Francis Bacon

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Philosophen und Staatsmann Francis Bacon. Zum gleichnamigen Maler siehe Francis Bacon (Maler).
Porträt von Francis Bacon. Frans Pourbus (1617), Łazienki-Palast Warschau
Signatur von Francis Bacon

Francis Bacon, 1. Viscount of St. Albans, 1. Baron Verulam (Baron Baco von Verulam; lat.: Baco oder Baconus de Verulamio; * 22. Januar 1561 in London; † 9. April 1626 in Highgate) war ein englischer Philosoph, Staatsmann und als Wissenschaftler Wegbereiter des Empirismus.

Leben[Bearbeiten]

Francis Bacon wurde am 22. Januar 1561 in London als der jüngere der beiden Söhne aus der zweiten Ehe von Sir Nicholas Bacon (1509–1579), Lord Keeper of the Great Seal unter Elisabeth I. geboren. Seine Mutter war Anne Cooke Bacon, deren Schwester mit Lord Burghley verheiratet war. Lady Anne war außerordentlich gebildet, perfekt im Lateinischen und Griechischen sowie in den neueren Sprachen Französisch und Italienisch. Sie hatte einen großen Einfluss auf ihre Söhne, die zunächst im Hause erzogen wurden. Aus der ersten Ehe des Nicholas Bacon mit Jane Bacon, einer geborenen Fernley (ca. 1518 – ca. 1552), hatte Francis Bacon drei Halbbrüder.

Sir Nicholas Bacon (1509–1579), der Vater (Porträt von 1579, Künstler unbekannt)
Anne Cooke Bacon (1527–1610), die Mutter, zweite Ehefrau des Vaters

Im Alter von 13 Jahren kam er aufs Trinity College, Cambridge, wo er mit seinem älteren Bruder Anthony Bacon (1558–1601) lebte. Möglicherweise stammt schon aus dieser Zeit seine Abneigung gegen „fruchtlose“ aristotelische Philosophie nach Art der Scholastik. 1576 wurden die Brüder Bacon bei der societas magistrorum (d. h. Lehrkörper) von Gray’s Inn (einer der vier Juristenschulen in London) aufgenommen. Wenige Monate später gingen sie ins Ausland zu Sir Amias Paulet, dem englischen Botschafter in Paris. Die turbulente Lage von Frankreichs Regierung und Gesellschaft zur Zeit der Regentschaft Heinrichs III. bot Francis Bacon wertvolles politisches Anschauungsmaterial.

Im Februar 1579 kehrte er wegen des plötzlichen Todes des Vaters nach England zurück. Sir Nicholas hatte nicht mehr für die finanzielle Absicherung seines Jüngsten sorgen können. Es wurde notwendig, einen Beruf zu ergreifen, und Bacon nahm noch 1579 sein Studium der Rechtswissenschaft an den Inns of Court (Gray’s Inn) wieder auf. 1582 erwarb er einen Abschluss und ließ sich als Barrister nieder. 1584 wurde er Mitglied des House of Commons, dem er bis 1614 angehörte. Ab 1588 war er am Gray'’ Inn als lecturer tätig.

Zu Beginn der 90er Jahre hatte er in Robert Devereux, 2. Earl of Essex einen Patron gefunden, dem er als politischer Berater diente und der ihn förderte. Sein Widerspruch gegen die kurze Zahlungsfrist von drei Jahren für dreifache Subsidien der Regierung ließ Bacon 1593 bei Königin Elisabeth I. in Ungnade fallen. Alle Versuche Bacons, die Gunst der Königin zurückzugewinnen, scheiterten, ebenso Essex’ Interventionen zu seinen Gunsten. Gegen Bacons Rat übernahm Essex das Kommando des Feldzugs gegen die aufständischen Iren, sein Misserfolg ließ Essex in Ungnade fallen. Essex wurde unter Hausarrest gestellt und sein wertvolles Rotweinimport-Monopol eingezogen. Daraufhin versuchte er einen Staatsstreich, der jedoch scheiterte. Bacon wurde von der Königin beordert, an dem Prozess gegen den Earl im Jahre 1601 als “learned counsel” teilzunehmen. Bacon hatte schon zuvor Essex in einem Brief klargemacht, dass die Interessen der Königin und des Staates für ihn höher stünden als seine Verpflichtung ihm gegenüber. Er vertrat die Anklage gegen seinen einstigen Förderer im Sinne der Königin mit Schärfe, ohne dass er dadurch höhere Ämter erlangt hätte.

