Lipödem

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Klassifikation nach ICD-10
R60.9[1] Ödem, nicht näher bezeichnet
ICD-10 online (WHO-Version 2019)
Klassifikation nach ICD-10-GM
E88.20 Lipödem, Stadium I
E88.21 Lipödem, Stadium II
E88.22 Lipödem, Stadium III
E88.28 Sonstiges oder nicht näher bezeichnetes Lipödem
ICD-10 online (GM-Version 2021)

Das Lipödem (von altgriechisch λίπος lípos „Fett“ und οἴδημα oídēma „Schwellung“; in der Umgangssprache fälschlich auch als „Reithosenfettsucht“, „Reiterhosensyndrom“ oder „Säulenbein“ bezeichnet) ist eine voranschreitende Erkrankung des Fettgewebes mit zunehmender Schmerzhaftigkeit. Sie ist gekennzeichnet durch eine symmetrische Vermehrung des Fettgewebes an Gesäß, Oberschenkeln, Unterschenkeln, Oberarmen und Unterarmen und führt zu einer Dysproportion der betroffenen Körperteile zum oftmals noch schlanken Körperstamm. Sie kann aus einer Lipohypertrophie hervorgehen[2].

Die Fettgewebsvermehrung im Unterhautfettgewebe beinhaltet Hypertrophie und Hyperplasie der Fettzellen. Die Gefäße sind durchlässig und brüchig. Dadurch gelangt Flüssigkeit ins Binde- und Stützgewebe, was auch die Neigung zu Hämatomen erklärt. Das Lipödemfett enthält Fibrosen, vergrößerte und vermehrte Makrophagen und häufig erhöhte Interleukin-Werte, was auf Entzündungen hinweist.[3]

Das Lipödem wird auch Allen-Hines-Syndrom genannt. Beide Mediziner (Edgar Van Nuys Allen und Edgar Alphonso Hines Jr.) hatten diesem Krankheitsbild erstmals 1940 eine Publikation gewidmet und es als Lipödem benannt.[4] Weitere häufig synonym verwendete Begriffe sind Lipohyperplasia dolorosa[5], Lipomatosis dolorosa, Lipohypertrophia dolorosa, Adipositas dolorosa, Lipalgie, Adiposalgie, schmerzhaftes Säulenbein und schmerzhaftes Lipödemsyndrom. Ob sie tatsächlich dasselbe Krankheitsbild beschreiben, ist umstritten.[6]

Die mit der Krankheit einhergehenden Schwellungen aufgrund der Einlagerung von Flüssigkeit aus dem Gefäßsystem (Ödem) können mit Schmerzen und Druckempfindlichkeit sowie der Neigung zu blauen Flecken einhergehen. Es liegt primär keine Schädigung des Lymphsystems vor, im weiteren Verlauf kann dieses jedoch durch die erhöhte Verletzlichkeit und Entzündungsbereitschaft des Fettgewebes geschädigt und somit die Ödembereitschaft erhöht werden.

Das Lipödem tritt fast ausschließlich bei Frauen auf, nach der Pubertät, nach einer Schwangerschaft oder im Klimakterium. Hormonelle Veränderungen und Gewichtszunahme werden als Ursachen vermutet, ebenso eine genetische Prädisposition.

Schweregrade[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Typ I: Fettgewebsvermehrung im Bereich von Gesäß und Hüften (Reiterhosenphänomen)
  • Typ II: Das Lipödem reicht bis zu den Knien, Fettlappenbildungen im Bereich der Knieinnenseite
  • Typ III: Das Lipödem reicht von den Hüften bis zu den Knöcheln
  • Typ IV: Arme und Beine sind bis zu den Handgelenken / Knöcheln, also mit Ausnahme der Füße und Hände betroffen
  • Typ V: Lipolymphödem mit vermehrter Einlagerung von Lymphe in Hand- und Fußrücken sowie Fingern und Zehen

Stadien der Hautveränderungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Stadium 1: feinknotige, größtenteils noch glatte Hautoberfläche, umgangssprachlich „Orangenhaut“,
  • Stadium 2: grobknotige Hautoberfläche mit größeren Dellen, „Matratzenphänomen“[7],
  • Stadium 3: große, deformierende Hautlappen und -wülste
Sehr ausgeprägtes Lipödem. Abgebildet ist das rechte Bein – die Kniescheibe, im Bild rechts, ist von einem herabhängenden Lipödem verdeckt. Es besteht daneben eine starke Adipositas – die untere Bauchdecke hängt sackartig herab (Im Bild oben, verdeckt durch Strickkleidung).

Weitere Symptome[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • symmetrische, schwammige Schwellungen
  • Berührungs- und Druckschmerzhaftigkeit, Spannungs- und Schweregefühl
  • Neigung zur Hämatombildung bereits nach geringen Traumen
  • Haut ist in fortgeschrittenem Stadium häufig kühl und schlecht durchblutet
  • je nach Stadium Orangenhaut, Matratzenhaut oder großflächige Fettlappen
  • aufgrund der Fettlappen Störungen im Gangbild, X-Beine

Differentialdiagnostik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sicht- und Tastbefund (Inspektion und Palpation) sowie die individuelle Patientengeschichte dienen dem Arzt als verlässliche Anhaltspunkte bei der Diagnosestellung. Im Gegensatz zum Lymphödem ist das Stemmersche Zeichen stets negativ, d. h., bei einem Lipödem lässt sich eine Hautfalte über den Zehen bzw. Fingern abheben. Eine Möglichkeit zur apparativen Diagnostik existiert nicht. Sonographie, CT oder MRT können lediglich Anhaltspunkte geben.

