Xenophon

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel befasst sich mit Xenophon aus Athen; zu anderen Namensträgern siehe Xenophon (Begriffsklärung).
Xenophon
Sokrates (rechts) und möglicherweise Xenophon (links). Detail aus der Schule von Athen von Raffael, 1510-1511

Xenophon (griechisch Ξενοφῶν; * zwischen 430 und 425 v. Chr. in Athen; † nach 355 v. Chr. in Korinth[1]) war ein antiker griechischer Politiker, Feldherr und Schriftsteller in den Bereichen Geschichte, Ökonomie und Philosophie.

Leben[Bearbeiten]

Was man heute über Xenophons Leben weiß, ist im Wesentlichen seinen eigenen Werken und einer philosophiegeschichtlichen Schrift aus dem 3. Jahrhundert[2] entnommen.[3]

Xenophon, Sohn des Gryllos, war Athener aus dem Demos Erchia.[4] Er stammte aus einer wohlhabenden Familie, vermutlich aus dem „Ritterstand“,[5] die eher oligarchisch gesinnt war. Er wurde bereits in jungen Jahren (zwischen 410 und 401 v. Chr.) ein Anhänger des athenischen Philosophen Sokrates, der ihm einer Anekdote zufolge in einer engen Gasse den Weg versperrt habe und ihn gefragt haben soll, wo man diverse Lebensmittel kaufen könne. Nachdem der junge Xenophon geantwortet hatte, fragte ihn Sokrates: „Und wo werden die Menschen edel und tüchtig?“ Xenophon wurde stutzig und soll Sokrates seitdem gefolgt sein.[6] Auch wenn die Bekanntschaft mit Sokrates nicht lange gedauert haben kann (Xenophon verließ Athen 401 v. Chr., Sokrates starb während seiner Abwesenheit 399 v. Chr.), hielt Xenophon an Sokrates fest und verfasste lange Zeit später Dialoge, in denen Sokrates als Hauptakteur Gespräche mit anderen führt.

Im Jahr 402 v. Chr. war der Grieche Proxenos von Theben vom persischen Prinzen Kyros beauftragt worden, für einen Feldzug griechische Söldner anzuwerben, woraufhin dieser unter anderen auch Xenophon ins Heerlager nach Sardes einlud. Xenophon berichtet, unschlüssig gewesen zu sein,[7] da es in Athen mit Sicherheit nicht gern gesehen war, dass Athener in den Dienst der Perser traten, zumal Kyros sich im peloponnesischen Krieg auf die Seite des verfeindeten Sparta gestellt hatte. Er entschied deshalb, extra nach Delphi zu reisen und das dortige Orakel zu befragen. Xenophon stellte die Frage aber nach eigener Aussage selbst so, dass er nicht zur Antwort erhielt, ob er reisen sollte, sondern nur, an welche Götter er sich wenden sollte, um die Reise heil zu überstehen. So reiste er 401 v. Chr. ins Achämenidenreich.[7]

Xenophon begleitete den griechischen Teil des sogenannten Zuges der 10.000 anfangs als Zivilist ohne militärische Funktion.[7] Der Anführer Kyros fiel aber bereits 401 v. Chr. in der Schlacht bei Kunaxa. Das Heer löste sich auf und der griechische Söldnertrupp musste versuchen, sich alleine bis ans Meer durchzuschlagen. Als auch deren Führer, Proxenos von Theben, fiel, wurde Xenophon, dessen Stimme schon vorher immer gewichtiger wurde, als neuer Befehlshaber gewählt, lehnte aber nach eigenen Angaben ab.[8] Xenophon gelangte mit dem Heer ans Schwarze Meer, dann über Byzantion nach Pergamon.

In den darauffolgenden Jahren schloss sich der in Athen unerwünschte Xenophon den Spartanern und ihrem von Agesilaos geführten Heer an. Diese schenkten ihm daraufhin ein Landgut in Skillus, auf das er sich in den 380er-Jahren mit seiner Frau Philesia und den zwei Söhnen zurückzog. Dort kümmerte er sich um die Wirtschaft und widmete sich geistigen Betätigungen. Hier entstanden die geschichtlichen Werke Anabasis und Hellenika sowie eine ökonomische Schrift und philosophische Dialoge. 371 v. Chr. fiel Skillus allerdings und Xenophons Familie übersiedelte nach Korinth. 367/366 wurde das Verbannungsurteil Athens über Xenophon aufgehoben, worauf er sich, wie man aber nur annehmen kann, nach 35 Jahren dorthin zurückbegab, dann aber laut Diogenes Laertios[9] in Korinth starb.[10]

