Shotgun Stories

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Filmdaten
Originaltitel Shotgun Stories
Produktionsland USA
Originalsprache Englisch
Erscheinungsjahr 2007
Länge 92 Minuten
Stab
Regie Jeff Nichols
Drehbuch Jeff Nichols
Produktion David Gordon Green,
Lisa Muskat,
Jeff Nichols
Musik Lucero (Ben Nichols),
Pyramid
Kamera Adam Stone
Schnitt Steven Gonzales
Besetzung

Shotgun Stories von Regisseur Jeff Nichols ist ein US-amerikanisches Filmdrama aus dem Jahr 2007, eine Rachetragödie in einer geteilten Familie.[1][2][3][4] Bei seinem Erstlingswerk von einigem lokalen Kolorit fungierte Nichols auch als Drehbuchautor. In der Hauptrolle des Independentfilms ist Michael Shannon zu sehen.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im südöstlichen Arkansas der Gegenwart: Son, Boy und Kid Hayes in ihren frühen Dreißigern leben in einem verschlafenen Dorf[5] in ärmlichen Verhältnissen (irgendwo zwischen Redneck und White Trash) und hängen meistens herum „wie Strandgut“[6]. Ihr Vater, ein Trinker und gewalttätiger Mann, war nicht einmal in der Lage, den dreien mehr als archetypische Namen zu geben. Ihre Mutter ist eine „hasserfüllte Frau“. Nachdem der Vater (nie zu sehen) sie und seine Kinder aufgegeben hatte, wandte er sich zum christlichen Glauben, blieb trocken und hat sich charakterlich vollkommen verändert, und er zeugte mit einer anderen Frau vier weitere Söhne in anständigeren Verhältnissen. Son ist mit einer ruhigen Art der älteste der Brüder. Er geht körperlich anstrengender Arbeit auf einer Fischfarm nach. Der schlaksige Son wirkt immer etwas verschlafen und ist meist mit Kaffeetasse zu sehen. Annie hat ihm gerade den Laufpass gegeben, weil er beim Black Jack zu viel Geld verjubelt. Dabei ist er einem „System“ auf der Spur, und hofft auf die große Gewinnsträhne. Der langhaarige Kid lebt bei ihm im Garten in einem Campingzelt. Er spielt mit dem Gedanken, seiner Freundin Cheryl einen Antrag zu machen. Dadurch, dass Annie weg ist, kann er wieder ins Haus ziehen. Der leicht übergewichtige Boy schläft in einem Wohnmobil am See. Sein ganzes Seelenheil scheint am Zigarettenzünder bzw. der Stromversorgung seines mobilen Heims zu hängen. Wenn er nicht daran bastelt, trainiert er mit unterprivilegierten Jugendlichen Basketball. Sonst sitzen sie auf der Veranda und trinken Bier, auf dem Bordstein oder fahren herum. Ihre vier Halbbrüder, allen voran Cleaman und Mark, sind im Vergleich dazu eine rechte Vorzeigefamilie[6]. Die vier, mit denen sie seit Angedenk eine kaum verhohlene Fehde verbindet, sind dementsprechend einige Jahre jünger. Sie setzen derzeit einen Deere-Traktor in den Baumwollfeldern instand.

Die Mutter unterrichtet Son, und nur ihn, dass der Vater gestorben ist. Unerwartet platzen die drei auf Sons Betreiben in die Beerdigung und es kommt zum Eklat. Son unterbricht die Predigt, und hält eine erbitterte Schmährede mit dem Fazit: „This was no good man“. In dem Moment, als er auf den Sarg spuckt, springen die Halbbrüder auf und greifen ihn. Zuhause fragt ihn Annie: „You think, this was a good idea?“

In Cinemascope-Bildern der dünnbesiedelten Provinz, in der kaum jemals die Sonne durch die Wolkendecke dringt, stellt der Film nun phänomenologisch exakt eine mögliche Fortschreibung der Gewaltspirale dar.

