Gründerzeit

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Borsigs Maschinenbau-Anstalt zu Berlin, Gemälde von Karl Biermann (1847)

Als Gründerzeit wird im weiteren Sinne eine Phase der Wirtschaftsgeschichte im Mitteleuropa des 19. Jahrhunderts bezeichnet, die mit der breiten Industrialisierung einsetzte und bis zum „Gründerkrach“ (großer Börsenkrach von 1873) andauerte. Im engeren Sinn werden als Gründerjahre die ersten Jahre nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs (1871) bezeichnet,[1] als dieses nicht zuletzt durch die französischen Reparationszahlungen einen vorher nicht gekannten Boom erlebte. Das Wort „Gründer“ hatte in dieser Zeit einen etwas negativen Klang, weil von den zahlreichen neugegründeten Aktiengesellschaften nicht wenige spekulativen Charakter hatten.[2][3]

Einordnung[Bearbeiten]

Die Gründerzeit fällt in jene Epoche, in welcher das Bürgertum in Mitteleuropa die kulturelle Führung übernahm. Sie gilt daher auch als Hochzeit des klassischen Liberalismus, gleichwohl dessen politische Forderungen nur teilweise und eher am Ende dieses Zeitraums umgesetzt wurden. Bezogen auf die deutsche Geschichte bezeichnet der Historiker Christian Jansen die Zeit zwischen der Revolution 1848/49 und der Reichsgründung 1866/71 als Gründerzeit.

Der Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjew beschreibt den Wirtschaftsaufschwung dieser Periode in Mitteleuropa als die aufsteigende Phase des zweiten Kondratjew-Zyklus. Die Industrialisierung stellte auch ästhetisch neue Aufgaben, vor allem in der Architektur und im Kunsthandwerk. Dies drückte sich in einer eklektizistischen Weiterentwicklung vorhandener Formen aus. Daher ist mit „Gründerzeitstil“ der Historismus gemeint. Zeitgenössisch bezog sich der Ausdruck Gründerzeit allerdings nur auf den damaligen Wirtschaftsaufschwung. Da der Historismus aber bis nach 1900 der vorherrschende Stil blieb, ergibt sich eine gewisse Unschärfe des Begriffs, insbesondere im umgangssprachlichen Gebrauch. In stilgeschichtlichen Zusammenhängen werden daher manchmal sehr unterschiedliche Zeiträume bezeichnet, beispielsweise 1850–1873, 1871–1890, manchmal sogar 1850–1914.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Lokomotivbau von Paul Friedrich Meyerheim (aus dem Zyklus Lebensgeschichte einer Lokomotive, 1873–1876)

Aufschwung[Bearbeiten]

Der Ausdruck „Gründerzeit“ bezieht sich auf den umfassenden wirtschaftlichen Aufschwung der Mitte des 19. Jahrhunderts, in dem Unternehmensgründer in relativ kurzer Zeit reich werden konnten. Ein entscheidender Faktor für die rasante Wirtschaftsentwicklung war der Eisenbahnbau. Typische „Gründer“ sind daher Eisenbahnunternehmer wie Bethel Henry Strousberg. Die Eisenbahn hatte eine bedeutende Impulswirkung auf andere Industriezweige, etwa durch die gestiegene Nachfrage nach Kohle und Stahl, so dass auch in diesen Bereichen Industrieimperien, wie etwa das von Friedrich Krupp, entstanden. Vor allem aber wurden Kommunikation und Migration enorm erleichtert. Massenhaft wanderten ländliche Unterschichten in die Städte (→ Urbanisierung), wo sie zum Bestandteil des dort entstehenden Proletariats wurden – damals entstand auch die soziale Frage (zeitgenössisch auch Pauperismus genannt), auf welche neue politische Strömungen wie Sozialismus, Kommunismus und Marxismus reagierten.

Mit der Eisenbahn wurden neben dem Transportwesen auch Vertrieb und Distribution revolutioniert: Außerhalb des herkömmlichen industriellen Sektors wurde Massenproduktion möglich. Zu bedeutenden Unternehmensgründern von Lebensmittelkonzernen wurden beispielsweise der Bierbrauer Ignaz Mautner und der Kaffeeröster Julius Meinl I..

Eine wichtige Rolle unter den „Gründern“ spielten auch Personen jüdischen Glaubens, die ihre nunmehrige Emanzipation und sozialen Aufstiegschancen zu nutzen wussten – als Beispiel sei das Bankhaus Rothschild genannt, das als Finanzier des Eisenbahnbaus erhebliche Bedeutung hatte.

Inwiefern auch Aktiengesellschaften in Deutschland die Gründerzeit prägten, zeigen folgende Zahlen: In den Jahren 1867 bis 1870 wurden in Preußen 88 Aktiengesellschaften gegründet, 1871 bis 1873 waren es 928 Neugründungen.

