Weihnachtspyramide

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Mehrstöckige Pyramide aus Oberwiesenthal

Weihnachtspyramiden sind Lichtergestelle, die als vorweihnachtliche Raumdekoration und zum Schmuck von Plätzen im Freien verwendet werden. Herstellung und Gebrauch von Weihnachtspyramiden sind ein Bestandteil der Volkskunst und des Brauchtums im Erzgebirge. Die karussellartig aufgebauten Gestelle werden sowohl mit christlichen Motiven (wie z. B. Engelfiguren und Christi Geburt) als auch mit weltlichen Motiven (z. B. Bergleute und Waldmotive) angefertigt und werden traditionell mit Hilfe der aufsteigenden Wärme von den Kerzen angetrieben, die ein Flügelrad und den damit über einen Stab verbundenen Teller in Bewegung setzt.

Aufbau[Bearbeiten]

Darstellung ausgewählter Pyramidenbauarten

Weihnachtspyramiden werden üblicherweise aus Holz gefertigt und bestehen aus einem sich nach oben verjüngenden Gestänge auf einer vier- bis achteckigen Grundplatte. Im Inneren befindet sich eine senkrechte, in einem Glas- oder Keramik-Lager drehbar gelagerte Welle, an der ein oder mehrere Teller befestigt sind. Auf diesem werden geschnitzte oder gedrechselte Figuren platziert. Am oberen Ende der Welle befindet sich ein Flügelrad, das von Kerzen an der Außenseite der Pyramide angetrieben wird. Durch die von den Kerzen erwärmte, aufsteigende Luft werden das Flügelrad und die mit der Welle verbundenen Teller in Drehung versetzt. Traditionell drehen sich Weihnachtspyramiden im Uhrzeigersinn, seltener auch entgegen dem Uhrzeigersinn.

Weihnachtspyramiden werden in unterschiedlichen Formen und Ausführungen, zumeist durch Schnitzen, Drechseln und Laubsägearbeit hergestellt. Zum Teil sind sie kunstvoll verziert und haben die Form eine Hauses mit Spitzdach, an dessen oberen Ende die Drehflügel herausragen. Andere sind als Etagenpyramiden mit mehreren Stockwerken für verschiedene (oft erzgebirgische) Figuren konstruiert, für deren Betrieb entsprechend mehr Kerzen nötig sind. Tischpyramiden haben zumeist einen Teller und können vom üblichen Aufbau abweichen.

Eine besondere Form der ist die Flaschenpyramide, bei der sich die Pyramide – ähnlich einem Buddelschiff – in einer Glasflasche befindet.

Geschichte[Bearbeiten]

DDR-Briefmarkenkleinbogen, 1987
einstöckige Pyramide mit Teelichtern

Die Entstehung der Weihnachtspyramide geht bis ins Mittelalter zurück. In dieser Zeit war es in Süd- und Westeuropa üblich, in der Wohnung immergrüne Zweige (z. B. Buchsbaum) aufzuhängen, um Unheil in der dunklen Zeit abzuwenden. In Nord- und Osteuropa versuchte man dies mit Hilfe der Kraft des Lichtes.

