Kurhaus Göggingen

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Das Kurhaus Göggingen
Brunnenanlage im Vorhof
Innenhof

Das Kurhaus in Augsburg-Göggingen ist das einzige erhaltene Multifunktionstheater in Glas- und Gusseisenkonstruktion aus der Gründerzeit. Im Auftrag von Hofrat Friedrich Hessing wurde das Kurhaus 1886 vom Architekten Jean Keller entworfen und gebaut.

Konzept[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kurhaus wurde als Ergänzung zur „Hessing'schen Ökonomie- und Heilanstalt“ (heute: Hessing-Kliniken) konzipiert und geht auf englische Vorbilder des Pleasure Garden zurück. Im 19. Jahrhundert waren bereits mehrere dieser Vergnügungseinrichtungen in den Großstädten und Kurorten Europas entstanden. Sie bestanden zumeist aus einem Wintergarten inmitten einer Parkanlage. Die Auslegung dieser Einrichtungen sah eine multifunktionale Nutzung als Wintergarten, Tanzsaal und Theater vor. Das Kurhaus in Göggingen sollte dabei als Ergänzung zum Augsburger Stadttheater ein Veranstaltungsort für ein überregionales Publikum sein. Es übertraf den damaligen Standard bezüglich Aussehen und Funktionalität. Auch bei der technischen Ausstattung wurden mit einem hydraulischen Bühnenboden, einer Warmluftheizung und einer elektrischen Beleuchtung neue Maßstäbe gesetzt.

In Friedrich Hessings Heilungskonzept spielte das Kurhaus eine große Rolle. Das Theater sollte ein Ort der Entspannung sein, der die psychische Regeneration seiner Patienten unterstützt. Eine nebenan gelegene Milchkuranstalt diente ergänzend der physischen Stärkung.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Glasfenster an Seite und Dach
Innenansicht

Nach seiner Fertigstellung wurde das Kurhaus als Bauwunder bezeichnet. Charakteristisch für den Multifunktionsbau ist die Idee des zeittypischen Vergnügungs- und Kulturpalastes ähnlich dem Deutschen Theater in München oder dem Neues Schauspielhaus (Berlin-Schöneberg). Einzigartig ist das Kurhaus wegen der Kombination eines Wintergartens mit einem voll ausgestatteten Theater mit Orchestergraben. Eine solche Konstellation gab es nur noch in Leipzig, Paris und Blackpool, wobei das Kurhaus in Göggingen das einzig noch heute erhaltene ist.

Die Außenkonstruktion ist ein Massivbau mit hohem Glasanteil und im Innenraum eingestellten Gusseisenelementen. Für die zweigeschossige Fassade wurden Fertigornamente im Stil der Spätrenaissance verwendet. Begehbare Veranden am Gebäude sind Anleihen aus dem barocken Palastbau. Insgesamt zeigt sich die Anlage im Stil des Historismus des späten 19. Jahrhunderts, für welchen die Verwendung von Stilelementen aus diversen früheren Architekturepochen bezeichnend ist. Die angeschlossenen Flügelbauten sind als künstliche Parkgrotten gestaltet. Der umliegende Park ist im – für die Anlagezeit typischen – „gemischten Stil“ der sogenannten „Lenné-Meyer-Schule“ gestaltet, einer Kombination aus Elementen des französischen Barockgartens und englischen Landschaftsparks. Dazu werden im Sommer die tropischen Pflanzen aus dem Wintergarten ins Freie gebracht.

Im Innenraum wird das einfallende Tageslicht durch bunte Fensterglasscheiben gefiltert. Dabei entsteht ein Raumeindruck ähnlich dem in Bauten Ludwig II. Auch die innen verbauten aufwändig ornamentierten Säulen, Brüstungen, Fenster und die Deckenkonstruktion waren vorgefertigte Katalogteile. Die Farben und Goldfassungen wurden jedoch individuell vom Bauherrn und Architekt festgelegt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Postkarte von 1910

Eröffnung und erste Jahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Eröffnung des Kurhauses erfolgte 1886. Der Auftrag zu Planung und Umsetzung wurde von Hofrat Friedrich Hessing an das „Privat-Bau-Bureau/Jean Keller/Architekt und Civilingenieur Augsburg“ vergeben, wobei Wert auf die spezielle, oft behinderte Klientel gelegt wurde. So sollte zum Beispiel auch die obere Galerie mit dem Rollstuhl erreichbar und mit den Nebengebäuden barrierefrei verbunden sein. Nach nur 14 Monaten Bauzeit konnte das Gebäude fertiggestellt werden. Das Kurhaus fand internationale Beachtung. So beschrieb die Wiener Bauindustriezeitung das Haus als „Juwel der modernen Bauausführung“.