Erst unter James I. gelang es ihm, politisch aufzusteigen. Im Zuge der Krönungsfeierlichkeiten wurde Bacon 1603 – als einer von 300 Gefolgsleuten – zum Ritter geschlagen, was wohl auf Bitten seines Vetters Robert Cecil erfolgte. Im Jahr 1607 wurde er zum Generalstaatsanwalt (Solicitor General) ernannt, sechs Jahre später stieg er, nach dem Tod seines Vorgängers, zum Generalfiskal (Attorney General) auf. 1617 wurde er Großsiegelbewahrer, 1618 wurde er zum Lordkanzler befördert und erhielt den erblichen Adelstitel Baron Verulam. 1621 wurde er zum Viscount St. Alban erhoben.[1]

Wenig später wurde er der Bestechlichkeit bezichtigt. Da er sich im Laufe seiner Karriere einige Feinde geschaffen hatte, wurde das Verfahren gegen ihn mit derselben Härte geführt, mit der Bacon selbst gegen andere Personen vorgegangen war. Ursächlich ging es um ungesetzlich erteilte Monopole im Interesse der Krone. Nach Geständnis und Verurteilung zu einer Geld- und Haftstrafe wurde er vom Hof verbannt. Das Strafmaß, das in dem Ermessen des Königs stand, betrug jedoch nur vier Tage. Die Geldstrafe wurde nie vollstreckt.

Auf dem Familiensitz in Gorhambury nahm er seine – in den 1590er Jahren begonnene – Tätigkeit als philosophischer Schriftsteller wieder auf. Am 9. April 1626 starb er in Highgate (damals nahe London) an den Folgen des einzigen von ihm überlieferten empirischen Versuches: Beim Experiment, ob sich die Haltbarkeit toter Hühnchen durch Ausstopfen mit Schnee verlängern ließe, zog er sich eine Erkältung zu und erlag wenig später einer Lungenentzündung. Er hinterließ Schulden in Höhe von 22 000 £.

Francis Bacon heiratete mit 45 Jahren Alice Barnham (1592–1650), die 14-jährige Tochter eines Londoner Stadtrats und Parlamentsabgeordneten. Davon abgesehen hält sich ein Gerücht über Bacons Homosexualität. John Aubrey zeigte sein Missfallen über Bacons sexuelle Orientierung, und der puritanische Moralist Sir Simonds D'Ewes, der mit Bacon im Parlament saß, erwähnt die Neigung Bacons in seiner Autobiographie.[2] In der Druckfassung von 1845 wurden die entsprechenden Passagen allerdings zensiert.

Als er 1626 kinderlos starb, erloschen seine Adelstitel.

Werk[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

Titelblatt der Enzyklopädie Instauratio magna, London 1620

Aus Francis Bacons Doppelkarriere als Philosoph und Politiker ergab sich, dass er zahlreiche philosophische, literarische und juristische Schriften verfasste, die aber nicht stets sogleich publiziert wurden. Nach frühen politischen Denkschriften, u. a. für Königin Elisabeth, veröffentlichte Bacon erstmals einige seiner "Essays" 1597. Als Naturphilosoph und Wissenschaftstheoretiker gilt er – neben Descartes – als einer der Begründer der modernen Wissenschaftsmethodik.

