Reisezentrum

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Reisezentrum im Hauptbahnhof Trier (2007)
Reisezentrum im Hauptbahnhof München (2008)

Als Reisezentrum (frühere Eigenschreibweise teils ReiseZentrum) betreibt die DB Vertrieb GmbH Fahrkartenschalter in Bahnhöfen.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits Ende der 1970er Jahre hatte die Deutsche Bundesbahn unter dem Begriff MOFA (modernisierter Fahrausweisverkauf) neue Schalteranlagen eingerichtet. Damit wurde auch der Einführung der Elektronischen Datenverarbeitung Rechnung getragen. 1990 folgte bei der Deutschen Bundesbahn eine neue Generation von Reisezentren. Die in gedeckten, dunklen Farben gehaltenen Einrichtungen aus den 1970er Jahren wurden dabei durch helle, als kundenfreundlich geltende, Farben ersetzt.[2] Das Konzept der Reisezentren wurde vom Designstudio des Mailänder Architekten Michele De Lucchi entworfen.[3]

Noch Ende der 1980er Jahre gab es in den Reisezentren und Fahrkartenausgaben für Fahrplan- bzw. Tarifauskünfte und Fahrkartenverkäufe verschiedene Schalter. Durch die Einführung des neuen Vertriebssystems Kurs 90 sollte dies vereinheitlicht werden.[4] Als Anfang der 1990er Jahre in Berlin Reisezentren eingeführt wurden, gab es drei separate Schaltergruppen für Fahrkarten, Platzkarten und Auskünfte.[5]

Zum 1. Januar 1992 trat eine neue „Gestaltungskonzeption“ für Reisezentren in Kraft. Bis Ende 1992 sollten damit die separaten Auskunftsschalter ebenso entfallen wie die getrennten Touristik-, Gruppenreise- und Ausland-Schalter. Fortan sollte es nur noch vier Arten von Schaltern geben: Erste-Klasse-Schalter, Schnellschalter, DB-Lufthansa-Airport-Service-Schalter und Universalschalter. Die an den bisherigen Spezialschaltern bedienenden Beamten sollten umgeschult werden.[6]

1993 war der Aufbau von 300 Reisezentren geplant. In Kooperation mit Reisebüros sollten dort neben Fahrkarten auch touristische Angebote verkauft werden.[7] 1996 wurde eine Kooperation mit einem Autovermieter geschlossen, dessen Schalter in einige Reisezentren integriert wurden.[8] Um 1999 wurden in 76 Reisezentren Versicherungen verkauft.[9]

Im Oktober 1999 kündigte die Deutsche Bahn an, rund ein Viertel ihrer 950 Reisezentren und eigenen Schaltern[10] schließen zu wollen. 250 Reisezentren in kleinen Bahnhöfen mit geringer Nachfrage sollten auf den Prüfstand gestellt werden. An ihre Stelle sollten Reisebüros, Automaten und der Internetverkauf treten.[11] Die Entscheidung sollte binnen drei Monaten fallen. Die zur Disposition stehenden Verkaufsstellen hätten nach Bahnangaben nur etwa zwei Prozent zum Umsatz der Reisezentren beigetragen.[12] Nach Unternehmensangaben seien nur Schalter betroffen gewesen, die höchstens etwa zehn Fahrkarten pro Tag verkauft hätten.[13] Zur Expo 2000 sollten allein in 230 Reisezentren acht Millionen Eintrittskarten verkauft werden.[14]

Anfang 2001 kündigte die Deutsche Bahn an, bis Ende 2003 etwa 300 ihrer rund 1000 Fahrkartenausgaben zu schließen. Betroffen waren alle Verkaufsstellen außerhalb von Ballungsräumen mit einem Jahresumsatz von weniger als 1,4 Millionen DM. An ihre Stelle sollten Reisebüros und andere Verkaufsstellen treten.[15] Für aus ihrer Sicht nicht mehr rentable Reisezentren suchte die Deutsche Bahn um 2004 Betreiber, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Bis Ende Dezember 2003 waren bundesweit bereits 35 von selbstständigen Unternehmen geführte Verkaufsstellen in Bahnhöfen entstanden.[16]

Laut Angaben der Gewerkschaft Transnet plante die DB Anfang 2004, 900 Stellen in Reisezentren abzubauen.[17] Ende 2004 kündigte die Deutsche Bahn an, künftig nur noch 500 Reisezentren und Fahrkartenschalter betreiben zu wollen.[18]

Im Jahr 2000 erlösten die Reisezentren 58 Prozent der Fahrkartenumsätze der Deutschen Bahn. 2005 waren es 37 Prozent, 2010 23 Prozent. Der Anteil soll auf 19 Prozent (2013) bzw. 12 Prozent (2020) zurückgehen.[19] Der Anteil der Reisezentren am Fahrkartenvertrieb der Deutschen Bahn lag 2014 bei 18 Prozent.[20] 2015 lag er bei 17,9 Prozent. Ende 2016 gab es noch rund 400 Reisezentren.[21]

Seit 2013 hat die DB Vertrieb Video-Reisezentren getestet und die ersten in Betrieb genommen. In einem Video-Reisezentrum können Fahrgäste über Bildschirm, Mikrofon und Lautsprecher mit einem Reiseberater kommunizieren.[22]

Vertriebsmobil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vertriebsmobil der DB AG in Wolfenbüttel im Mai 2017

Das Vertriebsmobil ist ein Verkaufswagen der DB Vertrieb GmbH, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn AG.

