Paradoxe Intervention

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Unter einer paradoxen Intervention versteht man in der Regel verschiedene psychotherapeutische Methoden, die in scheinbarem Widerspruch zu therapeutischen Zielen stehen, die aber tatsächlich dafür entworfen sind, diese Ziele zu erreichen.[1][2]

Abgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff der paradoxen Intervention ist erheblich weiter gefasst als der Begriff der paradoxen Intention nach Frankl. Letztere wird in vielen Klassifikationen von paradoxen Interventionen als eine bestimmte Technik aufgeführt. Nach Watzlawick ist sie mit der Methode der Symptomverschreibung identisch.[3] Nach DeBord unterscheidet sie sich von der Symptomverschreibung dadurch, dass bei ihr die Wirkweise für den Klienten transparent gemacht werden kann.[4]

Paradoxe Interventionstechniken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verschiedene Autoren zählen übereinstimmend folgende Techniken zu den paradoxen Interventionen:[2][5][4]

  • Symptomverschreibung
  • paradoxe Intention
  • Umdeutung

Symptomverschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Symptomverschreibung wird das als problematisch verstandene Verhalten gefördert. So kann z. B. die therapeutische Verschreibung in einer Paartherapie, in der sie ihm vorwirft, im Haushalt nichts zu tun, in folgender Anweisung an ihn bestehen: Bis zu unserer Sitzung unterlassen Sie jede Tätigkeit im Haushalt. Das eigentliche Problem (nämlich der Gedanke, dass er dauernd etwas tun müsse) löst sich dadurch auf.

Wenn der Klient es nicht schafft, der Symptomverschreibung nachzukommen und das Symptom willentlich auszuführen, dann erlebt er eine Abschwächung der Symptomatik. Schafft er es, das Symptom willentlich herbeizuführen, führt das zu einer erhöhten Selbstwirksamkeitserwartung.[6] Besonders wirksam kann diese Methode sein, wenn der Kampf gegen das Symptom zu seiner Aufrechterhaltung beigetragen hat.

Paradoxe Intention[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der paradoxen Intention ist der Patient aufgefordert, sich in paradoxer Weise genau das herbeizuwünschen, wovor er Angst hat. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, auf diesem Weg ein Durchbrechen der bestehenden sich selbst bestätigenden Teufelskreise der Angst zu erreichen. Die paradoxe Intention ist eine Methode der Logotherapie Viktor Frankls.[7]

Umdeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei einem Reframing bzw. einer Umdeutung wird nach Watzlawick die Ersetzung von begrifflichen oder gefühlsmäßigen Hintergrundannahmen, in dem eine Sachlage erlebt und beurteilt wird, angestrebt.[8] Schlippe und Schweitzer (2003) geben das folgende Beispiel: Klient: Meine Tochter magert immer mehr ab! Therapeut: War das vor oder nach Ihrer Trennung, dass sie sich entschieden hat, nichts mehr zu essen? Hier erfolgt eine Umdeutung durch den Therapeuten, indem die Anorexie der Tochter als Entscheidung gedeutet wird.[9]

Ein bestimmter Subtyp des Reframing ist die positive Konnotation. Bei dieser wird ein Symptom positiv umgedeutet.[5]

Weitere paradoxe Techniken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Techniken, die in der Literatur zu den paradoxen Interventionen gezählt werden. Dazu zählen unter anderem Rückfallvorhersage, Rückfallverschreibung, Ordeals, Familienrituale und das Abhalten von Veränderung. Eine konsistente Klassifikation dieser verschiedenen Methoden konnte sich bis heute noch nicht durchsetzen.

Paradoxe Sanktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die britischen Pädagogen Homer Lane und Alexander Sutherland Neill reagierten auf Verletzungen von Regeln durch Jugendliche mit Belohnung oder Bestärkung des problematischen Verhaltens.

Lanes „bestrafte“ Gesetzesbrecher mit Urlaub oder forderte einen Jungen, der das Geschirr zertrümmert hatte, auf, nun auch noch seine Uhr zu zerschlagen.

