Landerziehungsheim Schule Marienau

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Schule Marienau
Logo der Schule Marienau / Stand 2013
Schulform Gymnasium
Gründung 1923
Ort Dahlem
Land Niedersachsen
Staat Deutschland
Koordinaten 53° 12′ 18″ N, 10° 43′ 23″ OKoordinaten: 53° 12′ 18″ N, 10° 43′ 23″ O
Träger Privat (Landerziehungsheim Schule Marienau e.V. )
Schüler 330
Leitung Heike Elz
Website www.marienau.de

Die Schule Marienau im Ortsteil Marienau der Gemeinde Dahlem ist ein staatlich anerkanntes privates Gymnasium und Internat. Es wurde 1923 vom Reformpädagogen Max Bondy und seiner Frau Gertrud als Schulgemeinde zunächst in Gandersheim als Landerziehungsheim gegründet. Die Internatsschule zog 1929 auf das Gut Marienau um.

Internatsschule[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Internatsschule ist heute ein staatlich anerkanntes Gymnasium mit Ganztagsbetreuung, das als Internats- und Tagesschule geführt wird. Sie ist Mitglied der Internate Vereinigung. Die Schule hat heute (2017) eine Kapazität von 330 Schülerplätzen (150 im Internat und 180 Tagesschüler). Die durchschnittliche Klassenstärke liegt bei 16, die Obergrenze bei 22 Schülern.

Seit 2003 ist sie UNESCO-Projektschule und fühlt sich den Werten im Rahmen der UNESCO-Charta und –Verfassung verpflichtet. Dieser Selbstverpflichtung wird die Schule insbesondere durch positiven Bezug auf die Menschenrechte, die internationale friedliche Verständigung, die Umwelterziehung und durch ein interkulturelles Lernen gerecht. Dazu gehört der internationale Austausch mit dem christlichen Moschaw Nes Ammim in Israel[1] sowie Austauschprogramme mit Schülern der arabischen Schule Dar As-Salam in Sheikh Danun, Israel.[2][3][4][5]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reformpädagogische Gründungszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Gründer Max Bondy stammte aus einer großbürgerlichen nichtorthodoxen jüdischen Familie in Hamburg und war der ältere Bruder des Psychologen und Sozialforschers Curt Bondy. Er war seit seiner Studienzeit vor dem Ersten Weltkrieg von der deutschen Jugendbewegung und den Wandervögeln maßgeblich beeinflusst und geprägt. Gemeinsam mit Ernst Putz hatte er 1920 auf dem Sinntalhof bei Brückenau bereits die Freie Schul- und Werkgemeinschaft Sinntalhof gegründet. Seine Frau Gertrud (1889–1977) war Ärztin und eine mit Sigmund Freud und Anna Freud persönlich bekannte Wiener Psychoanalytikerin.

Schüler und Lehrer sollten einen freundschaftlichen sozialen Korpus bilden. Ziel ihrer Reform-Pädagogik war es, die Schüler zu verantwortungsbereiten und sozial engagierten Menschen zu formen, „im starken Eingehen auf ihre Individualität“. 1923 zog das Landschulheim ins niedersächsische Gandersheim.

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alexander Schmorell, nach einer Photographie von Angelika Knoop-Probst, 1939 Marienau

Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und der folgenden sog. „Machtergreifung“, war die Schule bereits in ihrer Existenz gefährdet. Als sie schließlich als Judenschule angegriffen worden war, wurde Max Bondy zum 1. April 1937 auch die Erlaubnis entzogen, die Schule weiterhin zu leiten[6]. Unter der nationalsozialistischen Reichsregierung wurde sein Besitz enteignet. Die ursprünglich zugesicherten 108.000 Mark wurden zum einen für die Zwangstilgung von Hypotheken (58.000 Mark) verwendet, zum anderen auf einem Sperrmark-Konto der Dresdner Bank (50.000 Mark) festgesetzt, um es dem Zugriff durch den jüdischen Eigentümer Bondy zu entziehen. Das Ehepaar Bondy war mittlerweile mit seinen drei Kindern in die Schweiz emigriert. In Gland hatten sie die ehemalige Quäkerschule Les Rayons übernommen, um dort die Tradition von Marienau fortzusetzen.

