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Räuchermann

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Räuchermann als klassisches Motiv des Bergmanns mit Pfeife

Der Räuchermann, auch Räuchermännchen, erzgebirgisch Raachermannel, sächsisch Räuschormännl, vogtländisch Raechrmännle, dient zum Abbrennen von Räucherkerzen. Er ist ein wesentlicher Bestandteil der Erzgebirgischen Volkskunst und des Weihnachtsbrauchtums im Erzgebirge.

Bereits seit etwa 1750 ist die Herstellung von Räucherkerzen im erzgebirgischen Crottendorf überliefert. Die verschiedene Gerüche verbreitenden Kerzen wurden anfangs auf einen Untersatz gestellt und abgebrannt.

Im thüringischen Sonneberg, das sich seit dem 16. Jahrhundert zu einem führenden Standort der Spielzeugmacher entwickelte, etablierte sich im beginnenden 19. Jahrhundert die Puppenherstellung auf der Basis von Pappmaché. Für die Zeit um 1820 und 1830 sind hier aus Pappmasse gefertigte Räucherfiguren überliefert.[1]

Die Spielzeugmacher Ferdinand Frohs und Gotthelf Friedrich Haustein begannen um 1850 in Heidelberg bei Seiffen mit der Herstellung von aus Holz gefertigten Räuchermännern. Frühe Figuren orientierten sich dabei weitgehend am Rauchen mit Tabakpfeifen, die Pfeife war wichtiger Bestandteil der Räuchermänner. Sie besteht in der Regel aus einem Holzdraht und einem gedrehten Pfeifenkopf.

Räuchermänner umfassten ursprünglich klassisch volkskundlich-erzgebirgische Figuren wie Bergmänner, Spielzeugmacher, Jäger, Waldarbeiter, Hausierer oder Besenbinder. Früh verbreitet war auch das Motiv des rauchenden Türken, zu dem eine Verbindung über die Weihnachtsgeschichte bestand.

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts weiten sich die Motive der Räuchermänner deutlich aus. Dargestellt werden auch Berufe weit abseits der klassischen erzgebirgischen Volkskunde bis hin zu Ulk- und Witzfiguren (siehe Varianten).

Räuchermännchen werden zur Advents- und Weihnachtszeit, zusammen mit Schwibbogen, Bergmann, Engel und Pyramide aufgestellt.

Das 1937 von Erich Lang geschaffene Lied ’s Raachermannel besingt die Figur.

Ein Räuchermann ist heute üblicherweise eine zweigeteilte Holzfigur. Bei den üblichen stehenden Figuren erfolgt die Teilung zwischen Beinen und Oberkörper. Der untere Teil besteht aus einem Sockel, den Beinen und einer runden dünnen Holzscheibe als Abschluss der Beine. Auf dieser Holzscheibe befindet sich eine kleine Blechronde, auf welche die angezündete Räucherkerze gestellt wird. Teilweise wird die Scheibe auch komplett aus Blech gefertigt, welches für die Räucherkerze eine Vertiefung aufweist. Der obere Teil (Oberkörper) ist ausgehöhlt und wird auf den unteren Teil gesteckt. Die Räucherkerze brennt im Inneren des meist gedrechselten Räuchermannes ab, der Rauch steigt dabei nach oben und tritt aus dem Mundloch aus. Auf der unteren Rückseite des Oberteils oder auf der Holzscheibe mit der Blechronde befindet sich mindestens eine gebohrte Öffnung oder eine Einkerbung. Durch sie gelangt Frischluft in die Figur, der einströmende Sauerstoff ermöglicht das Abbrennen der Räucherkerze und drückt ihren Rauch nach oben durch das Mundloch hinaus.

Räuchermänner werden aus heimischen Laubhölzern wie Birke, Buche, Linde, Erle und Ahorn gedrechselt, zudem kommt Nadelholz wie Fichte zum Einsatz. Zuerst wird ein Prototyp gefertigt. Die Vorbereitung erfolgt, indem „Lehren“ produziert werden, anhand derer verglichen werden kann, ob das jeweilige Werkstück in seinen Maßen dem Prototyp entspricht. Die einzelnen Teile des Räuchermannes können nun gedreht, gefräst und zugesägt werden. Die Kleinteile werden mittels Drechselautomaten hergestellt. Danach erfolgt die Trommellackierung. Abschließend werden die Einzelteile miteinander verleimt und Details wie Gesicht und Verzierungen von Hand bemalt.

Mittlerweile werden zahlreiche Räuchermännchen, die schon für „kleines Geld“ erstanden werden können, nicht mehr im Erzgebirge, sondern in Billiglohnländern hergestellt. Der Verband der Erzgebirgischen Kunsthandwerker und Spielzeughersteller e. V. hat aus diesem Grund im Jahr 2006 zusammen mit der DREGENO Seiffen e.G., der Gemeinde Seiffen und dem Tourismusverein Seiffen e. V. die Kampagne „Original statt Plagiat“ ins Leben gerufen.[2]

Räuchermännchen gibt es in den unterschiedlichsten Ausführungen, die meist Berufe der Region zum Thema haben. So finden sich neben Förstern, Hausierern und anderen Berufsgruppen traditionell vor allem Rastelbinder, Bergleute, Soldaten und Kloßfrauen. Neben stehenden Figuren gibt es Kantenhocker, die auf Tisch- oder Möbelkanten gesetzt werden, oder kleine Szenarien mit mehreren Räuchermännchen auf einer Grundplatte, wie die Drei Skatspieler. Moderne Fertigungsmethoden ermöglichen darüber hinaus Räuchermännchen, bei denen der Rauch beispielsweise über eine Kaffeekanne oder einen Topf mit Klößen austritt.