An der Waschanlage schlägt Son auf eine Provokation hin zu, ohne viel Worte zu machen. Boy weicht zurück, und gilt als Feigling. In der Folge kommt es zu unumwundenen Morddrohungen. Die Situation eskaliert weiter, als Mark Boys Hund mit einer Giftschlange umbringt. Kid greift sich den Stiel einer Schaufel, sucht Mark und geht auf ihn los, und dieser stirbt an einem Schädelbasisbruch. John und Stephen rächen Mark an Ort und Stelle, und erstechen den Angreifer. Zwei der Brüder sind aus dem Leben geschieden.

Cleaman und Son begegnen sich auf den Fluren des Krankenhauses, mit Mordlust in den Augen. Cheryl und Annie treffen sich beim Einkaufen. Son sucht die altgewordene Rabenmutter beim Heckenschneiden auf, und wirft ihr vor: „You raised us to hate those boys, and we do, and now it’s come to this.“ Mit allen Beteiligten kommt es zu einer üblen Schlägerei am Traktor. Son fällt ins Koma. Der grün und blau geschlagene Boy bekommt eine Halskrause. Er kauft sich eine Schrotflinte und stellt Cleaman, der gerade in seinem Garten schläft, schafft es aber nicht, abzudrücken. Man sieht die Halbbrüder am Esstisch Gewehre durchladen und sich für das unvermeidliche Massaker wappnen. Boy kommt unbewaffnet auf den Hof, wo er in drei großkalibrige Gewehrläufe blickt. Er entsagt der Gewalt, und bringt sie zu einem Einsehen. Er schützt ebenfalls eine Familie, sagt Boy, nämlich seine eigene, künftige. Nach langem Zögern senken sie die Schrotflinten, und Cleaman sagt ihm, dass sie sich hier nie wieder blicken lassen sollen.

Zum Schluss sieht man Boy kurz mit seinen Jungs auf dem Basketballfeld, und dann Son und Boy wortlos Bier trinkend auf der Veranda.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Regisseur Nichols betont, dass der Film für die große Leinwand gestaltet sei, nicht für die Bildröhre.[2] Indiewire sagte er: „Die größte Herausforderung während der Produktion war einfach Geld.“[7] Nichols ist selbst aus Little Rock, Arkansas und besuchte wie David Gordon Green auch die North Carolina School of the Arts.[2]

Jeff Nichols an anderer Stelle: „Meiner Meinung nach sollten Filme von einem bestimmten Ort kommen. […] in England, Arkansas sind die Leute zwar sehr hilfsbereit, aber haben uns mehr oder minder auch ignoriert. […] Das südöstliche Arkansas ist ein Raum, der auf niedriger Flamme köchelt. Die Menschen vor dem Hintergrund der weiten Felder schieben sich so gemächlich dahin. Für mich hieß das: Bildseitenverhältnis 2,35:1“[8] (England, Arkansas bei 34° 33′ N, 91° 58′ W).

„Shotgun Stories“ wurde auf dem Ebertfest 2008 gezeigt.[9]

Kritiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „schön gespielt in still intensiven Darbietungen von Michael Shannon, Douglas Ligon und Barlow Jacobs. […] Neuland betreten wir hier aber nicht“, Jeremiah Kipp, Slant[10]
  • „Die Tiefe der detaillierten, subtilen Darstellungen […] kommt erst beim zweiten Anschauen an.“, Matt Zoller Seitz, The New York Times[11]
  • „elegische Geschwindigkeit und lyrische Aufnahmen bedrückender Landschaften […] Obwohl er mit exzellenten, lebensgroßen Darstellungen aufwartet, und einen angeborenen Sinn für Atmosphäre mitbringt, mit Adam Stones poetischer Kameraarbeit und der eindringlichen Musik […] gelingt es ‚Shotgun Stories‘ nie, restlos überzeugend zu sein.“, Frank Scheck, Liberation Entertainment/International Film Circuit[13]
  • „Die Figuren sind nicht bösartig oder psychotisch, sondern eigentlich ziemlich nett, wenn sie für sich sind, nur machtlos den Wunden ihrer Kindheit gegenüber.“, Roger Ebert, Ebertfest 2008[9]
  • „Das Problem von Son ist, dass er nie viel Vorbild hatte […] der Film verweilt nicht auf dem Gewaltgeschehen […] es geht ja nicht um den einzelnen Gewaltakt, sondern um die Konsequenzen […] sowohl präzise regional als auch ausladend, kontemplativ und aufwühlend […] Son lamentiert auch: ‚Diese verdammte leere Stadt.‘“ (This is one empty ass town), Cynthia Fuchs, Popmatters[14]
  • „Nichols glaubt an die Chance seiner Figuren und daran, dass es auch Lebensglück ohne äusserlich sichtbaren Erfolg geben kann. Den Teufelskreis von Ohnmacht, Lieblosigkeit und Gewalt durchbricht nur, wer sich dem einen Leben nicht durch Flucht in ein vermeintlich besseres entzieht. […] Nichols verlässt sich als erstaunlich selbstsicherer Erzähler auf amerikanische Landschaften und Gesichter, die kaum jemand kennt. Jeglichen Glamour, der inzwischen auch den meisten sogenannten Independent-Produktionen anhaftet, verbannt er konsequent.“, Thomas Binotto, Neue Zürcher Zeitung[6]
  • „[…Der Film] nimmt den Finger mit der gleichen innewohnenden, natürlichen Richtigkeit vom Abzug, die die Geschichte mit solch tragischer Kraft geladen hat.“, Brian Gibson, Vue Weekly[16]
  • „Bedächtig wie ein großer Mühlstein kommt der Film in Fahrt. […] Doch dann lässt er plötzlich eine Macht walten, die größer, schöner, besser ist als jeder Hass: die Vernunft. Damit weist Nichols’ Antwort weit über das Hinterland von Arkansas hinaus – tief hinein in alle Kriegs- und Krisenregionen dieser Welt.“, Julian Hanich, Der Tagesspiegel[3]

Mit den Stimmen von 1063 Zuschauern steht Shotgun Stories am 11. Februar 2009 in der IMDb bei 7,1 von 10 Punkten und bei hohen 92 Prozent bei 37 ausgewerteten Kritiken bei Rotten Tomatoes (86 Prozent von 7 Topkritikern), bei Metacritic wird der Film mit 76 Prozent bei 15 Kritiken geführt.

Auszeichnungen und Nominierungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viennale 2007

Independent Spirit Awards 2008

  • Nominierung John Cassavetes Award für Jeff Nichols, David Gordon Green und Lisa Muskat