Hauptartikel: Les Rayons (Gland)

1939 emigrierten die Bondys in die USA (zuerst nach Windsor/Vermont, dann nach Manchester, Vt. und zuletzt nach Lenox, Massachusetts) und gründeten dort die Windsor Mountain School.

An Bondys Stelle übernahm am 2. April 1937 Bernhard Knoop[7] die Leitung der Internatsschule im Einvernehmen mit der nationalsozialistischen Reichsregierung. Zuvor hatte er im Landerziehungsheim Schondorf am Ammersee als Lehrer gewirkt. Mit diesem Wechsel in der Schulleitung ging zugleich ein „ideologischer“ Kurswechsel einher, vom progressiven „linken“ Flügel der Landerziehungsheime zum eher konservativen „rechten“ Flügel, „als dessen Exponent das damalige Schondorf gelten darf“.[8] Aus der Internatsschule, die bisher „Schulgemeinde auf Gut Marienau“ hieß, wurde schon im Jahr 1937 offiziell das „Niederdeutsche Landerziehungsheim Marienau“, um so auch „äußerlich die Abkehr von der bisherigen liberalistischen Tradition (Schulgemeinde) deutlich zu machen“.[8]

Knoops erste Frau, Angelika Knoop-Probst, von der er sich 1946 im gegenseitigen Einvernehmen trennte, war die Schwester von Christoph Probst, einem Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose.[9] Knoop-Probst war 1943 wegen des Verdachts der Mitwisserschaft bei den Aktionen der Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“ verhaftet worden, was zeitweise wohl auch den Weiterbetrieb des Landerziehungsheims in Frage stellte.

Von 1939 bis zu seiner Einberufung in die Wehrmacht 1940 bereitete der Komponist und Lehrer Hanns-Joachim Weber unter Knoop die spätere musisch-musikalische Schwerpunktsetzung der Internatsschule vor.[10] Weber komponierte Lieder, Kanons, Chorsätze, die „Spielmusik für Klavier“ und die „Marienauer Tanzsätze“.[11] Gedacht und geeignet für die Nutzung in einem Schullandheim, wurden die „Marienauer Tanzsätze“ 1940 in der Werkreihe des Amtes Feierabend der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ in Verbindung mit dem Kulturamt der Reichsjugendführung publiziert.[11]

Ende August 1945 fand unter Leitung von Adolf Grimme die „Marienauer Tagung“ statt, eine Tagung zur Schulreform in Niedersachsen. Im Oktober 1945 wurde der Unterricht dann auch offiziell wieder aufgenommen.[8]

Nachkriegsdeutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1946 bis 1969 führte Knoop gemeinsam mit seiner zweiten Frau Anneliese Knoop-Graf das Landerziehungsheim Marienau, signifikant konservativer als die Bondys und in starker äußerer Anlehnung an das Landerziehungsheim Schondorf.[12] Im Fokus stand weiterhin eine musische Bildung auf hohem Niveau. In dieser Zeit entwickelte sich die Schule zu einem der führenden Internate im Nachkriegsdeutschland.

Ära Fischer und Trägerverein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachfolger von Knoop als Schulleiter wurden zunächst Hans Däumling, der Ministerialdirigent Hans Deneke und schließlich Günter Fischer, der als seinen pädagogischen Schwerpunkt die Theaterarbeit ansah. Im Zeitraum des ersten Interregnums 1970/71 wurde ein gemeinnütziger Trägerverein gegründet.[13]

Ära Hasenclever, Aufarbeitung der Bondy-Zeit und Ökologischer Humanismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufarbeitung

Bis 1986 blieb die bedeutende, auch zukunftsweisende reformpädagogische Geschichte aus der Gründungsphase der Schule weitgehend unbeachtet.[9] Obwohl Max Bondy 1945 durch Vormerkung im Grundbuch versucht hatte, als Verfolgter des Nationalsozialismus sein ehemaliges Eigentum wieder zu erhalten, war ihm als mittlerweile US-amerikanischem Staatsbürger der Eigentumserwerb in Deutschland aus sog. „Rechtsgründen“ nicht gestattet. Bondy starb 1951, zwei Jahre vor dem Abschluss der Wiedergutmachungsverhandlungen, die schließlich mit einem Vergleich endeten.

