Kritias

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Dieser Artikel befasst sich mit Kritias, dem Sohn des Kallaischros. Für weitere Bedeutungen siehe Kritias (Begriffsklärung).

Kritias (griechisch Κριτίας Kritías; * um 460 v. Chr.; † 403 v. Chr. bei Munychia) war ein athenischer Politiker, Philosoph, Schriftsteller und Dichter.

Leben[Bearbeiten]

Kritias stammte aus einer vornehmen und reichen Familie. Sein Vorfahre Dropides, der in Athen 593/592 v. Chr. eponymer Archon war, also ein Jahr lang das höchste Staatsamt ausübte, war ein Freund und Verwandter des legendären athenischen Gesetzgebers Solon.[1] Periktione, die Mutter des Philosophen Platon, war seine Cousine.

Philosophisch wird Kritias den Sophisten zugeordnet. Dazu passt der Umstand, dass sich seine überlieferten philosophischen Äußerungen durch deutlichen moralischen Relativismus auszeichnen. Biographisch gehörte er aber schon zu den Sokrates-Schülern, wobei sich Sokrates nach Xenophon von ihm deutlich distanziert haben soll.

Nach Ende des Peloponnesischen Krieges mit der Niederlage Athens riss Kritias zusammen mit 29 weiteren Oligarchen („Rat der Dreißig“) und mit Hilfe der spartanischen Besatzer die Staatsgewalt an sich und begann, nachdem er seinen Widersacher Theramenes ausschalten konnte, mit der systematischen Ermordung politischer Gegner und der Verfolgung reicher Metöken, um deren Vermögen an sich zu bringen. Einige Autoren, insbesondere Karl Popper, glauben, dass er durch Konspiration mit dem Feind zur Niederlage seiner Heimatstadt beigetragen hat. Prominente Beispiele für die Verfolgung sind der berühmte Redenschreiber Lysias und sein Bruder Polemarchos. Auch der berühmte Athlet Autolykos, den Xenophon in seinem „Gastmahl“ beschreibt, wurde von den Dreißig umgebracht. In nur acht Monaten verloren während der Herrschaft der Oligarchen 1500 Athener gewaltsam ihr Leben. Erst der von Thrasybulos geführte Aufstand beendete die Herrschaft der Dreißig. Kritias fiel bei den Kämpfen im Gebiet des Munychia.

Werke[Bearbeiten]

Kritias verfasste eine Reihe von Werken teils in Prosa, teils in Versen, von denen nur Fragmente erhalten sind. In der Forschung seit langem umstritten ist die Frage, ob er auch Tragödien gedichtet hat. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff hat ihm eine Tetralogie von drei Tragödien (Tennes, Rhadamanthys und Peirithus oder Peirithoos) und einem Satyrspiel (Sisyphos) zugeschrieben. Ein erhaltenes Fragment von 42 Versen stammt nach dieser Hypothese aus dem Sisyphos des Kritias. Die Herkunft des Fragments aus einem Satyrspiel ist nicht sicher, aber wahrscheinlich. Nach heutigem Forschungsstand sind die 42 Verse allerdings eher Euripides zuzuschreiben als Kritias. Auch die Tragödien – aus dem Peirithus und dem Rhadamanthys sind Fragmente erhalten – stammen möglicherweise von Euripides.[2]

Literarische Figur[Bearbeiten]

Kritias ist eine der Figuren, die Platon des Öfteren in seinen Dialogen auftreten lässt. Es ist aber umstritten, welcher Kritias im Timaios und dann auch im Kritias den Mythos von Atlantis erzählt; es könnte auch eine ältere Person gleichen Namens gemeint sein[3]. Weitere platonische Dialoge, in denen Kritias vorkommt, sind Charmides und Protagoras sowie der pseudo-platonische Eryxias.

Seither wurde Kritias auch in zahlreichen anderen literarischen Werken porträtiert, etwa in dem populärwissenschaftlichen Roman „Atom“ von Karl Aloys Schenzinger sowie zuletzt in dem historischen Roman „Mord im Garten des Sokrates“ von Sascha Berst.

Literatur[Bearbeiten]

  • Alfred Breitenbach: Kritias und Herodes Attikos: Zwei Tyrannen in Philostrats Sophistenviten. In: Wiener Studien 116, 2003, S. 109–113.
  • J. K. Davies: Athenian propertied families, 600–300 BC. Clarendon Press, London 1971.
  • György Németh: Kritias und die Utopie der Tyrannen. In: Acta Antiqua 40, 2001, S. 357–366, doi:10.1556/AAnt.40.2000.1-4.31.
  • György Németh: Kritias und die Dreißig Tyrannen. Untersuchungen zur Politik und Prosographie der Führungselite in Athen 404/403 v. Chr. (= Heidelberger althistorische Beiträge und epigraphische Studien. Bd. 43). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-515-08866-0.
  • Thomas G. Rosenmeyer: The family of Critias. In: American Journal of Philology 70, 1949, S. 404–410.
  • Dorothy Stephans: Critias. Life and Literary Remains. Cincinnati 1939 (Dissertation)
  • Mario Untersteiner: The Sophists. Barnes & Noble, New York 1954.
  • S. Usher: Xenophon, Critias, and Theramenes. In: Journal of Hellenic Studies 88, 1968, S. 128–135.
  • H. T. Wade-Gery: Kritias and Herodes. In: H. T. Wade-Gery: Essays in Greek History. Blackwell, Oxford 1958, S. 271–292.

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Platon, Timaios 20e und Charmides 155a. Vgl. John K. Davies: Athenian Propertied Families, 600–300 B.C., Oxford 1971, S. 322–326.
  2. Eine Übersicht über die Forschungsdiskussion und deren Ergebnisse bieten Bernhard Zimmermann und Rebecca Lämmle in: Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike, Band 1: Die Literatur der archaischen und klassischen Zeit, München 2011, S. 608f., 660f.
  3. Vgl. z.B. Laurence Lampert und Christopher Planeaux: Who's Who in Plato's Timaeus-Critias and Why, in: The Review of Metaphysics Bd. 52 Nr. 1, 1998, S. 87-125.