Reparationszahlungen[Bearbeiten]

Deutschland diktierte Frankreich nach dem gewonnenen Deutsch-Französischen Krieg (1870/1871) eine Reparationszahlung in Höhe von fünf Milliarden Francs in Gold. In Deutschland wurde dieses Gold eingeschmolzen und zu eigenen Münzen (Goldmark) geprägt. Zur gleichen Zeit verkaufte Deutschland seine Silberbestände und kaufte weiteres Gold auf dem Weltmarkt zu. Um einer Abwertung der Silberwährungen durch die hohe Silbermenge auf dem Markt entgegenzuwirken, limitierte Frankreich die Prägung von Silbermünzen (siehe Lateinische Münzunion). Die Währung vieler Länder basierte damals auf Gold (Goldstandard), Silber (Silberstandard) oder einem Bimetallstandard.

Gründerkrise[Bearbeiten]

Der Schwarze Freitag an der Wiener Börse, 9. Mai 1873, Holzschnitt (1873)

Der Aufschwung fand 1873 im großen Wiener Börsenkrach, dem so genannten Gründerkrach, ein jähes Ende und ging in die etwa zwanzigjährige wirtschaftliche Stagnationsphase über, die als Gründerkrise bekannt ist.

In dieser nachfolgenden Krise verlor die Theorie des Wirtschaftsliberalismus an Boden und es wurden auch in der Praxis Kontrollmechanismen geschaffen und Schutzzölle eingeführt. Die in dieser Krisenperiode entstehenden kleinbürgerlichen und proletarischen Massenbewegungen waren erklärte Gegner des Wirtschaftsliberalismus.

Die verheerendste Folge des großen Krachs war psychologisch. Das Versprechen von Reichtum und Aufstieg für alle schien vorerst gescheitert, in Kreisen kleiner Handwerker und Geschäftsleute stand nunmehr die Angst vor dem sozialen Abstieg durch die industrielle Konkurrenz im Vordergrund, außerdem war durch den Krach auch viel erspartes Kapital verloren gegangen. In diesen kleinbürgerlichen Kreisen verbreiteten sich rasch allerlei Verschwörungstheorien – insbesondere der Antisemitismus gewann massiv an Boden und wurde in den 1880er-Jahren zu einer breiten politischen Unterströmung.

Architektur und Design[Bearbeiten]

Hauptartikel: Historismus
Görlitzer Bahnhof in Berlin, 1866/1868
Speisesaal des Palais Kaskel-Oppenheim in Dresden, 1848

Als Gründerzeitstil wird – im Widerspruch zur zeitlichen Eingrenzung des wirtschaftsgeschichtlich geprägten Epochenbegriffs Gründerzeit – häufig auch der Späthistorismus bis in die Zeit um 1900 bezeichnet.

„Der im Bürgertum aufgekommene „Gründerzeitstil“ überdauerte die Phase wirtschaftlicher Stagnation nach 1873 (...) Er fand als Altdeutscher Stil, Neorenaissance oder Neubarock Eingang in die bürgerliche Wohnkultur und behaupteten sich neben dem um die Jahrhundertwende aufkommenden Jugendstil bis in das 20. Jahrhundert.“

Katharina Draheim, 2005[4]

Der im kunstwissenschaftlichen Bereich bevorzugte Begriff Historismus fasst die Entwicklung der Stile vom Spätklassizismus über Neoromanik, Neogotik und Neorenaissance bis zum in den 1880er Jahren aufkommenden Neobarock zusammen, unter bestimmten Aspekten zählt auch der Neoklassizismus des frühen 20. Jahrhunderts dazu.

Im Zuge der Industrialisierung wuchs der Bedarf nach Wohnraum; ganze Stadtviertel wurden „auf der grünen Wiese“ neu gebaut. Typisch für die so genannte Gründerzeitarchitektur ist eine drei- bis sechsgeschossige Blockrandbebauung mit mehr oder weniger reich dekorierten Fassaden. Neben Mietshäusern für die rasant wachsende Stadtbevölkerung (siehe auch Demografie Deutschlands) entstanden auch Quartiere mit Villen und Palais für das reich gewordene (Groß-) Bürgertum. In diesen Bauten fanden sich auch aufwändige Innenarchitektur und kostbares Mobiliar in historistischen Stilen. Hinzu kamen repräsentative Bauten für das gesellschaftliche Leben (z. B. Theater), die öffentliche Verwaltung (z. B. Rathäuser) und die neuen Infrastruktursysteme (z. B. Bahnhöfe).

