Mittlerer Awash

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Der Mittlere Awash ist ein paläoanthropologischer und archäologischer Fundplatz entlang des Flusses Awash in der Afar-Senke in Äthiopien.

Fossilienfunde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Mittleren Awash wurden die Überreste zahlreicher Individuen der Hominini aus dem Pleistozän und Miozän[1] sowie einige der ältesten Oldowan Steinwerkzeuge[2] und Stücke gebrannten Tons gefunden. Letztere dienen als – umstrittene – Anhaltspunkte für die Nutzung von Feuer;[3] eine gesicherte Fundstelle mit verbrannten menschlichen Nahrungsresten liegt erstmals mit Gesher Benot Ya’aqov im Norden Israels vor, die mit Homo erectus in Verbindung steht und etwa 790.000 Jahre alt ist.[4]

Die ältesten Hominini-Funde sind fast 6 Millionen Jahre alt und damit zeitlich sehr nahe an jener Epoche, während der sich die Abstammungslinien von Schimpansen und Menschen trennten.[5]

Die heute hier anstehenden Sedimente wurden ursprünglich in Seen und Flüssen abgelagert. Die darin enthaltenen Carbonate weisen ein niedrigeres Kohlenstoff-Isotopenverhältnis auf. Hieraus lässt sich schließen, dass das Klima zur Zeit des späten Miozän, im Gegensatz zum heutigen, feucht und dass das Gebiet durch offenen Wald oder Savannenwälder bedeckt war. Weitere Indizien für eine solche Vegetation stellen die fossilisierten Überreste von Wirbeltieren wie der Rohrratte dar, welche zusammen mit den Vormenschen-Fossilien gefunden wurden.[5] Diese Gegend war ebenfalls durch wiederkehrende Vulkanausbrüche geprägt. Die dadurch hervorgerufene Zergliederung durch Spalten und Risse in der Erde, ermöglichte vermutlich das Entstehen verschiedener ökologischer Nischen die daraufhin von unterschiedlichen Wirbeltierarten besiedelt werden konnten[6] und heute die radiometrische Datierung der Funde erleichtert.

Zu den wichtigen homininen Fossilien die im mittleren Awash gefunden wurden zählen:[6][7]

Historischer Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1966 erhielt der damals bereits 63-jährige, britischstämmige kenianische Paläoanthropologe Louis Leakey die Genehmigung der äthiopischen Regierung, auf deren Territorium nach Fossilien zu suchen. Eine solche Genehmigung hatte bis dahin nur eine französische Forschergruppe um Camille Arambourg (1885–1969), der schon seit den 1930er-Jahren am Unterlauf des Flusses Omo Ausgrabungen leitete. Leakey, der in Kenia und vor allem in der Olduvai-Schlucht im heutigen Tansania Grabungen leitete, übertrug die Verantwortung für das Äthiopien-Projekt seinem US-amerikanischen Kollegen Francis Clark Howell, der das Gebiet am Unterlauf des Omo – wie Arambourg – als wissenschaftlich besonders ertragreich einschätzte. So entstand dort ab 1967 ein internationales Forschungsprojekt, bestehend aus französischen, nordamerikanischen und kenianischen Beteiligten, die voneinander getrennte Konzessionen bearbeiteten. Geleitet wurden jedes der drei Teams von einem eigenen Leiter, von Yves Coppens (den Arambourg vorgeschlagen hatte), Howell und Louis Leakeys Sohn, Richard Leakey.[8] Bereits im ersten Jahr wurde im Bereich der französischen Konzession ein bedeutendes Fossil entdeckt, das Arambourg & Coppens der neuen Art Paranthropus aethiopicus zuschrieben. Im Bereich der kenianischen Konzession wurden ab 1967 die Bruchstücke der Fossilien Omo 1 und Omo 2 (sehr alte Funde des anatomisch modernen Menschen) geborgen, und auch im Bereich der amerikanischen Konzession wurden zahlreiche hominine Fossilien entdeckt; zudem beschrieb der Paläontologen Basil Cooke anhand von fossilen Schweine-Zähnen eine Biostratigraphie der zahlreichen Fundschichten

