Wille

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Der Wille (as./ahd. willio = ‚Wille‘; vgl. lat. velle = ‚wollen‘, voluntas = ‚Wille‘, volitio = ‚Willensakt‘) ist in der Philosophie der dritte Bereich der Psyche – neben der Kognition (Erkenntnis) und dem Fühlen (Emotion). Der Wille beschreibt das Umsetzen von Vorstellungen in die Realität durch Handlungen. Er wird daher auch als Umsetzungskompetenz bezeichnet.[1] In der Psychologie (siehe Volition (Psychologie)) und der Wirtschaftswissenschaft (siehe Volition (Management)) wird der Wille oft Synonym mit dem Begriff der Volition gebraucht. Der Begriff Willenskraft (englisch willpower) wird sowohl in der Umgangs- als auch in der Fachsprache verwendet.[2]

Begriffsfeld[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wort Wille wird in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet und kann Verschiedenes bedeuten:

  • im Unterschied zu Trieb (Triebtheorie) und Begehren ist Volition ein geistiger Akt, von dem ein Impuls zur Verwirklichung bestimmter Ziele ausgeht.
  • das Vorhandensein eines mehr oder weniger starken Sehnens oder Begehrens
  • das Hegen von Wünschen oder Absichten
  • aber auch das im Leben von erwachsenen Menschen außerordentlich bedeutsame Anstreben von selbst festgelegten Zielen und damit das Umsetzen von persönlichen Entscheidungen in die Tat oder von gemeinsamen bzw. gemeinschaftlich getroffenen Beschlüssen und Festsetzungen oder Gesetzen in ein bewusstes und absichtsvolles oder gar geplantes Handeln. Im letzteren Sinn ist Volition daher ein Begriff, der im Zusammenhang mit Handlungsplanung verwendet wird (Anstreben eines Ziels).

Mit dem Begriff des Willens wird in aller Regel ein Gefühl oder vages Bewusstsein, der Eindruck oder die mehr oder weniger feste Überzeugung verbunden, in seinem Wollen frei zu sein. Was genau unter dieser sogenannten Willensfreiheit zu verstehen ist und ob sie tatsächlich gegeben ist, ist umstritten.

Zum Willen wird nicht nur die nachhaltige und zielgerichtete Umsetzung von Entschlüssen durch konsequentes Handeln oder mündliche oder schriftliche Willensäußerungen gerechnet. Auch das Unterlassen einer Handlung, wie etwa zu rauchen, kann die Verwirklichung eines Willens sein. Dritte können ein Nichthandeln auch deuten (Kausalattribuierung) als Nichtstun z. B. wegen zu schwachem Willen, aus Faulheit oder aus Bequemlichkeit. Die Deutung kann zutreffend oder falsch sein. Zur Überwindung derartiger „Hindernisse“ auf dem Weg zur Zielerreichung wird Willenskraft benötigt; diese wird in der Psychologie und im Management auch Volition genannt.

Allgemeine Aspekte der Willensumsetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Willensumsetzung in Zusammenhang stehen das Durchhaltevermögen und die Konzentrationsfähigkeit. Verwandt mit dem Willen ist die Fähigkeit, mit auf dem Weg zur Zielerreichung auftretenden Hindernissen angemessen umzugehen sowie mit dem Phänomen der „Entmutigung“ fertigzuwerden. In Zusammenhang mit Zielen, die nicht erreicht werden, kann es zum Erleben von Frustration oder Resignation kommen. Wird das Ziel erreicht, so kann Befriedigung eintreten. Das Maß, in dem eine Person an die Stärke ihres Willens glaubt und an die eigene Fähigkeit, Ziele zu erreichen, hat mit dem Selbstbewusstsein zu tun.

Durch die Eigeninitiative unterscheidet sich der Wille vom (bloßen) Wunsch, dessen Erfüllung durch andere Menschen oder durch den Zufall geschieht.

Der Wille hat auch einen kreativen Aspekt. Denn um etwas zu wollen, muss zunächst einmal ein Ziel erschaffen werden. Der Wille entscheidet, was er haben möchte. Ein Mangel der Fähigkeit, zu wissen, was man will, also mit anderen Worten „nicht zu wissen, was man will“, kann als eine Störung oder Beschränkung des Willens angesehen werden.

