Lina Ben Mhenni

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Lina Ben Mhenni (2013)

Lina Ben Mhenni (arabisch لينا بن مهنّي  ; * 22. Mai 1983[1] in Tunesien) ist Dozentin für Linguistik und Übersetzerin an der Universität Tunis.[2] Sie ist eine politische Bloggerin und Internetaktivistin, die sich für Menschenrechte und gegen Zensur einsetzt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lina Ben Mhenni stammt aus einer für tunesische Verhältnisse wohlhabenden Familie. Ihr Vater, Sadok Ben Mhenni, arbeitet in der Verwaltung des Transportministeriums.[3] Er verbrachte ab 1974 als Mitglied der politischen Linken sechs Jahre in tunesischen Gefängnissen und wurde gefoltert.[4][5]

Nach ihrem Abitur studierte Lina Ben Mhenni im Rahmen des Fulbright-Programms 2008/2009 auch in den Vereinigten Staaten und unterrichtete Arabisch an der Tufts University bei Boston.[6][3]

Lina Ben Mhenni, deren Blog während der Revolution in Tunesien 2010/2011 weltweite Bekanntheit erreichte und die, wenn sie auch betont, nur für sich selbst zu sprechen,[3] als „Stimme des tunesischen Aufstands“[7] bezeichnet wurde, gehörte im Mai 2011 zu den Teilnehmern des Oslo Freedom Forum.[8] In ihrem Buch Vernetzt Euch! hatte sie angekündigt, im Komitee zur Reform der tunesischen Medien mitzuarbeiten, stellte dort ihre Mitarbeit im Juni 2011 jedoch aus Enttäuschung über mangelnde Veränderung bei den Strukturen der Medien wieder ein.[4] Im September 2011 war sie Teilnehmerin eines Symposions über die gesellschaftliche Rolle sozialer Netzwerke auf der Linzer Ars Electronica.[9]

Lina Ben Mhenni ist seit 2007 nierentransplantiert. Sie nahm noch im selben Jahr sowie 2009 an den Weltspielen der Organtransplantierten in Bangkok bzw. Gold Coast teil und gewann jeweils eine Silbermedaille im Gehen.[10]

Blog[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Protest gegen den Missbrauch der Fehlermeldung 404 Not Found als Instrument der Zensur staatlich unerwünschter Websites

Lina Ben Mhenni, die bereits als Jugendliche einen Computer besaß, hatte nach ersten Erfahrungen mit dem Internet 2007 mit dem Schreiben eines Weblog begonnen. Zunächst schrieb sie über private Themen, schloss sich dann aber, von den Erfahrungen ihres Studienaufenthaltes in den Vereinigten Staaten geprägt, anderen tunesischen Bloggern an, die sich für Redefreiheit und Menschenrechte in ihrem Land einsetzten.[11][3] Ihr Blog A Tunisian Girl wurde infolgedessen von der tunesischen Diktatur unter Zine el-Abidine Ben Ali verboten und zensiert.[12]

Während der Zeit der tunesischen Revolution im Dezember 2010 und Januar 2011 reiste sie nach Sidi Bouzid, dem Ort der Selbstverbrennung von Mohamed Bouazizi und nach Kasserine und gehörte zu den ersten, die von dort über die Ereignisse berichteten. Sie verbreitete Fotos und Videos von Polizeieinsätzen, Verletzten und Toten, veröffentlichte Opferlisten, besuchte Krankenhäuser und befragte Familien, die einen ihrer Angehörigen durch die Gewalt der Polizei verloren hatten. Auch hielt sie Kontakt zu ausländischen Journalisten. A Tunisian Girl wurde zu einem zentralen Medium der Opposition.[13][14][12]

Im Zusammenhang mit ihrer publizistischen Tätigkeit war Lina Ben Mhenni der Repression des tunesischen Staates ausgesetzt; sie wurde beschattet, bei einem Einbruch wurden ihr PC und ihre Kameras entwendet und ihr Lebensgefährte wurde von der Sicherheitspolizei verhaftet, um erst nach einer über das Internet organisierten Solidaritätskampagne wieder freizukommen.[3] Auch nach der Flucht des Diktators Ben Ali gab es Todesdrohungen gegen Lina Ben Mhenni. Sie zeigte sich ein Jahr nach dem Beginn der tunesischen Revolution enttäuscht von deren Ergebnissen und dem Wahlsieg der moderat islamischen Ennahda. Die wirtschaftliche Situation habe sich nicht verbessert, die Revolution sei unfertig geblieben. Ben Mhenni warnte vor einer Entwicklung des Staates hin zum Fundamentalismus.[15][16] Auf ihrem Blog schrieb sie: „Ich hätte nie gedacht, dass wir uns in den Kugelhagel gestellt haben, um die Polygamie wieder einzuführen.“[17]

Lina Ben Mhenni charakterisiert das Internet als ein wertvolles Hilfsmittel bei der tunesischen Revolution, bezeichnet diese aber nicht als eine Facebook- oder Internet-Revolution, obwohl soziale Netzwerke, die Berichterstattung von Al Jazeera und Hackerangriffe durch Anonymous eine wichtige Rolle gespielt hätten. Veröffentlichungen von WikiLeaks hätten hingegen keinen Einfluss gehabt. Die Revolution sei eine des Volkes gewesen, die auf der Straße begonnen habe. Den Begriff Jasminrevolution lehnt sie ab, da er zu schönfärberisch für die blutig verlaufenen, mit Todesopfern einhergegangenen Geschehnisse sei.[11][4]

