Metallose

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Femurosteolyse durch Metallose
Metallotisches Gewebe aus der Gelenkumgebung
Histologischer Schnitt

Die MetalloseMetall / -ose – ist das unnatürliche Vorkommen von metallischem Abrieb im menschlichen Körper. Am weitaus häufigsten ist er eine Komplikation von Endoprothesen des Hüftgelenks.[1] Der Nachweis ist schwierig.[2]

Hintergrund und Problem[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1970er Jahren entwickelte Heinz Wagner den nach ihm benannten Wagner-Cup, einen Oberflächenersatz des Femurkopfs. Biomechanische Probleme und die kompromittierte Durchblutung des überdeckten Femurkopfs sorgten für derart hohe Komplikationsraten, dass das Implantat vom Markt genommen wurde. Zur selben Zeit traten die Verschleißprobleme zutage, die sich aus jedem Gelenkspiel ergeben. An der Hüftendoprothese waren das der metallische Prothesenkopf und die Polyethylenpfanne. Bernhard Georg Weber schlug deshalb die Gleitpaarung von Metall-Metall vor. Sie schien abriebsärmer als die Kunststoff-Metall-Paarung zu sein und die gefürchteten Osteolysen durch nicht resorbierbaren Abrieb seltener zu machen.

Als Wagners Kappenidee in England (ASR, McMinn) in den 1990er Jahren wieder aufgegriffen wurde, erhoffte man sich von neuen Legierungen die Lösung aller Probleme.[3][4] Die Hoffnung trog.[5] Trotz ihrer Symptomarmut machten metallotische Osteolysen in 18 Fällen den Implantatwechsel nach weniger als fünf Jahren nötig.[1] Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) unterrichtete die Öffentlichkeit im September 2010 über die Rückrufaktion des Herstellers. 2011 berichtete das Deutsche Ärzteblatt von „nicht besseren Ergebnissen“.[6] Die Fachgesellschaften im Vereinigten Königreich und in den Niederlanden rieten vom Einbau ab und warnten vor den unabsehbaren Risiken der Metall-Metall-Paarung. In ihrer (vom BfArM erbetenen) Stellungnahme vom 22. März 2012 hielt die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie die „Komplikationsraten von über 40 % für nicht akzeptabel und die gesundheitlichen Auswirkungen erhöhter Schwermetallionenkonzentrationen im Blut für unsicher“.[7] Der Metallabrieb wird weder resorbiert noch ausgeschieden.[8] Niemand kennt die langfristigen Folgen. Selbsthilfegruppen tragen das Problem in die Politik.[9]

Hans-Georg Willert hatte das Problem schon früh erkannt und Ende der 1990er Jahre auf Anregung von Rüdiger Döhler eine Multizenterstudie mit deutschen, österreichischen und schweizerischen Kliniken aufgelegt. Die Arbeitsgruppe um Michael Morlock an der Technischen Universität Hamburg-Harburg befasst sich seit langem mit dieser Zeitbombe.[10]

Auch Titanimplantate können korrodieren und Weichteilschäden verursachen. Da das in der Nähe von Blutgefäßen, Nerven und Sehnen gefährlich ist, lehnen manche Unfallchirurgen Osteosynthesen mit Titanplatten trotz ihrer Vorteile ab, besonders bei Beckenfrakturen und distalen Radiusfrakturen.[11]

Symptomatik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erst spät macht die Metallose Symptome. Obendrein sind sowohl die örtlichen als auch die systemischen Zeichen unspezifisch. Am wichtigsten ist, dass man an die Möglichkeit einer Metallose denkt und ihr mit Röntgenkontrollen und Blutuntersuchungen nachgeht.

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Endoprothese muss ausgebaut, das metallotische Gewebe so weit wie möglich entfernt werden. Den Hersteller und die Krankenhausverwaltung sollte man unterrichten.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Axel Schunk: Metalle im Organismus. Universitätsverlag Ulm, 1998.
  • Lothar Rabenseifner: Begriffserweiterung der Metallose mit Hilfe von INAA. Enke, Stuttgart 1988.
  • Friedrich Hennig, Raithel HJ, Schaller KH, Döhler JR: Nickel-, chrom- and cobalt-concentrations in human tissue and body fluids of hip prosthesis patients. Journal of trace elements and electrolytes in health and disease 6 (1992), S. 239–243.
  • Rüdiger Döhler: Brauchen wir neue Hüftendoprothesen? Chirurgische Allgemeine 7 (2006), S. 471–475.
  • Haddad FS: Metal-on-metal. More questions than answers. Journal of Bone and Joint Surgery [Br] 95-B (2013), S. 1009–1010.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Legenstein / Bösch: Metallose in der Hüfttotalendoprothetik. Abgerufen am 28. Dezember 2015 (PDF; 157 kB).
  2. Lothar Rabenseifner: Knieendoprothetik. 1998, abgerufen am 28. Dezember 2015.
  3. Der Hüftgelenk-Skandal (Memento vom 30. Mai 2011 im Internet Archive)
  4. Georg Köster: Beachtenswerte Renaissance. 2006, abgerufen am 28. Dezember 2015 (PDF; 2,7 MB).
  5. SpringerLink (2012)
  6. Deutsches Ärzteblatt (30. November 2011)
  7. Stellungnahme der DGOOC (PDF; 148 kB)
  8. Nachuntersuchungen Salzburg (2008)
  9. Durom-Metasul-LDH-Hüftprothesen e. V. (2013)
  10. Publikationen zur Biomechanik (TUHH)
  11. F. Straumann, S. Steinemann, O. Pohler, H. Willenegger, R. Schenk: Neuere experimentelle und klinische Ergebnisse über die Metallose. o. J.

Abstracts von Publikationen (2013)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch: PubMed
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