Als seine beiden Hauptwerke sah er selbst De dignitate et augmentis scientiarum (erschienen 1623), die ein erster Versuch einer Universalenzyklopädie genannt werden kann, und "Novum organon scientiarum" (1620), eine Methodenlehre der Wissenschaften, an. De augmentis... ist eine erweiterte Fassung seines früheren Werkes Advancement of Learning (1605) und stellt nicht nur eine systematische Übersicht über den Wissensstand seiner Zeit dar, sondern skizziert zudem künftige Gebiete der naturwissenschaftlichen Forschung. Diese beiden Schriften waren nur als Teil eines wesentlich umfassenderen Werkes gedacht, das Bacon geplant, jedoch nie vollendet hat. 1609 erscheint seine – sehr populäre – Interpretation antiker Mythen Francisci Baconi De Sapientia Veterum Liber. Etwa im Jahr 1614 schreibt er mit Nova Atlantis eine wirkungsgeschichtlich folgenreiche Utopie, in der er unter anderem die Gründung wissenschaftlicher Akademien nach seinen Vorstellungen anregt (unvollendet – erstmals im Druck in seinem Todesjahr). Besondere Wirkung auf seine Zeitgenossen haben seine Essayes (1597 erstmals erschienen, der Titel nach dem Vorbild Montaignes), die 1612 von zehn auf 38 erweitert werden und schließlich in die aus 58 Aufsätzen bestehende Fassung von 1625 unter dem Titel The Essayes or Counsels, Civill and Morall. einfließen. Nicht nur mit den Essays, auch mit anderen Werken ist Bacon einer der einflussreichsten englischen Schriftsteller seiner Zeit; er versteht wie kein Zweiter, Farbigkeit der Sprache mit Durchsichtigkeit, gedankliche Fülle mit Klarheit zu verbinden. Seine bildhafte Sprache macht die von ihm erörterten Gegenstände anziehend und anschaulich. In Verbindung mit der Klarheit seines Methodenbewusstseins ist dieser Stil auch ein Element seiner ungewöhnlichen Wirkung auf Zeitgenossen und Nachwelt.

Wissenschaftliche Leistung[Bearbeiten]

In Cambridge bringt ihn das Studium verschiedener damaliger Disziplinen zu dem Schluss, dass sowohl die angewandten Methoden als auch die erlangten Ergebnisse fehlerbehaftet seien. Seine Verehrung für Aristoteles steht nur scheinbar in Kontrast zu seiner Abneigung gegenüber der aktuellen scholastischen, sich auf einen reduktionistisch verstandenen Aristoteles berufenden Philosophie und ihrer Vorliebe für begrifflich-deduktive Verfahren. Sie erscheint ihm als öde, streitlustig und falsch in ihren Zielsetzungen. Die Philosophie brauche einen wahren Zweck und neue Methoden, ihn zu erreichen.

Die Formel „Wissen ist Macht“ wird auf ihn zurückgeführt. Der Gedanke findet sich dem Sinne nach schon in den "Essayes" (1597) und dann im Aphorismus I des Ersten Buches des "Novum Organum". Er forderte damit, was später in der Aufklärung die Naturwissenschaft weitgehend bestimmt hat: ihre praktische Nutzanwendung. Ziel der Wissenschaft sei Naturbeherrschung im Interesse des Fortschritts. Der Mensch könne die Natur jedoch nur dann beherrschen, wenn er sie kenne. Das Ziel naturwissenschaftlichen Erkennens jedoch werde vom Philosophen bestimmt, dieser müsse auch die allgemein verbindlichen Methoden finden. Nach Bacons Ansicht herrschten in der Philosophie bisher Grundsätze, die der Verstand ohne Rücksicht auf die wirkliche Natur der Dinge einfach als gegeben voraussetzte: dies nannte er die „Methode der Antizipationen“.

Ihr stellte er seine „Methode der Interpretationen(true directions concerning the interpretation of nature) gegenüber, die auf das genaue und gründliche Verständnis der Natur abzielt. Unser Verstand solle die Natur auslegen wie der gute Interpret einen Autor, indem er sich müht, auf ihren Geist einzugehen. Dies gelinge nicht durch hochfliegende Ideen und scholastische Spitzfindigkeiten, sondern nur durch Unterwerfung unter die Natur: „natura parendo vincitur“. (Die Natur wird besiegt, indem man ihr gehorcht.) Dazu müssten wir uns vor allem verschiedener Vorurteile entledigen, die Bacon – in Anlehnung an PlatonIdole nennt und die unsere Erkenntnis trüben oder bis zum Selbstbetrug verfälschen. Um also eine wirkliche Einsicht in das Wesen der Dinge zu erlangen, muss sich der erkennende Mensch zunächst von allen Trugbildern oder Vorurteilen freimachen. Wirkliche Erkenntnis sei reale Abbildung der Natur, ohne verfälschende Vorstellungen oder Idole.

