Rötel

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Rötel (Hämatit), Fundort Irrgang (Bludná) in Böhmen

Rötel (auch „roter Ocker“) gehört zu den Mineralfarben und besteht aus einer weichen Mischung von Ton, Kreide und Hämatit (Fe2O3), einem Eisenoxidmineral. Der Hämatit verursacht dabei die tiefrote Farbe.

Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Früh- und Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Rötel gefärbte Venus von Mauern

Rötel wurde seit mindestens 100.000 Jahren von Homo sapiens zur Körperfärbung verwendet.[1][2] Die Körperbemalung diente der Geruchsunterdrückung bei der Jagd und als Schutz vor Wind, Sonne, Pflanzen und Kälte.[3][4] Die frühe Verwendung von Rötel wird auch mit dem Symbolismus in Zusammenhang gebracht.[5][6][7]

Rötel wurde auch von Neandertalern verwendet.[8]

Zur Haltbarmachung einer Rötelbemalung wurden bereits vor 49.000 Jahren Bindemittel z. B. aus Milchprodukten verwendet, lange bevor Milchtiere gehalten wurden.[9] Rötel war neben Kalk und Holzkohle eine der bei Höhlenmalereien eingesetzten Farben.

Rötel wurde auch zur Färbung der Verstorbenen und ihrer Gräber in der Bandkeramik- und in der Jamnaja- oder Ockergrabkultur verwendet. Daneben benutzte man die unterschiedlichsten Mineralien, nachgewiesen sind Ocker in Rixheim, Hämatit in Elsloo, Mangan in thüringischen Gräbern und eventuell Eisenhydroxid in Halle.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Germanen benutzten Rötel, um Runen zu färben und ihnen damit für magische Zwecke Leben einzuhauchen. Die Griechen verwendeten Rötel als Farbe zum wasserfesten Anstrich von Schiffen. Die Römer verschönerten Häuser, Türpfosten und Deckenbalken mit Rötel. Bei Ausgrabungen römischen vicus Wareswald bei Tholey wurde eine im 4. Jh. n. Chr. eingerichtete Rötelstiftmanufaktur entdeckt.[10] Der in der Nähe bis ins 20. Jh. abgebaute Rötel wurde von den Oberthaler Rötelkrämern in ganz Europa gehandelt.

Kunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rötel, seit dem Mittelalter[11] auch als Rötelstein bezeichnet, wurde seit der Renaissance als Stift zum Zeichnen, vor allem für Skizzen und Entwürfe, verwendet, aber auch schon in der Höhle von Altamira bei Höhlenmalereien verarbeitet. Auch im Barock und Rokoko schätzten Künstler den rötlichen Farbstich. Die Rötelzeichnung ist nicht wischfest und muss fixiert werden. Heute ist sie weniger gebräuchlich.

Rötel eignet sich besonders für feine Strichzeichnungen, Porträts, Aktzeichnungen und figürliche Darstellungen. Das heute in der Kunst verwendete Rötel ist ein feinkörniges Mineralgemenge aus Tonblättchen (Schichtsilikaten), Quarz- und Feldspatkörnchen sowie Hämatit als Farbpigment. Im Handel wird Rötel in der Form von Vierkantstäbchen, als Mine für Klemmstifte und als Holzstift mit einem runden Kern aus Rötel angeboten.

Gewinnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rötelabbau, teilweise auch bergmännisch, fand seit der Altsteinzeit statt,[12] in allen Teilen der Welt.[13] Frühbronzezeitliche Rötelgruben sind u. a. von der griechischen Insel Thasos bekannt.[14]

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da Eisen je nach Feuchtigkeit in verschiedenen Oxidationsstufen vorkommen kann, welche unterschiedliche Pigmenttöne abgeben,[15] ist bei Betrachtung und Bewertung älterer oder gar prähistorischer Darstellungen mittels Rötel nicht gewiss, ob dort Gelb-, Rot-, Braun- oder Schwarztöne dargestellt werden sollten.[5][16][17] Dies erschwert oft die Identifizierung der Bedeutung und erfordert Rekonstruktionen der Oxidationsprozesse.[18]

Galerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Skizze, Schule von da Vinci, 1517