Entsprechend der Bezeichnung als Räucher„mann“ erfolgten anfangs rein männliche Darstellungen. Erst um 1930/40 entstand mit dem Motiv der Kloßfrau auch eine weibliche Darstellung. Der Rauch stieg dabei aus einer vor dem Bauch gehaltenen Schüssel mit Klößen auf. Ende des 20. Jahrhunderts kamen weitere Darstellungen hinzu, die klassische erzgebirgische Motive wie die Holzsammlerin („Holzweibel“) umfassten, mittlerweile wie bei den männlichen Pendants aber auch auf zahlreiche andere Darstellungen und Berufe außerhalb der klassischen erzgebirgischen Volkskunde abstellen.

Verschiedene Hersteller bieten als Alternative zu den traditionellen Räuchermännchen sogenannte Räucherhäuschen an, die ebenfalls schon im 19. Jahrhundert bekannt waren.[3] Als Material finden hierfür Holz oder Blech Verwendung. Meistens kann zur Einbringung der Räucherkerze das Dach abgehoben werden. Gestalterisch zeigen sich vorwiegend winterliche, weihnachtliche, aber auch märchenorientierte Motive. Teilweise erfolgt eine kombinierte Darstellung von Räucherhäuschen und Pyramiden. Eine Besonderheit stellen jene Räucherhäuschen dar, bei denen die brennenden Räucherkerzen „kopfüber“ eingebracht werden. Die Kegel brennen bei dieser Methode vollständig ab und hinterlassen nicht den üblichen schwärzlichen Schmierfilm auf der Brennunterlage.

Als Pendant zum erzgebirgischen Räuchermann gewinnt im benachbarten oberen Vogtland das Moosmännel an Boden. Es verkörpert einen kleinwüchsigen Waldgeist, der armen Familien mit Naturalien aus dem Wald hilft, Laub in Gold verwandeln kann und nach der Sage besonders zur Weihnachtszeit auftritt. Als Figur wird er mit Werkstoffen aus dem Wald (Holz, Wurzeln, Flechten, Gräsern) hergestellt und als Lichterträger zur Volkskunst weiterentwickelt. Verbreitet sind im Ostvogtland auch Moosmänner als Räuchermänner.

Sonstige Motive

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In den letzten Jahren wurde das Prinzip des Räuchermannes auch auf andere Gegenstände übertragen. In der erzgebirgischen Volkskunst finden sich als „Räuchermotive“ mittlerweile auch Kachelöfen (oft in Verbindung mit einer Küchendarstellung), Dampflokomotiven, Motorräder, Pilze, Herzen, Kaffeekannen und Bäume (mit menschlichem Antlitz).[4]

Das Räuchermännchenmuseum Cranzahl zeigt die Entwicklung, Herstellungsgeschichte und eine Auswahl verschiedene Räuchermännchenmodelle. Das kleinste und größte Räuchermännchen der Welt im Miniaturenpark Kleinwelka in Bautzen haben einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde.

  • Manfred Bachmann: Holzspielzeug aus dem Erzgebirge, VEB Verlag der Kunst, Dresden 1984
  • Hellmut Bilz, Manfred Kaden, Christoph Georgi: Erzgebirgische Räuchermänner. Folklorezentrum Erzgebirge, Vogtland beim Bezirkskabinett für Kulturarbeit Karl-Marx-Stadt, Schneeberg 1987, DNB 880977450.
  • Hans-Jürgen Irmscher, Helga Köhler: Räuchermänner im Sächsischen Erzgebirge. Hrsg.: Chemnitzer Berufsfachschule für Tourismus (= Erzgebirgische Volkskunst. Band 11). Husum Verlag, Husum 2000, ISBN 3-88042-963-4.
  • Karl-Heinz Melzer: Wenn’s Raachermannel naabelt. Erzgebirgische Räuchermännel und Räucherkerzen [das erzgebirgische Räuchermännchen und seine Geschichte]. Altis, Friedrichsthal 2014, ISBN 978-3-910195-68-4.
Commons: Räuchermännchen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Räuchermann – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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  1. Manfred Bachmann: Holzspielzeug aus dem Erzgebirge, VEB Verlag der Kunst, Dresden 1984, S. 228
  2. Informationen über die Kampagne „Original statt Plagiat“. Abgerufen am 26. Dezember 2015.
  3. Viktor Mann erwähnt in seinen um 1900 spielenden Kindheitserinnerungen ein holländisches Räucherhäuschen aus Porzellan, das bereits sein Großvater um 1850 besaß: Viktor Mann: Wir waren fünf, Frankfurt 1996, S. 36.
  4. Motive entsprechend dem Online-Angebot der Dregeno unter https://dregeno-shop.de/ (Abruf am 24. Dezember 2016)