Bedeutend war im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts auch das Aufkommen neuer Bautechniken, jedoch lösten die neuen Materialien zunächst keine Abkehr von den alten Stilen aus. Die Weiterentwicklung der Stahlerzeugung (Bessemer-Verfahren) förderte die Verwendung dieses Materials im Bauwesen. Aufsehen erregten in erster Linie Bauten, die neue konstruktive Qualitäten und ästhetische Möglichkeiten erprobten, so etwa der nur aus Stahl und Glas bestehende Crystal Palace der Londoner Weltausstellung von 1851 oder der zur Pariser Weltausstellung von 1889 errichtete Eiffelturm (oder andere markante Stahlfachwerktürme). Aber auch für alltägliche Bauaufgaben wurden vermehrt einzelne Konstruktionselemente oder Bauteile aus Stahl verwendet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts fand außerdem der höher entwickelte Stahlbetonbau vermehrt Verwendung im allgemeinen Hochbau.

In Deutschland fielen viele der so genannten Gründerzeitviertel den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs zum Opfer. Auch der modernistische Städtebau nach der Charta von Athen seit den 1950er Jahren hat viele dieser Gebäude in Mitteleuropa beseitigt. Dennoch gibt es noch heute in vielen mitteleuropäischen Städten zahlreiche Wohnbauten aus dieser Epoche, die oftmals ganze Straßenzüge oder gar Stadtviertel umfassen. Heute zählen sie vielerorts zu den beliebtesten städtischen Immobilien und erreichen einen hohen Marktwert.[5]

Obwohl die um 1900 entstandenen Bauten des Jugendstils irrtümlicherweise manchmal ebenfalls der Gründerzeitarchitektur zugeordnet werden[6], sind sie von historistischen Bauten zu unterscheiden.[7]

Gründerzeit in Österreich[Bearbeiten]

Das neugotische Wiener Rathaus

Auch in Österreich begann die Gründerzeit nach 1840 mit dem Beginn der Industrialisierung des Raums Wien sowie in Böhmen und Mähren. Meist wird die Märzrevolution (1848) als Ausgangspunkt genommen, deren wirtschaftliche Reformen im Unterschied zu den politischen Reformen im Allgemeinen nicht zurückgenommen wurden.

Der Liberalismus erreichte in der Österreich-Ungarischen Monarchie in einer kurzen Periode von 1867 (Österreichisch-Ungarischer Ausgleich) bis in die frühen 1870er-Jahre seinen Höhepunkt.

Wien, die Haupt- und Residenzstadt von Kaiser Franz Joseph, wurde ab 1850 – nach der gescheiterten Märzrevolution – durch die Eingemeindung der Vorstädte und den Zuzug Hunderttausender, besonders aus Böhmen und Mähren, bis 1910 zur fünftgrößten Millionenstadt der Welt. Die Ringstraße wurde an Stelle der alten Stadtmauer gebaut, Wohnbau und -spekulation blühten auf. Das durch die gestiegene Bedeutung von Gewerbe und Handwerk wohlhabend und – gegenüber dem eher agrarwirtschaftlich abhängigen Adel und der mittellosen Arbeiterschaft – mächtig gewordene Bürgertum setzte sich mit Prachtbauten des Historismus Denkmäler.

Im kleineren Umfang wurden auch in Graz ganze Stadtteile neu errichtet. Die Grazer Altstadt blieb größtenteils erhalten (anders als die Altstadt von Wien), da die rege Bautätigkeit vor allem außerhalb stattfand.

Die Donaumonarchie gehörte wirtschaftlich zu den Verlierern der deutschen Reichsgründung, die ihr Ansinnen, dem Deutschen Zollverein beizutreten, aussichtslos machte. Der Wiener Börsenkrach von 1873 ließ weltweit die Konjunktur nachlassen, auch wenn die Bezeichnung Große Depression für die anschließende Deflationsphase heute eher als übertrieben angesehen wird.

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Meyers Großes Universallexikon, Band 6. Bibliographisches Institut, Mannheim 1982, S. 170.
  2. Gabler Wirtschaftslexikon → Gründerjahre
  3. Meyers Konversationslexikon, Vierte Auflage, 1885-1892 → Gründung: „… In der That wurden Anfang der 70er Jahre (sogen. Gründerzeit) viele faule Gründungen ins Leben gerufen …“
  4. Katharina Draheim: Die Gründerzeit. (2005) auf der Website Lebendiges Museum online des Deutschen Historischen Museums Berlin, abgerufen am 6. Februar 2015
  5. Städter mögen Altbauwohnungen in Blockrand-Quartieren, Basler Zeitung, 21. November 2013
  6. Vgl. beispielsweise: Joachim Pohl: 100 Jahre Burghof. Feiern und Saubermachen. In: Flensburger Tageblatt vom 19. Oktober 2010 (abgerufen am 17. März 2014)
  7. Baukunst Nürnberg, Epoche Jugendstil, abgerufen am 16. März 2014