Phoniatrie

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Die Phoniatrie (griechisch: „Stimmheilkunde“) ist eine medizinische Disziplin, die sich mit Störungen der Stimme, des Sprechens, der Sprache und des Schluckakts diagnostisch, therapeutisch und wissenschaftlich beschäftigt. Als akademisches Lehrfach wurde die Disziplin 1905 in Berlin von dem Internisten Hermann Gutzmann sen. (1865–1922) begründet.

Die Phoniatrie ist zusammen mit der Pädaudiologie ein medizinisches Fachgebiet, das sich auf die Pathophysiologie der Kommunikation gründet und für Erkrankungen und Störungen der Sprache, der Stimme, des Schluckens sowie für kindliche Hörstörungen zuständig ist. Das Fach basiert auf den anatomisch-physiologischen, diagnostischen und therapeutischen Grundlagen verschiedener Fachgebiete, unter anderem der HNO-Heilkunde (Otorhinolaryngologie), hat enge Beziehungen zu anderen medizinischen Fachgebieten, z. B. Neurologie, Psychiatrie, Pädiatrie, Geriatrie, Zahnmedizin, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Rehabilitationsmedizin sowie nicht-medizinischen Fachgebieten z. B. Hörgeräteakustik, Sonderpädagogik, Psychologie und Akustik.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Internist Adolf Kußmaul verfasste 1877 die erste umfangreichere Publikation über Sprachstörungen.[1] 1905, das Jahr der Habilitation von Hermann Gutzmann sen. zum Thema Die Sprachstörungen als Gegenstand des klinischen Unterrichts, gilt als Gründungsjahr des Fachgebietes, dessen Bezeichnung „Phoniatrie“ 1920 von Miloslav Seemann und Hugo Stern eingeführt wurde.[2] Vor allem Gutzmann sen. und sein Wiener Schüler Emil Fröschels haben wesentliche Impulse zur Etablierung des Fachgebietes in der Medizin gegeben. Schüler der beiden waren bald europaweit tätig. Die Interdisziplinarität der beiden Phoniater bewirkte auch die Gründung von assoziierten Fächern wie die der Logopädie und der Sprachheilpädagogik. Einige der Schüler emigrierten in Zeiten des Nationalsozialismus in die USA und setzten dort ihre klinische und Lehrtätigkeit fort, wo sich das Fach nicht so wie in Europa etablieren konnte. Die akademische Ausbildung der in den USA dominierenden „Speech and Language Pathologists“ ist keine medizinische, sondern ist an den philosophischen Fakultäten untergebracht. Mittlerweile sind Phoniater weltweit, mit dem Schwerpunkt in Europa tätig.[3]

In Deutschland wurde die Phoniatrie zusammen mit der Pädaudiologie 1978 ein Teilgebiet der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde[4] und 1993 entstand das selbständige Fach Phoniatrie und Pädaudiologie.[5]

Zurzeit wird im Rahmen der EU-Harmonisierung der ärztlichen Weiterbildung eine europaweite Angleichung der Weiterbildung im Fach Phoniatrie-Pädaudiologie innerhalb der Fachgesellschaften entworfen.[6]

Die Situation in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Facharzt für Sprach-, Stimm-, und kindliche Hörstörungen (Deutschland)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um nach einem absolvierten Medizinstudium in Deutschland als Facharzt für Sprach-, Stimm-, und kindliche Hörstörungen (1993[7] bis 2003 „Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie“) tätig zu werden, bedarf es einer fünfjährigen Weiterbildungszeit, die sich in zwei Abschnitte gliedert [8]:

  • 2 Jahre Basisweiterbildung im gemeinsamen Gebiet Hals-Nasen-Ohrenheilkunde.
  • 3 Jahre spezifische Facharztweiterbildung Sprach-, Stimm- und kindliche Hörstörungen

Behandlungsrichtlinien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Folgende Leitlinien im Bereich Phoniatrie sind unter Federführung der DGPP bisher erstellt worden:

Die bisherigen Leitlinien

wurden zu einer gemeinsamen Leitlinie S3-Leitlinie Redeflussstörungen der DGPP. In: AWMF online (Stand : 31.08.2016)
zusammengefasst.

In Arbeit ist:

Eine Mitarbeit erfolgte bei folgenden Leitlinien:

sowie Mitarbeit bei folgender, angemeldeter Leitlinie:

Standesorganisationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie handelt es sich bei um den Zusammenschluss vorwiegend wissenschaftlich tätiger Fachärzte für Phoniatrie-Pädaudiologie incl. vielfach Ordinarien deutscher Hochschulen. Mitglied kann jeder Arzt für Phoniatrie-Pädaudiologie werden, der Bürgen aus dem Kreise der Mitglieder benennen kann. Für Ärzte in der Weiterbildung gibt es die Juniormitgliedschaft, die nach bestandener Facharztprüfung auf Antrag in eine Vollmitgliedschaft umgewandelt werden kann. Als vorwiegende Aufgabe der Gesellschaft darf die Erhaltung eines hohen wissenschaftlichen Standards des Fach angesehen werden.