Vernetzt Euch![Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In ihrem 2011 erschienenen, vom Ullstein-Verlag als „Streitschrift“ bezeichneten Buch Vernetzt Euch! beschreibt Ben Mhenni ihre Rolle als unabhängige Bloggerin und Demonstrantin in Tunesien vor und während der tunesischen Revolution. Sie ruft dazu auf, das Internet und soziale Netzwerke wie Facebook, dessen Verbreitung sich in Tunesien seit 2009 etwa verdreifacht hat, als Mittel zur Mobilisierung für eine „direkte, bürgernahe Demokratie“ zu nutzen und damit gegen repressive Formen von Regierung und Herrschaft anzugehen.[18] Vernetzt Euch! ist in Länge und Aufmachung an die Schrift Empört Euch! von Stéphane Hessel angelehnt.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ben Mhennis Blog A Tunisian Girl wurde 2011 bei den internationalen Weblog-Awards The BOBs als bestes Weblog ausgezeichnet.[12] Der von der Deutschen Welle vergebene Preis „zeichnet Webseiten in elf Sprachen aus, die im Sinne der Meinungsfreiheit den offenen Diskurs im Internet vorantreiben und bereichern.“ Er versteht sich als „Beitrag, die freie Meinungsäußerung und den Einsatz für Menschenrechte im Internet zu fördern.“[19]

Kristian Berg Harpviken, der Direktor des norwegischen Peace Research Institute Oslo (PRIO), hielt es im Vorfeld der Verleihung des Friedensnobelpreises 2011 für wahrscheinlich, dass Lina Ben Mhenni als eine der Repräsentantinnen des Arabischen Frühlings zu den Geehrten zählen könnte.[20][21]

2012 erhielt Lina Ben Mhenni zusammen mit Nawal El Saadawi den Sean MacBride Peace Prize.[22]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Vernetzt Euch! Ullstein Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-550-08893-3 (französisch: Tunisian Girl – Blogueuse pour un printemps arabe. Übersetzt von Patricia Klobusiczky).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Lina Ben Mhenni – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vernetzt Euch!, S. 13, 17
  2. Vorstellung der Autorin in der deutschsprachigen Ausgabe von Vernetzt Euch!, S. 2
  3. a b c d e Welt Online am 17. Juni 2011: Wie eine junge Frau Diktatoren stürzt. Abgerufen am 3. Oktober 2011.
  4. a b c Deutschlandradio am 27. Juni 2011: Die Stimme der Jasmin-Revolution. Abgerufen am 3. Oktober 2011.
  5. Le Post am 2. Oktober 2011, archiviert bei Huffington Post: Tunisie: la torture sous Bourguiba, témoignage de Sadok Ben Mhenni un des leaders historiques de la Gauche en Tunisie. Abgerufen am 22. September 2012 (französisch).
  6. Vernetzt Euch!, S. 8, 11
  7. 3sat Kulturzeit am 8. April 2011: Mutige Stimme der Revolution. Die tunesische Bloggerin Lina Ben Mhenni. Abgerufen am 4. Oktober 2011.
  8. Website des Oslo Freedom Forum. Abgerufen am 3. Oktober 2011 (englisch).
  9. Ars Electronica 2011: public square squared – how social fabric is weaving a new era. Abgerufen am 4. Oktober 2011.
  10. Vernetzt Euch!, S. 40 f.
  11. a b Futurezone am 7. September 2011: Tunesische Bloggerin: "Die Leute waren wütend". Abgerufen am 5. Oktober 2011.
  12. a b c Zeit Online am 12. April 2011: Das beste Blog ist ein tunesisches Mädchen. Abgerufen am 2. Oktober 2011.
  13. die tageszeitung am 30. Juli 2011: Das tunesische Mädchen. Abgerufen am 6. Oktober 2011.
  14. die tageszeitung am 13. April 2011: Ein tunesisches Mädchen – Blog-Award für Lina Ben Mhenni. Abgerufen am 6. Oktober 2011.
  15. ZDF heute.de Magazin am 17. Dezember 2011: Arabische Bloggerin: "Wir müssen weiterkämpfen". Abgerufen am 14. Januar 2012.
  16. Der Standard am 11. Januar 2012: Die Angst vor dem Fundamentalismus. Abgerufen am 14. Januar 2012.
  17. Stern, Nr. 50/2011, S. 123
  18. Vernetzt Euch!, S. 42, 44 f.
  19. Zitate aus: Deutsche Welle: Über den Preis. Abgerufen am 2. Oktober 2011.
  20. Website von PRIO: PRIO Director's Nobel Peace Prize Speculations 2011. Abgerufen am 4. Oktober 2011 (englisch).
  21. The Epoch Times am 30. September 2011: Friedensnobelpreis für den Arabischen Frühling? Archiviert vom Original am 3. Oktober 2011; abgerufen am 4. Oktober 2011.
  22. About IBP: Sean MacBride Peace Prize. In: International Peace Bureau. 2013, abgerufen am 25. Juli 2013 (englisch).