Leidener Klammersystem

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Das Leidener Klammersystem ist ein System zur einheitlichen Edition epigraphischer, papyrologischer oder (meist in Handschriften überlieferter) literarischer Quellen. Es regelt also die Schreibweise von Texten, die ursprünglich in Form von Inschriften, Manuskripten, Papyri oder auf ähnlichen Beschreibstoffen vorlagen und transkribiert sowie in gedruckter Form reproduziert werden sollen.

Durch die Bestückung mit bestimmten Klammern und anderen Schriftzeichen (Sigla) soll auf Besonderheiten der originalen Fassung eines Textes hingewiesen werden, also beispielsweise im Fall einer typischen Inschrift auf die näheren Details der Aufbringung und Erhaltung auf dem Stein. Die möglichst genaue Kenntnis solcher Informationen ist mitunter von unerlässlicher Bedeutung bei der Untersuchung und für das Verständnis eines Textes sowie bei der Bewertung seines Quellenwertes und seiner wissenschaftlichen Verortung.

Entstehung und Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vereinbart wurde die Erarbeitung des Leidener Klammersystems im September 1931 auf der Papyrologischen Sektion des Internationalen Orientalistentages in Leiden. Ziel war es, der „geradezu unerträglichen Diskrepanz in der Verwendung der Klammern und sonstigen kritischen Zeichen“[1] in den klassischen Altertumswissenschaften entgegenzuwirken. Zu diesem Zweck wurde eine Kommission berufen, die sich aus Pierre Jouguet, Bernard Abraham van Groningen und Marcel Hombert zusammensetzte und in den folgenden Monaten ein für möglichst alle altertumswissenschaftlichen Disziplinen brauchbares Konzept entwerfen sollte.[1] Das Ergebnis wurde im Januar 1932 in der Fachzeitschrift Chronique d'Égypte publiziert[2] und anschließend zunächst über verschiedene papyrologische Fachzeitschriften bekanntgegeben,[3] in Deutschland beispielsweise durch Ulrich Wilcken im Archiv für Papyrusforschung.[4]

In der folgenden Zeit hielt das Leidener Klammersystem auch in den Nachbardisziplinen, besonders der Epigraphik und der klassischen Philologie, Einzug. Schon 1932 wurde es für die Edition griechischer Inschriften in dem Projekt Inscriptiones Graecae, das unter der Leitung Wilckens stand, eingeführt.[5] Heute ist es das allgemein verwandte System bei der wissenschaftlichen Publikation antiker Inschriften und Papyrusfunde. Wichtige Verlagseditionen, die das Leidener Klammersystem für die Edition literarischer Quellen verwenden, sind unter anderem die Loeb Classical Library, die Sammlung Tusculum, die Collection des Universités de France und die Bibliotheca Teubneriana.