Neill unterstützte rebellische Jugendliche in ihrem anti-sozialen Verhalten, da er annahm, dass deren Regelbrüche häufig aus Trotz gegen die repressiven Erziehungsmethoden der Nachkriegsgesellschaft geschahen. So ging er mit einem Kind, das in einem Ladengeschäft gestohlen hatte, dorthin zurück, um gemeinsam mit ihm noch mehr zu stehlen (nachdem er den Ladenbesitzer zuvor informiert hatte). Solche überraschenden Interventionen brachten die perplexen Jugendlichen dazu, sich ihm gegenüber zu öffnen. Indem das Rollenbild der harten, überstrengen Erziehungspersonen, mit denen die Jugendlichen bis dahin zu tun gehabt hatten, unterlaufen wurde, konnte er mit ihnen auf einer anderen Ebene kommunizieren.

Wirksamkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Shoham-Salomon und Rosenthal konnten 1987 in einer Meta-Analyse nachweisen, dass paradoxe Interventionen (Symptomverschreibungen und Reframings) ebenso wirksam wie die traditionellen Interventionen waren. Bei schweren Fällen waren die paradoxen Interventionen sogar wirksamer.[10]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Viktor Frankl: Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse, Deuticke Zsolnay, 11., überarb. Neuaufl., Wien 2005(1946), ISBN 3-552-06001-4.
  • Mara Selvini Palazzoli, Luigi Boscolo, Gianfranco Cecchin, Guiliana Prata: Paradoxon und Gegenparadoxon. Ein neues Therapiemodell für die Familie mit schizophrener Störung. 2. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 1978, ISBN 978-3-608-95375-6.
  • L. F. Seltzer: Paradoxical strategies in psychotherapy: A comprehensive overview and guidebook. John Wiley & Sons, 1986.
  • V. Shoham, M. J. Rohrbaugh: Paradoxical Intervention. In: W. E. Craighead, C.B. Nemeroff (Hrsg.): The Corsini Encyclopedia of Psychology and Behavioral Science. 3rd edition. Vol. III. Wiley & Sons, New York 2001, S. 1129–1132.
  • Paul Watzlawick, Janet H. Beawin, Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. 6. Auflage. Huber Verlag, Bern – Stuttgart – Wien 1982, ISBN 978-3-456-83457-3.
  • Paul Watzlawick, John H. Weakland, Richard Fisch: Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels. 8. Auflage. Huber, Bern 2013, ISBN 978-3-456-85229-4.
  • G. R. Weeks, L. L'Abate, K. Brandt: Paradoxe Psychotherapie: Theorie und Praxis in der Einzel-, Paar- und Familientherapie. Enke, Stuttgart 1985.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. M. Rohrbaugh, H. Tennen, S. Press, L. White: Compliance, defiance, and therapeutic paradox: Guidelines for strategic use of paradoxical interventions. In: American Journal of Orthopsychiatry, Vol 51(3), 1981, S. 454–467.
  2. a b V. Shoham, M. J. Rohrbaugh: Paradoxical Intervention. In: W. E. Craighead, C.B. Nemeroff (Hrsg.): The Corsini Encyclopedia of Psychology and Behavioral Science. 3rd edition. Vol. III. Wiley & Sons, New York 2001, S. 1129–1132.
  3. Paul Watzlawick, Janet H. Beawin, Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Huber, Bern, Stuttgart, Wien 1969.
  4. a b J. B. DeBord: Paradoxical interventions: A review of the recent literature. In: Journal of Counseling & Development, 67(7), 1989, S. 394–398.
  5. a b L. F. Seltzer: Paradoxical strategies in psychotherapy: A comprehensive overview and guidebook. John Wiley & Sons, 1986.
  6. V. Shoham-Salomon, R. Avner, R. Neeman: You're changed if you do and changed if you don't: Mechanisms underlying paradoxical interventions. In: Journal of Consulting and Clinical Psychology, 57(5), 1989, S. 590.
  7. Vgl. Frankl 2005(1946): S. 243–263.
  8. Paul Watzlawick, John H. Weakland, Richard Fisch: Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels. 8. Auflage. Huber, Bern 2013, ISBN 978-3-456-85229-4, S. 118 f.
  9. A. von Schlippe, J. Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003, ISBN 3-525-45659-X.
  10. V. Shoham-Salomon, R. Rosenthal: Paradoxical interventions: a meta-analysis. In: Journal of Consulting and Clinical Psychology, 55(1), 1987, S. 22.