Siegwart-Horst Günther

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Siegwart-Horst Günther (* 24. Februar 1925 in Halle a.d. Saale; † 16. Januar 2015[1] in Husum) war ein deutscher Tropenmediziner und Forscher zum Krankheitsbild durch Uranmunition. Er lebte in Husum.

Leben[Bearbeiten]

Siegwart-Horst Günther war in der NS-Zeit Mitglied in der Widerstandsgruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Häftling im KZ Buchenwald.

Von Interesse sind die Umstände, unter denen er als Soldat an der Ostfront endgültig mit dem nationalsozialistischen Terrorregime brach. Massaker waren ihm aus Berichten anderer Wehrmachtsangehöriger und in einem Fall auch aus eigenem Erleben bekannt. Der immer wieder gehörte Tadel „Günther, Du schießt ja immer vorbei!“ hatte sich in sein Gedächtnis eingeprägt. Es war nicht zuletzt dieser bis zu seinem Tode währende Alptraum, der ihn zur Widerstandsgruppe führte. Siegwart-Horst Günther war der wichtigste Verbindungsmann zwischen der Stauffenberg-Gruppe und der Widerstandsgruppe um General von Choltitz in Paris. Am Abend des 20. Juli 1944 befand er sich, nachdem er die Umstände des Attentats bis zum Vormittag an seine Vertrauten in Paris übermittelt hatte (den tatsächlichen Ausgang kannte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht), im Raum Paris - Dormans, auf der Rückfahrt nach Berlin. Die Autofahrt führte über Nordfrankreich und Belgien. Während der Fahrt geriet er in zahlreiche Kontrollen durch SS-Verbände, die ihn aber passieren ließen. In Deutschland angekommen, wurde er verhaftet.

Er studierte von 1945 bis 1950 Humanmedizin in Jena, außerdem Philosophie und Ägyptologie. Es folgte eine tropenmedizinische Ausbildung in London und Liverpool. Von 1963 bis 1965 arbeitete er in Lambaréné (Gabun) bei Albert Schweitzer, seinem Vorbild. Es folgten Tätigkeiten als Arzt in Ägypten, Syrien, Israel und Irak. Von 1990 bis 1995 lehrte und arbeitete er an der Universitätsklinik Bagdad im Irak, wo er habilitierte und Professor wurde.[2]

Nach dem ersten Golfkrieg hatte Günther als Arzt im Irak Krankheitsbilder festgestellt, die er dort zuvor noch nie beobachtet hatte; unter anderem fielen ihm eine Häufung von Leukämie sowie Missbildungen bei Neugeborenen auf. Als er außerhalb von Basra Kinder mit Geschossen spielen sah, die als Puppen angemalt waren, und eines dieser Kinder wenig später an Leukämie erkrankte und starb, wurde er misstrauisch. Er begann, die Kinder zu befragen, und fand heraus, dass die an Leukämie erkrankten Kinder mit Munition oder in Panzerwracks gespielt hatten und außerdem fast alle Väter von Kindern mit Missbildungen, die jenen nach der Tschernobyl-Katastrophe glichen, als Soldaten an den Panzerschlachten südlich von Basra teilgenommen hatten. Ende 1991 begann Günther, erste Artikel über seine Untersuchungen zu schreiben, in denen er vermutete, die Geschosse seien radioaktiv.[3]

1995 sammelte er einige Stücke der von den USA im Irak verschossenen Uranmunition und ließ sie in einem Diplomatenkoffer nach Berlin bringen. Um einen Nachweis zu erbringen, dass es sich bei den Geschossen um DU-Munition handelt, ließ er es in drei anerkannten Laboren in Berlin (Luise Meitner-Institut, FU-Klinikum Berlin-Charlottenburg, Berliner Humboldtuniversität[4]) untersuchen. Diese drei voneinander unabhängigen Labore bestätigten die radioaktive Gefährlichkeit dieser Geschosse. Als dies den Behörden bekannt wurde, wurde er verhaftet. Als Grund wurde ihm „unerlaubter Waffenbesitz(es) und Verbreitung von radioaktivem Material“ genannt. Die Haftstrafe wurde später zu einer Geldstrafe von 3000 DM umgewandelt, deren Zahlung er verweigerte. Er musste daraufhin wieder ins Gefängnis und wurde nach einem Hungerstreik und der Stellung einer Kaution fünf Wochen später wieder aus der Haft entlassen.[5]

Günther erkrankte an Krebs und führt dies auf seinen beruflichen Kontakt mit Uran zurück. Er war Präsident des Gelben Kreuzes International und Vizepräsident der Albert Schweitzer World Academy of Medicine.[6].

