Kurt Walter Bachstitz

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Porträt von Kurt Walter Bachstitz Senior, fotografiert von Arnold Genthe, 1923.

Kurt Walter Bachstitz (* 4. Oktober 1882; † 1949) war ein ursprünglich österreichischer Kunsthändler, der kurz vor seiner Einbürgerung in die Niederlande verstarb.[1][2]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zur Emigration 1938[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bachstitz war das Kind des jüdischen Paares Liber Jacob Bachstitz und Mathilde Markowitz. Sein Geburtsort ist zweifelhaft. So geben zeitgenössische Quellen das damals noch deutsche Breslau (heute das polnische Wrocław) als Geburtsort an.[3] Bachstitz hingegen nahm für sich als Geburtsort das österreichische Raipoltenbach in Anspruch, als er im Jahr 1931 beim US-amerikanischen Arbeitsministerium die Verlängerung seiner Arbeitsgenehmigung beantragte.[1] Er studierte Architektur in Paris, London und Wien, wo er sein Studium im Jahr 1904 mit dem Diplom abschloss. Bis 1912 lebte und arbeitete er als Architekt in Wien. Von 1912 bis 1914 wohnte er in Berlin. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde er zum Militärdienst einberufen und erreichte den Rang eines Hauptmanns. Er kämpfte bis zu einer schweren Verwundung im Jahre 1916.[4] In erster Ehe war er mit Elfriede Pesé († 1918) verheiratet, mit der er zwei Kinder hatte, Walter Werner († 1943 in der Schweiz an Tuberkulose) und Margit Martha.[5] Am 19. Dezember 1918 heiratete er seine zweite Frau, Elisa („Lily“) Emma Hofer. Lily war Protestantin. Ihretwegen konvertierte Bachstitz zum evangelischen Glauben.[6] Im Februar 1919 wohnte und handelte er von München aus. So ist eine Begegnung mit Thomas Mann in Bachstitz' Wohnung in München überliefert, bei der Mann von Bachstitz ein Gemälde von Jan Miense Molenaer und ein Marmorrelief von Antoine Coysevox kaufte. Mann charakterisierte Bachstitz anschließend in seinem Tagebuch so:

„Der Mensch, blond-jüdisch und elegant, Mitte dreißig, mit Monokel und fetten, weißen, manikürten Händen, in gesteppter Hausjacke und Lackhausschuhen, wunderbar als Typus des international-kultur-kapitalistischen Schiebertums.“[7]

Greek – Necklace with Butterfly Pendant – 1921 erworben von William Thompson Walters, heute Walters Art Museum, Baltimore

1920/1921 eröffnete Bachstitz seine erste Galerie in Den Haag. Seine Galerie hatte Standorte in Wien, Berlin, New York und Den Haag. Die Galerie in Den Haag wurde zeitweilig von Walter Andreas Hofer, dem Bruder von Lily Bachstitz, geleitet, der später Kurator der Sammlungen von Hermann Göring wurde.

Im Sommer 1937 gab Bachstitz seine österreichische Staatsbürgerschaft auf. In dieses Jahr fiel sein letzter Besuch in New York und damit die Schließung seiner Galerie dort.[8] 1938 emigrierte das Ehepaar nach Den Haag.[1] Die Galerien in Wien und Berlin schlossen vermutlich auch etwa um diese Zeit.

Rogier van der Weyden – Portrait of a Lady – 1926 über Duveen Brothers an Andrew W. Mellon, heute National Gallery of Art, Washington

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sonderauftrag Linz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen dem Beginn der deutschen Besatzung der Niederlande 1940 und 1941 verkaufte die Bachstitz Gallery N.V. eine Reihe von Werken an das Deutsche Reich (Sonderauftrag Linz). Diese Organisation wurde von Hans Posse gleitet, bis dieser 1942 starb.

