Ortsbild

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Dorfkirche und Dorfplatz zählen oft zu den wesentlichen Elementen des Ortsbildes.

Das Ortsbild ist das Erscheinungsbild einer Ortschaft und im weiteren Sinne einer Stadt (Stadtbild). Dazu zählt der gesamte Raum, also neben Gebäuden auch Straßen, Plätze, Parkanlagen, Laternen und die weitere Ausstattung. Das Ortsbild steht im Wechselspiel mit dem Landschaftsbild.

Der Erhalt historischer Strukturen als Zeugnis der Entwicklung von Gesellschaft, Wirtschaft und Architektur, als Identifikationsmöglichkeit für die Bevölkerung, als Wertschöpfung und touristischer Wert steht oftmals im Konflikt mit der Suche nach Funktionalität, den Bedürfnissen von Verkehr, Bauwesen und vordergründigen wirtschaftlichen Interessen.

In diesem Artikel werden insbesondere, Erscheinung sowie Gefährdung und Erhalt des Ortsbildes bei Dörfern, Marktgemeinden und Städten in Deutschland und dem Alpenraum behandelt. Weitere Hintergründe siehe im Artikel Stadtbild.

Gefährdung der Ortsbilder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bild aus dem Schweizer Jura zeigt exemplarisch Zerstörungen eines Ortsbildes durch viele „Nadelstiche“ Zerstörung historischer Ortsbilder durch Sparkassen. Beispiel Kreissparkasse Ravensburg in Wangen im Allgäu von 1970
Das Bild aus dem Schweizer Jura zeigt exemplarisch Zerstörungen eines Ortsbildes durch viele „Nadelstiche“
Zerstörung historischer Ortsbilder durch Sparkassen. Beispiel Kreissparkasse Ravensburg in Wangen im Allgäu von 1970

Seit den Nachkriegsjahrzehnten sind Ortsbilder durch den Abriss erhaltenswerter, historischer Architektur gefährdet. Zudem durch Verputzen des Fachwerks, Fassadenverkleidungen mit Asbestzementplatten oder Kunststoffen, Entfernung historischer Fenster und Fensterläden aus Holz und Ersatz durch industrielle Baustoffe und Produkte. Mit letzteren wurden sehr häufig auch nachträgliche Hausanbauten, wie Windfänge, Wintergärten und Balkons ausgeführt. Sehr begünstigt wurde diese Entwicklung durch das Aufkommen der Baumärkte. Unschöne Straßenlaternen kamen hinzu. In Fachkreisen werden auch die Sparkassengebäude der Nachkriegsjahrzehnte kritisiert, da sie vielfach historische Ortsbilder schädigen, aber die Sparkassen verpflichtet sind, im öffentlichen Interesse zu handeln und dem Gemeinwohl zu dienen.

Seit Anfang der 1970er Jahre gab es ein Umdenken und alte Bausubstanz wurde erhalten oder wieder freigelegt und Straßenlaternen ausgetauscht. Im selben Jahrzehnt entstanden jedoch in Folge der Energiekrise bis heute erneute, erhebliche Eingriffe in die Ortsbilder durch nachträgliches Anbringen von Wärmedämmungen, die erst in neuester Zeit aus vielerlei Gründen in Kritik gerieten.[1] Viele Fassaden von Häusern wurden durch Schimmel- und Algenbildung unansehnlich und beeinträchtigen unübersehbar die heutigen Ortsbilder. In neuerer Zeit kamen Satellitenschüsseln und Mobilfunkmasten hinzu und insbesondere in den weniger dicht bebauten voralpinen Dörfern große Asphaltflächen.

Dazu kommen Bebauungspläne für Neubauviertel, die i. Ggs. zu früheren Jahrzehnten oftmals nahezu jede Hausform zulassen. Die starke Zunahme der Fertighäuser in neuerer Zeit tut ein Übriges. So besitzen heute auch die relativ wenigen Orte mit intakten innerörtlichen Ortsbild meist unschöne Randgebiete.

Grosse Teile der Schweiz gehören heute zu den baulich hässlichsten Gebieten Europas. Viele Ortsbilder sind arg verunstaltet und/oder gleichen einem architektonischen Chaos. Vielerorts muss sogar von unansehnlichen Bauwüsten oder einer städtebaulichen Katastrophe gesprochen werden. Für den geneigten Betrachter nicht mehr lebenswert und schon gar nicht mehr sehenswert![2]

Jedoch zeigen sich bei der Zerstörung bzw. dem Erhalt schöner oder historischer Ortsbilder sehr große regionale Unterschiede im Verständnis der Bevölkerung, wie im Baurecht. Zudem spielen die soziale Situation, Herkunft, Bildung und der Lebensstil der Hausbesitzer eine enorme und häufig alles entscheidende Rolle. Das Bildungsbürgertum hat eine hohe Affinität zum Erhalt der Ortsbilder.

