Kritik der praktischen Vernunft

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Kritik der praktischen Vernunft (KpV) ist der Titel des zweiten Hauptwerks Immanuel Kants; es wird auch als „zweite Kritik“ (nach der Kritik der reinen Vernunft und vor der Kritik der Urteilskraft) bezeichnet und erschien erstmals 1788 in Riga.

Die KpV enthält Kants Theorie der Moralbegründung und gilt bis heute als eines der wichtigsten Werke der Praktischen Philosophie überhaupt.

Wie die drei Jahre früher erschienene Grundlegung zur Metaphysik der Sitten ist die KpV eine Grundlegungsschrift, die keine Auseinandersetzung mit der praktischen Anwendung der Grundsätze der Moral zum Gegenstand hat, sondern auf die Frage antwortet, wie das menschliche Handeln durch die praktische Vernunft bestimmt werden kann. In der KpV geht es vor allem darum, das grundlegende Prinzip der Moral, ihre Aufgaben und Grenzen festzusetzen. Kants Auffassungen zur praktischen Moralphilosophie finden sich in der Metaphysik der Sitten sowie in seinen Vorlesungen zur Moralphilosophie[1]

Gliederung des Werks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Aufbau des Werks ist angelehnt an die Struktur, die Kant bereits in der Kritik der reinen Vernunft verwendet hatte. Nach einer Vorrede und einer Einleitung gibt es zwei Hauptteile. Die „Elementarlehre der reinen praktischen Vernunft“ und die „Methodenlehre der reinen praktischen Vernunft“. In der Elementarlehre unterscheidet Kant wiederum die Analytik und die Dialektik der reinen praktischen Vernunft. In der Analytik entwickelt Kant seine theoretische Position. Dabei skizziert er zunächst die Grundsätze, dann analysiert er Begriffe und schlie0lich befasst er sich mit den nicht-empirischen „Triebfedern“ der Moral. Die Dialektik ist dann die „Darstellung und Auflösung des Scheins in Urteilen der praktischen Vernunft“ (KpV, 16). Der zweite Teil, die Methodenlehre, umfasst nur 12 der 163 Seiten, die das Werk in der Akademie-Ausgabe ausmacht. Hier skizziert Kant eine Theorie der moralischen Erziehung. Am Ende der KpV steht der „Beschluss“ mit dem berühmten Zitat:

„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmenden Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und bloß vermuten; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewußtsein meiner Existenz.“ (KpV 161/162)

Praktische Vernunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Anliegen der KpV ist die Beantwortung der zweiten großen Frage der Vernunft: Was soll ich tun? – Die Praktische Philosophie Kants hat im Unterschied zur Frage nach dem, was wir wissen können, die Frage nach dem guten Handeln zum Gegenstand.

Zunächst weist Kant nach, dass Freiheit und Autonomie möglich sind. Obwohl die Idee der Freiheit am Anfang des Gedankengangs noch nicht „erkannt“ werden kann, ist es doch sinnvoll, die Freiheit „anzunehmen“[2]. Im Laufe des Gedankengangs wird von der vorläufig angenommenen Freiheit dann gezeigt, dass sie eine Basis im Sittengesetz hat.

Wenn der Wille sich nicht autonom bestimmt, ist der Mensch unfrei, da er dann durch Triebe und Leidenschaften (oder Fremdherrschaft) geleitet wird. Dieser Unterschied zwischen Pflicht und Neigung ist für die KpV zentral. Die moralische Pflicht ist die Basis von Freiheit.

Der kategorische Imperativ[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kant leitet die Prinzipien der Moral direkt aus der menschlichen Vernunft ab, statt aus einer göttlichen Vorschrift. Kernstück der KpV ist die Lehre vom kategorischen Imperativ, der als Kennzeichen von Moralität die strikte Verallgemeinerbarkeit von persönlichen Handlungsgrundsätzen (Maxime) verkörpert. Der kategorische Imperativ wird von Kant auch als Sittengesetz oder moralisches Gesetz bezeichnet, in der KpV nennt er ihn „Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft“ und formuliert:

„Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

§ 7 Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft in der KpV, S. 54[3]

Moralisch gutes Handeln ist laut Kant Handeln nach dem kategorischen Imperativ. Der Mensch ist als Vernunftwesen frei und kann nach Grundsätzen der Vernunft handeln. Diese Fähigkeit vermag das instinkt- und lustgeleitete Handeln ebenso zu überwinden, wie ein Handeln aus pragmatischen oder taktischen Motiven.

Herleitung des Sittengesetzes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Grundsätze der praktischen Vernunft sind entweder subjektive Maximen, die für den eigenen Willen Gültigkeit beanspruchen können oder objektive Gesetze, die für jeden vernünftigen Willen maßgeblich sind. Bestimmt die Vernunft selbst vollständig den Willen, ist der sich daraus ableitende objektiv notwendige Grundsatz ein kategorischer Imperativ.