Bacons System der Idole hat ein Vorbild in Ciceros Typologie und dessen Konzeption, dass wir Menschen untereinander vier Arten von "Masken" (in zeitgenössischer wissenschaftlicher Terminologie übertragen Verhaltensweisen) tragen. Es gebe erworbene und angeborene Vorurteile; letztere seien der Natur des Intellekts eigen. Bacon unterscheidet beim Forscher vier Gruppen dieser Idole:

  1. Idola Specus (Höhlen-Trugbilder) nennt er diejenigen Täuschungen, die sich aus den dunklen Tiefen des Individuums ergeben. Er spricht damit, modern gesagt, das Unbewusste in unseren Handlungen und Denkweisen an (einer etwa hebt Ähnlichkeiten hervor, wo ein anderer Differenzen sieht). Nach seiner Auffassung sind diese Irrtümer zu wirr und vielfältig, um systematisch beschrieben zu werden.
  2. Idola Theatri (Trugbilder des Theaters/der Tradition), Irrtümer aus überlieferten, überzeugend dargelegten Lehrsätzen: „Dogmen“ oder Meinungen einer Autorität, die wir glauben, ohne zu „hinterfragen“. Dazu zählt Bacon nicht nur die unkritische Haltung der Scholastiker gegenüber „den Autoritäten“, sondern er kritisiert in diesem Zusammenhang auch die eher skeptischen Humanisten, soweit sie dogmatisch zwischen Geistes- und Naturwissenschaften trennen und die letzteren geringschätzen.
  3. Idola Fori (Trugbilder der Tribüne/des Marktes) nennt er diejenigen Irrtümer, für die unser Sprachgebrauch verantwortlich ist. Diese Idola entsprängen der Gewohnheit, an die Stelle der Dinge Worte zu setzen: sie verwechseln die konventionellen Zeichen für die Dinge mit den Dingen selbst, den Marktwert mit ihrem Realwert - womit Bacon diesmal die Nominalisten aufs Korn nimmt. Laut Hans-Joachim Störig[3] entspringen solche "idola fori" bzw. stereotypisierte Begriffe "aus Berührung und geselligem Verkehr der Menschen untereinander. Eine besondere Rolle spielt dabei die Sprache als das wichtigste Instrument des zwischenmenschlichen Verkehrs." In diesen Überlegungen finden sich somit schon Aspekte einer Sprachkritik und Ideologiekritik wie in der neueren Philosophie und Soziologie.
  4. Idola Tribus (Trugbilder der Gattung) sind für Bacon Fehler unseres Verstandes – am schwierigsten zu erkennen und zu vermeiden. Die Gattung Mensch neige naturgemäß dazu, Dinge und Vorgänge aus menschlicher Sicht zu sehen und zu beurteilen. Dabei verlören die Dinge der Natur ihre Eigentümlichkeit und würden von der Denkweise oder den Affekten des Forschers beeinflusst. Ein Beispiel ist für ihn die menschliche Neigung, plötzliche oder außergewöhnliche Vorgänge zu stark zu betonen.

Mit der Kritik an dieser letzten Gruppe von Irrtümern – den idola tribus – scheint Bacon sich der kritischen Philosophie Kants zu nähern. Jedoch ist für Bacon das, was er „Natur“ nennt, nicht eine Schöpfung unseres Geistes, sondern etwas Objektives, dessen wahres Wesen menschlicher Verstand sehr wohl zu erkennen vermag – falls es ihm nur gelingt, sich aus dem Bann trügerischer Bilder und Schlüsse zu lösen.

Neben der Untersuchung der idola sind die folgenden methodischen Hinweise Bacons besonders fruchtbar: Erstens genüge es nicht, einen durch Induktion gewonnenen Schluss zu akzeptieren und immer neue, bestätigende Beispiele hierfür zu suchen. Vielmehr müsse der Forscher die negativen Instanzen mit besonderer Sorgfalt prüfen; das seien die Fälle, die eine Ausnahme von einer bisher gültigen Regel belegen. Denn in der Philosophie genüge bereits ein einziges Gegenbeispiel, die (angeblich bereits bewiesene) Wahrheit einer Folgerung zu widerlegen (damit hat er das Falsifikationsprinzip formuliert). Zweitens zeigt sich Bacon davon überzeugt, dass menschliches Wissen kumulativ ist. Damit hat er sich von der Ansicht mancher Scholastiker befreit, von denen einige meinten, alles Wesentliche, was der Mensch wissen könne, sei bereits in der Heiligen Schrift sowie den Werken des Aristoteles enthalten. Zahlreiche Gebiete, die noch wissenschaftlich erforscht werden könnten, benennt er bereits in De augmentis ... (unter anderem nennt er Literaturgeschichte, Geschichte der Krankheiten, Handelswissenschaften). Die Vervollkommnung unseres Wissens zu immer höheren Graden ist ein zentrales, bis heute aktuelles Ziel, das Bacon der wissenschaftlichen Forschung vorgibt; wenn er dieses Thema behandelt, erreicht seine Rhetorik eine nahezu poetische Höhenlage.