Unter den Arbeiten, die an den Sonderauftrag verkauft wurden, waren folgende:

Der Schriftwechsel zwischen Bachstitz und Posse zum Erwerb dieser Werke (und eines Steen) ist erhalten. Posse hat gegenüber Bachstitz starke Preisnachlässe durchgesetzt.[9]

Girolamo da Santacroce (ehem. Cima da Conigliano zugeschr.), „Johannes der Täufer“, ca. 1540, Öl auf Holz, Bonnefantenmuseum Maastricht, NK 1627

Im Februar 1941 gab Bachstitz seine offiziellen Funktionen bei der Bachstitz Gallery N.V. auf, und seine Frau wurde Geschäftsführerin. Zusammen mit seiner Frau führte er die Geschäfte heimlich weiter. Auf diese Weise vermieden sie, dass die Galerie für die Dauer des Krieges unter Zwangsverwaltung kam. Den Dokumenten zufolge, die die Akte bezüglich seiner erfolgreichen Einbürgerung in den Niederlanden nach dem Krieg bereithält[10], schützte das Paar heimlich Juden, die versuchten, den Machthabern zu entkommen. Im Jahr 1942 wurde Bachstitz durch die Besatzungsbehörde (das Wirtschaftsamt) vorgeladen, als er versäumt hatte, die Galerie als „nicht-arischer Besitz“ registrieren zu lassen. Verfahren wurden gegen ihn angestrengt und er wurde durch den Sicherheitsdienst (SD) im Juli 1943 in Haft genommen und in das Scheveningen Gefängnis in Den Haag eingeliefert. Aufgrund einer Intervention Görings, die von Bachstitzs Schwager Hofer initiiert worden war, wurde er aus dem Gefängnis entlassen. Auch wurde ihm erlassen, den Davidstern tragen zu müssen.

Verkäufe an Kurt Martin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen 1942 und 1944 verkaufte Bachstitz eine Reihe von Werken an die von Kurt Martin geleiteten Museen.[11]

1944 erhielt Bachstitz, veranlasst durch Göring und durch Vermittlung seines Schwagers Hofer, ein Visum zur Ausreise in die Schweiz.[1][12] Als Gegenleistung übergab Bachstitz einige Kunstwerke an die Sammlung Göring.[13][14]

Nach dem Krieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele der nach Deutschland verkauften Bilder wurden insbesondere über den Central Collecting Point in Deutschland nach dem Krieg in die Niederlande zurückgebracht. Die Bemühungen von Bachstitz um die Restitution dieser Werke scheiterten, abgesehen von der Restitution des Werks von Jan Steen mit dem Motiv Samson und Delilah, das er Göring als Gegenleistung für das Ausreisevisum überlassen hatte. Die anderen Werke wurden Eigentum der Stichting Nederlands Kulturbezit (SNK).[15] Bachstitz starb 1949. Im Jahr 1951 löste seine Witwe die Bachstitz Galerie N.V. mit einem hohen Defizit auf.[16] Die Kunstbibliothek der Galerie wurde versteigert.[17] Im Jahre 2009 restituierten die Niederlande ein Werk von Pietro Capelli aus dem Bestand der SNK an die Erben von Kurt Walter Bachstitz. Die Bachstitz Gallery hatte es 1943 an den Sonderauftrag Linz verkauft. Der Antrag der Erben auf die Restitution der anderen zwölf an den Sonderauftrag Linz verkauften Werke wurde abgelehnt. Zur Begründung führte die niederländische Restitutionskommission aus, Bachstitz sei in den ersten Jahren der Besatzung „ungestört“ geblieben. Es lägen nicht genug Anhaltspunkte dafür vor, dass der Verkauf unfreiwillig erfolgt sei.[1][18] Die Erben haben Anträge zur Wiederaufnahme des Verfahrens gestellt.[19]