Ab 1986 erfolgte sowohl durch den Leiterwechsel und weitere gesamtgesellschaftliche Strömungen ein Umdenken in der Rezeption der frühen Schulgeschichte Marienaus.[9]

Von 1986 bis 1999 leitete Wolf-Dieter Hasenclever die Schule Marienau. Er war vorher Studienleiter an der Urspringschule gewesen. Unter ihm begann die lokale Aufarbeitung der Zeit des Antisemitismus unter der nationalsozialistischen Reichsregierung. Austauschprogramme mit jüdischen Schülern aus Israel und gemeinsamen Studienfahrten zu deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern wurden präventions- und aufklärungspädagogisch erarbeitet. Zudem wurde das Andenken der Gründer und Reformpädagogen Max und Gertrud Bondy erstmals wieder geehrt und gepflegt und auch deren Nachfahren, so besonders die Familie Roeper, wurden nach Marienau eingeladen.

Unter Hasenclevers Leitung wurde 1989/90 – auf Initiative der Altschüler – das 'Bondy-Haus' gebaut, in dem auch das Schularchiv untergebracht ist, und[8], in dem sich – trotz des spezifischen Geschichtsverlaufs[14] – inzwischen wieder viel historisches Material befindet, das von den ehemaligen Schülern und der Familie Bondy-Roeper aus USA zur Verfügung gestellt wurde.

Ökologischer Humanismus

Mit seinem Ökologischen Humanismus[15][16] gelang es Hasenclever, in seiner eigenen reformpädagogischen Arbeit an die der Gründungszeit der einstmaligen reformpädagogischen „Schulgemeinde auf Gut Marienau“ wieder anzuknüpfen.

UNESCO-Projektschule[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Nachfolge von Wolf-Dieter Hasenclever änderte sich der Fokus der Internatsschule von 1999 bis 2005 unter der Leitung von Heike Thies graduell. Im Jahr 2003 wurde sie eine UNESCO-Projektschule und baute Beziehungen zum christlichen Moschaw Nes Ammim[1] und der arabischen Schule Dar As-Salam in Israel auf.[2][3][4] Als Schulleiter folgte ihr Axel Schmidt-Scherer.

Aktuelles[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2008 wird die Schule Marienau von Heike Elz geleitet.[17] Mit der SISU Bilingual School in Shanghai, den deutschen Auslandsschulen in Osorno (Chile) und Mexiko-Stadt wurden Partnerschaften aufgebaut und Sprachaufenthalte in den USA und Malta, in Ávila (Spanien) sowie Royan(Frankreich) ins Curriculum aufgenommen. Alle aktuellen Informationen aus Schule und Internat sind auf www.marienau.de oder https://www.facebook.com/marienau zu finden

Chronik der Schulleiter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heike Elz seit 2008
Axel Schmidt-Scherer 2005–2008
Heike Thies 1999–2005
Wolf-Dieter Hasenclever 1986–1999
Günter Fischer 1973–1986
Hans Deneke 1971–1972
Hans Däumling 1969–1970
Bernhard Knoop und Anneliese Knoop-Graf 1937–1969
Max Bondy und Gertrud Bondy 1923–1937

Bekannte Lehrer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bekannte Schüler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Marienau. Fünfzig Jahre Landerziehungsheim 1929–1979, hrsg. von Schule Marienau (Redaktion: Bernhard Knoop), 1979.
  • Von der Privatinitiative zur öffentlichen Verantwortung. 25 Jahre gemeinnütziger Trägerverein Landerziehungsheim Marienau e. V. Hg. v. Vorstand des Landerziehungsheim Marienau e. V., Marienau 1996.
  • Max Bondy: „Ich muß mich dann immer damit beschäftigen, bis ich es Euch gesagt habe.“ Reden an junge Deutsche (1926–1947). hrsg. von Schülern der Schule Marienau, Dahlem-Marienau 1998.
  • Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau. Die Geschichte einer verdrängten Pädagogik. Marienau 2012.
  • Barbara Kersken: Bernhard Knoop. Die ersten 40 Jahre. Bilder und Texte. Dokumentation zum 100. Geburtstag von Dr. Bernhard Knoop. Marienau 2008.
  • Gesine zu Münster (Hrsg.) / Oswald zu Münster: Fototagebuch Band 1 – Aufenthalt in den Landschulheimen Schule am Meer auf Juist und in Marienau 1931–1937. Bei der Olympiade 1936, Berlin. FTB-Verlag, Hamburg 2015, ISBN 978-3-946144-00-7
  • "Das Marienauer Echolot". Perspektivwechsel. Die 1940er Jahre in der Wahrnehmung der Marienauer Schüler. Zusammenstellung und Redaktion: Barbara Kersken. Hrsg. v. Schule Marienau, Dahlem-Marienau 2016