Besondere Problematik im Alpenraum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zersiedelung und verstädterte Dörfer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verstädtertes Dorf: Sonthofen (Stadt seit 1963) Typische (vor)alpine Zersiedlung: Feldkirchen in Kärnten (Stadt seit 1930)
Verstädtertes Dorf: Sonthofen
(Stadt seit 1963)
Typische (vor)alpine Zersiedlung: Feldkirchen in Kärnten (Stadt seit 1930)

Besonders im Alpenraum, und im nördlichen Vorland, mit für mitteleuropäische Verhältnisse relativ geringer Dichte historischer Städte, trifft man heute oft auf verstädterte Dörfer, der unattraktivsten Siedlungsform. Aus Mangel an Städten wurden in Bayern auch Dörfer und Marktgemeinden zu Kreisstädten erhoben, wie Sonthofen oder der Kreishauptort Garmisch-Partenkirchen. Hoher Siedlungsdruck förderte die Zersiedlung noch mehr als andernorts. Die Planungen waren, wie fast überall anderswo auch, nicht integriert, ohne Grundidee und Gesamtkonzept, begleitet von einem Versagen von Politik und Raumordnung. All dies wirkte sich jedoch im Alpenraum aufgrund seiner speziellen Gegebenheiten noch unschöner aus, als vielerorts anders.

So ist heute der Alpenrand im Norden wie im Süden auf hunderte Kilometer und weit in die Haupttäler hinein zersiedelt. Als undefinierbare Mischung aus Dorf und Stadt, Wohnen und Gewerbe, Siedlung und Grünland, flankiert von Autobahnen und Hochspannungsleitungen. So wandelten sich die einstmals beschaulichen, historischen, alpinen Streusiedlungen zu den unschönsten Gebieten Europas (siehe auch oberes Zitat). Mit wenig funktionalen und unpraktischen Ortsbildern, ohne erkennbare Strukturen, durchzogen von einem Schilderwald, mit schwer auffindbaren Ortsmitten und sehr schwieriger Orientierung.

Im Schwarzwald dürfen an historischen Einödhöfen und Weilern nur unter strengsten Auflagen Neubauten errichtet werden. In den Alpen wird das vielfach weniger streng gehandhabt, so dass hier heute historische Dörfer, Weiler und Einöden oftmals gar nicht mehr voneinander abzugrenzen sind und in der versprenkelten Masse von einem Ortsbild nicht mehr gesprochen werden kann.

Schaden für den Tourismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Schon heute haben in vielen Teilen der Region [Bodensee] die Werbeaufnahmen der Tourismusverbände mit der Realität nicht mehr viel zu tun.“[3]

Unschöne Ortsbilder und Zersiedelung wirkten sich negativ auf den Tourismus aus. Der Urlaubs-Tourismus zog sich aus der Fläche zurück und konzentriert sich heute insbesondere auf seine alpinen Kerngebiete. Die Sommerfrischen im Voralpenland verschwanden weitgehend, Hotels in 1b-Lagen schlossen und Wirtshaussterben machte sich breit. Leerstehende Hotels, vorwiegend in der Schweiz und fast ganzjährig leerstehende Zweitwohnungen und Ferienwohnungen mit heruntergelassenen Rollos belasten viele inneralpine Ortsbilder zusätzlich (Kalte Betten). Betroffene Orte hinterlassen heute einen ausgestorbenen oder toten Eindruck und wurden als ständiger Wohnsitz wie auch als Feriendomizil unattraktiv. Dem versucht man in der Schweiz seit 2012 entgegenzuwirken, durch die Eidgenössische Volksinitiative «Schluss mit uferlosem Bau von Zweitwohnungen!».