Übersicht der wichtigsten Sigla[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sigel Beschreibung
[ ] Eckige Klammern zeigen an, dass der umklammerte Abschnitt auf der Originalinschrift beschädigt und nicht mehr oder zumindest nur sehr schwer lesbar ist und für die gedruckte Publikation vom Herausgeber ergänzt wurde. Die restaurierten Schriftzeichen sind als wahrscheinlich bis an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit eingestufte Wiedergaben des unlesbaren Originals.
[…] Punkte auf der Zeile geben die bestimmbare Anzahl von nicht rekonstruierbaren Buchstaben an (in diesem Fall drei).
[— —] Spiegelstriche geben eine unbestimmbare Anzahl von nicht rekonstruierbaren Buchstaben an.
( ) Runde Klammern weisen darauf hin, dass der umklammerte Teil eines Wortes im Original weggelassen wurde, dass also der Begriff abgekürzt wurde. Der in solche Klammern eingefasste Inhalt komplettiert die verwendete Abkürzung.
Beispiel: P(ontifex) M(aximus) bedeutet, dass statt des ausgeschriebenen Pontifex Maximus in der Originalinschrift nur PM zu finden ist.
Beispiel für die Verwendung in einer Übersetzung: Smikylion (Sohn) des Eukalides. (In antiken Inschriften folgt auf den Namen einer Person häufig der Name ihres Vaters im Genitiv und ohne genauere Erläuterung der Verwandtschaftsbeziehung, diese muss daher in der Übersetzung ergänzt werden.)
< > Spitze Klammern zeigen an, dass der Herausgeber einen Fehler der Originalinschrift (zum Beispiel Rechtschreibfehler oder eine irrtümliche Zahlenangabe) korrigiert hat.
{ } Geschweifte Klammern umgeben Text, den der Herausgeber als überflüssig tilgt (zum Beispiel versehentlich doppelt geschriebene Wörter oder Wortteile).
ạḅ Punkte unter Buchstaben kennzeichnen Unsicherheit bei der Lesung des Textzeugen. Rekonstruktionsmerkmale weisen nicht eindeutig auf ein bestimmtes Graphem hin.
Punkte auf der Zeile geben die Anzahl der vermuteten nicht rekonstruierbaren Buchstaben an (Griechisch und Papyrologisch)
+++ Pluszeichen auf der Zeile geben die Anzahl der vermuteten nicht rekonstruierbaren Buchstaben an (Römisch)
[[abc]] Die doppelte Umklammerung eines Textabschnittes wird in der wissenschaftlichen Nomenklatur als Rasur bezeichnet, das heißt, der umklammerte Abschnitt wurde noch in der Antike absichtlich aus einer Inschrift entfernt. Die Gründe hierfür sind meist politisch motiviert: so ließ zum Beispiel der römische Kaiser Caracalla den Namen seines Bruders und Mitregenten Geta, nachdem er diesen ermordet hatte, aus Inschriften tilgen, die beide als gleichberechtigte Herrscher nannten. Diese Maßnahme wird als Damnatio memoriae bezeichnet.
v
vv
vacat
für „leer“ kennzeichnen eine unbeschriftete Stelle im Textzeugen.
| Senkrechte Striche markieren einen Zeilenanfang.
|| Senkrechte Doppelstriche markieren der Übersichtlichkeit halber den Zeilenanfang jeder fünften Zeile.

Bei der Benutzung älterer Inschrifteneditionen ist zu beachten, dass dort einige Klammerzeichen eine andere Bedeutung haben können; so kann <…> auch eine Tilgung durch den Herausgeber bedeuten, (…) eine Korrektur durch den Herausgeber.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bernard Abraham van Groningen: Projet d'unification des systèmes de signes critiques. In: Chronique d'Égypte. Band 7, 1932, Nummer 13–14, S. 262–269.
  • Sterling Dow: Conventions in editing. A suggested reformulation of the Leiden system (= Greek, roman and byzantine studies: Scholarly aids. Band 2). Duke University, Durham (NC) 1969.
  • Brian F. Cook: Greek Inscriptions (= Reading the Past. Band 5). University of California Press, Berkeley 1987, ISBN 0-520-06113-6.
  • Alison E. Cooley: The Cambridge Manual of Latin Epigraphy. Cambridge University Press, Cambridge 2012, ISBN 978-0-521-54954-7, S. 350–355.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Ulrich Wilcken: Das Leydener Klammersystem. In: Archiv für Papyrusforschung. Band 10, 1932, Nummer 3–4, S. 211 f., hier S. 211.
  2. Essai d'unification des méthodes employées dans les éditions de papyrus. In: Chronique d'Égypte. Band 7, 1932, Nummer 13–14, S. 285–287.
  3. Bärbel Kramer, Dieter Hagedorn: Griechische Papyri der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg (P. Hamb. IV) (= Archiv für Papyrusforschung. Beiheft 4). B. G. Teubner, Stuttgart/Leipzig 1998, ISBN 3-519-07537-7, S. XXII, Anm. 1.
  4. Ulrich Wilcken: Das Leydener Klammersystem. In: Archiv für Papyrusforschung. Band 10, 1932, Nummer 3–4, S. 211 f.
  5. Ulrich Wilcken: Das Leydener Klammersystem. In: Archiv für Papyrusforschung. Band 10, 1932, Nummer 3–4, S. 211 f., hier S. 212