Max Bondy

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Max Bondy um 1915. Auf der Brust das Abzeichen der Deutschen Akademischen Freischar

Max Bondy (* 11. Mai 1892 in Hamburg; † 13. April 1951 in Boston, Massachusetts) war ein deutscher Reformpädagoge jüdischer Herkunft und ein Gründer von Landerziehungsheimen. Nach Zwangsenteignung und Flucht vor der nationalsozialistischen deutschen Diktatur 1937 emigrierte er zuerst nach Gland am Genfersee (Schweiz), dann 1939 in die USA und wurde US-amerikanischer Staatsbürger.

Kindheit und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Max Bondy wurde als Sohn einer assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Sein Vater, Salomon Bondy, war erst vier Jahre zuvor, 1888, von Prag nach Hamburg gekommen und wurde 1902 in den hamburgischen Staatsverband aufgenommen. Max Bondy besuchte in Hamburg das Wilhelm-Gymnasium bis zum Abitur 1910. Im Wintersemester 1910/11 studierte er „Rechte und Nationalökonomie“ in München, belegte aber schon zahlreiche Veranstaltungen in Philosophie und Kunstgeschichte. 1911 war er offiziell für kunstgeschichtliche Studienzwecke nach Italien beurlaubt. Im Wintersemester 1912/13 studierte er in Freiburg Geschichte und Kunstgeschichte. In Freiburg kam er erstmals mit der Jugendbewegung in Kontakt und wurde schließlich zu einem führenden Mitglied der Deutschen Akademischen Freischar (DAF). Im Sommersemester 1914 studierte er in Göttingen Geschichte und Germanistik. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrach das Studium. Max Bondy meldete sich auf dem Hintergrund seiner deutsch-nationalen Grundeinstellung sofort als Freiwilliger. Er blieb Soldat bis zur Novemberrevolution 1918, zuletzt als Offizier der Artillerie. Sein Studium beendete er 1919 in Erlangen mit einer Promotion in Kunstgeschichte. Das Thema seiner Dissertation lautete: „Baiersdorf. Eine kunstgeschichtliche Untersuchung.“ Max Bondy betonte später wiederholt, wie stark ihn die Gedankenwelt der Jugendbewegung beeinflusst habe. Wie viele andere Jugendbewegte war er durch diese Prägung in besonderer Weise an pädagogischen und gesellschaftspolitischen Fragen interessiert.

Reformpädagoge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werbeanzeige in den Kurlisten des Staatlichen Mineralbades Brückenau 1920/21
Schüler und Lehrer der Freien Schul- und Werkgemeinschaft Sinntalhof, ca. 1921

Zusammen mit Ernst Putz, Schüler von Martin Luserke aus der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, gründete er 1920 auf dem Sinntalhof in Brückenau erstmals eine Schule, die Freie Schul- und Werkgemeinschschaft Sinntalhof.[1][2] Dort unterrichte u. a. Hedda Korsch. Dieses Schulprojekt scheiterte wegen unüberbrückbarer Differenzen zwischen den beiden Partnern um die Leitungsfunktion.[3] 1923 ging Max Bondy mit einem Teil der Schüler und der Mitarbeiter nach Gandersheim in Niedersachsen. In Zusammenarbeit mit seiner Frau Gertrud Bondy, geb. Wiener (* 7. Oktober 1889 in Prag, † 30. April 1977 in Detroit), einer Ärztin und Psychoanalytikerin, die Sigmund Freud und Anna Freud noch persönlich kannte, formte er die Schulgemeinde Gandersheim. Sie zog 1929 nach Marienau um, wo sie sich Schulgemeinde auf Gut Marienau nannte. Heute ist die Schule das Landerziehungsheim Schule Marienau.