Beispiele alpiner Siedlungsverdichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chur West mit den Twin Towers Chur, Lacunaquartier
Chur West mit den Twin Towers
Chur, Lacunaquartier

Die Besiedlung im Alpenraum konzentriert sich meist nicht auf Schwerpunkte, sondern verstreut sich über die Fläche. Es entstanden relativ wenige urbane Zentren mit signifikanten Ortsbildern oder einzelne ortsbildprägende Objekte. Ausnahmen sind beispielsweise in der Schweiz die Skylounge-Towers in Rorschach am Bodensee oder der Hauptort des Kantons Graubünden Chur. In Chur West entstand mit den Twin Towers ein stadtbildprägender Abschluss und Eingangstor und mit dem älteren Lacunaquartier eine weitere Landmarke im von Zersiedelung und Landschaftszerschneidung geprägten Alpenrheintal.

Ein Beispiel alpiner Siedlungsverdichtung auf kleinstem Raum ist Grenoble. Auf der Fläche in der Größe eines Dorfs von 18 km² befinden sich 160.000 Einwohner, große Forschungseinrichtungen und mehrere Hochschulen und Universitäten für insgesamt 80.000 Studenten. Ein großer Boulevard mit Pariser Dimensionen prägt das Stadtbild. Er führt unterer mehreren Namen als markante, gerade Linie über die Stadtgrenze hinaus in die Vororte, integriert diese ins städtische Ortsbild und schafft das Stadtbild einer Metropole mit Pariser Dichte und Strukturen.

Grenoble: Urbanes Stadtbild mit großem Boulevard (u. a. Cours Jean Jaurès)

Beispiele erhaltener Ortsbilder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Begünstigende Faktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Begünstigend für den Erhalt schöner Ortsbilder wirkte sich öfters eine topografische Lage aus, die keinen oder wenig Platz für Neues bietet. Wie das Extrembeispiel Venedig oder auch die Lindauer Insel oder Bergstädte, wie Siena und San Gimignano. Zudem bei Städten, wo es zwar ausreichend Platz für Gewerbegebiete oder größere Wohngebiete gibt, aber nicht neben der Altstadt oder der historisch gewachsenen Stadt, sondern an ganz anderer, nicht einsehbarer Stelle, wie beispielsweise in Burghausen oder Überlingen. Die Baugesetze, wie das allgemeine Verständnis, tendieren jedoch in gut gemeinter Absicht gegen die oftmals sinnvolle Abkoppelung neuer Gewerbe- und größerer Wohngebiete von den historischen Ortskernen und so entstand allerorten der ineinanderlaufende Siedlungsbrei. Auch ortsansässiger Landadel kann über das eigene, große Anwesen hinaus einen ganzen Ort positiv prägen. So beispielsweise Wolfegg in Oberschwaben, als beschauliche Insel in einer weithin gesichtslos gewordenen Region. Ferner begünstigen besondere Kulturlandschaften den Erhalt von Ortsbildern, mit Bewohnern und Entscheidungsträgern, die hierfür mehr Verständnis als anderswo besitzen. Wie in Deutschland beispielsweise in Weinfranken, mit Orten wie Volkach, Sommerach oder Iphofen, die zeigen, dass Erhalt und Pflege des Ortsbildes auch große wirtschaftliche Vorteile bringen kann. Diese Orte bekamen durch den Individualtourismus große Impulse und dadurch eine weitere wirtschaftliche Grundlage.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sommerach in Mainfranken Sent im Unterengadin
Sommerach in Mainfranken
Sent im Unterengadin

In der Schweiz finden sich die am besten erhaltenen Ortsbilder im Unterengadin, mit den Dörfern Guarda, Ardez und Sent.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Allgäu im Wandel: Fotografische Zeitreise durch die Landschaft mit vergleichenden Fotos aus früheren Jahrzehnten und heute, die die Zerstörung von Orts- und Landschaftsbildern dokumentieren. Verlag Eberl Medien, 2006, ISBN 978-3-920269-30-6

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. FAZ.NET: Stoppt den Dämmwahn, 13. Mai 2014. Abgerufen am 4. April 2018. „Diese bunte Truppe gönnt sich im Internet Aktionsseiten, die sich neutral und unabhängig geben [...] Architektenkammern warnen ihre Mitglieder bereits vor fahrlässigen Versprechen. Die theoretisch errechnete Energieersparnis stellt sich so definitiv nie ein [...] merkt dies ein Kunde nach Ende der Bauarbeiten, kann er den Architekten verklagen. Die ersten Prozesse laufen. Der Verband der Hausbesitzer rät inzwischen davon ab, Fassaden im Nachhinein zu dämmen: Lohnt sich praktisch nie.“
  2. archicultura.ch. Abgerufen am 4. April 2018.
  3. Zersiedelung der Bodenseelandschaft, St. Galler Tagblatt, 25. Juli 2006. Abgerufen am 6. April 2018.