Paläoanthropologie

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Zähne sind die dauerhaftesten Zeugnisse für die Entwicklung des Menschen: hominine Backenzähne aus Java. Sammlung Koenigswald im Senckenberg Forschungsinstitut, Frankfurt
Fossile Schweinezähne – hier aus Java – sind ein wichtiges Leitfossil der Biostratigraphie. Sammlung Koenigswald im Senckenberg Forschungsinstitut

Die Paläoanthropologie (aus altgriechisch παλαιός palaiós „alt“, ἄνθρωπος ánthropos „Mensch“ und -logie „Lehre“), auch Paläanthropologie oder gelegentlich Prähistorische Anthropologie, ist die Wissenschaft von den alten, stammesgeschichtlich frühen und zumeist ausgestorbenen Arten der Hominini. Forschungsgegenstand ist somit die Epoche seit der Trennung der beiden Linien, die vor etwa sechs bis acht Millionen Jahren einerseits zu den Schimpansen, andererseits zum anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) führte. Paläoanthropologen erforschen und rekonstruieren folglich die Stammesgeschichte des Menschen und das Entstehen seiner spezifischen Merkmale im Verlauf der Hominisation.

Die Paläoanthropologie ist ein Teilgebiet der Anthropologie. Eine enge Verwandtschaft besteht mit der Paläontologie und der Prähistorischen Archäologie.

Fragestellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Winfried Henke zufolge lauten die Kernfragen der Paläoanthropologie:[1]

Die Rekonstruktion der Stammesgeschichte vollzieht sich – wie generell in der Paläontologie – in mehreren Stufen.[2] Zunächst wird der Gradient der Veränderung eines Merkmals bei den Fossilien ermittelt, das heißt, die Veränderung des Merkmals im Verlaufe längerer Zeitspannen.[A 1] Danach wird die Richtung des Wandels dieser Merkmale bestimmt, also der Gestaltwandel von ursprünglichen Merkmalen über Zwischenstadien zu abgeleiteten Merkmalen. Dies bildet die Grundlage für die Definition von fossilen Arten, die jeweils anhand von evolutiven Neuheiten von Vorläufer-Arten abgegrenzt werden. In einem weiteren Schritt folgt die Konstruktion eines Kladogramms, einer graphischen Darstellung der Verwandtschaftsverhältnisse der Arten ohne Zeitachse. Schließlich wird unter Einbeziehung weiterer Analyseschritte – wie Stratigraphie, Chronologie und Verbreitungsgebiet eines Taxons – ein Stammbaum konstruiert. Abschließend werden unter Einbeziehung aller Forschungsergebnisse Szenarien („Lebensbilder“) erstellt, beispielsweise – im Vergleich mit heute lebenden Primaten – Modelle über die Fortbewegungs­weise der Vorfahren des Homo sapiens, über ihre Ernährungsgewohnheiten, ihre ökologischen Nischen und ihr Sozialverhalten.

Als besondere schwierig gestaltet es sich in der Paläontologie (und damit auch in der Paläoanthropologie), anatomisch ähnliche Fossilien unterschiedlichen Arten zuzuordnen und sie so gegeneinander abzugrenzen. Lebende Taxa können in der Regel dann voneinander unterschieden werden, wenn sie sich in folgenden Eigenschaften unterscheiden, wobei Besonderheiten bei einem einzigen Kriterium bereits hinreichend sein können:[3] Genotyp, Ontogenese sowie Besonderheiten der Lebensabschnitte vor und nach dem Erwachsenwerden (zum Beispiel Länge der Kindheit, Dauer der Lebenserwartung nach der Menopause), Phänotyp der erwachsenen Individuen, Verhalten. Paläoanthropologen können in aller Regel nur auf wenige und zudem oft deformierte Knochen zurückgreifen, das heißt – da Weichteilgewebe nicht überliefert ist – auf allenfalls grobe Anhaltspunkte für den einstmaligen Phänotyp; heute lebende Meerkatzen können beispielsweise anhand ihrer Knochen und ihrer Zähne nur mit erheblichen Unsicherheiten unterschieden werden.[4]

David Pilbeam, Professor für die Evolution des Menschen an der Harvard University und Kurator für Paläoanthropologie am Peabody Museum of Archaeology and Ethnology hat die Schwierigkeiten der Theorie­bildung auf dem Gebiet der Paläoanthropologie 1987 so beschrieben:

„Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass viele Aussagen, die wir über das Wie und Warum der Evolution des Menschen machen, genau so viel aussagen über uns als Paläoanthropologen und die Gesellschaft in der wir leben, wie über all das, was ‚wirklich‘ passiert ist.“[5]

Fächerübergreifende Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Paläoanthropologie ist gleichermaßen ein interdisziplinäres und ein multidisziplinäres Arbeitsfeld, in dem Forscher aus der Anthropologie, der Archäologie, den Biowissenschaften und den Geowissenschaften tätig sind. Paläoanthropologen stützen sich dabei vor allem auf Fossilfunde, die im Zusammenhang mit Befunden aus diversen benachbarten Forschungsdisziplinen auf der Grundlage der Theorie der biologischen Evolution interpretiert werden.

Zu diesen benachbarten Forschungsdisziplinen gehören aus dem Gebiet der Biowissenschaften u. a. Systematik, Anatomie, Biostratigraphie, Evolutionsökologie, Paläoökologie, Paläogenetik, Paläogeographie, Paläoklimatologie, Paläolimnologie, Paläophysiologie und Palichnologie, ferner Taphonomie, Konstruktions-Morphologie (speziell: Funktionsmorphologie); aus dem Gebiet der Geowissenschaften sind u. a. beteiligt: Geologie, Geomorphologie, Geochronologie, Mineralogie, Klimatologie, Pedologie, Stratigraphie, Vulkanologie; und aus dem Gebiet von Anthropologie und Archäologie sind u. a. beteiligt: Kulturanthropologie, Osteologie, Archäometrie, Ethnologie, Linguistik.

