Friedrich Hessing

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Friedrich von Hessing

Friedrich Hessing, ab 1913 Ritter von Hessing (* 19. Juni 1838 in Schönbronn bei Rothenburg ob der Tauber; † 16. März 1918 in Göggingen bei Augsburg), war ein Pionier auf dem Gebiet der Orthopädietechnik. Er war Besitzer und Leiter der orthopädischen Heilanstalt in Göggingen, des Wildbades Rothenburg, Pächter des Badebetriebes in Bad Kissingen und Bad Bocklet sowie Eigentümer mehrerer Villen in Bad Reichenhall.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Friedrich von Hessing (Postkarte, etwa 1900)
Grabstätte von Hessing, Friedhof Göggingen
Denkmal von Hessing; Eingang Hessing-Klinik in Göggingen

Friedrich Hessing war das jüngste Kind von Johann Georg Hessing und dessen Ehefrau Maria Barbara, geb. Klee. Der Vater war Bauer und Hafner, die Mutter Hebamme. Sehr bescheiden waren die familiären Verhältnisse:

Hoch gewachsen war er nicht. Im Gegenteil: Das karge Leben seiner frühen Jugend - das er als 13. Kind armer Häuslerleute... hinter sich brachte - ließen Friedrich Hessing gerademal 1,47 Meter groß werden (Geschichtsverein Göggingen 2006, S. 23).

Hessing lernte nach Abschluss der Volksschule zunächst das Schreinerhandwerk und wurde dann Orgelbauer, bevor er sich für orthopädische Apparate zu interessieren begann und eine Heilanstalt in Göggingen bei Augsburg eröffnete, die bald großen Zulauf hatte und das bis dahin strukturschwache Gebiet zu wirtschaftlichem Aufschwung brachte. Der bald als Wunderdoktor bekannte Hessing behandelte dort insgesamt angeblich ca. 60 000 Patienten, unter anderem den Literaten Max Brod, der wegen einer Wirbelsäulenverkrümmung mit dem Hessingkorsett versorgt wurde und den Aufenthalt in Göggingen in seinen Erinnerungen schildert. Zur Ergänzung der Heilanstalt ließ Hofrat Friedrich Hessing 1886 nach Plänen des Architekten Jean Keller ein Kurhaus bauen, das heute das einzige erhaltene Multifunktionstheater in Glas- und Gusseisenkonstruktion aus der Gründerzeit ist.

Neben dem Hessingkorsett gehörte vor allem der Schienenhülsenapparat, der vor allem für die Opfer von Kinderlähmung verwendet wurde, zu Hessings therapeutischen Maßnahmen. Diese Polioorthese kommt – natürlich in leichterer Ausführung – auch heute noch fast unverändert zum Einsatz. Ende des 19. Jahrhunderts baute er die Kuranlage Wildbad Rothenburg in Rothenburg ob der Tauber. Ab 1. Oktober 1900 war Hessing auch Badpächter in Bad Kissingen, wo bis 2011 die „Hessing-Stiftung“ als Betreiberin der örtlichen, seit 1999 nur noch auf dem Papier bestehenden Bäderverwaltungsgesellschaft eingetragen war.

Anlässlich seines Todes schrieb Max Kirmsse:

Hessings orthopädische Heilanstalten, die im wahrsten Sinne Krüppelheilanstalten sind, befinden sich größtenteils im Dörfchen Göggingen bei Augsburg, wo sie 1868, also vor nunmehr 50 Jahren entstanden sind, nachdem die Stadt Augsburg selbst die Genehmigung zur Niederlassung verweigert hatte. Der Gründer leitete sie bis zu seinem Tode dauernd selbst. Sie, wie die Zweiganstalten in Bad Reichenhall und Rothenburg a. d. Tauber, sind aufs prächtigste und zweckmäßigste eingerichtet... Wenn auch Hessing in erster Linie in seinen Anstalten wohlhabenden Persönlichkeiten diente - sogar die deutsche Kaiserin durfte er zu seinen Patienten zählen - so hat er nach seinen eigenen Angaben jährlich an 60 000 Mark für Heilung armer verkrüppelter Kinder aufgewendet, außerdem verschaffte er gering bemittelten Kranken Gelegenheit, in seinen zahlreichen Betrieben zu arbeiten, um sie dann weiter behandeln zu können.
Wie viele außergewöhnliche Menschen, so neigte auch Hessing zur Einseitigkeit des Denkens und des Tuns, wodurch es öfters vorkam, daß er Fremdes teilweise ablehnte, was wiederum zu mancherlei Konflikten Anlaß gab. Rücksichtslos vorwärtsschreitend, wo es galt seine gesteckten Ziele zu erreichen, ist er stets ein einsamer Mann geblieben. Nur zu seinen jüngsten Kranken, den Kindern, fühlte er sich unwiderstehlich hingezogen, weil auch er ein geborener Erzieher war, dem die Erfolge nie mangelten[1].

Sein Erbe ging in die „Hessing-Stiftung“ über, die noch heute existiert und unter anderem das orthopädische Fachkrankenhaus Hessing-Klinik, eine geriatrische Rehaklinik, ein Rheumazentrum sowie ein Orthopädie- und Schuhtechnikunternehmen betreibt.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hessing erhielt für sein Lebenswerk vielfache Auszeichnungen, so z. B. bayerische, preußische und sächsische Orden.

Hessing wurde Ehrenbürger von Rothenburg, Bad Reichenhall, Bad Kissingen (1917) und Schönbronn.

Die Gemeinde Göggingen ehrte Hessing mit einem Denkmal nach einem Entwurf des Berliner Bildhauers Eugen Börmel, das am 3. September 1908 enthüllt wurde. Die Bronzestatue zeigt Hofrat Hessing in einem Lehnstuhl sitzend mit einem Mädchen im Arm, während ein zweites Kind zu seinen Füßen sitzt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerhard Grosch: Hessing, Friedrich Ritter von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 9, Duncker & Humblot, Berlin 1972, ISBN 3-428-00190-7, S. 25 (Digitalisat).
  • Max Kirmsse: Friedrich von Hessing † In: Zeitschrift für Kinderforschung 1918, S. 311–315.
  • Fritz Müller: Hessing - Der Roman eines Lebens. Curt Pechstein Verlag, München 1922.
  • Peter Weidisch: Friedrich Ritter von Hessing. Weichensteller für die Zukunft des Bades. In: Thomas Ahnert, Peter Weidisch (Hrsg.): 1200 Jahre Bad Kissingen, 801-2001, Facetten einer Stadtgeschichte. (= Festschrift zum Jubiläumsjahr und Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung. Sonderpublikation des Stadtarchivs Bad Kissingen). Verlag T. A. Schachenmayer, Bad Kissingen 2001, ISBN 3-929278-16-2.
  • Geschichtsverein Göggingen (Hrsg.): 1906–2006. 100 Jahre St. Johannes. Göggingen 2006.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Friedrich Hessing – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kirmsse 1918, S. 314