Aus den Idealen und Vorstellungen der Jugendbewegung, den ebenfalls für die damalige Zeit typischen Lebensreformbewegungen, aber auch aus den schrecklichen Erfahrungen und politisch umwälzenden Folgen des Ersten Weltkrieges erwuchs bei Max Bondy die Idee, durch Gründung einer Schulgemeinde am Wiederaufbau des krisengeschüttelten Nachkriegsdeutschlands mitwirken zu können. Der Erziehung der Jugend ordnete er eine Schlüsselfunktion zu, um so auch maßgeblich gesellschaftspolitischen Einfluss zu nehmen. Die Benennung seiner Schulen als Schulgemeinden ist zugleich auch ihr pädagogisches Programm, das ganz bewusst im Gegensatz stand zum allgemeinen und traditionell autoritären Schulsystem. So war es unter anderem ein erklärtes Ziel der Schulgemeinde, freundschaftliche Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern zu pflegen, eine Schülerselbstverwaltung auf demokratischen Prinzipien einzuführen und die Ideale der zeitgenössischen Jugendbewegung aufrechtzuerhalten: 1. Erziehung zu Autonomie und Selbstkompetenz, das heißt also zu "selbstdenkenden" und "selbstverantwortlich" handelnden Menschen und 2. Erziehung zur Gemeinschaft und zur Menschlichkeit, das heißt zu gesellschaftlich, politisch und sozial engagierten Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und Toleranz zu üben. War Max Bondy vornehmlich geprägt durch die deutsche Jugendbewegung, durch seine freiwillige Teilnahme am Ersten Weltkrieg und sein großes Interesse an Kunst und Kunstgeschichte, so war seine Frau ihm ähnlich und doch "ganz anders"[4]. Gertrud Bondy wuchs in Prag und Wien auf, den Hochburgen moderner Kunst und Kultur des Fin de siècle. Sie stammte aus einer sehr kultivierten und hochgebildeten Familie und wollte ursprünglich Konzertpianistin werden. Unter dem Eindruck von Erlebnissen im Ersten Weltkrieg entschloss sie sich zum Studium der Medizin und absolvierte zusätzlich eine Ausbildung als Psychoanalytikerin. Diese Voraussetzungen prädestinierten sie in besonderer Weise dazu, das Konzept einer Schulgemeinde als "Kulturschule" mitzutragen, das Max Bondy zeit seines Lebens vorschwebte und das er in seinen zahlreichen "Morgensprachen"[5] aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtete.

Im Vergleich zu anderen Landerziehungsheimen waren der fast familiäre Charakter so wie die Kennzeichnung als "unglaublich fortschrittlich" dann spätestens ab Mitte der 1920er Jahre das "Markenzeichen" der Bondyschen Schulgemeinde: Man wollte keine Weltfremdheit, sondern "Bejahen der Gegenwart", in jeder Hinsicht "Zeitgenossenschaft".[6]

Verfolgter des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das schulische Leben schwerer. Die „Judenschule“, wie die Schule Marienau von außen auch genannt wurde, geriet unter den Einfluss der Repression deutscher Nationalsozialisten. 1937 entzogen sie dem jüdischen Schulleiter Max Bondy die Erlaubnis, die Schule zu führen. Bondy sollte für die Schulgemeinde Marienau 108.000 Mark erhalten, ein Zwangsgeld, das er jedoch nicht bekam. 58.000 Mark dienten der Zwangstilgung von Hypotheken und 50.000 Mark waren auf einem Sperrmark-Konto der Dresdner Bank vor dem Zugriff durch den jüdischen Eigentümer Bondy festgesetzt. Die Leitung der Schule Marienau übernahm der ehemalige Lehrer und Schwager von Christoph Probst, Bernhard Knoop vom Landerziehungsheim Schondorf am Ammersee, womit ein Wechsel vom progressiven zum eher konservativen Flügel der Landerziehungsheimidee stattfand.[7]

Das Ehepaar Bondy ging mit seinen drei Kindern in die Schweiz, wo sie in Gland die ehemalige Quäkerschule Les Rayons übernahmen, um dort die Tradition von Marienau fortzusetzen.

Hauptartikel: Les Rayons (Gland)

1939 setzten sie ihr Exil in den USA (Lenox, Mass.) fort und gründeten dort die Windsor Mountain School.

