Stein der Weisen

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Stein der Weisen (Begriffsklärung) aufgeführt.
Der Alchemist beim Suchen nach dem Stein der Weisen (1771), Joseph Wright of Derby

Der Stein der Weisen (lat.: Lapis philosophorum) bezeichnet in der Alchemie die Suche der Alchemisten nach der Formel für einen Stein, Lapis philosophorum, der aus einer Substanz bestehen soll, die unedle Metalle in edle Metalle, vor allem Gold und Silber verwandeln könne. Der Stein der Weisen stellt aber auch das Prinzip der Transmutation, der Heilung und Läuterung dar. Bestimmt für den Einsatz gegen vielfältige Mängelzustände und Disharmonien, gilt der Stein, dem auch eine verjüngende Wirkung zugeschrieben wird, als Allheilmittel von höchster Reinheitsstufe und als Symbol für die Umwandlung des niederen in das höhere Selbst.

Legende[Bearbeiten]

Als „Begründer“ der Alchemie soll die Götter-Gestalt des Hermes Trismegistos vor über 2.500 Jahren die Herstellungsformel des Stein der Weisen in eine Smaragdtafel eingraviert haben: Demnach bilden die Grundelemente der Vier-Elemente-Lehre, Feuer, Wasser, Erde und Luft, im Verbund mit Quecksilber und Schwefel und hinzugefügtem Salz, die Zutaten, die zur Gewinnung des Steins der Weisen erforderlich sind.[1] Die Sage vom Stein der Weisen war, in einem universalphilosophischen Sinn, ab dem Mittelalter weit verbreitet.

Der äußere und der innere Stein der Weisen[Bearbeiten]

Das Weltbild der Alchimie fußt auf dem sogenannten animistischen Prinzip, wonach es nur eine alles durchdringende göttliche Seelensubstanz gibt, die unendlich mannigfaltige materielle Formgestalt annehmen kann. Alle Dinge in der Welt werden entsprechend als beseelt, und aus Geist, Seele und Körper bestehend, angesehen. Alchemisten hielten es für möglich, Stoffe zu veredeln und anzureichern, indem Materie aufgelöst und verändert wird. Für die Vertreter der äußeren Alchemie galt Gold, als edelstes der Metalle, dabei als Hauptziel der materiellen Transmutation. Demgegenüber bestand das Ziel der Vertreter der inneren Alchemie in der Transmutation des Geistes. Analog zur äußeren und inneren Alchemie gab es einen äußeren und inneren Stein der Weisen. Die überwiegende Zahl der Alchimisten widmete sich in der Hoffnung auf Reichtum und Unsterblichkeit dem äußeren Stein der Weisen, ohne zu wissen, dass es auch ein anderes Ziel der Übungen gab, die Umwandlung des Experimentierenden selbst.[2] Bei den nach innerer Läuterung strebenden Alchimisten waren die laborierenden Goldmacher, die sie wegen ihrer zischenden Blasebälge spöttelnd die „puffers“ nannten, verrufen und verachtet.[3]

Laboratorium und Oratorium[Bearbeiten]

Es gab hunderte alchimistische Laboratorien, deren Gerätschaften zum Teil erhalten geblieben sind und bei denen beim Quellenstudium zahlreiche echte chemische Prozesse augenscheinlich erfassbar sind, sofern man die alchimistischen Termini entsprechend überträgt: Spiritus vitrioli stand beispielsweise für verdünnte Schwefelsäure, Spiritus salis für Salzsäure und Saccharum saturni für Bleiacetat. Im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit war das von den Alchimisten benutzte Vokabular, dass scheinbar für einen chemisch gekennzeichneten Prozess benutzt wurde, mitunter ambivalent und widersinnig wirkend formuliert, weil damit gleichzeitig spirituelle und reale Läuterungsprozesse beschrieben wurden. Laboratorium und Oratorium existierten förmlich nebeneinander; „Spiritus“ bedeutete gleichzeitig Geist (lat. spiritus) und Spiritus (Äthanol).[4]

Tricks und Fälschungen[Bearbeiten]