Bereits 1968 entschloss sich Richard Leakey, das von der National Geographic Society für sein Äthiopien-Projekt eingeworbene Geld für Studien im Mündungsbereich des Omo, auf kenianischem Gebiet, östlich des Turkana-Sees (damals: Rudolfsee) zu nutzen; das Gelände erwies sich als ertragreiche Fundstelle, unter anderem wurden dort 1972, unter der wissenschaftlichen Leitung von Glynn Isaac, die ersten Belege für die neue Art Homo rudolfensis entdeckt.

In den Grabungsjahren 1970 und 1971 begleitete Donald Johanson, damals Doktorand von Clark Howell, diesen als dessen „Zahn-Experte“. Während dieser Studienaufenthalte lernte Johanson den französischen Geologen Maurice Taieb kennen, der bereits seit 1966 die Geologie des Afar-Dreiecks für seine Doktorarbeit kartieren sollte. Taieb berichtete Johanson, dass er im Afar-Dreieck zahlreiche Fossilien gesehen habe, die aus pliozänen und pleistozänen Erdschichten stammten. 1972 fuhren daraufhin Taieb, Johanson und Jon Kalb, der mit Taieb bereits mehrfach im Afar-Dreieck kartiert hatte, in diese abgelegene Region am Fluss Awash; ein als Hadar bezeichnetes Gelände erwies sich als derart reich an homininen Fossilien, dass Johanson bereits ab 1973 ein eigenes Forscherteam, die International Afar Research Expedition, leitete, schon in diesem Jahr das Fossil AL 129-1, das erste Knie entdeckte, das je von einem frühen Hominiden gefunden wurde, und 1974 das Fossil Lucy. Etwas südlich von Hadar liegt zudem die bereits 1972 von Jon Kalb beschriebene Fundstelle Dikika.

Bereits 1974 hatte sich Jon Kalb von Taeib und Johanson getrennt und ein eigenes Projekt initiiert, etwas oberhalb von Hadar, in jener Region, die als Mittlerer Awash bezeichnet wird. Erster bedeutender Fund war 1976 der 600.000 Jahre alte, sogenannte Bodo-Schädel vom Fundort Bodo D'ar, der von einigen Forschern in die Nähe der unmittelbaren Vorfahren des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) gestellt wird.[9]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Middle Awash. About.com abgerufen am 12. April 2006
  2. Barbara Ann Kipfer: Encyclopedic Dictionary of Archaeology. Springer Verlag, 2000, ISBN 0306461587
  3. Bogucki: Origins of Human Society. Blackwell Publishing 1. September 1999, ISBN 1577181123
  4. Naama Goren-Inbar et al.: Evidence of Hominin Control of Fire at Gesher Benot Ya`aqov, Israel. In: Science. Band 304, 2004, S. 725–727, doi:10.1126/science.1095443
  5. a b Yohannes Haile-Selassie: Late Miocene hominids from the Middle Awash, Ethiopia. In: Nature. Band 412, Nr. 6843, 2001, S. 178–181, doi:10.1038/35084063
  6. a b Bimodal volcanism and rift basin development in the Middle Awash region, Ethiopia abgerufen am 12. April 2006
  7. Seth Borenstein: New Fossil Links Up Human Evolution. The Associated Press 13. April 2006 [1]
  8. Ian Tattersall: The Strange Case of the Rickety Cossack – and Other Cautionary Tales from Human Evolution. Palgrave Macmillan, New York 2015, S. 114–131, ISBN 978-1-137-27889-0
  9. Bodo skull. Auf: humanorigins.si.edu, zuletzt eingesehen am 25. März 2019

Koordinaten: 10° 0′ 0″ N, 40° 0′ 0″ O