Nach der Shoah[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1945, nach dem Ende der Shoah versuchte Bondy, als Verfolgter des Nationalsozialismus sein ehemaliges Eigentum, die Schule in Marienau wieder zu erhalten, um sich der „Reeducation“ der Deutschen zu widmen und seine Schule zukünftig einem internationalen pädagogischen Verbund anzuschließen. Das wurde ihm aber verwehrt, weil er inzwischen die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte und zu dieser Zeit kein Eigentum in Deutschland erwerben durfte. Verbittert über diese Entscheidung erlebte er das Ende der Wiedergutmachungsverhandlungen nicht mehr. 1951 starb Max Bondy im Alter von 58 Jahren in Boston an Leukämie. Er wurde auf dem Mountain View Cemetery in Lenox, Berkshire County, im US-Bundesstaat Massachusetts beigesetzt.[8]

Max Bondys Reformpädagogik bis heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nachfolge der Schulleitung hatte Bernhard Knoop. In der Folgezeit geriet die Entstehungsperiode des Internats Schule Marienau durch den jüdischen Schulleiter Max Bondy, unter dem Einfluss der Jugendbewegung, weitestgehend in Vergessenheit. Erst Mitte der 1980er Jahre, mit dem damals neuen Schulleiter Wolf-Dieter Hasenclever, einem Gründungsmitglied der baden-württembergischen Grünen, wurde die Vergangenheit aufgearbeitet. Ein Archiv entstand 1989, das in dem neugebauten Bondy-Haus eingerichtet wurde. Mit der Hinwendung zum „Ökologischen Humanismus“[9], mit deutsch-israelischen Austauschprogrammen und einer ökologischen Aufbruchbewegung der schulischen Jugend wurde seinerzeit würdig an das jüdische Erbe und an den Einfluss der Jugendbewegung angeknüpft.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Baiersdorf, eine kunstgeschichtliche Untersuchung. Erlangen 1923
  • Das neue Weltbild in der Erziehung. Diederichs, Jena 1922
  • „Ich muß mich dann immer damit beschäftigen, bis ich es Euch gesagt habe.“ Reden an junge Deutsche (1926–1947). Schule Marienau, Dahlem-Marienau 1998

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Barbara Kersken: Gertrud und Max Bondy – Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik? Neubauer, Lüneburg 1991, ISBN 3-88456-086-7.
  • Barbara Kersken: Max und Gertrud Bondy in Marienau. Die Geschichte einer verdrängten Pädagogik. Dahlem-Marienau 2012 (Selbstverlag)
  • Oswald Graf zu Münster, Gesine Gräfin zu Münster: Fototagebuch Band 1 – Aufenthalt in den Landschulheimen Schule am Meer auf Juist und in Marienau 1931–1937. Bei der Olympiade 1936, Berlin. FTB-Verlag, Hamburg 2015, ISBN 978-3-946144-00-7.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Peter Dudek: „Dass ich aus innerster Überzeugung meinen Weg ging.“ – Die Erinnerungen an die Freie Schulgemeinde Wickersdorf im Zuchthaustagebuch des KPD-Reichstagsabgeordneten Ernst Putz (1896–1933). In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung (BzG), 3 (2011), S. 91–120, Zitatstelle: S. 99–100.
  2. Peter Dudek: Wir wollen Krieger sein im Heere des Lichts – Reformpädagogische Landerziehungsheime im hessischen Hochwaldhausen 1912–1927. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2013. ISBN 978-3-7815-1804-9, S. 108, 114.
  3. Leonhard Rugel: Die höhere Schule des Ernst Putz im Sinntalhof. In: Jahresbericht des Franz-Miltenberger-Gymnasiums Bad Brückenau, 1987/88 (1988), S. 124–134.
  4. Hedwig Wallis: Die pädagogische Arbeit von Max und Gertrud Bondy aus der Perspektive einer Altschülerin. Vortrag anlässlich der 50-jährigen Abiturfeier in Marienau am 21. Juni 1987. In: Marienauer Chronik. Heft 40, September 1987, S. 86–89.
  5. Max Bondy: „Ich muß mich dann immer damit beschäftigen, bis ich es Euch gesagt habe.“ Reden an junge Deutsche (1926–1947). Schule Marienau, Dahlem-Marienau 1998. Vgl. bes. die "Morgensprache" vom Oktober 1928, S. 48–52.
  6. George Roeper: Max und Gertrud Bondy gründen Marienau – die ersten Jahre. In: Marienau. Fünfzig Jahre Landerziehungsheim 1929–1979. 1979, S. 10–19.
  7. Barbara Kersken: Bericht: Archiv Schule Marienau. (Memento vom 29. September 2007 im Internet Archive)
  8. Grabstelle Gertrud und Max Bondy. Auf: findagrave.com
  9. Wolf-Dieter Hasenclever (Hrsg.): Reformpädagogik heute. Wege der Erziehung zum ökologischen Humanismus. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 1993.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]