte, deren Gebäude und Kapelle weiterverwandt und in der Folge umgebaut und erweitert wurden. Der Konvent hatte das Grundstück 1426 erworben und 1454 weitere Flächen für eine bauliche Erweiterung hinzugekauft. Unter französischer Besatzung diente die Klosteranlage ab 1793 als Krankenhaus kriegsgefangener französischer Truppen und wurde 1805 abgerissen. Erwerber des nunmehr freien Grundstücks war der Gärtner Matthias Bilstein.

Errichtung des Gefängnisses[Bearbeiten]

Detail einer Zellentür im Klingelpütz, Depotbestand des Kölnischen Stadtmuseums

Am 28. Juni 1833 wurde das Grundstück Klingelpütz 21 mit einer Fläche von 26.267 m² durch Kaufvertrag mit der Stadt Köln preußisches Staatseigentum[1]. Nach einem Entwurf des Kölner Regierungsbaumeisters Matthias Biercher entstand ab 29. Mai 1835[2] der erste Gefängnisneubau in der preußischen Rheinprovinz. Das Übergabeprotokoll des Gefängnisses datiert vom 15. Oktober 1838. Das Gefängnis war für insgesamt 800 Insassen geplant und ein viergeschossiger Ziegelsteinbau mit zwei Gefängnismauern, die äußere 6,28 m hoch. Das Mittelgebäude wurde in der Form eines Oktagons errichtet. Im März 1843 erfolgte die Erweiterung um einen Einzelhaftflügel für 180 Personen. Bereits seit 1841 war das Gefängnis zu klein, so dass im Bayenturm und in der Severinstorburg Notgefängnisse eingerichtet werden mussten. Berühmter Insasse war 1874 Kardinal Paulus Melchers.

Hinrichtungen und NS-Zeit[Bearbeiten]

Zum Zweck seiner Hinrichtung war der Serienmörder Peter Kürten während der zwei Tage vor seinem Tod im Klingelpütz untergebracht, er wurde hier am 2. Juli 1931 hingerichtet, weil das Düsseldorfer Gefängnis über keinen von außen uneinsehbaren Hof verfügte. Eine vergleichbare Praxis wurde während der Zeit des Nationalsozialismus fortgesetzt, denn das Gefängnis erfüllte die Funktion als zentrale Hinrichtungsstätte für die Sondergerichte des Rheinlandes. Auch fanden hier Hinrichtungen für den Volksgerichtshof und das Reichsgericht statt. Es wird geschätzt, dass über 1.000 Menschen im Klingelpütz mit dem Fallbeil oder, in Einzelfällen, mit dem Handbeil hingerichtet wurden. Einer der Flügel des in der NS-Zeit stark überbelegten Gefängnisses war ab dem Jahr 1944 für die Nutzung durch die Gestapo reserviert. Im gleichen Jahr kam es durch einen Bombentreffer zur Verschlimmerung der ohnehin beengten Haftbedingungen. Alleine im Jahre 1944 waren hier über 10.000 Gefangene untergebracht. Am 30. Oktober 1945 werden 80 Leichen von politischen Gefangenen im Gefängnishof ausgegraben. Sie waren erschlagen oder erdrosselt worden, als sie am 15. Januar 1945 in das KZ Buchenwald abtransportiert werden sollten[3].

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

Auf der Gefängnisfläche standen ursprünglich sieben Brunnen, von denen der letzte im Jahre 1951 verfüllt wurde. Zwischen 1960 und 1969 flohen aus dem veralteten Klingelpütz 27 Häftlinge[4]. Außerdem geriet das Gefängnis Mitte der 1960er Jahre äußerst negativ in die Schlagzeilen der Gazetten: es fanden zahlreiche körperliche Übergriffe von Vollzugsbediensteten auf Gefangene und unter Gefangenen statt. Die Dienst- und Fachaufsicht wurde daraufhin verstärkt, indem spezielle Justizvollzugsämter (in Köln und Hamm) als Mittelbehörden geplant und zu Beginn der 1970er Jahre in Betrieb genommen wurden. Der Abriss des alten Klingelpütz wurde durch Sprengung am 4. Juni 1969 vorgenommen, nachdem das neue Gefängnis in Köln-Ossendorf bereits teilweise fertiggestellt war.

Neues Gefängnis[Bearbeiten]

„Der Stein des Anstoßes“. Denk–Mal von drinnen nach draußen, Bildhauerprojekt des Maßstab e. V. (Sommer 2000 im Kölner Gefängnis, Olaf B.)

Die Grundsteinlegung für das neue Gefängnis in Köln-Ossendorf fand bereits am 3. November 1961 statt. Die Verlegung der Gefangenen nach Ossendorf begann mit einem Teilbezug im November 1968, der Rest folgte nach Fertigstellung im Mai 1969. Das neue Gefängnis weist 863 Haftplätze für Männer und 271 Zellenplätze für Frauen auf. Berühmte Insassen waren hier die Terroristen Ulrike Meinhof und Andreas Baader, Spion Günter Guillaume oder Bankier Iwan David Herstatt. Obwohl dieses neue Gefängnis offiziell „JVA Köln“ heißt, hat sich der Name Klingelpütz hierfür erhalten.

Bebauung des ehemaligen Geländes[Bearbeiten]

Heute befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Gefängnisses an der Straße „Klingelpütz“ der „Klingelpützpark“ mit Jugendzentrum und Spielplatz. Zur Erinnerung an das Gefängnis Klingelpütz als nationalsozialistische Hinrichtungsstätte befindet sich hier ein von Hans Karl Burgeff gestalteter Gedenkstein, der zum 40. Jahrestag des Kriegsbeginns 1939 am 1. September 1979 der Öffentlichkeit übergeben wurde. Er trägt die Inschrift „Hier wurden von 1933–1945 über tausend von der nationalsozialistischen Willkürjustiz unschuldig zum Tod Verurteilte hingerichtet.“

Literatur[Bearbeiten]

  • Holger Kempkes: Corpus Christi, genannt Herrenleichnam. In: Colonia Romanica. Jahrbuch des Fördervereins Romanische Kirchen Köln e.v. X. 1995. Kölner Kirchen und ihre mittelalterliche Ausstattung. Band 1. Greven Verla. Köln 1995. Issn 0930-8555. S. 133-140.
  • Susanne Braun: Das Gefängnis als staatliche Bauaufgabe dargestellt am Beispiel der Kölner Strafanstalt „Der Klingelpütz“ (1834-1838 und 1843-1845). Köln 2004, (Dissertation, urn:nbn:de:hbz:38-11270).
  • Marcel Montarron: Histoire des Crimes Sexuels, Presses de la Cité Pocket, Paris 1971, ISBN 2-266-00511-1, S. 63.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Susanne Braun, Das Gefängnis als staatliche Bauaufgabe dargestellt am Beispiel der Kölner Strafanstalt "Der Klingelpütz" (1834–1838 und 1843–1845), Dissertation 2004, S. 160
  2. Susanne Braun, S. 163.
  3. Peter Fuchs, Chronik zur Geschichte der Stadt Köln, Band 2, 1991, S. 269.
  4. Kölnische Rundschau vom 6. August 2009, Ein Knast kommt in die Jahre

50.9444444444446.9494444444444Koordinaten: 50° 56′ 40″ N, 6° 56′ 58″ O