Polarität (Internationale Beziehungen)

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Mit dem Begriff Polarität wird in der politikwissenschaftlichen Teildisziplin Internationale Beziehungen die Verteilung von Macht auf Staaten im internationalen System beschrieben. Polarität tritt in drei Varianten auf. Gibt es einen Staat, dessen Machtausstattung alle anderen überragt, ist die Rede von Unipolarität. Gibt es weltweit zwei ähnlich starke Staaten, wird das Bipolarität genannt. Beim Vorhandensein von mehr als zwei Staaten mit ähnlichen Machtpotentialen, spricht man von Multipolarität. Die Begriffsverwendung ist speziell für die neorealistische Denkschule der Internationalen Beziehungen, in der die Machtverteilung das Kriterium der Strukturbildung ist.[1]

Historische Entwicklung und Stabilitätserwartungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem Westfälischen Frieden 1648 bis 1945 dominierte Multipolarität das internationale System. Ständige Versuche des Machtausgleichs zwischen den Staaten führten oftmals zu Kriegen. Es gab aber auch friedliche Perioden des Mächtegleichgewichts, die auf vereinbarten Regeln und Prinzipien beruhten, wie denen des Wiener Kongress’ 1814/15. Die Multipolarität wurde 1945 durch die Bipolarität des Ost-West-Konfliktes abgelöst. Die war von atomarer Abschreckung und den Militärbündnissen NATO und Warschauer Pakt geprägt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und des Warschauer Pakts entstand eine Phase der Unipolarität mit den Vereinigten Staaten als einziger Supermacht.[2]

Aus Sicht von Kenneth Waltz, dem Begründer der neorealistische Denkschule, neigen bipolare Systeme mit zwei besonders mächtigen Staaten am wenigsten zu Kriegen und erweisen sich langfristig als besonders stabil. Bipolare Machtverhältnisse seien besonders übersichtlich. Die Wahrscheinlichkeit von Fehleinschätzungen der Macht anderer Staaten, die eine eigene Reaktion (wie etwa Aufrüstung) erforderten, sei gering. Eine kriegshemmende Machtbalance sei relativ leicht herzustellen, wie der Kalte Krieg empirisch beweise. Die Situation in einem multipolaren System sei dagegen deutlich problematischer, da sich jeder Staat durch eine Vielzahl anderer Staaten bedroht fühlen müsse, deren Machtausstattung und Intention nur ungenau einzuschätzen sei. In einem unipolaren System stelle der Hegemon für alle anderen Staaten ein eindeutige Bedrohung dar, was zu Bemühungen zur Bildung von Gegenmacht-Bündnissen führe, womit die Wahrscheinlichkeit kriegerischer Auseinandersetzungen steige.[3] Letzteres wurde 1999 von William C. Wohlforth, der ebenfalls der neorealistischen Schule zugerechnet wird, in einem Zeitschriftenaufsatz[4] bezweifelt. Er hielt die Unipolarität der Vereinigten Staaten nach Ende des Kalten Krieges nicht für ein relativ kurzfristiges Momentum bis zum Entstehen weltpolitischer Konkurrenz. Die Gründe dafür sah er in den übergroßen Machtpotentialen der USA, die andere Staaten und auch Staaten-Koalitionen entmutigen würden, Gegenmachtbildung zu betreiben.[5]

Die meisten Vertreter des Neorealismus, darunter auch John J. Mearsheimer, erwarten für die Zukunft eine neue Phase der Multipolarität mit wenigen, etwa gleich starken, globalen Akteuren. Für Mearsheimer würde China in einer solchen Welt der bedeutendste Herausforderer der USA. Die Rückkehr zur Multipolarität würde die Kriegsgefahr erhöhen.[6]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Xuewu Gu: Theorien der Internationalen Beziehungen. Einführung. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage, De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2018, ISBN 978-3-486-71595-8, S. 84 ff.
  2. Heinz Gärtner: Die USA und die neue Welt. LIT, Berlin/Münster 2014, ISBN 978-3-643-50640-5, S. 17 ff.
  3. Niklas Schörnig, Neorealismus. In: Siegfried Schieder und Manuela Spindler: Theorien der internationalen Beziehungen. 3. Auflage, Budrich, Opladen 2010, ISBN 978-3-8252-2315-1, S. 65–96, hier S. 76 f.
  4. William C. Wohlforth: The Stability of a Unipolar World. In: Quarterly Journal. International Security, 24. Jahrgang, Nr. 1 (Sommer 1999), S. 5–41 (Online).
  5. Carlo Masala, This Is the End of the World as We Know It. Betrachtungen zur gegenwärtigen Unordnung in der internationalen Politik. In: Andrea Gawrich und Wilhelm Knelangen, Globale Sicherheit und die Zukunft politischer Ordnungen. Barbara Budrich, Opladen/Berlin 2017, ISBN 978-3-8474-2071-2, S. 29–44, hier S. 34.
  6. Heinz Gärtner: Die USA und die neue Welt. LIT, Berlin/Münster 2014, ISBN 978-3-643-50640-5, S. 19.