Die Weihnachtspyramide vereinte beide Bräuche und wurde vor allem im Erzgebirge zu einem Symbol für das Weihnachtsfest. Die in Deutschland im 18. Jahrhundert bekannten Lichtergestelle waren der Ursprung der heutigen Pyramiden. Sie bestanden aus vier mit grünen Zweigen umwundenen Stäben, die am oberen Ende zusammengebunden und mit Lichtern versehen waren. In vielen Dorfkirchen der Mark Brandenburg standen früher zur Christmette sich nach oben verjüngende Lattengerüste, die mit brennenden Kerzen besetzt und glitzernden Gegenständen behangen waren. Das Ausschmücken dieser Pyramiden und das Anzünden der Kerzenlichter war eine der Hauptaufgaben der damals gebildeten Leuchterbauer-Gesellschaften. Noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts bildete die Berliner Weihnachtspyramide Perjamide (auch „märkische Pyramide“ oder „Perchtemite“) das Glanzstück der Weihnachtsbescherung in Berlin. Diese meist einfachen mit Tannengrün umwundenen pyramidenförmigen Draht- und Holzgestelle wurden geschmückt, dienten als Lichtträger und wurden auf Weihnachtsmärkten verkauft oder selbst hergestellt. Ende des 18. Jahrhunderts wurden diese Pyramiden in vielen bildlichen Darstellungen verwendet und galten im 19. Jahrhundert als „Markenzeichen“ des Berliner Weihnachtsmarktes.[1] Nach den Befreiungskriegen fand in den Städten der Weihnachtsbaum zunehmend Verbreitung.

Bergleute des Erzgebirges interpretierten die Grundform nicht als einfachen Baum mit Lichtern, sondern fühlten sich an die Form eines Pferdegöpels erinnert. Sie begannen das innen leere Stabgestell mit handgearbeiteten Holzfiguren zu füllen und entwickelten so das Grundprinzip der Weihnachtspyramide.

Der Begriff Pyramide (erzgebirgisch: Peremett) für eine lichttragende Weihnachtsdekoration, die in der Kirche aufgestellt wurde, soll erstmals 1716 in der Schneeberger Stadt- und Bergchronik gebraucht worden sein. Dort heißt es rückblickend auf die Zeit vor der Renovierung der St. Wolfgangskirche, dass die Besucher der Christmette am 1. Weihnachtsfeiertag brennende Kerzen mit in die Kirche gebracht haben und dort die eitele und allerley Illumination liebende Jugend […] Pyramiden von lauter Lichtern aufgebauet hat.[2] Bei diesen Pyramiden scheint es sich eher um eine Ansammlung von zahlreichen brennenden Kerzen in Form einer Pyramide, nicht um die Weihnachtspyramiden im heutigen Sinne gehandelt zu haben.

Als um 1830 das billige Paraffin entdeckt wurde, das die teuren Talgkerzen oder Rüböllämpchen, mit denen die Pyramiden bis dahin angetrieben worden waren, ersetzte, erlebte die erzgebirgische Pyramide einen Aufschwung. Es entstand eine Vielzahl von Motiven und Stilen, wie z. B. gotischer und orientalischer Stil sowie das Waldmotiv. Auf die Teller stellte man Figuren aus zahlreichen Themengebieten, unter anderem die Geburt Christi, Bergparaden und Tiere des Waldes.

Großpyramiden[Bearbeiten]

Stollberger Großpyramide, Baujahr 1975
Großpyramide auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt

Großpyramiden im Erzgebirge[Bearbeiten]

Bis in die 1930er-Jahre blieben Weihnachtspyramiden ausschließlich häuslicher Weihnachtsschmuck, der in den Wohnstuben oft einen besonderen Platz hatte. Überlieferungen zufolge hatte der letzte, im Ruhestand lebende Frohnauer Steiger Traugott Pollmer 1926 die Idee, eine „Pyramide für Alle“ im Freien aufzustellen. 1931, drei Jahre nach Pollmers Tod, begann die Arbeit an der ersten hölzernen Freilandpyramide unter der Regie des Schnitzvereins von Frohnau bei Annaberg-Buchholz und in Zusammenarbeit mit ortsansässigen Handwerkern, Gemeinderat und des Kunstschnitzers Paul Schneider. Nach ihrer Fertigstellung wurde die Frohnauer Pyramide am 17. Dezember 1933 feierlich eingeweiht.

