Perito industriale

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Diplom eines Perito industriale Capotecnico, Fachrichtung meccanica

Perito industriale (auch Perito Industriale, abgekürzt Per. Ind. oder per. ind.) ist nach der italienischen Gesetzgebung eine geschützte Berufsbezeichnung und ein vor dem Namen führbarer Titel[1] für Fachleute mit Kompetenzen und Spezialwissen im technisch-gewerblichen Bereich und dem damit verbundenen Dienstleistungssektor mit einer entsprechenden Ausbildung und Diplom.[2][3] In Südtirol wird dafür in deutscher Übersetzung amtlich auch die Bezeichnung diplomierter Gewerbetechniker verwendet.[4][5]

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ausbildung zum Perito industriale erfolgte bis 2010 in der früheren Schulform des Istituto Tecnico Industriale (ITI); in Südtirol war die Bezeichnung hierfür Gewerbeoberschule. Für vergleichbare Berufsbilder gab es noch das Istituto Tecnico per Geometri (ITG) für Landvermessung, das Istituto Tecnico Agrario (ITA) für Agrartechnik, das Istituto Tecnico Aeronautico (ITAER) für Luftfahrt, das Istituto Tecnico Nautico (ITN) für Seefahrt u.a. Folgte bei den Abkürzungen noch der Buchstabe S (für statale „staatlich“), handelte es sich um eine staatliche Einrichtung. Mit der im Jahr 2011 umgesetzten Reform des italienischen Schulsystems wurden diese Ausbildungsinstitutionen in der Technologischen Fachoberschule, italienisch Istituto Tecnico Tecnologico, zusammengefasst. Der Ausbildungszyklus zählt zum weiterführenden Bereich der Sekundarstufe II (Istruzione secondaria superiore).

Als Spezifikum der Ausbildung zum Perito industriale wird der Erwerb der Befähigung angesehen, in den verschiedenen ausgewiesenen Fachrichtungen eigenverantwortlich zu arbeiten, dies vor allem durch ein breit angelegtes Feld von erworbenen Kompetenzen, die sich ständig neuen Gegebenheiten anpassen können. Mit der Prüfung zum berufsqualifizierenden Diplom des Perito industriale ist die Staatliche Abschlussprüfung (Esame di stato) als italienische Variante der allgemeinen Hochschulzugangsberechtigung (in Österreich und der Schweiz Matura, in Deutschland Abitur) verbunden. Der Bildungsgang entspricht somit ungefähr dem an einer Höheren Fachschule im deutschen bzw. einer Höheren Technischen Lehranstalt im österreichischen Bildungssystem. Die Gesamtschulzeit ist wegen der erworbenen Doppelqualifikation ein Jahr länger als bei der klassischen schulischen Berufsausbildung in Italien an einem Istituto Tecnico Professionale (Berufsschule). Im Europäischen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (EQR) ist der Abschluss der Niveaustufe 5 zugeordnet.

Seit 2001 wird die Ausbildung zu diesem Beruf auch und seit 2016 nur noch auf universitärer Ebene angeboten. Das Studium führt zum Perito industriale laureato (entspricht dem Bachelor of Engineering; EQR-Niveaustufe 6)[6] und wird künftig als Voraussetzung für eine freiberufliche Tätigkeit gelten (s. unten).

Geschichte und Fachrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Berufsbild des Perito industriale erscheint zuerst im Gesetz zur Neuordnung der beruflichen Bildung von 1912.[7] Es konkretisiert sich im Gesetz zum Schutz des Titels und der Berufsausübung der Ingenieure und Architekten von 1923,[8] das auch die Berufsbilder der Geometer und Periti industriali enger fasst.

Mit dem Gesetz zur Neuordnung der mittleren technischen Ausbildung von 1931[9] wurden die schulischen Lehrinhalte präzisiert. Die insgesamt fünfjährige Ausbildung zum Perito industriale umfasst zwei Stufen: das Biennium in den ersten beiden Jahren (Schulstufen IX und X seit der Einschulung) und das Triennium (Schulstufen XI-XIII). Während im Biennium allgemeinbildende Fächer und die Grundlagen im naturwissenschaftlichen und technischen Bereich vermittelt werden und einführende Schulungen in Werkstätten stattfinden, erfolgt im Triennium eine fachliche Spezialisierung und Vertiefung in Theorie und Praxis; nahezu die Hälfte der Unterrichtszeit hat unmittelbaren Praxisbezug und wird in Werkstätten und Labors abgehalten.[10]

Klassische Fachgebiete der Ausbildung sind meccanica (Maschinenbau), edilizia (Bauwesen), elettrotecnica (Elektrotechnik), elettronica e telecomunicazioni (Elektronik und Telekommunikation), informatica (Informatik), ottica (Optik), tessile (Textil) usw.; bei den Spezialisierungen erfolgten fortlaufend Anpassungen an neuere Erfordernisse infolge des technischen Fortschritts. Im Diplom werden sie an den Titel als „specializzazione“ angefügt. Im Alltag erscheinen die Berufsbezeichnungen häufig verkürzt, z. B. als Perito meccanico statt Perito industriale (Capotecnico), specializzazione meccanica für den in Maschinenbau diplomierten Gewerbetechniker.

