Nachthexen

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Nachthexen (russisch Ночные Ведьмы, Notschnyje Wedmy) war der Spitzname des sowjetischen 588. Nachtbombenfliegerregiments, später in 46. Garde-Nachtbombenfliegerregiment umbenannt, aus dem Zweiten Weltkrieg, das ausschließlich aus Frauen bestand. Der Name wurde ursprünglich von den deutschen Truppen verwendet, später aber teilweise von den Angehörigen des Regiments übernommen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Ausgangsbasis wurde auf Betreiben von Marina Raskowa im Oktober 1941 in Moskau die Fliegergruppe Nr. 122 aufgestellt und am 16. Oktober nach Engels verlegt. Dort wurde zum Jahresende mit der Aufstellung des Regiments begonnen.[1] Kommandeurin der allein aus Frauen bestehenden Einheit war Jewdokija Berschanskaja, Stabschefin Irina Rakobolskaja, Regimentsingenieurin Sofia Oserkowa, Navigationsoffizierin Sofia Bursajewa und Politkommissarin Jewdokija Ratschkewitsch. Die Pilotinnen rekrutierten sich aus Angehörigen der zivilen Luftflotte sowie Aeroklubs, die Navigatorinnen kamen von der OSSOAWIACHIM oder waren Hochschulabsolventinnen. Ab Februar 1942 begann die Formierung und das Training der Besatzungen unter der Bezeichnung 588. Nachtbombenfliegerregiment (588. NBAP).

Am 23. Mai wurde die Einheit als Teil der 218. Nachtbombenfliegerdivision unter Dmitri Popow innerhalb der 4. Luftarmee an die Front verlegt. Die ersten Einsätze begannen ab dem 8. Juni 1942 im südlichen Donbass im Abschnitt Konstantinowka–Melechowka–Rasdorska. Weitere Aktionsräume waren der Kaukasus und die Krim, wo auch Versorgungseinsätze für den Brückenkopf Eltigen geflogen wurden. Am 8. Februar 1943 erging der Befehl, dem Regiment den Titel 46. Garde-Nachtbombenfliegerregiment (46. Gw NBAP) zu verleihen, was am 10. Juni mit der Verleihung des Gardebanners geschah. Für die Leistungen bei der Rückeroberung der Halbinsel Taman im September/Oktober 1943 wurde der Beiname 46. Tamaner Garde-Nachtbombenfliegerregiment vergeben. Während der Kämpfe um Sewastopol unterstand die Einheit zeitweise der 2. Stalingrader Garde-Nachtbombenfliegerdivision unter Kusnezow, beim Einsatz bei der 2. Weißrussischen Front ab Sommer 1944 der 325. Nachtbombenfliegerdivision. Die letzten Kampfeinsätze fanden bei Danzig, Stettin, Köslin und gegen den Hafen vom Swinemünde statt. Im November 1945 wurde das Regiment, das Träger des Rotbanner- und des Suworowordens III. Klasse war, aufgelöst.

Insgesamt flog das Regiment in 28.676 Flugstunden 23.672 Einsätze und warf circa 3.000 Tonnen Bomben ab. Es zerstörte oder beschädigte 17 größere Brücken, 9 Eisenbahnzüge, 26 Munitions- und Treibstofflager, 176 LKW und 86 Feuerstellungen. Durchschnittlich absolvierte jede Pilotin fast 1.000 Einsätze. Von den 29 Frauen, denen im Zweiten Weltkrieg der Titel „Held der Sowjetunion“ verliehen wurde, waren 23 Mitglieder der Nachthexen. 14 Pilotinnen kamen bei den Kämpfen ums Leben.

Weitere, ausschließlich aus Frauen bestehende Truppenteile waren das 586. Jagdfliegerregiment mit Tamara Kasarinowa als Befehlshaberin sowie das 587. Bomberregiment unter Führung Marina Raskowas, wobei nur das 588. NBAP im gesamten Zeitraum seines Bestehens vollständig aus weiblichem Personal bestand.