Als überzeugter Gegner spitzfindiger Diskussionen, die keine neuen Erkenntnisse bringen, setzt er auf eingehende Naturbeobachtung und das Experiment – Empirie also.[4] Nicht mysteriöse gestaltende Wesen (formae substantiales) dürfen nach seiner Auffassung als Erklärungsgrund physikalischer Vorgänge angenommen werden, sondern nur Naturgesetze, die wiederum durch Beobachtung und induktive Schlussfolgerungen gefunden werden können. Dabei dürfen nie Endursachen (fines) als Erklärungsgründe mit untergeschoben werden. Wissenschaftlich brauchbare Beobachtungen müssen für ihn wiederholbar sein. Aus diesem Grunde ist er entschiedener Gegner magischer oder kabbalistischer Praktiken. Aus ebendiesem Grunde ist Bacon auch kritisch gegenüber der Intuition: intuitiv bzw. durch Analogieschlüsse gewonnene Behauptungen und Meinungen gehören nicht zu seinem Bild einer mit der Systematisierung von Erfahrungen und daraus gewonnenen Erkenntnissen kontinuierlich fortschreitenden Forschung. Bacon bleibt methodologisch konsequent Empiriker.[5]

Urheberschaftsdebatte um Shakespeares Werke[Bearbeiten]

Die Behauptung, nicht William Shakespeare, sondern Francis Bacon sei der eigentliche Urheber der Shakespeare’schen Werke, wurde erstmals im Jahr 1856 von Delia Bacon erhoben und dann in ihrem Buch The Philosophy of Shakespeare’s Plays (1857), der frühesten Anti-Stratford-Monographie, vertreten. Dort entwickelte sie die Ansicht, dass sich hinter den Shakespeare-Stücken eine Gruppe von Schriftstellern mit Francis Bacon, Sir Walter Raleigh und Edmund Spenser verbarg. Constance Pott (1833–1915) unterstützte eine modifizierte Sicht; sie gründete 1885 die Francis Bacon Society und veröffentlichte 1891 ihre auf Bacon zentrierte Theorie unter dem Titel Francis Bacon and His Secret Society.[6] Die Bacon-Gesellschaft vertritt noch heute die These, Bacon sei der eigentliche Verfasser der Werke Shakespeares.[7] Von der wissenschaftlichen Shakespeare-Forschung wird diese Behauptung – wie auch alle anderen Verfasserschaftshypothesen – abgelehnt.

Zwischenzeitig wurde vermutet, Francis Bacon sei der auf dem in der Folger Shakespeare Library in Washington D.C. aufbewahrten sogenannten Ashbourne-Porträt dargestellte Mann; diese Hypothese wurde von Experten als unzureichend begründet verworfen. Das Bild galt lange als Shakespeare-Porträt.

Wirkung[Bearbeiten]

Francis Bacon

Das Bild des Francis Bacon, das die Nachwelt gezeichnet hat, ist zwiespältig: Einerseits wird er als machtgierig und hinterhältig beschrieben, andererseits werden seine Leistungen als einer der „geistigen Gründerväter“ der modernen Naturwissenschaften in den Himmel gehoben.

Bacon war zeitlebens zwischen seinen politischen Ambitionen und seinen schriftstellerischen und wissenschaftlichen Interessen hin und her gerissen. So sah er seine Lebensmission dreigeteilt: Sie bestand aus der Schaffung besserer Voraussetzungen für die Wissensproduktion im Interesse einer wissenschaftlich gültigen und technisch verwertbaren Wahrheitsfindung, aus dem praktisch-politischen Wunsch, seinem Land zu dienen, und aus der Hoffnung, etwas für die Kirche tun zu können. Eine hochgestellte Position in der Regierung, so mag er es gesehen haben, würde ihm die Möglichkeit geben, diese drei Visionen zu verwirklichen.