Ebenso kann die Ausübung des Willens durch Erziehung, durch psychische Verletzungen, durch Indoktrination, aber auch durch Störungen des Antriebs, der Stimmung oder des allgemeinen Lebenswillens behindert oder gestört sein.

Beim heranwachsenden Kind ist die Entwicklung des Willens ein grundlegender Aspekt. Die früher landläufige Meinung, der erwachende Wille des heranwachsenden Kleinkinds sei „zu beugen oder zu brechen“, wird heute zunehmend als überholt angesehen, da durch die entsprechenden Handlungen den Kindern oft Schaden zugefügt wurde. Wie auch bei anderen Aspekten der kindlichen Psyche sind hier stattdessen Liebe, Verantwortung und Sachkunde der Eltern und sonstigen Bezugspersonen sowie angemessene Reaktionen die beste Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung.

Zur Begriffsbildung in der Philosophie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Natur des Willens und insbesondere dessen Verhältnis zur Vernunft ist ein traditionelles Motiv philosophischer Forschung. Maßgeblich dafür war Aristoteles, der die menschliche Seele als dreigeteilt beschrieb. Davon beinhaltet der „animalische“ Seelenteil das Streben. Für Aristoteles ist das Streben teilweise durch den genuin menschlichen Seelenteil, die Vernunft, steuerbar. Die aristotelische Theorie war Ausgangspunkt zahlreicher Arbeiten bis in die Neuzeit, die das Verhältnis zwischen Wille und Vernunft äußerst unterschiedlich bestimmten und das menschliche Streben zum Teil bei den natürlichen Trieben, zum Teil in der Vernunft verorteten.

Immanuel Kant beschreibt den Willen als „eine Art von Kausalität lebender Wesen, sofern sie vernünftig sind[.]“ Freiheit und Wille sind für ihn unmittelbar miteinander verknüpft. Es ist die Idee von Freiheit die einem Willen die Form gibt. Durch eine Wahlfreiheit erleben wir das Abwägen des Willens. Im moralischen ist der Wille dasjenige, was sich selbst Gesetz ist: Ich will jenes, weil ich mich dafür entschieden habe, weil ich es will. Der Entscheidungsprozess, durch die Maximen und den kategorischen Imperativ als Sittengesetz geleitet, bezeichnet die Freiheit des Willens für vernünftige Wesen bei Kant.

Arthur Schopenhauer hat 1819 eine Auffassung des Willens als allgemeines Element der Wirklichkeit vorgelegt (Die Welt als Wille und Vorstellung), die – allerdings nicht im Mainstream der europäisch-nordamerikanischen Philosophie – bedeutende Wirkung auch auf andere Gebiete hatte, so auf die Musik bei Richard Wagner, auf die Belletristik bei Thomas Mann, auf die Soziologie bei Ferdinand Tönnies (s.u.) und auf die Psychoanalyse bei Sigmund Freud.

Zur Begriffsbildung in der Rechtswissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff des Willens hat auch in der Rechtswissenschaft große Bedeutung. Im Zivilrecht gründet sich die Willensbestimmung auf die bestimmte Absicht, ein Rechtsgeschäft mit rechtlicher Wirkung vorzunehmen. Da diese fehlt, wenn der Handelnde durch Zwang, Betrug oder Irrtum (errantis non est voluntas) zu dem Geschäft veranlasst ist, so sind alle so entstandenen Geschäfte ebenso ungültig und rechtlich unwirksam, als Äußerungen des Scherzes, alle mit so schweren Bedingungen belasteten Dispositionen, dass daraus der Mangel des Ernstes hervorgeht, alle bloß gelegentlichen Äußerungen, Simulationen etc. wegen Mangels der Willensernstlichkeit keine rechtliche Verpflichtung begründen. Die Willensbestimmung ergibt sich aus der Willenserklärung (voluntatis declaratio), die entweder ausdrücklich, also durch klare, unzweifelhafte, mündlich oder schriftlich ausgedrückte Worte, Kopfschütteln, Kopfnicken usw., oder stillschweigend, d.h. durch solche Worte oder Handlungen kundgegeben ist, woraus sich mit Zuverlässigkeit auf die Willenserklärung schließen lässt, oder vermutet wird, wenn weder aus Worten noch Handlungen, die auf den vorliegenden Fall Beziehung haben, sondern aus anderen wahrscheinlichen Gründen unter Zustimmung der Gesetze auf eine Willenserklärung geschlossen werden kann. Die Bedeutung des rechtlichen Willens ist auf das Prinzip der Privatautonomie zurückzuführen.