Die vieretagige Stockwerkspyramide war fast fünf Meter hoch und wurde elektrisch betrieben und beleuchtet. Sie war mit geschnitzten und bemalten Flachfiguren bestückt. Auf der unteren Etage drehten sich Kamele, auf der zweiten war die Geburtsszene mit den Heiligen drei Königen zu sehen, auf der dritten Etage Hirten mit ihren Schafen und auf der vierten Figuren des Bergbaus. In der Krone drehten sich zudem musizierende Engel. Zwei Jahre nach ihrer Einweihung wurde die Pyramide wieder abgebaut.[3]

Heute werden in der Weihnachtszeit in zahlreichen erzgebirgischen Orten auf Marktplätzen, Weihnachtsmärkten und an anderen exponierten Stellen Freiluft-Weihnachtspyramiden in Betrieb genommen. Einige dieser Großpyramiden sind ganzjährig aufgestellt.

Siehe auch: Liste der Ortspyramiden im Erzgebirgskreis

Großpyramiden in anderen Orten Deutschlands[Bearbeiten]

Auch außerhalb des Erzgebirges hat sich das Aufstellen von Großpyramiden eingebürgert. Die Pyramide auf dem Dresdner Striezelmarkt wurde von einer Firma in Gablenz hergestellt und galt bei ihrer Aufstellung 1997 als größte Pyramide der Welt.[4] In Berlin-Mitte dreht sich eine Pyramide auf dem Weihnachtsmarkt vor dem Roten Rathaus, die seit über 20 Jahren aufgestellt wird und ebenfalls im Erzgebirge angefertigt wurde.[5] In der niedersächsischen Stadt Bad Bentheim steht eine Weihnachtspyramide, die aus der erzgebirgischen Partnerstadt Wolkenstein stammt. Sie ist als Dankeschön für die Spende von zwei modernen Feuerlöschzügen entstanden.[4] In anderen Bundesländern wie Bayern, Thüringen und Sachsen-Anhalt existieren von lokalen Handwerkern geschaffene Ortspyramiden mit Figuren mit regionalem Bezug.

Literatur[Bearbeiten]

  • Fachschule für Tourismus des Instituts für Soziale und Kulturelle Bildung e. V. (Hrsg.): Weihnachtspyramiden im Sächsischen Erzgebirge – Teil 1 Westerzgebirge. Husum Verlag, Husum 1996, ISBN 978-388042-796-9.
  • Fachschule für Tourismus des Instituts für Soziale und Kulturelle Bildung e. V. (Hrsg.): Weihnachtspyramiden im Sächsischen Erzgebirge – Teil 2 Osterzgebirge. Husum Verlag, Husum 1997, ISBN 978-3-88042-797-6.
  • Robin Hermann: Ortspyramiden - Geschichte, Modelle, Fakten. Hermann, Chemnitz 2009, ISBN 978-3-940860-03-3,
  • Claus Leichsenring: Weihnachtspyramiden des Erzgebirges. Verlag der Kunst Dresden Ingwert Paulsen jr., Husum 2009, ISBN 978-3-86530-124-6.
  • Robin Hermann: Ortspyramiden - Geschichte, Modelle, Fakten. Bd. 2., Von Adorf bis Zschorlau. Hermann, Chemnitz 2011, ISBN 978-3-940860-05-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Weihnachtspyramiden in Deutschland – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Berliner Weihnachtspyramide Adventskalender des Zentrums für Berlin-Studien (ZBS)
  2.  Christian Meltzer: Historia Schneebergensis renovata - Schneebergische Stadt- und Berg-Chronic. 1716, S. 1177 (Digitalisat, abgerufen am 25. November 2013).
  3. Vor 76 Jahren begann am Hammer „das Leben“ der Freilandpyramiden, Abbildung der Frohnauer Pyramide von 1933, abgerufen am 18. Mai 2010
  4. a b Sendung des MDR vom 8. Dezember 2010 - Gesucht wurden die top ten aus vorher ausgewählten 33 Großpyramiden aus ganz Deutschland
  5. Kurzinformation zur Weihnachtszeit vor dem roten Rathaus; abgerufen am 11. Dezember 2010