Lothar Kannenberg

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Lothar Kannenberg am Marktstand seines Camps auf dem Deutschen Präventionstag 2010 in Berlin

Lothar Kannenberg (* 5. April 1957 in Hanau)[1] ist ein deutscher Boxer und autodidaktischer Erziehungsheimleiter.

Biographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kannenberg wurde 1957 in Hanau als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Er besuchte die Volksschule und schloss diese 1973 ab. Danach absolvierte er eine Ausbildung zum Fleischergesellen und leistete seinen Wehrdienst ab. Nach einer sechsmonatigen Alkoholtherapie (als Teilnehmer) heiratete er 1983. 1986 begann Kannenberg seine Boxkarriere und boxte für den CSC Frankfurt in der 1. Bundesliga; 1990 wurde er Hessenmeister (Amateure) im Schwergewicht.

Nach diesen Erfolgen wurde Kannenberg erneut drogenabhängig. Er arbeitete zeitweilig als Türsteher und durchlebte Aufenthalte in der Psychiatrie. Nach einer erfolgreichen Krebsoperation 1996 begann er eine Drogenentziehungstherapie und zog nach Kassel. Dort arbeitete er unausgebildet als Streetworker.

1999 gründete er das Boxcamp Philippinenhof Kassel, eine Einrichtung der Erziehungshilfe. Im gleichen Jahr schloss er eine Box-Trainerausbildung der C-Lizenz ab, 2001 folgte die B-Lizenz. 2004 folgte die Gründung des Vereins Durchboxen im Leben e.V. und der Jugendhilfeeinrichtung Trainingscamp Lothar Kannenberg.

Für sein ehrenamtliches Engagement wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz[2] sowie dem deutschen Förderpreis für Kriminalprävention 2009[3][4] ausgezeichnet.

Trainingscamp[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die gemeinnützige Jugendhilfeeinrichtung hat es sich zum Ziel gesetzt, drogenabhängige und/oder kriminelle Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren zu resozialisieren. Kannenberg entwickelte hierbei ein eigenes Erziehungskonzept für die Jugendhilfe. Die Jugendlichen haben in der Regel sechs Monate lang von 6–22 Uhr einen fest strukturierten Tagesablauf, welcher mit viel Sport, Verhaltenstraining, Arbeitsprojekten, Handwerk und Musik kombiniert wird. Die Anlage ist 3,5 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt und liegt an einem Waldrand. Das Trainingscamp besteht aus mehreren Blockhäusern und einem großen Außengelände. Das Konzept besteht darin, feste Strukturen und Regeln aufzubauen, sowie Aggressionen mit Sport und Arbeit zu bewältigen. Die Jugendlichen sollen Respekt vor ihren Mitbürgern lernen, deshalb tragen die Camp-Pädagogen auch den Namen „Respekttrainer“.

Die Rückfallquote beträgt laut Kannenbergs eigener Einschätzung 20 %, im normalen Jugendstrafvollzug läge sie bei knapp 80 %.[5][6] Das Konzept wird von diversen Politikern aller Parteien als sinnvoll, vorbildlich und äußerst erfolgreich beschrieben.[7] Zahlreiche Politiker aus dem In- und Ausland treffen sich mit Kannenberg, um sich über das Konzept zu informieren.[8]

Seit Juli 2008 wird das Trainingscamp Lothar Kannenberg in einem Forschungsprojekt durch das Institut für Sozialpädagogik und Soziologie der Lebensalter der Universität Kassel evaluiert. Die Evaluation wird durch den Trägerverein Durchboxen e.V. und das Hessische Ministerium für Arbeit, Familie und Gesundheit finanziert. Mithilfe der „empirischen Sozialforschung soll das Konzept systematisch aufbereitet, seine Wirkungen ermittelt und seine Wirkungsmechanismen sichtbar gemacht werden.“[9] Im Dezember 2009 wurde durch die Forscher ein erster Zwischenbericht veröffentlicht.[10] Folgende Feststellungen/Tendenzen wurden dabei nach knapp zwei Jahren getroffen:

  • Die Rückfallquote der Jugendlichen, die das Trainingscamp bis zum Ende durchlaufen haben, liegt bei 59,1 %. Die Quote ist damit, im Verhältnis zu anderen Angeboten der Erziehungshilfe und der Justiz, im erwartbaren Rahmen.[11]
  • Von diesen rückfällig gewordenen Jugendlichen erreichen sie, gemessen an der Schwere und Anzahl der Delikte, in der Tendenz nicht wieder das Niveau der Zeit vor dem Trainingscamp.[11]
  • Studien mit normalen Untersuchungsphasen von 5–7 Jahren und Langzeitstudien liegen nicht vor.