Um ein Lipödem sicher diagnostizieren zu können, muss ausgeschlossen werden, dass die genannten Symptome durch diese Krankheiten entstanden sein könnten:

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konservative Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kompressionstherapie durch konsequentes Tragen von flachgestrickter Kompressionsstrumpfversorgung bis Kompressionsklasse IV, kombiniert mit Bewegung
  • Bewegung – „Bewegung, Bewegung, Bewegung“ – Schwimmen, auch Wassergymnastik (Aquagymnastik) und andere Wassersportarten wie Aquacycling, Aquafitness, Aquaspinning, Aquawalking usw., schnelles Gehen, Radfahren
  • Gewichtsabnahme (bei Übergewicht), Nahrungsumstellung, kombiniert mit Bewegung
  • Atemphysiotherapie, kombiniert mit Bewegung
  • funktionelle, lymphologische Rehabilitation, kombiniert mit Bewegung
  • manuelle Lymphdrainage[8] kombiniert mit Bewegung

Liposuktion (OP)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn die konservativen Maßnahmen nicht greifen, kann eine operative Therapie mittels Fettabsaugung (Liposuktion) durchgeführt werden. Sie muss von ausgewiesenen Fachleuten durchgeführt werden, sonst könnte es zu Komplikationen kommen, sogar Verschlechterungen, wie durch Zerstörung der oberflächlichen Lymphgefäße zu einem zusätzlichen Lymphödem.[9] Unter fachgerechter Durchführung ist diese Komplikation äußerst selten. Etabliert haben sich die sogenannten „feuchten Absaugmethoden“. Als Hauptvertreter dieser Methoden gelten die Tumeszenz-Lokalanästhesie (TLA) und die modernere Wasserstrahl-assistierte Liposuktion (WAL).

Bei der Tumeszenz-Lokalanästhesie wird das Gewebe mit einer Tumeszenzlösung befüllt, nach 30 bis 60 Minuten kommt es zu einer Verflüssigung der Fettzellen, die dann über Vibrationskanülen abgesaugt werden. Aufgrund der hohen eingebrachten Flüssigkeitsmenge und der deutlich längeren Kontaktzeit der Medikamente mit dem Gewebe ist häufig keine zusätzliche Narkose erforderlich.

Bei der Wasserstrahl-assistierten Liposuktion erfolgt das Lösen der Fettzellen simultan mit der Absaugung durch die mechanische Einwirkung des Wasserstrahls, weshalb wesentlich geringere Einfüllvolumina erforderlich sind. Die OP-Zeit wird dadurch verkürzt. Aufgrund des geringen Einfüllmenge bleiben die optischen Konturen vollständig erhalten, was eine sehr präzise Absaugung ermöglicht.

Berichte von Betroffenen, Verbänden, Medien und mehrere Langzeitstudien[10] verweisen darauf, dass oft nur die hochvolumige Liposuktion zu einer relevanten und dauerhaften Beschwerdelinderung oder sogar zur Heilung führen kann.[11][9][12]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Alphabetisches Verzeichnis zur ICD-10-WHO Version 2019, Band 3. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), Köln 2019, S. 509
  2. Lipohypertrophie
  3. Lia Lindmann: Leichter leben mit Lipödem. Humboldt, Hannover 2020, ISBN 978-3-8426-2941-7, S. 224.
  4. L. E. Wold, E. A. Hines, E. V. Allen: Lipedema of the legs; a syndrome characterized by fat legs and edema. In: Annals of internal medicine. Band 34, Nummer 5, Mai 1951, S. 1243–1250, PMID 14830102.
  5. Manuel E. Cornely: Terminologie des Lipödems. Hrsg.: Phlebologie. Nr. 5, 2005.
  6. S1-Leitlinie Lipödem. AWMF Registernummer 037-012.
  7. Roche Lexikon Medizin, 5. Auflage 2003, hier online
  8. Manuelle Lymphdrainage, auf phlebology.de
  9. a b Liposuktion: Wie finde ich den besten Arzt für die Absaugung meines Lipödems?, Dr. Nikolaus Linde, Lipo Clinic AG, St. Gallen (Schweiz), auf lipoedem.ch
  10. Thomas Witte, Mehran Dadras, Falk-Christian Heck, Marion Heck, Brigitte Habermalz: Water-jet-assisted liposuction for the treatment of lipedema: Standardized treatment protocol and results of 63 patients. In: Journal of Plastic, Reconstructive & Aesthetic Surgery. Band 73, Nr. 9, September 2020, S. 1637–1644, doi:10.1016/j.bjps.2020.03.002 (elsevier.com [abgerufen am 7. November 2020]).
  11. Frauen mit Lipödem schnell und unbürokratisch helfen: Liposuktion soll Kassenleistung werden, Bundesministerium für Gesundheit, 11. Januar 2019, auf bundesgesundheitsministerium.de
  12. Eine der Übersichten: Lipödem – Überblick, Definition, Ursachen, Symptome, Diagnose, Therapie, Verlauf, Vorbeugen, Beobachter, auf beobachter.ch