Das Theater feierte Premiere am 25. Juli 1886 mit der Operette Nanon, die Wirtin vom Goldenen Lamm von Richard Genée, Libretto F. Zell. Das Publikum setzte sich aus Patienten der Hessing-Klinik und einer überregionalen Öffentlichkeit zusammen. Erster artistischer Leiter war bis 1890 der Schauspieler Carl Ritter von Carro.[1] Der Veranstaltungskalender ist nur unvollständig bekannt, jedoch wurden während der Theatersaison zwischen Mai und September regelmäßig Stücke aufgeführt. Theaterzettel aus den Jahren 1921 und 1922 sind für die Staats- und Stadtbibliothek Augsburg nachgewiesen. Der Theaterbetrieb wurde dabei an freie Unternehmer verpachtet, während der angeschlossene Gastronomiebetrieb mit Gartenlokal von Hessing selbst betrieben und erst nach seinem Tod verpachtet wurde. Außerhalb der Theatersaison wurde das Kurhaus für Karnevalsbälle und ähnliche Veranstaltungen genutzt, eine Verwendung, die zunahm je mehr nach 1918 das großbürgerliche Publikum ausblieb. Schließlich fand das heutige Ticket-Haus als Billardsaal Verwendung.

1933–1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nutzungsänderungen ergaben sich erst in der Zeit des Nationalsozialismus. Das Kurhaus-Theater wurde jetzt vor allem für Lichtspiele und Tanzveranstaltungen im Rahmen der KdF-Gemeinschaft genutzt. Im Jahr 1942 fand ein erster Umbau hin zu einem Lichtspielhaus statt. Das sogenannte „Kurhauskino“ war beliebt bei der Bevölkerung Augsburgs, da es bei Luftangriffen mehr Sicherheit zu bieten schien als Kinos in der Innenstadt. Zu Ende des Krieges wurde das Gebäude nicht mehr öffentlich genutzt und unter anderem kurzzeitig als Kriegsgefangenenlager zweckentfremdet.

Nach Kriegsende 1945 beschlagnahmte die US-Armee das Gebäude und nutzte es vorübergehend als Truppenkino. Bereits im selben Jahr erfolgte jedoch die Übergabe an das Augsburger Landratsamt. Schon ab Oktober 1945 und noch unter Führung der Militärregierung organisierte das Augsburger Stadttheater unter Mitwirkung von Ralph Maria Siegel erneut einen Theaterbetrieb. Das Kurhaus wurde von der Bevölkerung schnell wieder angenommen.

Niedergang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1951 verkaufte die Stadt Augsburg das Gebäude und den umliegenden Park an einen privaten Betreiber. Ab diesem Zeitpunkt wurde das Kurhaus als Kino und Café genutzt und mit Kegelbahnen nachgerüstet. Durch mehrere Umbauten in den folgenden Jahren wurde das Innere durch Einbauten und Verkleidungen entstellt. Aufgrund mangelnder Rentabilität schloss der Kinobetrieb 1963 und es fanden nur noch einzelne Tanzveranstaltungen statt. Zu dieser Zeit kam die prachtvolle Architektur mit ihrer Detailgestaltung offenbar gar nicht mehr zur Wirkung. Bezeichnend für die damalige Einschätzung ist die Behandlung in einem Handbuch der lokalen Kunstdenkmäler, wo dem Kurhaus ganze drei Zeilen (für die Anschrift und die Namen von Hessing und Jean Keller) eingeräumt werden, während die Kirche der Hessing-Stiftung (gleichfalls von Keller erbaut) in immerhin 23 Zeilen beschrieben wird.[2]

Im Jahr 1971 wurde das Anwesen an eine Baufirma verkauft und das Kurhaus diente vorübergehend als Baulager. Die Entscheidung, es abzureißen und durch eine Wohnanlage zu ersetzen war bereits gefallen, doch kam es nicht mehr dazu.