Über Beziehungen zu anderen Sokratesschülern wissen wir nicht viel, zu Platon[11] und Aristippos von Kyrene[12] soll er aber in einem schlechten Verhältnis gestanden haben. Diogenes Laertios führt es auf eine Rivalität der beiden Philosophen zurück, dass sowohl Xenophon wie Platon ein Gastmahl und eine Verteidigungsrede des Sokrates verfasst haben. Ferner habe der eine moralische Abhandlungen, der andere seine Memorabilia geschrieben und Platon die Erziehung des Kyros (es gibt eine Schrift Xenophons dazu) als Fiktion abgetan.[12] Einige Forscher finden in den Memorabilien[13] Xenophons zahlreiche Reminiszenzen an die Dialoge Platons.[14]

Nachwirkung[Bearbeiten]

Xenophons Werke, insbesondere die sokratischen Schriften und die Anabasis, waren unter anderem wegen ihrer nüchtern-klaren Sprache beliebt (er wurde unter anderem von Marcus Tullius Cicero gelesen und gelobt); er bleibt auch bis heute ein wichtiges Stilvorbild für das attische Griechisch. Da Xenophon teilweise Augenzeuge der berichteten Ereignisse war, ist er außerdem eine wichtige Quelle für die griechische Geschichte des 4. Jahrhunderts v. Chr. und hat in neuerer Zeit wieder das Interesse der Forschung erregt. Auch für die Philosophiegeschichte ist er von Bedeutung als kritische Ergänzung zur Darstellung des Sokrates in den Werken Platons. Seine Werke Hipparchikos und Über die Reitkunst werden heute vielfach als Grundlage der Hippologie gesehen. Die dort zu findenden Hinweise haben auch heute noch unverändert Gültigkeit.

Xenophon machte sich auch Gedanken zur Ökonomie, die er vor allem in zwei Büchern festhielt: Oeconomicus (Gespräch über die Haushaltsführung) und De Vectigalibus (Mittel und Wege, dem Staat Geld zu verschaffen). In diesen beschäftigt er sich mit den Prinzipien guter Haushaltsführung einerseits und andererseits mit der Wirtschaft Athens. Tomáš Sedláček sieht diese Werke als die allerersten eigenständigen Lehrbücher für Mikro- und Makroökonomie.[15]

Darüber hinaus beschäftigte sich Xenophon mit subjektiver Wertlehre und Arbeitsteilung.

Bildnisse[Bearbeiten]

Es sind vier Nachbildungen eines nicht erhaltenen Originalbildnisses erhalten. Eine dieser Nachbildungen, eine 1940 in Kairo entdeckte Herme, steht heute im Museum in Alexandria.[16] Der Entstehungszeitraum des Originals wird auf die Jahre 335 bis 330 v. Chr. geschätzt, als Xenophon bereits verstorben war.[17]

Schriften[Bearbeiten]

Man nimmt an, dass wie etwa im Fall Platons alle Schriften Xenophons erhalten sind.[18] Ebenfalls wie bei Platon wird aber auch davon ausgegangen, dass nicht alle der unter seinem Namen überlieferten Schriften tatsächlich von Xenophon stammen. Dazu zählen die Staatsverfassung der Athener und wahrscheinlich auch die Abhandlung über die Jagd. Sicher unecht sind Über Thegnis und die Xenophonbriefe. Die folgende Einteilung der 15 Schriften Xenophons folgt der von Klaus Döring:

Historische Schriften

  • Anabasis, Der Marsch des Kyros ins Hochland (autobiographischer Bericht über den „Zug der 10.000“ in das Perserreich und zurück)
  • Hellenika, Geschichte Griechenlands (von 411 bis 362 v. Chr., direkter Anschluss an das Werk des Thukydides)
  • Agesilaos (Lobrede auf den spartanischen König Agesilaos)

Sokratische Schriften

  • Memorabilien, Erinnerungen an Sokrates
  • Symposion, Gastmahl (philosophisch-literarischer Dialog während eines Gastmahls)
  • Apologie, Verteidigungsrede des Sokrates (hypothetische Verteidigungsrede des angeklagten Sokrates vor Gericht)
  • Oikonomikos, Hauswirtschaft

Pädagogische und politologische Schriften

  • Kyrupädie, Erziehung des Kyros (Schrift zur politischen Bildung über den als idealen Herrscher dargestellten persischen Großkönig Kyros II.)
  • Hieron (Dialog über die Tyrannis)
  • Poroi, Über die Staatseinkünfte (Möglichkeiten der Geldbeschaffung für den Stadtstaat Athen)
  • Staatsverfassung der Lakedaimonier (Beschreibung der von ihm geschätzten spartanischen Verfassung und Lebensweise)

Weitere

  • Hipparchikos (Abhandlung über die Aufgaben eines Reitereikommandanten)
  • Über die Reitkunst
  • Kynegetikos, Abhandlung über die Jagd
  • Staatsverfassung der Athener

Gesamtausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten]

Gesamtausgaben

Übersetzungen einzelner Schriften

  • Rainer Nickel (Hrsg.): Kyrupädie. Die Erziehung des Kyros, Griechisch-Deutsch, Artemis und Winkler, München 1992
  • Walter Müri, Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Anabasis. Der Zug der Zehntausend, Griechisch-Deutsch, Artemis-Verlag, München 1990
  • Gisela Strasburger (Hrsg.): Hellenika, Griechisch-Deutsch, 2. Auflage, München 1988
  • E. Bux (Hrsg.): Die sokratischen Schriften, Kröner, Stuttgart 1956
  • R. Baer (Hrsg.): Xenophons Apologie des Sokrates, Deutsch-Griechisch, Bär, Niederuzwil 2007
  • Ekkehard Stärk (Hrsg.): Das Gastmahl, Griechisch/Deutsch, Reclam, Stuttgart 1986
  • Anabasis. Hellenika. Erinnerungen an Sokrates, Emil Vollmer Verlag, Wiesbaden o.J. (Lizenzausgabe der Übersetzungen von Müri, Strasburger und Järisch)

Literatur[Bearbeiten]

Philosophiegeschichtliche Darstellungen, Handbücher, Lexika

Zu Xenophon allgemein

  • John K. Anderson: Xenophon. London 1974.
  • William Edward Higgins: Xenophon the Athenian. The Problem of the Individual and the Society of the Polis. State University of New York Press, Albany 1977.
  • Christian Mueller-Goldingen: Xenophon. Philosophie und Geschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007.
  • Rainer Nickel: Xenophon. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1979.
  • Christopher Tuplin (Hrsg.): Xenophon and his World. Papers from a conference held in Liverpool in July 1999 (= Historia Einzelschriften, Band 172). Steiner, Stuttgart 2004.

Zu speziellen Themen

  • John Dillery: Xenophon and the History of his Times. Routledge, London/New York 1995.
  • Robin Lane Fox (Hrsg.): The Long March: Xenophon and the Ten Thousand. New Haven/London 2004.
  • Otto Lendle: Kommentar zu Xenophons Anabasis. Bücher 1-7. Darmstadt 1995.
  • Christian Mueller-Goldingen: Xenophons Memorabilien. In: Das Kleine und das Große, Essays zur antiken Kultur und Geistesgeschichte. München/Leipzig 2004.
  • Christian Mueller-Goldingen: Untersuchungen zu Xenophons Kyrupädie. Teubner, Stuttgart 1995.
  • Sarah B. Pomeroy: Xenophon - Oeconomicus. A Social and Historical Commentary. Oxford 1994.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Xenophon – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikiquote: Xenophon – Zitate
 Wikisource: Xenophon – Quellen und Volltexte

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Lebensdaten nach: Klaus Döring: Xenophon. In: Hellmut Flashar: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 182-200, hier: S. 183 und 185.
  2. Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 2,48 bis 2,59.
  3. Klaus Döring: Xenophon. In: Hellmut Flashar: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 182-200, hier: S. 182; Hans Rudolf Breitenbach: Xenophon von Athen. In: Pauly-Wissowa. 2. Reihe, Band 9. Stuttgart 1967, Sp. 1571ff.
  4. Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 2,48.
  5. Vgl. Hans Rudolf Breitenbach: Xenophon von Athen. In: Pauly-Wissowa. 2. Reihe, Band 9. Stuttgart 1967, 1569ff., hier: Sp. 1573.
  6. Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 2,48.
  7. a b c Xenophon, Anabasis 3,1,4 bis 3,1,7.
  8. Xenophon, Anabasis 6,1,18 bis 6,1,31.
  9. Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 2,56.
  10. Klaus Döring: Xenophon. In: Hellmut Flashar: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 182-200, hier: S. 184f.
  11. Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 2,57 und 3,34.
  12. a b Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren der Philosophen 2,65.
  13. Xenophon, Memorabilien 4,5,11 bis 4,5,12 und 4,6.
  14. Klaus Döring: Xenophon. In: Hellmut Flashar: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 182-200, hier: S. 185.
  15. Tomáš Sedláček: Die Ökonomie von Gut und Böse. Hanser, München 2012, ISBN 978-3-446-42823-2, S. 238.
  16. Klaus Döring: Xenophon. In: Hellmut Flashar: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 182-200, hier: S. 182.
  17. E. Minakaran-Hiesgen: Untersuchungen zu den Porträts des Xenophon und des Isokrates. In: Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts, Band 75, 1970, S. 112-157.
  18. Dieser Abschnitt folgt: Klaus Döring: Xenophon. In: Hellmut Flashar: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 182-200, hier: S. 186.