Austin Film Festival 2007

  • Feature Film Award in der Kategorie Narrative Competition für Jeff Nichols

Newport International Film Festival 2007

  • Student Jury Award für Jeff Nichols

Seattle International Film Festival 2007

  • New American Cinema Award für Jeff Nichols

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vgl. Jeff Nichols: Prägende Landschaft – Der Regisseur über den Film. In: www.berlinale.de. Berlinale, abgerufen am 16. September 2008 (PDF; 318 kB).
  2. a b c vgl. Nick Dawson: Jeff Nichols, Shotgun Stories. In: Filmmaker Magazine. 26. März 2008, abgerufen am 16. September 2008 (englisch): „Filmmaker: You call it a post-9/11 revenge story, but there's also strong echoes of classical tragedy here. – Nichols: It's a pretty universal theme“
  3. a b vgl. Julian Hanich: Aischylos in Arkansas. In: Der Tagesspiegel. 15. Februar 2007, abgerufen am 26.November 2014.
  4. a b Eddie Cockrell: Shotgun Stories. In: Variety. 11. Februar 2007, abgerufen am 16. September 2008 (englisch): „A point-blank buckshot blast of inarticulate American rage, played with the disarmingly placid inevitability of Greek tragedy“
  5. Kenigsberg: „Die Gemeinde in Arkansas, wo jeder jeden kennt, jeder Nachmittag durchhängt, und die Klischees reif sind.“ Ben Kenigsberg: Shotgun Stories (2007). In: Time Out Chicago. 5. Juni 2008, abgerufen am 16. September 2008 (englisch): „This is the Arkansas town where everyone knows everyone, where all the afternoons are lazy, where all the clichés are ripe“
  6. a b c Thomas Binotto: Wo das Träumen stillsteht. In: Neue Zürcher Zeitung. 7. August 2008, abgerufen am 16. September 2008.
  7. Jeff Nichols: Shotgun Stories and Regional Storytelling. In: Moving Pictures Magazine. www.shotgunstories.com, abgerufen am 24. Oktober 2008 (englisch): „In my opinion, stories should come from a specific place. […] in the small town of England, Arkansas, the people there, although immensely supportive, really didn't waste much energy on us. […] Southeast Arkansas is a slow burn kind of place. The people move at a steady pace against a backdrop of vast farmland. For me, this meant a 2:35 aspect ratio.“
  8. a b Roger Ebert: Shotgun Stories. In: Ebertfest 2008. Roger Ebert's Film Festival, 2007, abgerufen am 16. September 2008 (englisch): „the characters are not vicious or psychotic, are actually fairly nice left to themselves, but powerless in the face of childhood wounds“
  9. Jeremiah Kipp: Shotgun Stories. In: Slant. 20. März 2008, abgerufen am 16. September 2008 (englisch): „beautifully acted in quietly intense performances by Michael Shannon, Douglas Ligon, and Barlow Jacobs […] The theme that revenge only leads to misery feels like familiar territory“
  10. Matt Zoller Seitz: Half-Brothers Mired in Full-Blown Hate. In: The New York Times. 26. März 2008, abgerufen am 19. September 2008 (englisch): „The cast’s detailed but subtle performances deepen Mr. Nichols’s characters in ways that become clear only upon second viewing“
  11. Walter Addiego: Also Opening Today. In: San Francisco Chronicle. 4. April 2008, abgerufen am 19. September 2008 (englisch): „Shannon […] is a revelation here“
  12. Frank Scheck: Shotgun Stories. In: www.hollywoodreporter.com. 28. März 2008, abgerufen am 16. September 2008 (englisch): „elegiac pacing and lyrical shots of depressed landscapes […] Although it boasts excellent, fully lived-in performances and a genuine sense of atmosphere thanks in large part to Adam Stone's poetic cinematography and the haunting musical score […] ‚Shotgun Stories‘ never manages to be fully convincing“
  13. Cynthia Fuchs: Shotgun Stories. In: Popmatters. 31. März 2008, abgerufen am 19. September 2008 (englisch): „The problem for Son […] is that he hasn’t had much of role model […] the film doesn’t linger on the actual violence. […] The point is not any single brutal act, but the consequences […] at once acutely regional and expansive, contemplative and roiling […] Son laments, “This is one empty ass town.”“
  14. Bill White: Limited Movie Runs. In: Seattle Post-Intelligencer. 8. Mai 2008, abgerufen am 19. September 2008 (englisch): „An allegory of our times, "Shotgun Stories" is a tragedy of biblical scale and an intimate family drama.“
  15. Brian Gibson: Shotgun Stories. In: Vue Weekly. 10. Juli 2008, abgerufen am 19. September 2008 (englisch): „Jeff Nichols’ impressive debut […] manages to pull away from a hair-trigger resolution with the same inherent, natural right-ness that loaded the story with such tragic force“
  16. 2007. In: Fipresci. Fipresci, abgerufen am 24. Oktober 2008 (englisch).
  17. The FIPRESCI Prize. www.viennale.at, abgerufen am 24. Oktober 2008 (englisch).