Subjektive Willensbestimmungen des Begehrungsvermögens haben empirischen Charakter, denn ihr Entstehungsgrund ist das gesuchte subjektive Verhältnis zum Gegenstand der Wirklichkeit. Nach Maßgabe dieser Willensbestimmungen ist es nicht möglich, eine für jeden gültige Verpflichtung in Form eines allgemeinen Gesetzes herzustellen. Praktische allgemeingültige Gesetze der reinen Vernunft, deren objektive Notwendigkeit a priori erkannt wird, können sich daher allein auf eine bloß formale Willensbestimmung beziehen. Die reine Vernunft nötigt den von aller Kausalität freien Willen, sich einem allgemeinen Gesetz, dem Sittengesetz zu verpflichten. Die bloße Form der allgemeinen Gesetzgebung bestimmt demnach den autonomen Willen.

Der Mensch hat als autonomes Vernunftwesen die Fähigkeit der unmittelbaren Erkenntnis seines Willens und erhebt sich in der praktischen Vernunft über seinen empirischen Charakter und seine Abhängigkeit von der Außenwelt. Er ist frei in seinem Handeln nach sittlichen Grundsätzen.

Wichtigste Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Immanuel Kant: Critic der practischen Vernunft. Johann Friedrich Hartknoch, Riga 1788, Digitalisat und Volltext, im Deutschen Textarchiv. (292 S., Nachdruck Erlangen 1984).
  • Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft. In: Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft. Kritik der Urtheilskraft. Herausgegeben von Paul Natorp. Georg Reimer, Berlin 1908 (= Kant’s gesammelte Schriften. Herausgegeben von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, 1. Abteilung, 5. Band), S. 1–163.
  • Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft. Hrsg. von Joachim Kopper, Reclam, Stuttgart 1961 u.ö. (= Reclams Universal-Bibliothek Nr. 1111-13, später Nr. 1111).
  • Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft. Hrsg. von Horst D. Brandt und Heiner F. Klemme, Meiner, Hamburg 2003, ISBN 3-7873-1650-7 (= Philosophische Bibliothek 506).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Theodor W. Adorno: Probleme der Moralphilosophie. Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-518-58225-9.
    (Adorno beschäftigt sich in dieser Vorlesung aus dem Jahr 1963 fast ausschließlich mit der Kantischen Moralphilosophie.)
  • H. Allison: Kant’s Theory of Freedom, Cambridge University Press 1990.
  • Karl Ameriks: Interpreting Kants Critiques, Oxford 2003.
  • M. Baron: Kantian Ethics Almost without Apology, Cornell University Press 1995.
  • L. W. Beck: Kants Kritik der praktischen Vernunft, München 1974.
  • Robert J. Benton: Kant's Second Critique and the Problem of Transcendental Arguments, The Hague: Martinus Nijhoff 1977.
  • Paul Guyer: Kant and the experience of freedom. Essays on aesthetics and morality, Cambridge/New York 1993.
  • Thomas E. Hill, Jr. (Hg.): The Blackwell Guide to Kant’s Ethics, Malden, MA 2009.
  • Otfried Höffe (Hrsg.): Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft. Berlin 2002.
    (durchgängiger Kommentar in Aufsätzen renommierter Experten)
  • Chr. M. Korsgaard: Creating the Kingdom of Ends, Cambridge 1996.
  • Phillip Stratton Lake: Kant, Duty and Moral Worth, Routledge: London 2000.
  • Giovanni B. Sala: Kants 'Kritik der praktischen Vernunft'. Ein Kommentar. Darmstadt 2004, ISBN 3-534-15741-9.
    (Erster durchgängiger Kommentar in deutscher Sprache, sehr textnahe Erläuterungen, anspruchsvoll)
  • Klaus Steigleder: Kants Moralphilosophie. Die Selbstbezüglichkeit reiner praktischer Vernunft, Stuttgart 2002.
  • Dieter Sturma / Karl Ameriks (Hgg.): Kants Ethik, Mentis, Paderborn 2004.
  • Allen W. Wood: Kant’s Ethical Thought, Cambridge 1999.
  • Allen W. Wood: Kantian Ethics, Stanford University, California 2007.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Abgedruckt in der Akademie-Ausgabe, Band XXVII
  2. KpV, Vorrede S. 6 der Erstausgabe
  3. Seitenangabe der Erstausgabe Riga 1788; hier entnommen aus: Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft. Hrsg. von Horst D. Brandt und Heiner F. Klemme, Meiner, Hamburg 2003, ISBN 3-7873-1700-7, S. 41.