Naked Lunch (Roman)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Naked Lunch ist ein literarisches Werk des US-amerikanischen Schriftstellers William S. Burroughs. Er erschien erstmals 1959 in Frankreich bei Olympia Press. Naked Lunch gilt als Burroughs’ Hauptwerk und ist eines der wichtigsten literarischen Dokumente der Beat Generation.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Buch entstand in den Jahren 1956 bis 1958 in der Internationalen Zone von Tanger, wo Burroughs seit 1954 lebte. Nachdem er seine zwölfjährige Heroinsucht überwunden hatte, konsumierte er stattdessen täglich erhebliche Mengen Alkohol und Cannabis und brachte unter dem Einfluss dieser Substanzen in einem beinahe automatischen Schreiben eine große Menge von literarischen Texten zu Papier. Verschiedene Autoren der Beat Generation, mit denen er in regem Briefwechsel stand, besuchten ihn 1957, um das Material editionsfähig zu machen, doch Jack Kerouac bekam davon Albträume und zog sich von der redaktionellen Arbeit zurück. Allen Ginsberg, sein Liebhaber Peter Orlovsky und der Dichter Alan Ansen stellten schließlich ein 200-seitiges Manuskript zusammen, das Burroughs an den auf erotische Literatur spezialisierten Pariser Verlag Olympia Press schickte.[1]

Inhalt und Stil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die zumeist angegebene Gattungsbezeichnung Roman ist irreführend. Es handelt sich um disparate Aufzeichnungen von realen Erlebnissen, Halluzinationen und Phantasien, die durch keinen durchgängigen Handlungsfaden verbunden sind.[2] Der Text behandelt in unkonventioneller und radikaler Manier das Thema Kontrolle. Burroughs malt seine Obsessionen aus, etwa Exekutionen junger Männer durch Erhängen, die beim Genickbruch ejakulieren, Geheimagenten, außerirdische Organisationen und Verschwörungen von kosmischem Ausmaß sowie reale und imaginäre Drogen mit enormem Suchtpotenzial wie Mugwump jism, das aus dem Fleisch riesiger Hundertfüßler gewonnen wird. Erzählt wird zum Teil im Stil der „hardboiledKriminalromane, dessen sich Burroughs bereits in seinem ersten Roman Junky (1953) bediente, teils in so genannten routines, kurzen, anscheinend improvisierten Erzählpassagen satirischen oder grotesk übersteigerten Charakters.[3] Die Sprache ist oft Slang der Drogensüchtigen und der Homosexuellen, in ihrer Lakonik wirkt sie oft gleichzeitig grausam und komisch. Die bizarr unmenschliche Gestalt des „Dr. Benway“, die mehrere Auftritte hat, kann als Reminiszenz an die Phantasien von bösen Ärzten verstanden werden, die in Phasen des Heroinentzugs typisch sind.[4]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman rief bei seinem Erscheinen einen Skandal hervor und wurde zunächst 1965 in einem Urteil des Supreme Court in Massachusetts verboten. In dem Urteil hieß es: „Ein widerlicher Gifthauch ununterbrochener Perversion, literarischer Abschaum“.[5] Im Jahre 1966 wurde das Verbot in einem Gerichtsverfahren wieder aufgehoben.

Naked Lunch wurde zunächst überhaupt nicht rezensiert. Erst nach einer Neuauflage im angesehen New Yorker Verlag Grove Press 1962 nahm die literarische Kritik das Werk zur Kenntnis. Die New York Times stellte seinen Verfasser in eine Reihe mit Jonathan Swift, Alfred Jarry und Jean Genet, Newsweek nannte es „ein Meisterwerk, wenn auch ein völlig wahnsinniges und anarchisches“, die New York Herald Tribune deutete das Buch existenzialistisch: Es reduziere die essenzielle Absurdität des Lebens auf eine „Serie von Lichtblitzen aus grausamen und oft sinnlosen Charaden“.[6] Das Time magazine nahm Naked Lunch in seine Liste der hundert besten englischsprachigen Romane seit 1923 auf.[7]

Paul Bowles nannte Burroughs nach der Lektüre von Naked Lunch „den größten amerikanischen Humoristen“, sein Biograph Barry Miles lobt die in dem Buch implizierte Gesellschaftskritik als „einsichtsvoll“ und „auf schockierende Weise prophetisch“.[8] Der Literaturwissenschaftler Jörg Drews nennt Naked Lunch „eines der großen literarischen Dokumente des Befangenseins in einem Zustand menschenunwürdiger Willensunfreiheit und der Befreiung daraus“. Es sei ein durchaus moralisches Buch.[9]

Das lange Zeit als unverfilmbar geltende Werk wurde 1991 von David Cronenberg unter dem Titel Naked Lunch – Nackter Rausch frei adaptiert.[5]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Michael Köhler (Hrsg.): Burroughs. Eine Bild-Biographie. Text von Carl Weissner. Nishen, Berlin 1994, S. 54 ff.
  2. Jörg Drews: Naked Lunch. In: Kindlers Literatur Lexikon. Taschenbuchausgabe, dtv, München 1986, Bd. 8, S. 6590.
  3. Toby Elias: Burroughs, William S. In: Peter Knight: (Hrsg.): Conspiracy Theories in American History. An Encyclopedia. ABC Clio, Santa Barbara, Denver und London 2003, Bd. 1, S. 147 f.
  4. Jörg Drews: Naked Lunch. In: Kindlers Literatur Lexikon. Taschenbuchausgabe, dtv, München 1986, Bd. 8, S. 6590.
  5. a b Booklet der Naked Lunch DVD, Arthaus Collection
  6. Barry Miles: William Burroughs. El hombre invisibile. Hyperion, New York 1992, S. 106.
  7. Richard Lacayo: Naked Lunch. entertainment.time.com, 8. Januar 2010, Zugriff am 15. Januar 2016.
  8. Barry Miles: William Burroughs. El hombre invisibile. Hyperion, New York 1992, S. 107 und 102 f.
  9. Jörg Drews: Naked Lunch. In: Kindlers Literatur Lexikon. Taschenbuchausgabe, dtv, München 1986, Bd. 8, S. 6591.