Ein Beispiel für fächerübergreifende Forschung ist der Versuch, die Ernährung der Angehörigen einer fossilen Art zu rekonstruieren. Anhand der Zahnmerkmale kann häufig zwar eine grobe Unterscheidung von überwiegend Fleischfressern (Scherengebiss) und überwiegend Pflanzenfressern (Hypsodontie) vorgenommen werden, dies schließt aber keineswegs – zum Beispiel während bestimmter Jahreszeiten – abweichende Ernährungsgewohnheiten aus. Insbesondere um die bevorzugte Nahrung verwandter fossiler Arten voneinander unterscheiden zu können, müssen Ergebnisse beispielsweise von Rekonstruktionen der Morphologie des gesamten Kauapparats, des Paläohabitats und der Paläoökologie einbezogen werden, ferner – sofern vorhanden – archäologische Befunde (Bau und mutmaßliche Funktion von Steingerät, Schnittspuren an fossilen Knochen, Anhäufungen von Nahrungsresten). Darüber hinaus wurden diverse chemische und physikalische Methoden entwickelt, um die Ernährung auf der Ebene des Individuums nachzuvollziehen. So kann beispielsweise aus dem mikroskopisch sichtbar zu machenden Zahnschmelz-Abrieb auf die Härte der regelmäßig verzehrten Nahrung geschlossen werden, auch werden gelegentlich im Zahnbelag eingebettete, versteinerte Samen oder Stärkekörner (Phytolithen) entdeckt. Zu den physikalischen Methoden gehören ferner – neben der seit 1946 bekannten C14-Datierung und anderen radiometrischen Datierungsmethoden – die Bestimmung der Isotopenverhältnisse von 13C und 12C, von 15N und 14N sowie von 18O und 16O: Anhand von δ13C kann die Bevorzugung von C3-Pflanzen von der Bevorzugung von C4-Pflanzen unterschieden werden; anhand von Δ15N können Fleischfresser und Pflanzenfresser unterschieden werden; anhand von Δ18O kann unterschieden werden, ob ein Tier primär Wasser aus offenem Gewässer getrunken oder ob es seinen Flüssigkeitsbedarf primär durch das Verzehren von Laub gedeckt hat.[6]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • David R. Begun (Hrsg.): A Companion to Paleoanthropology. Wiley-Blackwell, 2013, ISBN 978-1-118-33237-5.
  • Winfried Henke: Paläoanthropologie – Standortbestimmung einer innovativen Disziplin. In: Archäologische Informationen. Band 30, Nr. 1, 2007, S. 1–23 (= Bulletin de la Société Suisse d'Anthropologie, Band 13, Nr. 1, 2007), Volltext (PDF; 965 kB)
  • Roger Lewin: Bones of Contention. Controversies in the Search for Human Origins. Touchstone 1988, ISBN 0-671-66837-4
  • W. Eric Meikle, Sue Taylor Parker: Naming our Ancestors. An Anthology of Hominid Taxonomy. Waveland Press, Prospect Heights (Illinois) 1994, S. 22–35, ISBN 0-88133-799-4
  • Jeffrey H. Schwartz und Ian Tattersall: Fossil evidence for the origin of Homo sapiens. In: American Journal of Physical Anthropology. Band 143, Supplement 51 (= Yearbook of Physical Anthropology), 2010, S. 94–121, doi:10.1002/ajpa.21443
  • Bernard Wood: Wiley-Blackwell Encyclopedia of Human Evolution. Wiley-Blackwell, Chichester 2011, ISBN 978-1-4051-5510-6 (erhältlich auch als E-Book / Kindle Edition)
  • Emily K. Wilson: Women's experiences in early physical anthropology. In: American Journal of Physical Anthropology. Band 170, Nr. 2, 2019, S. 308–318, doi:10.1002/ajpa.23912

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ein solcher Gradient wird in der Fachsprache als Morphokline bezeichnet.

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Winfried Henke: Paläoanthropologie – Standortbestimmung einer innovativen Disziplin. In: Archäologische Informationen, Band 30, Nr. 1, 2007, S. 3 (= Bulletin de la Société Suisse d'Anthropologie, Band 13, Nr. 1, 2007).
  2. Die Darstellung folgt Winfried Henke, Paläoanthropologie – Standortbestimmung einer innovativen Disziplin, S. 7.
  3. Matthew M. Skinner und Bernard Wood: The evolution of modern human life history – a paleontological perspective. In: Kristen Hawkes und Richard R. Paine (Hrsg.): The Evolution of Modern Human Life History. School of American Research Press, Santa Fe 2006, S. 331–332, ISBN 978-1-930618-72-5.
  4. Matthew M. Skinner und Bernard Wood, The evolution of modern human life history..., S. 338.
  5. David Pilbeam: Rethinking human origins. In: Russell L. Ciochon und John G. Fleagle (Hrsg.): Primate Evolution and Human Origins. Aldine de Gruyter, New York 1987, S. 220, ISBN 0-202-01175-5.
  6. Eintrag diet reconstruction in Bernard Wood (Hrsg.): Wiley-Blackwell Encyclopedia of Human Evolution. 2 Bände. Wiley-Blackwell, Chichester u. a. 2011, ISBN 978-1-4051-5510-6.