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b UNESCO. In: Homepage Schule Marienau. marienau.com. Abgerufen am 7. August 2013.
  2. a b Gert Erber Ines Mercado: UNESCO-Arbeit (PDF; 2,5 MB) In: S. 5. SchuleMarienau.com 2011. Abgerufen am 7. August 2013.
  3. a b Israelaustausch. In: Homepage Schule Marienau. marienau.com. Archiviert vom Original am 7. August 2013. Abgerufen am 7. August 2013.
  4. a b Kursfahrt nach Israel (PDF; 1,6 MB) In: S. 2/3. SchuleMarienau.com 2007. Abgerufen am 7. August 2013.
  5. Israelaustausch (PDF; 4,1 MB) In: S. 11. SchuleMarienau.com 2007-2008. Abgerufen am 7. August 2013.
  6. Vgl. DOKUMENTE zur Zeit: Marienau und die Gestapo. In: Max Bondy: Reden an junge Deutsche, S. 140–145e
  7. Vgl.: Bernhard Knoop. Die ersten 40 Jahre. Bilder und Texte. Dokumentation zum 100. Geburtstag von Dr. Bernhard Knoop. Marienau 2008, S. 65–83.
  8. a b c d Kersken Barbara: Archiv Schule Marienau. Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF) des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Verbindung mit der Sektion Historische Bildungsforschung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Abgerufen am 7. Januar 2015.
  9. a b c Barbara Kersken: Archiv Schule Marienau. auf Historische Bildungsforschung Online:
  10. Andreas Rasp: Briefe aus dem Osten die Geschichte einer Wandlung ; Feldpost des 1942 in Russland gefallenen Musikers Hanns-Joachim Weber an seine Frau Maria.. ATE, Münster 2008, ISBN 3897811383, S. 141 ff.
  11. a b Hanns-Joachim Weber: Marienauer Tanzsätze. In: Werkreihe des Amtes Feierabend der NS.-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" in Verbindung mit dem Kulturamt der Reichsjugendführung. Heft 8, 1940.
  12. Jens Bergmann: Das Lebenswerk des Max Bondy. In: Hamburger Morgenpost. vom 29. September 1999.
  13. Von der Privatinitiative zur öffentlichen Verantwortung: 25 Jahre gemeinnütziger Trägerverein Landerziehungsheim Marienau, 1996.
  14. Vgl. Kapitel 5 : Zweite Phase der Konfrontation mit dem Nationalsozialismus (1936/37), S. 57–66 In: Barbara Kersken:Max und Gertrud Bondy in Marienau. Die Geschichte einer verdrängten Pädagogik. 2012.
  15. Wolf-Dieter Hasenclever (Hrsg.): Reformpädagogik heute. Wege der Erziehung zum ökologischen Humanismus. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 1993.
  16. Wolf-Dieter Hasenclever: Die Pädagogik des Ökologischen Humanismus. In: Homepage Schule Marienau. SchuleMarienau.com 1998. Archiviert vom Original am 11. Januar 1998. Abgerufen am 7. August 2013.
  17. Norbert Vojta: So lebt es sich tatsächlich in einem Internat. In: Die Welt, 22. Juni 2015. Auf: welt.de, abgerufen am 23. April 2017
  18. Oswald zu Münster: Fototagebuch Band 1 – Aufenthalt in den Landschulheimen Schule am Meer auf Juist und in Marienau 1931–1937. Bei der Olympiade 1936, Berlin. FTB-Verlag, Hamburg 2015, ISBN 978-3-946144-00-7
  19. a b c Stiftung Marienau. In: Internatsgymnasium Marienau. (marienau.com [abgerufen am 7. Januar 2018]).
  20. Julia Marten, Sebastian Martinez: Einhundert. In: hamburger Abendblatt (Hrsg.): magazin. Band 2011, Nr. 35. Hamburg, S. 6 (abendblatt.de [PDF]).
  21. Barbara Kersken: Das Marienauer Echolot. Perspektivwechsel. Die 1940er Jahre in der Wahrnehmung der Marienauer Schüler. Hrsg. v. d. Schule Marienau, Dahlem-Marienau 2016.