Die Maschinen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Po-2

Die Flugzeuge waren Doppeldecker vom Typ Polikarpow Po-2, ein 1927/28 entwickeltes Modell aus Holz und Stoff, das ursprünglich zur Ausbildung und für landwirtschaftliche Zwecke konstruiert worden war. Zum Einsatz im Nachtbomberregiment waren die Flugzeuge behelfsmäßig zu Bombenflugzeugen umgerüstet worden. Unter Rumpf und Tragflächen befanden sich sechs bis acht Bombenträger, von denen aus Stahlseile in die Kabine der Navigatorin führten und durch Ziehen ausgelöst wurden. Zum Anvisieren wurden an der rechten Bordwand zwei mit Leuchtfarbe gestrichene Metallstäbe angebracht und ein kleines Zielfenster in die rechte Tragfläche geschnitten. Die mitgeführte Bombenlast stieg im Laufe des Krieges von 180 kg auf 300, später sogar 400 kg. Die Po-2 brauchte nur eine kurze Startbahn und konnte deshalb auch von unbefestigten Wiesen und Waldlichtungen (Sprungbretter genannt), die sich kurz hinter der Frontlinie befanden, eingesetzt werden.

Obwohl oder gerade weil der Typ sehr langsam war, konnte er Dank seiner Manövrierfähigkeit von den sehr viel schnelleren deutschen Jagdflugzeugen nur schwer abgeschossen werden. Da die Flugzeuge nur eine geringe Bombenlast transportieren konnten, starteten sie bis zu dreimal, manchmal sogar bis zu achtmal pro Nacht. Ein Einsatz verlief in der Regel so, dass die Maschinen im Schutze der Dunkelheit in Abstand von einigen Minuten einzeln anflogen. War das Ziel in der Nähe, wurde der Motor abgestellt und die Bomben im Gleitflug abgeworfen. Nach dem Anwerfen des Triebwerks erfolgte die Rückkehr zum Stützpunkt. Wegen der überraschenden Angriffe bei absoluter Stille in der Nacht gaben die deutschen Truppen dem Regiment den Spitznamen „Nachthexen“.

Die 23 „Heldinnen der Sowjetunion“ des Regiments[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Oberleutnant Jewgenija Rudnewa
Nadeschda Popowa (2009)

Künstlerische Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1981 entstand in der Sowjetunion ein gleichnamiger Film über den Einsatz des Fliegerregiments. Die Regisseurin Jewgenija Schigulenko hatte selbst als Staffelkommandeurin in der Einheit gekämpft und war als Held der Sowjetunion ausgezeichnet worden.
  • Die schwedische Power-Metal-Band Sabaton veröffentlichte 2014 das Album Heroes, welches das Lied Night Witches enthält.
  • Im April 2015 erschien das gleichnamige Rollenspiel von Jason Morningstar bei Bully Pulpit Games.
  • Die niederländische Death-Metal-Band Hail of Bullets veröffentlichte 2018 das Album ... Of Frost and War, welches das Lied Nachthexen enthält.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Marina P. Tschetschnewa: Der Himmel bleibt unser. Militärverlag, Berlin 1989, ISBN 978-3-327-00703-7 (russisch: М. П. Чечнева: Небо остается нашим. Воениздат, Москва 1976. Übersetzt von Helmut Heinrich).
  • A. Noggle: A Dance With Death: Soviet Airwomen in World War II. ISBN 978-0-89096-601-3.
  • Roger D. Markwick, Euridice Charon Cardona: Soviet Women on the Frontline in the Second World War. Palgrave Macmillan UK, 2012, ISBN 978-0-230-57952-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Nachthexen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rainer Göpfert: Sowjetische Frauengeschwader. In: Fliegerrevue X, Nr. 79, PPV Medien, Bergkirchen 2019, ISSN 2195-1233, S. 60–73.
  2. E. Meos, K. H. Hardt: Komsomolkas am Feind, in: Flieger Revue 10/1970, S. 432