Berufliche Tätigkeitsfelder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben der Aufnahme eines Universitätsstudiums, dem Eintritt in das Berufsleben in der gewerblichen Wirtschaft als Angestellter mit besonderen Verantwortlichkeiten – im engeren technischen Bereich wurde das Diplom zum Perito industriale auch mit der zusätzlichen Bezeichnung Capotecnico (= technischer Leiter, „Werkmeister“)[11] verliehen – oder als Istruttore tecnico (= technischer Lehrer, Ausbilder) in Lehrwerkstätten von Betrieben und Schulen steht den diplomierten Periti industriali der Weg in die freiberufliche Tätigkeit als Gutachter und Sachverständige offen. Dazu müssen sie sich allerdings nach dem Erwerb praktischer Erfahrungen einer weiteren staatlichen Prüfung zur Abilitazione all'Esercizio della Libera Professione[12] unterziehen, nach deren Bestehen sie sich erst in das Albo professionale, einem für alle freien Berufe vorgeschriebenen Verzeichnis ähnlich der Handwerksrolle, bei einem der auf Provinzebene bestehenden Collegi dei Periti industriali[13][14] eintragen lassen können.[15] Nach einer Übergangsregelung werden ab 2021 nur noch Periti industriali laureati (s. oben) in dieses Verzeichnis aufgenommen.[16]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Schreiben des Nationalen Rats der Periti Industriali beim Italienischen Minister der Justiz zum korrekten Titelgebrauch vom 23. Juni 2000, prot. n. 642 (PDF-Datei, italienisch; abgerufen am 30. März 2017)
  2. Etymologie: lat. peritus, ital. perito „Sachverständiger, der über praktisches Wissen zu verschiedenen Fachgebieten verfügt“, „Experte“; ital. industriale (von lat. industria „eifrige Tätigkeit, Fleiß, Unternehmungsgeist“) bezieht sich im Gegensatz zum Deutschen auf alle Felder der praktischen Gewerbe auch jenseits der „Industrie“ im engeren Sinne und umfasst auch das Handwerk.
  3. Beschreibung des Berufsstandes (italienisch; abgerufen am 9. August 2017)
  4. Amtsblatt der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol Nr. 38/I-II vom 18. September 2012, S. 138. – International wird der Beruf meist mit engl. industrial engineer übersetzt.
  5. Urteil des Verwaltungsgerichts Bozen Nr. 482 vom 29. September 1997 zur Angemessenheit der Bezeichnung diplomierter Gewerbetechniker.
  6. Der in Italien gebräuchliche Titel der Absolventen ist dott. per. ind.
  7. Legge n. 854 vom 14. Juli 1912, Artikel 3
  8. Legge n. 1395 von 24. Juni 1923, Artikel 7, 2. Absatz
  9. Legge n. 889 vom 15. Juni 1931; Gazetta ufficiale vom 17. Juli 1931, Art. 9; At. 12
  10. Seit 2005 können zusätzlich zum schulischen Unterricht im Programm alternanza scuola lavoro („Wechsel Schule-Arbeit“) gemeinsame Projekte mit Unternehmen und Praktika angeboten werden.
  11. Kompositum aus ital. capo „Anführer, Leiter“ und ital. tecnico „technisch“ bzw. „Techniker“
  12. Deutsch wörtl.: „Befähigung zur Ausübung des freien Berufs“
  13. Albo unico dei Periti industriali; Zugangsseite zu den Kollegien in den Provinzen (italienisch; abgerufen am 3. April 2017)
  14. Internet-Seite des Kollegium der Periti Industriali der Provinz Bozen-Südtirol (deutsch; abgerufen am 3. April 2017)
  15. Legge n. 17 vom 2. Februar 1990, Gazzetta Ufficiale n. 35 vom 12. Februar 1990
  16. Decreto-Legge n. 42 vom 29. März 2016; Gazzetta Ufficiale n. 72 vom 29. März 2016; Pressemitteilung (italienisch; abgerufen am 5. April 2017)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]