Als in der Renaissance der metallurgischen Fraktion der Alchemisten bereits das reale Fundament entzogen war, kam es aufgrund des Geldmangels vieler Fürsten zu einem erneuten Boom der Goldmacherei. Kurfürst Christian II. von Sachsen ließ den Alchemisten Seton sogar foltern, um an das Geheimnis des Steins der Weisen zu kommen. Um vorzeigbare goldähnliche Produkte (Truggold, auch: aurum sophisticum) in den Schmelztiegeln zu erzeugen, kochte man Kupfervitriollösungen mit Quecksilber in eisernen Gefäßen, bis es nach dem Umschmelzen eine goldgelbe Farbe annahm. Sebastian Brandt beschrieb 1494 in seinem Werk Narrenschiff die Tricks der echten Schwindler. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts geriet die Alchemie sehr in Verruf und 1908 wurden in dem Werk Aberglaube und Zauberei von den ältesten Zeiten bis in die Gegenwart darauf hingewiesen, dass die von den Alchimisten produzierten goldenen Gedenkmünzen nur zirka 2/3 des spezifischen Goldgewichts wiegen. Im Münzkabinett des Kunsthistorischen Museums in Wien sind heute viele Münzen aus solchen angeblich gelungenen Tingierungen ausgestellt. 1930 übte der Hochstapler Franz Tausend seine Goldmacher-Tätigkeit aus und führte damit viele einflußreiche Zeitgenossen hinters Licht, bis es zum Truggold-Alchimistenprozess kam.[5]

Vorgebliche Eigenschaften[Bearbeiten]

Die Mehrzahl der alchimistischen Adepten war von der Hoffnung beseelt das Unsterblichkeits-Elixier entdecken zu können und dürfte dem Glauben aufgesessen gewesen sein, aus unedlem Metall Gold und Silber herstellen zu können.[6] Die Verwandlung unedler Metalle sollte durch Zusatz einer geringen Menge dieser Substanz möglich sein. Wenn der Stein die Kraft besäße, sämtliche unedle Metalle in jedem Mengenverhältnis in Gold zu verwandeln, sollte er das Universal heißen; beschränkte sich seine Kraft auf die Verwandlung eines bestimmten Metalls, sollte er Partikular heißen.

Aus dem Stein der Weisen sollte sich auch − vor allem in den Vorstellungen der Araber − eine Universalmedizin gewinnen lassen, die, als Kondensation von Lebenskraft in einer kleinen menge von Materie, auf den menschlichen Körper heilend, stärkend und verjüngend wirken sollte. Wer dieses Mittel gefunden hätte, sollte Adept genannt werden.

Für den Stein der Weisen existierten verschiedene Bezeichnungen: Roter Löwe, Großes Elixier, Magisterium, Rote Tinktur, Panazee des Lebens, Astralstein. Ein weniger vollkommenes Mittel, das unedle Metalle in Silber verwandeln könne, sollte Weißer Löwe, Weiße Tinktur, das Kleine Elixier oder Magisterium heißen.

Als Aurum Potabile („Trinkbares Gold“) bezeichnete man die Verbindung des Steins der Weisen mit Rotwein. Dieses solle als Mittel gegen jede Krankheit und als einziges auch gegen das Altern wirksam sein. Die Verbindung des Steins mit destilliertem Wasser bezeichnete man dagegen als Universalmedizin, die, bis auf die verjüngende, alle Wirkungen des Aurum Potabiles vollbringen könne.

Entdeckung des Porzellans und der Chemolumineszenz[Bearbeiten]

Noch bis 1819 bestand in Deutschland eine alchimistische Gesellschaft, eine Hermetische Gesellschaft. Auf der Suche nach dem Stein der Weisen erfand der Alchemist Johann Friedrich Böttger zusammen mit dem Naturwissenschaftler Ehrenfried Walther von Tschirnhaus im Dezember 1707 das europäische Pendant des chinesischen Porzellans. Phosphor wurde 1669 von Hennig Brand, einem deutschen Apotheker und Alchemisten, entdeckt, als dieser Urin eindampfte, auf Sand erhitzte und der Rückstand aufgrund der Chemolumineszenz leuchtete.

Der Stein der Weisen als literarisches Motiv[Bearbeiten]

Unter dem Titel Der Stein der Weisen erschien im A. Hartleben’s Verlag ab 1889 eine illustrierte populärwissenschaftliche Zeitschrift zur Unterhaltung und Belehrung aus allen Gebieten des Wissens für Haus und Familie unter der Redaktion von Amand Freiherr v. Schweiger-Lerchenfeld.