Im Juli 2013 restituierte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zwei Kunstwerke an die Erben von Bachstitz, die das Berliner Schlossmuseum 1943 in Den Haag erworben hatte.[20] Die Erben suchen noch immer nach Kunstgegenständen, die Bachstitz wegen seiner NS-Verfolgung verlor.[21]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Bachstitz, Inc. records, 1923–1937. The Metropolitan Museum of Art Archives. Abgerufen am 11. Juni 2015.
  2. Bachstitz, Restitutionskommission der Niederlande, Az RC 1.78, Consideration No.2. Abgerufen am 11. Juni 2015.
  3. NA, Ministry of Justice, naturalization files, access code 2.09.22, inv. no. 13533, no. 2189; Central Bureau for Genealogy, The Hague, Calmery archive, Bachstitz file
  4. NA, Ministry of Justice, naturalization files, access code 2.09.22, inv. no. 13533, no. 2189
  5. File RC 1.78, estate inventory (via Ministry of Finance, inheritage tax returns)
  6. NA, SNK 178, Bachstitz file, draft letter from Bogisch to Weyma, undated
  7. Thomas Mann Tagebücher, 1918–1921, herausgegeben von Peter de Mendelssohn, Frankfurt/M. 1979, ISBN 978-3-10-048192-4, S. 143–145
  8. Aus der Zwischenkriegszeit sind viele Verkäufe in die USA belegt, beispielsweise Ganymed Schmuck, Metropolitan Museum of Art und 20 Antiken, Walters Art Museum, zuletzt eingesehen am 8. Juli 2015
  9. Wikisource: Korrespondenz Bachstitz Juli 1940 Wikicommons
  10. NL-NA, ministerie van justitie (1915–1955), inv. No. 13533 (1646)
  11. 10 Suchmeldungen bei www.lostart.de, zuletzt eingesehen am 11. Juni 2015
  12. Bachstitz, Restitutionskommission der Niederlande, Az RC 1.78, Consideration No.6. Abgerufen am 11. Juni 2015.
  13. US-NARA, RG 260, M1946. Roll 127. Restitution Research Records. Göring, Hermann: Notes on Purchases. Page 65.
  14. Post-War Reports: Art Looting Intelligence Unit (ALIU) Reports 1945–1946 and ALIU Red Flag Names List and Index. lootedart.com. Abgerufen am 11. Juni 2015.
  15. NL-NA, Stichting Nederlands Kunstbezit (SNK), 2.08.42.
  16. NL-NA 2.09.16, Nederlands Beheers Instituut NBI, inv.no. 2168, Note Kesselaar NBI 16 December 1955.
  17. Art library of the late K.W. Bachstitz (Bachstitz Galleries), The Hague. : Internationaal Antiquariaat (Menno Hertzberger) : Free Download & Streaming : Internet Archive. archive.org. Abgerufen am 11. Juni 2015.
  18. Bachstitz, Restitutionskommission der Niederlande, Az RC 1.78, Consideration No.5. Abgerufen am 11. Juni 2015.
  19. Aktenzeichen RC 4.138
  20. Berliner Kunstgewerbemuseum restituiert zwei Werke an die Erben des Kunsthändlers Bachstitz — Stiftung Preußischer Kulturbesitz. preussischer-kulturbesitz.de. Abgerufen am 11. Juni 2015.
  21. 48 Suchmeldungen bei www.lostart.de, zuletzt eingesehen am 11. Juni 2015

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bachstitz | Restitutiecommissie. restitutiecommissie.nl. Abgerufen am 11. Juni 2015.
  2. Bachstitz, Inc. records, 1923–1937. The Metropolitan Museum of Art Archives. Abgerufen am 11. Juni 2015.
  3. Bachstitz-Erben erhalten Raubkunst zurück. art-magazin.de. Abgerufen am 11. Juni 2015.
  4. Berliner Kunstgewerbemuseum restituiert zwei Werke an die Erben des Kunsthändlers Bachstitz — Stiftung Preußischer Kulturbesitz. preussischer-kulturbesitz.de. Abgerufen am 11. Juni 2015.
  5. Art library of the late K.W. Bachstitz (Bachstitz Galleries), The Hague. : Internationaal Antiquariaat (Menno Hertzberger) : Free Download & Streaming : Internet Archive. archive.org. Abgerufen am 11. Juni 2015.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Briefverkehr von Kurt Walter Bachstitz