Das stetige Streben nach diesen drei Zielen ist eine Konstante in Bacons Leben, wobei man den persönlichen Ehrgeiz, der ihm zu eigen war, nicht vergessen darf. Er besaß zweifelsohne die Qualifikationen, um die selbstgesteckten Aufgaben zu meistern. Er hatte einen weitblickenden und scharfsinnigen Intellekt, schnell und doch vorsichtig, nachdenklich, methodisch und – im Vergleich mit seinen Zeitgenossen – weitgehend frei von Vorurteilen. Wenn wir seine gewinnende Art hinzurechnen, bekommen wir ein umfassendes Bild seines Charakters zu dieser entscheidenden Zeit seines Lebens. Bacons Handlungen lassen ihn allerdings zeitweise gegenüber dem jeweiligen Herrscher nicht nur diensteifrig, sondern geradezu servil erscheinen: so etwa im Prozess gegen seinen einstigen Förderer, den Earl of Essex (1601), oder bei dem Verfahren 1621 gegen ihn selbst, in dem er sich widerstandslos zum Bauernopfer machen ließ.

Die Neuerungen, die Bacon in der wissenschaftlichen Methodenlehre nachgesagt werden, haben allerdings bei näherer Betrachtung schon ihre Vorläufer: Er sagt zwar im Novum Organon, die Methode der Induktion sei der wahre Weg, den bisher noch niemand versucht habe, aber bereits ein flüchtiger Blick auf die Geschichte der Philosophie zeigt eine Reihe von Vorgängern. Schon Aristoteles hat die induktive Methode sehr wohl genutzt; Ähnliches gilt für Naturphilosophen in Alexandria, einige arabische Denker und manche der Humanisten.

Schon Bacons Zeitgenosse Tommaso Campanella fasste seine Lehre in dem Satz zusammen: tantum possumus, quantum scimus (wir vermögen so viel, wie wir wissen), der der Bacon zugeschriebenen Formel: wisdom is power inhaltlich nahekommt. Bernardino Telesio in Neapel stellte zwei Generationen früher das Leitprinzip auf: die Natur müsse aus sich selbst erklärt werden – ohne Spekulationen also. Der Spanier Juan Luís Vives wollte alle Forschung auf Erfahrung gegründet, alle Metaphysik durch direkte Untersuchung und Experiment ersetzt wissen.

Verblüffend sind die Ähnlichkeiten mit Bacons Namensvetter Roger Bacon, der drei Jahrhunderte früher lebte und zu Beginn des 17. Jahrhunderts völlig vergessen war. Roger machte vier offendicula der Erkenntnis aus, die uns den Weg zur wahren Naturerkenntnis versperren: Respekt vor Autoritäten; Gewohnheit; Abhängigkeit von den Meinungen der Menge; Unbelehrbarkeit unserer Sinne; sie decken sich zum Teil mit den idola. Auch prophezeite Roger – wie Francis Bacon – der menschlichen Erfindungskunst eine unabsehbare Entwicklung. Weiter: Die Naturbeobachtung und das Experiment seien der einzige Weg zum gesicherten Wissen: sine experientia nihil sufficienter sciri potest (ohne Erfahrung kann man kein hinreichendes Wissen erlangen). Anders als sein Namensvetter, der ein fruchtbarer Forscher und Erfinder war, war Francis Bacon jedoch kein Mann der Praxis.

Francis Bacon forderte von der Erfahrung ausgehende Forschung, aber nicht als einziger der Forscher um die Wende zum 17. Jahrhundert: Galileo Galilei in Pisa, Venedig und Florenz, Johannes Kepler in Prag, Christoph Scheiner in Ingolstadt, William Gilbert und William Harvey in London (um nur einige zu nennen) machten präzise Beobachtungen zum Ausgangspunkt ihrer bahnbrechenden Arbeiten.

In der Cambridge History of English and American Literature in 18 Volumes (1907–21) findet sich der Satz:

“It is unfortunate that Bacon was so little appreciative of Gilbert’s book, as a careful analysis of the method actually employed in it might have guarded him from some errors.”

Francis Bacon mag kaum einen Anteil an den Entdeckungen gehabt haben, mit denen seine Zeitgenossen und die nächsten Generationen den Aufbau und die Mechanik des Sonnensystems, die physikalische Struktur der wirklichen Welt und die Funktionsweise der in ihr wirkenden Kräfte erhellten. Seine Wirkung liegt wohl mehr in den vorwiegend technologisch orientierten Nützlichkeitswissenschaften. Es wäre jedoch ungerecht, ihn ausschließlich in die Schublade der Techniker zu schieben, denn er selbst hat „Wissenschaft für Intellektuelle“ immer höher geschätzt als „Wissenschaft für Techniker“. Aber nachfolgende Generationen haben ihn gerne so eng verstanden und seine Philosophie zur Rechtfertigung ihres Nützlichkeitsdenkens herangezogen.