Zerstörung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zerstörtes Kurhaus 1972

Am 30. Oktober 1972 wurde das Kurhaus durch ein von Unbekannten gelegtes Feuer zerstört. Die später eingebauten Verkleidungen und Zwischendecken verbrannten vollständig und es entstand erheblicher Schaden an der Bausubstanz. Allerdings wurde die ursprüngliche Innenarchitektur aus Eisen wieder freigelegt. Gutachter erkannten die Einmaligkeit dieses Bauwerks. Aufgrund des medialen Interesses und der Beachtung in der Bevölkerung wurde von den Abrissplänen Abstand genommen. Schon im nächsten Jahr wurde das Kurhaus bei der Erfassung des Denkmalschutzbestandes nach dem neuen Bayerischen Denkmalschutzgesetz in den Baudenkmälerbestand aufgenommen. Trotzdem wurde das schwer beschädigte Gebäude zunächst den Witterungseinflüssen ungeschützt ausgesetzt.

Wiederaufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rückwärtiger Zuschauerraum

1974 konnte die Stadt Augsburg nach langen Verhandlungen das Kurhaus zurück erwerben. Daraufhin wurden als Sofortmaßnahme eine statische Sicherung sowie eine Dachschalung installiert. Ebenfalls wurden die zugemauerten Fenster wieder geöffnet. Eine umfassende Sanierung fand jedoch nicht statt. Erst 1978 wurden zusätzliche Sicherungen und ein Schutzgerüst gegen Schlagregen angebaut. Kurz nach dem 100-jährigen Bestehen des Kurhauses begann 1988 die vollumfängliche Sanierung. Die Stadt und der Bezirk Augsburg gründeten hierfür einen Sanierungszweckverband. Ziel der Sanierung war die Herstellung des ursprünglichen Bauzustandes. Die neue Nutzung sollte wiederum mehreren Zwecken dienen. Die Sanierung, die auch für die Öffentlichkeit gut dokumentiert ist, konnte 1996 abgeschlossen werden.

Nutzung heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nutzung heute orientiert sich am Charakter der Räumlichkeiten und der Gesamtanlage. Das Kurhaus wird vom „Parktheater Augsburg im Kurhaus Göggingen“ für Sprech- und Musiktheater, Konzerte, Revuen, Varietés, Bälle, Konferenzen, Tagungen, Firmenjubiläen, Modepräsentationen und Hochzeitsfeiern genutzt. Eine private Anmietung ist möglich. Außerhalb von Veranstaltungen kann das Kurhaus und der angrenzende Park jeden Tag kostenlos von 9.00–18.00 Uhr besichtigt werden. In den Nebengebäuden befinden sich Büros, Kartenverkauf sowie ein Restaurant. Während der Weihnachtszeit wird das Ambiente des Kurhaus-Innenhofes für einen Weihnachtsmarkt genutzt. Der dreiflüglige Bau der ehemaligen Milchkuranstalt ist nicht mehr Bestandteil der Anlage. Auf einem an den Park angrenzenden und zugänglichen Grundstück befindet sich der so genannte Gögginger Römerturm.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bernd Vollmar, Georg Simnacher: … der feenhafte Musentempel. Das Kurhaus in Augsburg-Göggingen. Settele, Augsburg 1999, ISBN 3-932939-37-9.
  • Sanierungszweckverband Kurhaus Göggingen (Hrsg.): Vergangenheit für die Zukunft entdeckt. Bericht über den Abschluß der Sanierungsmaßnahme. Schroff, Augsburg 1998.
  • Sanierungszweckverband Kurhaus Göggingen (Hrsg.); Stadt Augsburg, Christian Jonathal (Red.): Vergangenheit für die Zukunft entdeckt. Das Kurhaus in Augsburg-Göggingen. Festschrift zur Wiedereröffnung 1996. Schroff, Augsburg 1996 (Festschrift).
  • Bernt von Hagen u. a.: Stadt Augsburg. Ensembles, Baudenkmäler, archäologische Denkmäler (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland / Denkmäler in Bayern, Band 83, VII: Schwaben, Kreisfreie Städte. Stadt Augsburg). Lipp, München 1994, ISBN 3-87490-572-1, S. 284–286.
  • Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.), Sigrid Patellis (Red.): Das Kurhaustheater in Augsburg-Göggingen (= Arbeitshefte des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, Heft 14). Lipp, München 1982, ISBN 3-87490-536-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Parktheater Göggingen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ludwig Eisenberg: Großes biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert. Verlag von Paul List, Leipzig 1903, S. 152, (Textarchiv – Internet Archive).
  2. Wilhelm Neu und Frank Otten: Landkreis Augsburg. Deutscher Kunstverlag, München 1970 (Bayerische Kunstdenkmale 30), S. 138

Koordinaten: 48° 20′ 28,8″ N, 10° 52′ 13,4″ O