Liudolf (Sachsen)

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Liudolf (Abbildung aus einer Stammtafel der Ottonen in der Chronica St. Pantaleonis, 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts)

Liudolf († 11. oder 12. März 864 oder 866) gilt als Stammvater des Adelsgeschlechtes der Liudolfinger. Sein Machtzentrum lag im östlichen Altsachsen. Gemeinsam mit seiner Frau, der fränkischen Adligen Oda, gründete er das später in Gandersheim ansässige Frauenkloster von Brunshausen. Liudolfs Herkunft ist ungeklärt. Die moderne Forschung vermutet eine Abstammung von dem in Westfalen beheimateten Adelsgeschlecht der Cobbonen.

Herkunft und Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Liudolfs Abstammung ist nicht sicher zu bestimmen.[1] In der um 877 verfassten Lebensbeschreibung der ersten Gandersheimer Äbtissin Hathumod, einer Tochter Liudolfs, behauptet der Mönch Agius, Liudolf entstamme dem angesehensten Geschlecht in Sachsen.[2] Auch Hrotsvit von Gandersheim berichtet in ihrem Mitte des 10. Jahrhunderts entstandenen Gedicht Primordia,[3] Liudolf stamme von „überaus adligen“ Eltern ab, deren Namen sie jedoch nicht erwähnen konnte oder wollte.[4] In der um 980 entstandenen Lebensbeschreibung der fränkischen Adligen Ida von Herzfeld, der Vita s. Idae des Werdener Mönches Uffing, erhebt dieser den Vorwurf, Liudolf und sein Sohn Otto der Erlauchte hätten sich nicht um das Grab Idas gekümmert, ohne auszusprechen, dass sie dazu nur als Abkömmlinge verpflichtet gewesen wären.[5] Zudem habe Liudolf seinen im Kindesalter verstorbenen Sohn dort beigesetzt. Diese Grablege befand sich auf dem Hof Herzfeld, der zunächst Idas Mann Ekbert, dann Liudolf und schließlich Otto dem Erlauchten gehörte, bis dieser ihn gegen Besitzungen in Beek bei Duisburg eintauschte. Albert K. Hömberg gelangte deshalb zu dem Ergebnis, Liudolf sei der Enkel Idas und Ekberts.[6] Tatsächlich hatte Idas Sohn Cobbo, wie Liudolf ein enger Vertrauter Ludwig des Deutschen, aus seiner Ehe mit Eila einen Sohn namens Liudolf.[7] In der aus dem 12. Jahrhundert stammenden Gandersheimer Reimchronik des Gandersheimer Priesters Eberhard wird dagegen ein Brun als Vater des Liudolf genannt, ebenso in späteren Reimchroniken des Hochmittelalters.

Liudolf war nach den Angaben Hrotsvits von Gandersheim verheiratet mit Oda, der Tochter des fränkischen, ansonsten aber unbekannten princeps Billung und der Aeda.[8] Liudolf und Oda hatten elf oder zwölf Kinder, darunter:

  • Brun, (* um 835; † 2. Februar 880), seit 877 Graf
  • Otto I. der Erlauchte, (* vor 866; † 30. November 912) ∞ Hadwig (Hathui), († 903), Tochter des Heinrich ducis austriacorum (Popponen)
  • Thankmar († 878), seit 877 Abt des Klosters Corvey
  • Liutgard, (877 bezeugt; † 17. oder 30. November 885), begraben in Aschaffenburg ∞ vor dem 29. November 874 Ludwig III. der Jüngere, König der Ostfranken, († 20. Januar 882) (Karolinger)
  • Enda ∞ NN
  • Hathumod, (* 840; † 29. November 874), seit 852 Äbtissin von Gandersheim, begraben in Brunshausen
  • Gerberga, († 5. September 896 oder 897), seit 874 Äbtissin von Gandersheim
  • Christina († 1. April wohl 919 oder 920), seit 896 oder 897 Äbtissin von Gandersheim, begraben in der Stiftskirche Gandersheim
  • eine weitere Tochter und noch zwei oder drei Söhne, die jung verstarben

Liudolf hatte umfangreichen Grundbesitz im Bardengau, im westlichen Harzvorland, dem Gebiet der Leine, auf dem er 852 gemeinsam mit Oda und Altfrid – dem Bischof von Hildesheim und vielleicht seinem Vetter – in Brunshausen ein Frauenkloster gründete, in dem Liudolf auch beerdigt wurde. 881 wurde das Kloster nach Gandersheim verlegt, als die Neubauten dort fertiggestellt waren. In Gandersheim fand Oda ihre letzte Ruhestätte. Das Kloster wurde zur Grablege der frühen Liudolfinger und damit zum zentralen Ort ihrer Memoria.