Für Voltaire ist Bacon „der Vater der experimentellen Philosophie“ (Lettres philosophiques XII. OEuvres complètes. Ed. Garnier, Paris 1879, Bd. XXII, S. 118, zit. nach Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Amsterdam 1947, S. 13). Horkheimer und Adorno sehen in ihm den Vertreter einer ‚instrumentellen Vernunft‘ und damit einer vor allem auf Naturbeherrschung abzielenden Aufklärung:

„(...) Trotz seiner Fremdheit zur Mathematik hat Bacon die Gesinnung der Wissenschaft, die auf ihn folgte, gut getroffen. [...] der Verstand, der den Aberglauben besiegt, soll über die entzauberte Natur gebieten. [...] Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen.(...) (Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung. Amsterdam 1947, S. 14.)“

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

  • De dignitate et augmentis scientiarum oder Über die Würde und den Fortgang der Wissenschaften (1605)
  • Novum Organum oder Novum Organon (1620)
  • Instauratio magna (engl.: The Great Instauration) (1620)
  • History of the reign of Henry VII. London, 1622
  • Essays oder Praktische und Moralische Ratschläge (1597 und 1625)
  • Neu-Atlantis (1626)

Neuere Ausgaben

  • The Works, 14 Vol., collected and edited by James Spedding, Robert Leslie Ellis and Douglas Denon Heath. London 1857-1874. Reprint: Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1961, ISBN 978-3-7728-0023-8
  • The Oxford Francis Bacon [OFB], General Editors: Graham Rees and Lisa Jardine
  • (1996), vol. VI, ed. G. Rees: Philosophical Studies c. 1611 - 1619
  • (2000), vol. IV, ed. M. Kiernan: The Advancement of Learning
  • (2004), vol. XI, ed. G. Rees and M. Wakely: The Instauratio Magna: Part II. Novum Organum
  • (2000), vol.XIII, ed. G. Rees: The Instauratio magna: LAst Writings
  • (2000), vol. XV, ed. M. Kiernan, The Essayes or Counsels, Civill and Morall.
  • Neues Organon. Lateinisch-deutsch. Hrsg. von Wolfgang Krohn. 2 Bde., Philosophische Bibliothek, Band 400a und 400b. Meiner, Hamburg 1990, ISBN 978-3-7873-0757-9 und 978-3-7873-0758-6
  • The Major Works , Oxford University Press, 2002, ISBN 0-19-284081-9 (preisgünstige umfangreiche Auswahl)
  • Neu-Atlantis, übers. von Günther Bugge, hrsg. von Jürgen Klein. Ditzingen 2003: Reclam, ISBN 3-15-006645-X
  • Essays oder praktische und moralische Ratschläge,übers. von E.Schücking, hrsg. von L.L. Schücking, Nachwort von Jürgen Klein. Ditzingen : Reclam, 2005, ISBN 3-15-008358-3

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Francis Bacon – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Francis Bacon – Quellen und Volltexte
Werke
Sekundärliteratur

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Jan Rothkamm: Institutio oratoria: Bacon, Descartes, Hobbes, Spinoza, Brill, Leiden 2009, S. 41.
  2. Rictor Norton: "Sir Francis Bacon". The Great Queens of History, aktualisiert am 8. Januar 2000 (Version vom 24. August 2007 im Internet Archive)
  3. Hans-Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, 1987, S.306
  4. The "Experimental Philosophy": Francis Bacon (1561-1626 AD), S. 5, online (PDF; 90 kB)
  5. Siegfried Gehrmann: Natur, Erfahrung, Experiment. Francis Bacon und die Anfänge der modernen Naturwissenschaft. ESSENER UNIKATE 16/2001, S.53-63 (PDF; 187 kB)
  6. Informationen zu Mrs Henry Pott und Francis Bacon and His Secret Society (englisch).
  7. Shakespeare & The Authorship Question. A fascinating ongoing problem, not a foregone conclusion.
Dies ist ein als lesenswert ausgezeichneter Artikel.
Dieser Artikel wurde am 21. Januar 2006 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.