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Rötelzeichnungen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Christopher S. Henshilwood, Francesco d’Errico, Karen L. van Niekerk, Yvan Coquinot, Zenobia Jacobs, Stein-Erik Lauritzen, Michel Menu, Renata García-Moreno: A 100,000-year-old ochre-processing workshop at Blombos Cave, South Africa. In: Science. Band 334, Nr. 6053, 2011, S. 219–222, doi:10.1126/science.1211535.
  2. Ian Watts: Red ochre, body painting, and language: interpreting the Blombos ochre. In: The cradle of language 2. 2009, S. 93–129.
  3. Helmut Tributsch: Ochre bathing of the bearded vulture: A bio-mimetic model for early humans towards smell prevention and health. In: Animals. Band 6, Nr. 1, 2016, S. 7.
  4. István E. Sajó, János Kovács, Kathryn E. Fitzsimmons, Viktor Jáger, György Lengyel, Bence Viola, Sahra Talamo, Jean-Jacques Hublin: Core-shell processing of natural pigment: upper Palaeolithic red ochre from Lovas, Hungary. In: PloS one. Band 10, Nr. 7, 2015, S. e0131762, doi:10.1371/journal.pone.0131762.
  5. a b Simona Petru: Red, black or white? The dawn of colour symbolism. In: Documenta Praehistorica. Band 33, 2006, S. 203–208.
  6. Erella Hovers, Shimon Ilani, Ofer Bar‐Yosef, Bernard Vandermeersch: An early case of color symbolism: Ochre use by modern humans in Qafzeh Cave 1. In: Current Anthropology. Band 44, Nr. 4, 2003, S. 491–522.
  7. Alexander Marshack: On Paleolithic ochre and the early uses of color and symbol. In: Current Anthropology. Band 22, Nr. 2, 1981, S. 188–191, doi:10.1086/202650.
  8. Marin Cârciumaru, Elena-Cristina Niţu, Ovidiu Cîrstina: A geode painted with ochre by the Neanderthal man. In: Comptes Rendus Palevol. Band 14, Nr. 1, 2015, S. 31–41.
  9. Paola Villa, Luca Pollarolo, Ilaria Degano, Leila Birolo, Marco Pasero, Cristian Biagioni, Katerina Douka, Roberto Vinciguerra, Jeannette J. Lucejko, Lyn Wadley: A milk and ochre paint mixture used 49,000 years ago at Sibudu, South Africa. In: PLOSone. 30. Juni 2015, doi:10.1371/journal.pone.0131273 (PDF).
  10. Eric Glansdorp: Römerzeitliche Rötelstift- und Rötelpulverproduktion im nördlichen Saarland. [Rötelstifte aus dem römischen vicus Wareswald bei Oberthal]. In: E. u. E. Glansdorp (Hrsg.): Vor- und frühgeschichtliche Spuren im mittleren Primstal. Archäologische Ausstellungen im Heimatmuseum Neipel von 1997 bis 2012. (= Archäologische Funde im Saarland. 2). Tholey, 2013, ISBN 978-3-00-039212-2, S. 253–271.
  11. Dieter Lehmann: Zwei wundärztliche Rezeptbücher des 15. Jahrhunderts vom Oberrhein. Teil I: Text und Glossar. (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. 34). Horst Wellm, Pattensen/Han. 1985, ISBN 3-921456-63-0, S. 241.
  12. Ernst E. Wreschner, Ralph Bolton, Karl W. Butzer, Henri Delporte, Alexander Häusler, Albert Heinrich, Anita Jacobson-Widding, Tadeusz Malinowski, Claude Masset, Sheryl F. Miller, Avraham Ronen, Ralph Solecki, Peter H. Stephenson, Lynn L. Thomas, Heinrich Zollinger: Red ochre and human evolution: A case for discussion [and comments and reply]. In: Current Anthropology. Band 21, Nr. 5, Oktober 1980, S. 631–644.
  13. Michael D. Stafford, George C. Frison, Dennis Stanford, George Zeimans: Digging for the color of life: Paleoindian red ochre mining at the Powars II site, Platte County, Wyoming, USA. In: Geoarchaeology. Band 18, Nr. 1, 2003, S. 71–90, doi:10.1002/gea.10051.
  14. Nerantzis Nerantzis, Stratis Papadopoulos: Copper production during the Early Bronze Age at Aghios Antonios, Potos on Thasos. In: E. Photos-Jones in collaboration with Y. Bassiakos, E. Filippaki, A. Hein, I. Karatasios, V. Kilikoglou, E. Kouloumpi (Hrsg.): BAR S2780 Proceedings of the 6th Symposium of the Hellenic Society for Archaeometry. British Archaeological Reports, 2016, ISBN 978-1-4073-1430-3, S. 89–94.
  15. Rochelle M. Cornell, Udo Schwertmann: The iron oxides: structure, properties, reactions, occurrences and uses. John Wiley & Sons, 2003.
  16. Michael Balter: On the origin of art and symbolism. In: Science. Band 323, Nr. 5915, 2009, S. 709–711.
  17. Robert G. Bednarik: A taphonomy of palaeoart. In: Antiquity. Band 68, Nr. 258, 1994, S. 68–74.
  18. Robert G. Bednarik, Kulasekaran Seshadri: Digital colour reconstitution in rock art photography. In: Rock Art Research: The Journal of the Australian Rock Art Research Association (AURA). Band 12, Nr. 1, 1995, S. 42.