Politische Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon bald nach seinem Tod wurde Liudolf als dux orientalium Saxonum bezeichnet, also als „Dux“ der östlichen Sachsen. Der Gebrauch des Titels „Dux“ war in den frühmittelalterlichen Quellen vielfältig. Er wurde Herzögen, Heerführern, Anführern slawischer Stämme, Grenzkommandanten oder Provinzgouverneuren des Frankenreiches zuerkannt. Teilweise genügte die Stellung als Amtsträger oder ein Ehrenvorrang unter Adligen.[9] In der älteren Forschung war es gleichwohl unbestritten, dass die Liudolfinger in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts die führende Stellung in Sachsen einnahmen. Liudolf als Stammvater des Geschlechtes galt bereits als „Stammesherzog“, dem seine Söhne Brun und Otto in dieser Position folgten. Dagegen meint Matthias Becher, mit der Bezeichnung als dux sei eher beabsichtigt worden, Liudolf allgemein als politisch bedeutende Person des Ostfrankenreiches zu bezeichnen.[10] Zudem lassen sich Liudolfs große Königsnähe und seine machtvolle Position in Sachsen nur mit der Heirat seiner Tochter Luitgard mit Ludwig den Jüngeren begründen, dem Sohn Ludwigs II. des Deutschen und vorgesehenem Erben des östlichen Reichsteils. Zu diesem Zeitpunkt war Liudolf jedoch bereits verstorben.[11] Tatsächlich billigen ihm zeitgenössische Quellen anlässlich seines Todes nur eine herausragende politische Stellung im Ostfrankenreich zu, ohne ihn als Herzog der Sachsen hervortreten zu lassen.[12]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Übersicht bei Winfried Glocker: Die Verwandten der Ottonen und ihre Bedeutung in der Politik. Studien zur Familienpolitik und zur Genealogie des sächsischen Kaiserhauses. Böhlau, Köln/Wien 1989 S. 254–257.
  2. Georg Heinrich Pertz u. a. (Hrsg.): Scriptores (in Folio) 4: Annales, chronica et historiae aevi Carolini et Saxonici. Hahn, Hannover 1841, S. 166–175, hier S. 167.
  3. Georg Heinrich Pertz u. a. (Hrsg.): Scriptores (in Folio) 4: Annales, chronica et historiae aevi Carolini et Saxonici. Hahn, Hannover 1841, S. 302–335, hier S. 306
  4. Matthias Becher: Rex, Dux und Gens. Untersuchungen zur Entstehung des sächsischen Herzogtums im 9. und 10. Jahrhundert (= Historische Studien. Bd. 444). Matthiesen, Husum 1996, ISBN 3-7868-1444-9, S. 84.
  5. Gabriele Isenberg: Heiligenleben als Geschichtsquelle. Ein schwieriger Zugang: der Fall Ida von Herzfeld. in: Westfälische Zeitschrift 162, 2012, S. 23–43 , hier S. 32 und 41f.
  6. Albert K. Hömberg: Geschichte der Comitate des Werler Grafenhauses. in: Westfälische Zeitschrift, Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde, 100, 1950 S. 9–134, hier S. 122; zuvor bereits Georg Waitz: Jahrbücher des Deutschen Reichs unter König Heinrich I. Duncker & Humblot, Berlin 1863, auch 1963 im Nachdruck der Ausgabe von 1885, S. 192.
  7. Johannes Fried: Der lange Schatten eines schwachen Herrschers. Ludwig der Fromme, die Kaiserin Judith, Pseudoisidor und andere Personen in der Perspektive neuer Fragen, Methoden und Erkenntnisse. In: Historische Zeitschrift. Bd. 284, 2007, S. 103–138, hier S. 120.
  8. Georg Heinrich Pertz u. a. (Hrsg.): Scriptores (in Folio) 4: Annales, chronica et historiae aevi Carolini et Saxonici. Hahn, Hannover 1841, S. 302–335, hier S. 306 :Filia Billungi, cuiusdam principis almi, Atque bonae famae generosae scilicet Aedae.
  9. Matthias Becher: Rex, Dux und Gens. Untersuchungen zur Entstehung des sächsischen Herzogtums im 9. und 10. Jahrhundert. Matthiesen, Husum 1996, ISBN 3-7868-1444-9, S. 11.
  10. Matthias Becher, Rex, Dux und Gens. Untersuchungen zur Entstehung des sächsischen Herzogtums im 9. und 10. Jahrhundert. Husum 1996, S. 73.
  11. Wilfried Hartmann: Ludwig der Deutsche. Primus Verlag, Darmstadt 2002, ISBN 3-89678-452-8, S. 98.
  12. Matthias Becher, Rex, Dux und Gens. Untersuchungen zur Entstehung des sächsischen Herzogtums im 9. und 10. Jahrhundert. Husum 1996, S. 73.