Dem Vorstand gehört auch ein Mitglied des Deutschen Berufsverbandes der Fachärzte für Phoniatrie und Pädaudiologie e.V. an. Dabei handelt es sich um den Zusammenschluss vorwiegend praktisch tätiger Ärzte. Mitglied kann jeder Facharzt werden. Aufgabe des Berufsverbandes ist unter anderem die Vertretung der Interessen des Berufsstandes, sowie die Darstellung des Faches bei Behörden, ärztlichen und sonstigen Organisationen, insbesondere den Ärztekammern und kassenärztlichen Vereinigungen.

Statistiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ärztestatistik der Bundesärztekammer zum 31. Dezember 2015 listet insgesamt 337 Fachärzte auf, davon waren 111 in niedergelassener und 94 als ohne ärztliche Tätigkeit registriert. [9] Im September 2015 waren in der DGPP 316 Mitglieder gezählt.

Die Situation in Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein eigenständiges Sonderfach Phoniatrie gibt es in Österreich nicht, es zählt als Additivfach (zukünftige Bezeichnung "Spezialisierung") des Sonderfaches Hals-Nasen-Ohrenheilkunde.

Die Facharztausbildung HNO umfasst nach der ÄAO 2015 72 Monate mit Abschlussprüfung.[10] Anschließend erfolgt die Ausbildung in der Spezialisierung Phoniatrie-Pädaudiologie über weitere 2 Jahre mit eigenständiger Prüfung zum Abschluss der Weiterbildung.

Standesorganisationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sektion Phoniatrie ist eine Teilorganisation der Österreichischen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie. Sie verfolgt standespolitische Ziele, vertritt die Interessen der Phoniatrie gegenüber anderen ärztlichen Organisationen und Behörden, setzt sich für die weitere Entwicklung der Phoniatrie und Pädaudiologie einschließlich der Fortbildung von Ärzten auf diesem Gebiet ein und stellt sich gegebenenfalls bei Fachfragen beratend zur Verfügung. Darüber hinaus vertritt sie das spezialisierte Fachgebiet der Phoniatrie wissenschaftlich innerhalb der Österreichischen HNO-Gesellschaft. Die Mitglieder der Sektion Phoniatrie müssen Fachärzte(-innen) für Hals-Nasen-Ohrenkrankheiten mit dem Zusatzfach Stimm- und Sprachkrankheiten (Phoniatrie) und zugleich Mitglieder der Österreichischen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie sein.[11]

Im September 2016 umfasste die Sektion Phoniatrie 45 Mitglieder.

Organisationen auf internationaler Ebene[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf europäischer Ebene gibt es die Union of European Phoniatrics, (UEP)[12] international die Intl. Association of Logopedics and Phoniatrics (IALP).[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jürgen Wendler, Wolfgang Seidner, Ulrich Eysholdt: Lehrbuch der Phoniatrie und Pädaudiologie. 4. Auflage. Thieme-Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-13-102294-9.
  • Richard Luchsinger, Gottfried E. Arnold: Handbuch der Stimm- und Sprachheilkunde, Bd.1 und 2. 3. Auflage. Springer, Wien-New York 1970, ISBN 3-211-80983-X.
  • Markus Vieten: Berufsplaner Arzt oder was man mit einem Medizinstudium alles anfangen kann. 5. Auflage. Thieme, Stuttgart-New York 2005, ISBN 3-13-116105-1.
  • Christian v. Deuster: Phoniatrie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin und New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1155 f.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Adolf Kußmaul: Die Störungen der Sprache. Leipzig 1877.
  2. Christian v. Deuster: Phoniatrie. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 1155 f.
  3. History in different nations
  4. P. Biesalski: Phoniatrie-Pädaudiologie. Ein neues Fach der klinischen Medizin. In: Sprache-Stimme-Gehör. Band 3, 1979, S. 43–45.
  5. Christian v. Deuster: Phoniatrie. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 1155 f.
  6. Weiterbildungsplan der UEMS und UEP
  7. Konrad Schwager: Christian von Deuster - Werdegang eines Phoniaters. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 23, 2004, S. 585–588; hier: S. 585.
  8. [1] Muster-Weiterbildungsordnung der BÄK Stand: 06/2010
  9. [2] Übersichtsseite der BÄK zur ärztlichen Versorgung
  10. [3]
  11. [4]
  12. [5] Homepage der UEP
  13. [6] Homepage der IALP