Sand (Roman)

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Sand ist ein 2011 im Rowohlt Verlag erschienener Roman von Wolfgang Herrndorf. Es ist der letzte vollständige Roman des Schriftstellers. Der Roman ist nicht eindeutig einem Genre zuzuordnen, sondern weist Elemente u. a. eines Thrillers, eines Spionageromans und eines Krimis auf, kann aufgrund seiner komödiantischen Eigenschaften aber auch als Parodie auf die genannten Genres gelten. Protagonist des Romans ist ein Mann, der seit einem Unfall unter Amnesie leidet und versucht, seine Identität herauszufinden.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman beginnt im Jahr 1972 in der Wüste im Norden Afrikas, in einer ehemaligen französischen Kolonie: Der Polizeibeamte Polidorio, dessen Großvater Araber war, soll einen Mordfall in einer Hippie-Kommune aufklären. Bei seinen Ermittlungen in der Wüste in der Nähe des (fiktiven) Ortes Targat wird ihm aufgrund einer Verwechselung durch den schwedischen Geheimagenten Lundgren, der ihn für seine Kontaktperson hält, in einer Scheune der Schädel eingeschlagen, so dass er sein Gedächtnis verliert.

Ab diesem Zeitpunkt verschwindet der Name Polidorio aus dem Roman, der zunächst namenlose Amnesiker nennt sich selbst Carl und versucht fortan, seine Identität herauszufinden. Carl macht die Bekanntschaft mit der Amerikanerin Helen Gliese, die ihre Jugendfreundin Michelle besucht. Michelle war Teil der Kommune, in der der eingangs beschriebene Mord stattfand. Helen Gliese liest den verwirrten Carl auf und verspricht, ihm bei der Suche nach seiner Identität zu helfen. Erinnerungsfetzen lassen Carl glauben, dass er in eine Spionage-Affäre verwickelt ist. Sie überredet Carl, einen Psychologen aufzusuchen, damit Carl herausfindet, wer er ist, und was es mit der geheimnisvollen „Mine“ auf sich hat, die er sucht. Das Gespräch beim Psychologen Dr. Cockcroft bringt jedoch keine neuen Erkenntnisse.

Schließlich wird Carl vom amerikanischen Geheimdienst entführt und gefoltert. Die Geheimdienstler gehen davon aus, dass er seine Amnesie vortäuscht und in Wirklichkeit ein feindlicher Waffenhändler ist. Nachdem Carl auch unter Folter nichts Nennenswertes preisgibt, wird er schließlich wieder mit Helen Gliese konfrontiert, die sich als Geheimdienstmitarbeiterin herausstellt und die ihn verhört. Carls Verzweiflung wird ihm nicht abgenommen, und Helen kettet Carl schließlich in einem unterirdischen Teich fest, um ihn so zum Geständnis zu zwingen. Als klar wird, dass Carl nicht reden wird, lassen sie ihn festgekettet in der Höhle zum Ertrinken zurück. Zwar gelingt es Carl, sich zu befreien, doch kaum hat er die Höhle verlassen, wird er von einem verwirrten Alten erschossen. Der Roman endet somit, ohne das eigentliche Geheimnis um Carls Identität und die Mine, die er sucht, zu lüften.

Form[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman ist in fünf Bücher unterteilt: Erstes Buch (Das Meer), Zweites Buch (Die Wüste), Drittes Buch (Die Berge), Viertes Buch (Die Oase) und Fünftes Buch (Die Nacht). Jedem Kapitel ist ein Zitat vorangestellt, das als ironischer Kommentar auf die im Kapitel bzw. im gesamten Roman beschriebene Handlung verstanden werden kann. Der Roman ist weitestgehend chronologisch aufgebaut, lediglich der Wechsel zwischen den Perspektiven der Protagonisten und einige wenige Zeitsprünge durchbrechen diese Struktur. Zwar bleibt das Land im Roman namenlos, die Beschreibung lässt aber auf Marokko schließen.[1]

Im Roman finden sich immer wieder versteckte Anspielungen: So bewohnt Helen Gliese einen Bungalow des Hotels Sheraton mit der Nummer 581d. In der Realität gibt es 20 Lichtjahre von der Erde entfernt einen Exoplaneten mit der Bezeichnung „Gliese 581d“, und man geht davon aus, dass er sich in einer habitablen Zone befindet.[2]

Das Geheimnis um Carls Identität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie der Literaturwissenschaftler Michael Maar in einem Artikel beleuchtet, wird dem aufmerksamen Leser klar, dass es sich bei Carl, Cetrois und Polidorio um die jeweils gleiche Person handelt, und er sein Schicksal nur aufgrund einer Verwechslung des Unterhändlers Lundgren und des amerikanischen Geheimdienstes erleidet.[3]

Kritiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman wurde von der Kritik größtenteils gelobt. Von einigen Kritikern wurde Sand als Gegenentwurf zu dem im Vorjahr erschienen Tschick verstanden: sein tragisches, nihilistisch anmutendes Ende steht im starken Kontrast zu dem Happy End in "Tschick".[4]

„Die Befürchtung aber, es könnte sich bei dem Roman um ein deprimierendes Exemplar der Gattung tapferer Krankheitsbewältigungsbericht handeln, ist unbegründet, wie sich rasch herausstellt. Nach wie vor ist hier ein gewitzter und universal belesener Artist am Werk, der auf seinem Hochseil mit Gewalt, Tod, Verderben und Vergessen jongliert und die Nichtigkeit der menschlichen Existenz als großes Kunststück aufführt.“

FAZ[5]

„"Sand" ist ein literarisches Experiment an der Grenze zwischen Existenzialismus und Spionagethriller, mutig in der Form, barock in der Sprache. Nichts Anschmiegsames. Kein Scherz. Eine Hoffnung. Die Hoffnung liegt darin, dass hier ein Schriftsteller schreibt, der das diffuse Gefühl, das wir alle kennen, nämlich von einer allumfassenden Dummheit umgeben zu sein, versteht. Es ist ein sehr eigenartiges und gerade deshalb so lesenswertes Buch.“

Die Zeit[6]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Sand wurde Wolfgang Herrndorf mit dem Leipziger Buchpreis 2012 ausgezeichnet.[7]

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/wolfgang-herrndorf-sand-wo-schmuggler-hippies-kuenstler-und-agenten-auftanken-11525376.html
  2. http://www.dieterwunderlich.de/Herrndorf-sand.htm
  3. http://www.merkur-zeitschrift.de/2013/08/zum-tod-von-wolfgang-herrndorf/
  4. http://www.merkur-zeitschrift.de/2013/08/zum-tod-von-wolfgang-herrndorf/
  5. [1]
  6. [2]
  7. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/wolfgang-herrndorf-bekommt-leipziger-buchpreis-2012-fuer-sand-a-821625.html