Golfkriegssyndrom[Bearbeiten]

Er gilt als der Entdecker und Erstbeschreiber von Erkrankungen, die der Anwendung von abgereichertem Uran in DU-Munition zugerechnet werden (manchmal fälschlich als Morbus Günther bezeichnet). Diese Erkrankungen traten ab Anfang der 1990er Jahre auf.

Günther untersuchte in Ausübung seiner Tätigkeit für eine Hilfsorganisation nach dem Zweiten Golfkrieg von 1991 bis 1995 Kinder im Irak, welche an einer bis dahin unbekannten Krankheit litten. Günther ging davon aus, dass es sich dabei um die Folgen des Kontaktes mit abgereichertem Uran handelte. Er war ferner der Meinung, dass auch das sogenannte Golfkriegssyndrom auf einer solchen Vergiftung beruhe.

Im Golfkrieg 1991 wurden nach Angaben der Universität Oldenburg 330 Tonnen Uranmunition verschossen.[7]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Uran-Geschosse: Schwergeschädigte Soldaten, mißgebildete Neugeborene, sterbende Kinder, Ahriman Freiburg (Breisgau) 2000, 2. erweiterte Auflage, ISBN 3-89484-805-7. (auch als Download-Version verfügbar)
  • mit Gerald Götting: Was heisst Ehrfurcht vor dem Leben? Begegnung mit Albert Schweitzer, Verlag Neues Leben August 2005, ISBN 3-355-01709-4.
  • mit Burchard Brentjes und Rainer Rupp: Vor dem dritten Golfkrieg. Geschichte der Region und ihrer Konflikte. Ursachen und Folgen der Auseinandersetzungen am Golf. Edition Ost Berlin 2002, ISBN 3-932180-34-8.
  • mit Burchard Brentjes: Die Kurden. Ein Abriss zur Geschichte und Erfahrungsberichte zur aktuellen humanitären Situation, Braumüller Wien 2001, ISBN 3-7003-1351-9.

Literatur[Bearbeiten]

  • Antje Bultmann: „Das glaubt sowieso niemand.“ Das ruhelose Leben des Siegwart-Horst Günther. In: Günter Grass et al. (Hrsg.): In einem reichen Land. Zeugnisse alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. 3. Auflage. Steidl Verlag, Göttingen 2003, ISBN 3-88243-841-X, S. 252–262.

Filme[Bearbeiten]

  • Frieder Wagner: Der Arzt und die verstrahlten Kinder in Basra, Deadly Dust, Filme über Günther und DU
  • Haus Usedom: Hossam Wahbeh, Deutschland 2005, Bericht einer Reise zu Dr. Siegwart-Horst Günther

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Neues Deutschland vom 22. Januar 2015: Friedensaktivist Siegwart Günther verstorben
  2. Antje Bultmann: „Das glaubt sowieso niemand.“ Das ruhelose Leben des Siegwart-Horst Günther. In: Günter Grass et al. (Hrsg.): In einem reichen Land. Zeugnisse alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Steidl Verlag, Göttingen 2003
  3. Matthias Rude: Schleichende Massenmorde. Uranwaffeneinsatz im Namen der "Demokratie", UZ, 3. Juni 2011.
  4. Als Entdecker des Golfkriegssyndroms verfolgt
  5. Onlineauftritt Gegeninformationsbüro Brief von Günther aus der Haftanstalt Kiel 1995
  6. Onlineauftritt Stichting Sociale Databank Nederland Biographie zu Siegwart Horst Günther
  7. Onlineauftritt Deutsche Friedensgesellschaft (DFG-VK) Münster Plutonium als Bestandteil in Uranmunition
  8. Onlineauftritt thurnfilm Dokumentarfilm: Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra - Uranmunition und die Folgen
  9. Whistleblower-Netzwerk: “Zivilcourage in der Risikogesellschaft”