Zum Begriff des Willens in der Soziologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Soziologie ist auf die Willenstheorie von Ferdinand Tönnies (1855–1936) zu verweisen, er unterscheidet in seinem Werk Gemeinschaft und Gesellschaft (zuerst 1887) Formen des Wesenwillens, der je zu Gemeinschaften führt, von denen des Kürwillens, der je zu Gesellschaften führt. Er prägte den Begriff Voluntarismus.

Diese Willensaxiomatik der Soziologie beeinflusste zumal auch Paul Barth, Dimitrie Gusti oder Georg Jacoby.

Der Begriff Wille in der Psychologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wille bezeichnet innerhalb der Psychologie den Entscheidungsakt (Willensakt) und die darauf folgende bewusste, willentliche Umsetzung von Zielen und Motiven in Resultate (Ergebnisse) durch zielgerichtetes, willensgesteuertes Handeln eines Menschen durch ihn selbst (Willenshandlung; siehe auch: Volition). Das, was man im Allgemeinen als den Willen bezeichnet, stellt nichts anderes als jene kognitiv verarbeitete Motivation dar, der das „Ich“ den Vorzug vor anderen Motivationen gegeben hat.[3]

Der Brockhaus Psychologie unterscheidet zwischen dem psychischen (inneren) Akt des Wollens und der (Willens-)Handlung, die dazu dient, ein Handlungsziel zu erreichen. Letzteres nennt er „äußere Willenshandlung“. Verwandt mit dem Begriff „Wille“ sind Widerwille und Innere Hemmung.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Augustinus, Aurelius: Der freie Wille. Übersetzt von Carl Johann Perl. 4. Aufl., Paderborn 1986 ISBN 3-506-70462-1
  • Bieri, Peter: Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens. Hanser, München 2001 ISBN 3-596-15647-5; als Fischer-TB 15647 seit 2003 auch bei Fischer, Frankfurt 2003, ²2004
  • Heinze, Martin u.a. (Hrsg.): Willensfreiheit – eine Illusion? Naturalismus und Psychiatrie. Pabst, Berlin 2006 ISBN 978-3-938880-07-4
  • Steinvorth, Ulrich: Willensfreiheit. In: ds. Was ist Vernunft? – Eine philosophische Einführung. Beck, München 2002 (beck’sche reihe 1494), Kap. 8 S. 222 ff.; siehe auch ebd. Kap. 9 Willensschwäche S. 256 ff. ISBN 3-406-47634-1
  • Tönnies, Ferdinand: Die Tatsache des Wollens. (aus dem Nachlass hrsg. von Jürgen Zander) Duncker & Humblot, Berlin 1982
  • Assagioli, Roberto: Die Schulung des Willens. Methoden der Psychotherapie und der Selbsttherapie, Junfermann, Paderborn 1982 (9. Aufl. 2003), ISBN 3-87387-202-1
  • Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung, 1856

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikiquote: Wille – Zitate
 Wiktionary: Wille – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Brockhaus Psychologie. Mannheim 2009
  2. R. Baumeister und J. Tierny. Willpower. The Penguin Press: New York 2011 und Pelz, W.: Umsetzungskompetenz als Schlüsselkompetenz für Führungspersönlichkeiten. In: Au, Corinna von (Hrsg.): Leadership und angewandte Psychologie. Berlin: Springer Verlag 2017, S. 104 f. Online verfügbar
  3. Arnold, Wilhelm et al. (Hrsg.): Lexikon der Psychologie. Bechtermünz Verlag, Augsburg 1996, ISBN 3-86047-508-8, Stw. Motivation, Spalte 1411