Renitente Kirche ungeänderter Augsburgischer Konfession in Hessen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Renitente Kirche ungeänderter Augsburgischer Konfession in Hessen (renitent: widerspenstig), umgangssprachlich auch Althessische Kirche, verselbständigte sich 1873/74, unter der Führung einiger Pfarrer der damaligen preußischen Provinz Hessen-Nassau, aus Teilen der kurz zuvor von den preußischen Okkupanten organisatorisch unierten kurhessischen Landeskirche.

Abendmahlstreit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Evangelische Kirche Hessens gründete auf den lutherischen und nicht den calvinistischen Bekenntnissen. Zur Überwindung der zwischen den Lutheranern und Calvinisten früh aufgekommenen Auffassungsunterschiede organisierte bereits Landgraf Phillip von Hessen das Marburger Religionsgespräch, bei welchem es zu einer weitgehenden Annäherung zwischen den Konfessions-Führenden kam. Die Auffassungsunterschiede zum Abendmahl verblieben dennoch und verhinderten letztlich eine Vereinigung der beiden protestantischen Bekenntnisse.

Fortbestand des Lutherischen Bekenntnisses[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Landgraf Moritz, Enkel Landgraf Philipps, der zum calvinistischen Bekenntnis neigte, führte in seiner Funktion als Landesherr und Kirchenoberhaupt der Landgrafschaft Hessen-Kassel calvinistische Regeln in der lutherischen Landeskirche ein, ohne jedoch das lutherische Bekenntnis (Augsburgische Konfession) der Landeskirche selbst anzugreifen. Es entstanden so zum Teil über Jahrhunderte anhaltende Streitigkeiten zwischen den lokalen Gemeinden und Patronatsherren mit der Landeskirchenführung in Kassel.

Verselbständigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1866 wurde das Kurfürstentum Hessen von Preußen besetzt, annektiert und fortan als preußische Provinz Hessen-Nassau regiert. Die preußische Besatzung unierte 1873/74 die kurhessische Landeskirche, was einen schwerwiegenden Angriff auf das Lutherische Bekenntnis darstellte. In den Gemeinden entstand offener Widerstand dagegen. Die betroffenen Gemeinden gehörten überwiegend zum damaligen Konsistorialbezirk Kassel (bis 1866 Kurfürstentum Hessen bzw. Hessen-Kassel). Die Renitenten-Pfarrer und -Gemeinden protestierten damit gegen das unierte Konsistorium in Kassel und sahen darin die Auflösung der bisherigen Landeskirche. Aus diesem Grund ist auch die Bezeichnung Althessische Kirche geläufig.

43 Pfarrer, Anhänger des Marburger Theologieprofessors August Vilmar, wurden ihres Amtes enthoben. Sie betreuten in der Folgezeit die „renitenten Gemeinden“ u. a. in Balhorn, Dreihausen, Sand, Melsungen und Schemmern.

Der größte Teil der renitenten Gemeinden schloss sich 1950 der (Alten) Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland an, die wiederum 1972 Teil der heutigen Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) mit Sitz in Hannover wurde. Innerhalb der SELK bilden die ehemaligen renitenten Gemeinden mit einigen anderen den Kirchenbezirk Hessen-Nord im Sprengel Süd.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rudolf Schlunck: Die 43 renitenten Pfarrer. Lebensabschnitte der im Jahre 1873/74 um ihrer Treue willen des Amtes entsetzten hessischen Pfarrer. Nebst einer geschichtlichen Einleitung und einem Anhang, Marburg 1923.
  • Karl Wicke: Um die Freiheit der Kirche. Ein Bericht aus der Geschichte der hessischen Renitenz, hg. v. Loshäuser Kreis, Marburg 1931.
  • Kirche und Welt : Gemeindeblatt für d. hessische Renitenz