Dieser Verkaufswagen (meistens ein Mercedes Sprinter) ist mit Fahrkartenverkaufstechnik ausgerüstet. Er hat einen voll eingerichteten Fahrkartenschalter, wo sämtliche Reiseangebote der DB verkauft werden können.

Die nötige Internetverbindung wird über einen Router an Bord sichergestellt. Zur unabhängigen Stromversorgung hat das Vertriebsmobil eine Brennstoffzelle an Bord.

Allerdings kann das Vertriebsmobil auch extern an eine Steckdose mittels Kabel angeschlossen werden. Die Deutsche Bahn AG hat mehrere Vertriebsmobile im Einsatz.

Die Fahrzeuge können sehr flexibel eingesetzt werden.

Aktuell war ein Vertriebsmobil vom Februar 2017 bis Mai 2017 in Wolfenbüttel im Einsatz, wo Ende Januar die örtliche DB-Agentur geschlossen wurde.

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In großen Bahnhöfen mit mehreren gleichzeitig geöffneten Schaltern (z. B. Hannover Hbf, Nürnberg Hbf und Bremen Hbf) gibt es ein Aufrufsystem, wo Kunden zunächst eine Nummer ziehen. Über diese Nummer werden sie dann per Monitor aufgerufen und einem Schalter zugewiesen. Das System (sog. amerikanisches Wartesystem) wird auch in vielen Behörden angewendet. Zusätzlich sind am Empfang Mitarbeiter (Empfangschef, Automatenguide etc.) im Einsatz, die bei Fragen und Problemen zur Verfügung stehen. Meist gibt es in diesen Reisezentren gesonderte Schalter für 1. Klasse-Kunden, Bahn.bonus Comfort-Kunden und schwerbehinderte Menschen mit bevorzugter Bedienung.

Die analoge Bezeichnung Travel Centre wird von verschiedenen Eisenbahnunternehmen Großbritanniens (National Rail) ebenso für Verkaufsstellen mit mehreren Schaltern in größeren Bahnhöfen verwendet.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Reisezentrum – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Reisezentren abgerufen am 9. März 2016
  2. Bernhard Berberich: Moderne Reisezentren der Deutschen Bundesbahn. In: Der Eisenbahningenieur. Band 42, Nr. 9, 1991, ISSN 0013-2810, S. 470–475.
  3. Mit Reisezentrum Kunden gewinnen. In: Süddeutsche Zeitung. 15. April 2013, ISSN 0174-4917, S. 45.
  4. Bahn und Post ziehen an einem Datenstrang. In: VDI nachrichten. Nr. 46, 1988, ISSN 0042-1758, S. 27.
  5. Nachrichten. In: Wirtschaftswoche. Nr. 51, 13. Dezember 1991, ISSN 0042-8582, S. 68.
  6. Keine Schalter nur für Auskünfte. In: Nürnberger Nachrichten. 17. August 1992.
  7. Heiner Berninger: Bahn setzt auf Tourismus. In: Süddeutsche Zeitung. 8. November 1993, ISSN 0174-4917, S. 31.
  8. Sixt plant das große Geschäft. In: Süddeutsche Zeitung. 4. August 1997, ISSN 0174-4917, S. 23.
  9. DEVK will internationaler werden. In: Süddeutsche Zeitung. 29. Mai 1999, ISSN 0174-4917, S. 27.
  10. Klaus Ott: Teurer Kundendienst. In: Süddeutsche Zeitung. 20. März 2003, ISSN 0174-4917, S. 19.
  11. Bahn schließt ein Viertel der Schalter in Bahnhöfen. In: Süddeutsche Zeitung. 23. Oktober 1999, ISSN 0174-4917, S. 2.
  12. Bahntickets aus dem Internet. In: Süddeutsche Zeitung. 26. Oktober 1999, ISSN 0174-4917, S. 23.
  13. Bahnhof Freising nicht betroffen. In: Süddeutsche Zeitung. 2. November 1999, ISSN 0174-4917, S. 1.
  14. Über 13 Millionen Tickets sind vertraglich gesichert. In: Süddeutsche Zeitung. 3. Mai 2000, ISSN 0174-4917, S. V 3/8.
  15. Meldung Aktuelles in Kürze. In: Eisenbahn-Revue International, Heft 3/2001, ISSN 1421-2811, S. 106.
  16. Meldung Fahrkartenverkäufer gesucht. In: Eisenbahn-Revue International, Heft 2/2004, ISSN 1421-2811, S. 52.
  17. Bahn-Reisezentren streichen 900 Stellen. In: Süddeutsche Zeitung. 26. Februar 2004, ISSN 0174-4917.
  18. Klaus Ott: Bahn schiebt und streicht 141 Projekte. In: Süddeutsche Zeitung. ISSN 0174-4917.
  19. Nikolaus Doll: Abschied vom Fahrkartenschalter. In: Die Welt. Nr. 198, 26. August 2013, ISSN 0173-8437, S. 9 (ähnliche Version online).
  20. Deutsche Bahn AG (Hrsg.): Immer mehr Bahnkunden buchen Handy-Tickets. Presseinformation vom 8. Juni 2015.
  21. Thomas Wüpper: Bahn kappt Grundvergütung für Reisebüros. In: Stuttgarter Zeitung. Nr. 281, 3. Dezember 2016, S. 15 (online).
  22. Persönlicher Ticketverkauf über Bildschirm und Mikrofon. DB Vertrieb GmbH, archiviert vom Original am 9. Dezember 2015; abgerufen am 9. Dezember 2015.