Insolvenz der Akademie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Akademie Lothar Kannenberg meldete am 30. Oktober 2017 beim Amtsgericht Walsrode Insolvenz an.[12] Das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung wurde am 26. Januar 2018 eröffnet.[13]

Wie Bremens Senatorin für Soziales, Kinder, Jugend und Frauen Anja Stahmann (Bündnis 90/Die Grünen) am 14. Juni 2018 der Sozialdeputation der Bremischen Bürgerschaft mitteilte, muss der Stadtstaat gemäß einem Vergleich mit dem Insolvenzverwalter rund vier Millionen Euro an gezahlten Vorleistungen in Höhe von 7,4 Millionen[14] an die Akademie Lothar Kannenberg abschreiben. Auch das Gehalt von Kannenberg in Höhe von 15.000 Euro im Monat ist Gegenstand der Ermittlungen. Die Vorlage wurde von der rot-grünen Mehrheit gebilligt.[15][16]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2000 – Paul-Dierichs-Preis
  • 2002 – Roland-Preis der Stadt Bremen
  • 2002 – Silberne Ehrennadel des Hessischen Boxverbandes
  • 2003 – Silberne Ehrennadel der Deutschen Amateur-Box-Jugend
  • 2005 – Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland[17]
  • 2009 – Kriminalpräventionspreis der Stüllenberg-Stiftung[18]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lebenslauf von Lothar Kannenberg auf lothar-kannenberg.de (Memento des Originals vom 3. Juli 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.lothar-kannenberg.de, zugegriffen am 28. Juni 2013.
  2. Friederike Freiburg, Björn Hengst und Philipp Wittrock: Jugendliche Intensivtäter: Kniebeugen im Kinderknast. Spiegel Online, 3. Januar 2008, abgerufen am 8. September 2013.
  3. Markus Göldner: Über das Boxen zu sich selbst gefunden. Bergsträßer Anzeiger, 6. Juni 2010, abgerufen am 8. September 2013
  4. Kriminalpräventionspreis für Kannenberg. Waldeckische Landeszeitung, 30. Oktober 2009, abgerufen am 8. September 2013.
  5. Gökalp Babayigit: Wir holen nach, was sonst im Vorschulalter vermittelt wird. (Nicht mehr online verfügbar.) Süddeutsche Zeitung, 2. Januar 2008, ehemals im Original; abgerufen am 13. Mai 2010.@1@2Vorlage:Toter Link/www.sueddeutsche.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  6. Friederike Freiburg, Björn Hengst und Philipp Wittrock: Kniebeugen im Kinderknast. Spiegel online, 1. März 2008, abgerufen am 13. Mai 2008.
  7. Christian Rath: Erziehungscamps sind sinnvoll. die tageszeitung, 3. Januar 2008, abgerufen am 10. November 2014.
  8. Gestalter des Monats: Lothar Kannenberg - Aus dem Sumpf heraus, zurück ins normale Leben. Waldeckische Landeszeitung, abgerufen am 13. Mai 2010.
  9. Konzept der Evaluation. (Nicht mehr online verfügbar.) Universität Kassel, Fachbereich Sozialwesen, ehemals im Original; abgerufen am 13. Mai 2010.@1@2Vorlage:Toter Link/cms.uni-kassel.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  10. Galuske, Michael; Böhle, Andreas: Am Anfang habe ich gedacht, ich will mich nicht verändern. (PDF; 939 kB) (Nicht mehr online verfügbar.) Universität Kassel, Fachbereich Sozialwesen, archiviert vom Original am 2. Dezember 2013; abgerufen am 13. Mai 2010. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/cms.uni-kassel.de
  11. a b Galuske, Michael; Böhle, Andreas: Am Anfang habe ich gedacht, ich will mich nicht verändern. (PDF) (Nicht mehr online verfügbar.) Universität Kassel, Fachbereich Sozialwesen, S. 109–110, archiviert vom Original am 2. Dezember 2013; abgerufen am 13. Mai 2010. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/cms.uni-kassel.de
  12. Akademie Kannenberg meldet Insolvenz an. Weser-Kurier, 1. November 2017, abgerufen am 2. November 2017.
  13. https://www.pluta.net/presse/pressemitteilung/sanierung-der-akademie-lothar-kannenberg-abgeschlossen-regelinsolvenzverfahren-eroffnet.html
  14. https://www.butenunbinnen.de/videos/kannenberg112.html
  15. Teure Insolvenz – für die Stadt; in: TAZ, online
  16. https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/gesellschaft/versaeumnisse-sozialbehoerde-kannenberg-100.html
  17. Scan der Verleihungsurkunde. (jpg) (Nicht mehr online verfügbar.) Ehemals im Original; abgerufen am 12. Mai 2010.@1@2Vorlage:Toter Link/www.lothar-kannenberg.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  18. Kriminalpräventionspreis für Kannenberg. Arolser Zeitung, 30. Oktober 2009, abgerufen am 13. Mai 2010.