Der Stein der Weisen ist auch Titel eines Märchens aus der Sammlung Dschinnistan von Christoph Martin Wieland, in dem die Bemühungen der Alchemisten um die Erlangung von Reichtum persifliert werden. Ähnlich spöttisch sagt Mephisto in Goethes Faust II (v. 5063 f.): „Wenn sie den Stein der Weisen hätten, / Der Weise mangelte dem Stein.“

Außerdem lautet der Titel des ersten Buches der Harry-Potter-Reihe Harry Potter und der Stein der Weisen. In der ersten Geschichte der Comic-Reihe Die Schlümpfe versucht der Zauberer Gargamel, den Stein der Weisen mittels der Zutat „Schlumpf“ herzustellen. In der Manga- und Anime-Reihe Fullmetal Alchemist versuchen die beiden Protagonisten Ed(ward) und Al(phonse) Elric den Stein der Weisen zu finden, weil sie hoffen mit seiner Hilfe das alchemistische Gesetz vom „Prinzip des äquivalenten Tausches“ umgehen zu können. Außerdem wird der Stein der Weisen in der Buchreihe Die Geheimnisse des Nicholas Flamel von dem irischen Autor Michael Scott des Öfteren erwähnt.

Stand der Wissenschaft bei Elementumwandlungen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Transmutation

Mit der Zeit wurde durch das zunehmende Wissen über chemische Reaktionen und die Beschaffenheit der chemischen Elemente immer klarer, dass die Umwandlung von Metallen in Gold oder, allgemeiner ausgedrückt, die Umwandlung eines Elements in ein anderes auf den von den Alchemisten angestrebten Wegen – und das sind allesamt chemische Verfahren, die sich in der Elektronenhülle der beteiligten Atome abspielen – unmöglich ist, weil die dabei auftretenden Energien dafür um ein Vielfaches zu klein sind. Solche Umwandlungen funktionieren nur bei den mit Millionen Mal höheren Energien arbeitenden kernphysikalischen Verfahren, bei denen sich Atomkerne ineinander umwandeln können (die Identität eines chemischen Elementes liegt im Atomkern begründet, genauer gesagt, in der Protonenzahl im Atomkern). Die seit Mitte des 20. Jahrhunderts von Menschenhand initiierten Kernverschmelzungs- und -spaltungsprozesse (Kernfusion resp. Kernfission) bestätigen die Machbarkeit des langgehegten Traumes der Alchemisten. In einem Kernreaktor kann durch Bestrahlung von Platin (78 Protonen im Atomkern) oder Quecksilber (80 Protonen im Atomkern) Gold (79 Protonen im Atomkern) hergestellt werden. Gold fällt auch bei verschiedenen kerntechnischen Anwendungen in winzigen, atomaren Mengen als Nebenprodukt an. Allerdings ist die für eine industrielle Herstellung aufzuwendende Energie um Größenordnungen teurer als das bergmännisch gewonnene Edelmetall selbst. An die Stelle einer prinzipiellen Schranke für die Goldsynthese traten ökonomische Grenzen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Stein der Weisen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Stein der Weisen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hans E. Ulrich: Von Meister Eckhardt bis Carlos Castaneda. Fischer Taschenbuch Verlag, 1987, S. 81.; Allison Coudert: Der Stein der Weisen. München 1980, S. 30.
  2. Hans E. Ulrich: Von Meister Eckhardt bis Carlos Castaneda. Fischer Taschenbuch Verlag, 1987, S. 81; Allison Coudert: Der Stein der Weisen. München 1980, S. 81f.
  3. Hans Biedermann: Materia prima. Die geheimen Bilder der Alchemie. Marix Verlag, Wiesbaden 2006, S. 23.
  4. Hans Biedermann: Materia prima. Die geheimen Bilder der Alchemie. Marix Verlag, Wiesbaden 2006, S. 13.
  5. Hans Biedermann: Materia prima. Die geheimen Bilder der Alchemie. Marix Verlag, Wiesbaden 2006, S. 21–25.
  6. Hans E. Ulrich: Von Meister Eckhardt bis Carlos Castaneda. Fischer Taschenbuch Verlag, 1987, S. 81.