Mervyn Tuchet, 2. Earl of Castlehaven

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Mervyn Tuchet

Mervyn Tuchet, 2. Earl of Castlehaven, auch Mervin Touchet, (* 1593; † 14. Mai 1631 in London) war ein englischer Aristokrat, der wegen Vergewaltigung und Unzucht zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

Familiärer Hintergrund[Bearbeiten]

Mervyn Tuchet war der Sohn von George Tuchet, 1. Earl of Castlehaven, und dessen Frau Lucy Mervyn. Am 20. Februar 1616 (oder 1617) folgte er seinem Vater als Earl of Castlehaven. Vor 1612 heiratete Lord Audley die reiche Erbin Elizabeth Barnham, eine Schwägerin des Philosophen und Wissenschaftlers Francis Bacon. Nach Berichten verlief die Ehe bis zum Tod von Lady Elizabeth im Jahre 1622 glücklich.[1] Das Paar bekam sechs Kinder. In zweiter Ehe heiratete der Earl am 22. Juli 1624 in Harefield, Middlesex, wiederum eine begüterte Frau, Lady Anne Stanley (1580–1647), Tochter von Ferdinando Stanley, 5. Earl of Derby, und Witwe von Grey Brydges, 5. Baron Chandos. Diese brachte eine Tochter, Elizabeth, mit in die Ehe, eine gemeinsame Tochter starb jung.[2] Lady Anne war wesentlich älter als Tuchet, und die Ehe verlief unglücklich.

Castlehavens ältester Sohn James, der nach dem Tod seines Vaters die Earlswürde erbte, heiratete 1628 mit erst 16 Jahren seine 13-jährige Stiefschwester Elizabeth.[3] Vermuteter Grund war, dass das Erbe in der Familie bleiben sollte.

Prozess wegen Vergewaltigung und Unzucht[Bearbeiten]

Aus den Prozessunterlagen gegen Tuchet geht hervor, dass mehrere Männer aus niederen Schichten (Giles Broadway, Henry Skipwith, Amptill, Florence oder Lawrence FitzPatrick) von dem homosexuell veranlagten Earl ins Haus genommen und fürstlich bezahlt wurden. Es soll zu Gruppensex und Missbrauch der Stieftochter gekommen sein. Zudem soll Tuchet versucht haben, Skipwith dazu zu bringen, seine Stieftochter zu schwängern, die zu diesem Zeitpunkt schon mit seinem Sohn James verheiratet war.[4] Eine seiner Töchter verheiratete er mit Amptill. Skipwith wiederum hatte eine ehebrecherische Beziehung mit der Frau von Tuchet; sie soll sogar ein Kind von ihm bekommen haben, das verschwand, was Skipwith sehr übel genommen haben soll.[4] Der Sohn James gab an, dass das Ausmaß von Tuchets Hörigkeit gegenüber seinen männlichen „Favoriten“ schließlich zu seiner Klage gegen den Vater im Oktober 1630 geführt habe.[5] Die Anklage gegen Lord Castlehaven beruhte hauptsächlich auf den Angaben des Sohnes, der offensichtlich befürchtete, enterbt zu werden, und wurde vor dem Privy Council unter dem Vorsitz von Thomas Coventry, 1. Baron Coventry, Lord High Steward, verhandelt.

Die konkreten Anschuldigungen lauteten, Castlehaven habe eine homosexuelle Beziehung zu einem Pagen namens Lawrence Fitzpatrick gehabt und zudem seine Frau festgehalten, damit Giles Broadway sie vergewaltigen könne.[6] Die Ehefrau von Lord Castlehaven beschrieb verschiedene sexuelle Ausschweifungen wie Gruppensex und Missbrauch der Tochter. Der offizielle Ankläger erklärte dem Gericht, dass der Earl krank geworden sei, weil er nicht an Gott glaube und diese Ungläubigkeit ihn gefährlich gemacht habe. Der Earl wiederum beteuerte seine Unschuld; seine Frau und sein Sohn hätten sich gegen ihn verschworen. Er bestritt nicht, homosexuell zu sein und verteidigte seine Liebe zu Skipwith mit Hilfe von Zitaten aus der Bibel. Zudem habe er nur Schenkelverkehr gehabt. Lawrence FitzPatrick sagte im Laufe des Prozesses, Anne, die Countess of Castlehaven, sei die „bösartigste Frau der Welt“. In der Tat profitierten alle Zeugen, die gegen Tuchet aussagten, finanziell von seinem Tod.[3]

Der Prozess gegen Castlehaven rief eine große öffentliche Debatte hervor, Zeugen wurden beeinflusst, und Castlehaven, dem kein Anwalt zugestanden wurde, blieb bis zum Urteil dabei, dass er unschuldig sei.[4] Er wurde zum Tode verurteilt und drei Wochen später, am 14. Mai 1631, auf dem Tower Hill enthauptet. Ebenfalls hingerichtet wurden der Page FitzPatrick wegen homosexueller Praktiken sowie Giles Broadway wegen Vergewaltigung; sie wurden gehängt.

Rezeption[Bearbeiten]

George Cokayne schrieb in seinem Werk The Complete Peerage, dass nach seiner Meinung der Tod des Earls eine Folge von Intrigen der Countess gewesen sei und sie selbst außereheliche Beziehungen gehabt habe.

Die Historikerin Cynthia Herrup, die die Prozessakten sowie viele weitere Dokumente auswertete, vertritt die Ansicht, Castlehaven sei hauptsächlich deshalb hingerichtet worden, weil er katholisch gewesen sei und mit den Iren sympathisiert habe. Außerdem habe er das patriarchalische System verraten, wonach er sein Haus und seine Familie „in Ordnung“ zu halten habe.[4] Rictor Norton, Historiker schwuler Geschichte, beschreibt den Fall Tuchet als „reichhaltige Mischung aus Sexualskandal, Familienschande, Habsucht, religiöser und nationaler Vorurteile, Empörung und Drama". Er kritisiert Herrup, weil sie den Fall aus feministischer Sicht und die beiden Frauen allein als Opfer darstelle.

Kinder[Bearbeiten]

Mervyn Touchet heiratete in erster Ehe (ca. 1611) Elizabeth Barnham (1592–1622/4), Tochter des Londoner Aldermans Benedict Barnham und von dessen Frau Dorothea Smith. Sie hatten sechs Kinder:

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Cynthia B. Herrup, Touchet, Mervin, second earl of Castlehaven (1593–1631), Oxford Dictionary of National Biography, Oxford University Press, 2004 1999, S. 12
  2. William Addams Reitwiesner: The descendants of Anne, Countess of Castlehaven auf wargs.com
  3. a b Cynthia B. Herrup, Touchet, Mervin, second earl of Castlehaven (1593–1631), Oxford Dictionary of National Biography, Oxford University Press, 2004
  4. a b c d Rictor Norton, "The Trial of Mervyn Touchet, Earl of Castlehaven, 1631", The Great Queens of History
  5. Cynthia B. Herrup, Touchet, Mervin, second earl of Castlehaven (1593–1631), Oxford Dictionary of National Biography, Oxford University Press, 2004 1999, S. 19.
  6. The Castlehaven Scandal (1631) auf earlystuartlibels.net

Literatur[Bearbeiten]

Vorgänger Amt Nachfolger
George Tuchet Earl of Castlehaven
1617–1631
James Tuchet